Zur Ausgabe
Artikel 57 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Die frommen Extremisten wollen die Macht«

SPIEGEL-Interview mit dem ägyptischen Autor Farag Ali Foda über den Vormarsch der religiösen Extremisten Der Einfluß radikaler Moslems nimmt auch in Ägypten zu - vor gut einer Woche sollen sie einen Anschlag auf Staatspräsident Mubarak verübt haben. Den Extremisten und ihrem Führer Scheich Hafis Salama stellt sich Farag Ali Foda entgegen, ein Lehrbeauftragter an der Universität Kairo. Er will die laizistischen Kräfte des Landes in einer Partei sammeln, die für eine Trennung von Staat und Religion eintritt. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

SPIEGEL: Herr Foda, die Regierung hat 48 fanatische Moslemscheichs verhaftet und sämtliche Moscheen des Landes unter staatliche Kontrolle gestellt. Ist der Marsch der religiösen Ultras in Ägypten damit gestoppt?

FODA: Nein, aber die Regierung hat zum erstenmal einen Schritt in die richtige Richtung getan und die politische Konfrontation gewagt.

SPIEGEL: Warum nicht die religiöse?

FODA: Weil die frommen Extremisten ein politisches Ziel verfolgen, nämlich die Machtübernahme. Die Religion ist nur ihr Deckmäntelchen.

SPIEGEL: Nicht nur der Staat, auch die Intellektuellen hatten bisher nicht den Mut, sich mit den religiösen Eiferern anzulegen. Sind diese denn schon so gefährlich?

FODA: Wir müssen zwischen drei Sorten von Intellektuellen unterscheiden: erstens solchen, die Angst haben; zweitens jenen, die davon überzeugt sind, daß die Religiösen ohnehin bald an den Schalthebeln sitzen werden, und sich daher mit ihnen rechtzeitig gutstellen; drittens solchen, die sich finanziell korrumpieren lassen.

SPIEGEL: Wie gefährlich sind Ägyptens Moslemfanatiker wirklich?

FODA: Die Ermordung von Präsident Anwar el-Sadat und die Gemetzel im zentralägyptischen Asjut haben gezeigt, wozu sie fähig sind.

SPIEGEL: Das war vor vier Jahren. Die Regierung ging seither einer Konfrontation aus dem Wege.

FODA: Ja, aber entgegen ihrer wirklichen Absicht erklärte sie dann fortwährend, sie sei gewillt, das religiöse Recht, die Scharia, einzuführen - nur um die Extremisten zu beschwichtigen.

SPIEGEL: Präsident Mubarak ist ein ausgesprochener Gegner der Idee, aus Ägypten eine islamische Republik zu machen.

FODA: Gewiß. Ich glaube aber, daß eine fromme Fünfte Kolonne im staatlichen Informationswesen tätig ist und vom Ausland finanziert wird. Diese Leute schreiben in Publikationen, die von Saudi-Arabien und Libyen finanziert werden und zum Teil in London, Paris und Zypern erscheinen.

SPIEGEL: Geld spielt auch bei religiösen Extremisten eine Rolle?

FODA: Sie würden sich wundern, was für Honorare einige religiöse Würdenträger für Beraterverträge in islamischen Banken und Instituten erhalten.

SPIEGEL: Wer will denn, daß die Scharia auch in Ägypten gilt?

FODA: Die zweite Funktionärsgarnitur der Regierungspartei NPD und der Staatsbeamten befolgte bereits eine Politik der stufenweisen Einführung. Innerhalb des kommenden Jahrzehnts sollten zunächst nur relativ unwichtige Gesetze in Kraft treten. So wollte man die islamischen Heißsporne besänftigen, ohne den Staat zu zwingen, einen grundlegenden Wandel zuzulassen.

SPIEGEL: Geben sich die Verfechter des religiösen Integrismus denn mit solchen Maßnahmen zufrieden?

FODA: Wenn das Rad sich zu drehen beginnt, zermalmt es alle - die Beschwichtiger zuallererst. Auch Anwar el-Sadat hatte geglaubt, die islamischen Extremisten unter Kontrolle zu haben, nachdem er sie benutzt hatte in dem Glauben, mit ihrer Hilfe die Marxisten und die Nasseristen bekämpfen zu können.

SPIEGEL: Sadat beging aber einen großen Fehler ...

FODA: ... er beging den geschichtlichen Fehler, die Verfassung zu ändern und die islamische Rechtsprechung zur wichtigsten Komponente der ägyptischen Gesetzgebung zu erklären. Keiner, der sich vor der Konfrontation mit dem religiösen Extremismus drückt, ist bisher im Bett gestorben.

SPIEGEL: Nun haben Präsident Mubarak und die ägyptische Regierung aber die Herausforderung angenommen.

FODA: Der Marsch auf das Präsidentenpalais, den die Integristen planten, bedrohte ja sogar die Präsidentschaft. Schließlich ermutigte der Attentatsversuch auf den Emir von Kuweit die Verantwortlichen bei uns, der Gefahr ins Auge zu schauen. Die Tatsache, daß ich noch lebe, hat die Regierung wohl zusätzlich bestärkt, den Extremisten nicht mehr auszuweichen.

SPIEGEL: Ihr Buch, in dem Sie den Fanatikern das Recht absprechen, sich in die Politik einzumischen oder gar die Macht im Staate anzustreben, muß Sie zum Todeskandidaten für moslemische Extremisten gemacht haben.

FODA: Todesdrohungen habe ich in der Tat reichlich erhalten. Doch da der Mensch ohnehin sterben muß, sterbe ich lieber für eine Sache, die zu verteidigen sich lohnt - Ägypten sowie die Freiheit und Würde des Menschen.

SPIEGEL: Ihr Buch hat sich glänzend verkauft. Die Zeitungen fühlten sich durch Sie ermutigt, nach längerer Zeit wieder Autoren zu Wort kommen zu lassen, die den Marsch der religiösen Fanatiker durch die Institutionen zu bremsen suchen.

FODA: Ich vertraue auf die Intellektuellen Ägyptens. Ich zweifle aber, ob die derzeitige Regierung fähig ist, in der Konfrontation mit den islamischen Ultras zu bestehen.

SPIEGEL: Was muß geschehen, um die religiösen Fanatiker zu stoppen?

FODA: Die Verwirklichung voller demokratischer Freiheiten. Die halbe Demokratie, die wir jetzt haben, ist gefährlicher als das Nichtvorhandensein von Demokratie. Wir brauchen völlige Freiheit für die Bildung von Parteien und die Herausgabe von Zeitungen. Dann werden wir islamische Parteien haben, die sich womöglich gegenseitig den Rang ablaufen. Vor allem werden sie dann gezwungen sein, sich einer politischen Diskussion zu stellen, und da werden sie versagen. Wenn es einmal soweit ist, wird kein Scheich mehr wagen, auf der Kanzel einer Moschee politische Ziele zu verteidigen, die mit der Religion nichts zu tun haben.

SPIEGEL: Schließen Sie aus, daß die religiösen Parteien in Ägypten die Stimmenmehrheit erreichen würden?

FODA: Das schließe ich aus. Einmal auf ihr normales Maß zurückgestutzt, wird sich schnell herausstellen, daß sie auf der politischen Ebene versagen. Als die Moslembruderschaft 1951, auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung, Kandidaten für die allgemeinen Wahlen aufstellte, errang kein einziger einen Parlamentssitz.

SPIEGEL: Die Zulassung religiöser Parteien kann aber auch eine Gefahr in sich bergen: Dann könnte auch eine Partei der christlichen Kopten entstehen, und schon hätten wir einen religiösen Konflikt.

FODA: Die Gefahr der religiösen Konfrontation liegt in der Einführung eines islamischen Staates in Ägypten, den alle Kopten ablehnen, weil sie dann automatisch zu Staatsbürgern zweiter Klasse würden. Die Einführung der Scharia würde aus Ägypten einen zweiten Libanon machen.

SPIEGEL: Ist diese Gefahr jetzt ausgeräumt?

FODA: Die Gefahr besteht noch. Wir kommen aber nicht umhin, in naher Zukunft die gedankliche Auseinandersetzung zu wagen. Wir müssen die Schlacht gewinnen, andernfalls wird Ägypten mehr als tausend Jahre zurückgeworfen, brechen der ganze Nahe Osten und die islamische Welt zusammen.

SPIEGEL: Kann der Westen etwas dazu tun, damit Ägypten seinen Kampf gegen den religiösen Wahn gewinnt?

FODA: Ja. Die Demokratien der Welt müssen die säkularen Tendenzen in diesem Teil der Welt unterstützen und sollten nicht auf den islamischen Extremismus wie auf ein gewinnbringendes Rennpferd setzen, weil sie glauben, auf diese Weise den Kommunismus einzudämmen, wie es die Vereinigten Staaten taten und tun. _(Beim Gebet in der Kairoer ) _(Al-Azhar-Moschee. )

Beim Gebet in der Kairoer Al-Azhar-Moschee.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.