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SPORTRECHTE Die Fußball-Revolte

Leo Kirch hat sich womöglich verspekuliert: Viele Fans informieren sich über die Bundesliga nur zögerlich in seinen TV-Programmen. Sicher ist dem Münchner Kaufmann derzeit nur der Ruf als Buhmann der Branche, ungeliebt von allen - auch vom Deutschen Fußball-Bund.
Von Hans-Jürgen Jakobs, Marcel Rosenbach und Alfred Weinzierl
aus DER SPIEGEL 32/2001

Gerd Dembowski, 28, war ein Fußballfan wie viele andere. Am Wochenende zog es ihn regelmäßig ans Hamburger Millerntor in die »Singin' Area«, wo die lautesten Fans des FC St. Pauli stehen, gern ging er auch zu Spielen des MSV Duisburg, seines alten Vereins.

Seit vergangenem Dienstag ist Dembowski ein bundesweit bekannter Mann. Stundenlang gab er in der letzten Woche Interviews, vom »Westfalenblatt« bis zum »Kölner Stadtanzeiger«, mit mindestens zehn verschiedenen Hörfunksendern hat er auch schon gesprochen. Und am Freitag war der bekennende Freund der Kicker dann im Fernsehen bei der ARD, zuerst im Frühstücks-TV, dann im »Mittagsmagazin«.

Die plötzliche Medienprominenz hat er der Daueraktivität als Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußball-Fans (Baff) zu verdanken, das unentwegt gegen Geschäftemacherei rund um Deutschlands beliebteste Ballsportart wettert: Gegen den »Ausverkauf des Fußballs« an den Medienunternehmer Leo Kirch und seine vielen Ableger, gegen das Bezahlfernsehen Premiere World, gegen die familienfeindliche Verlegung der Sat.1-Show »ran« von 18.30 Uhr ins Abendprogramm: »Geht ins Stadion, hört Radio, schnorrt Kirch-TV in Kneipen und Gaststätten«, fordert die Initiative.

Höhepunkt der Totalverweigerung war vergangene Woche eine Performance in Berlin: Gefilmt von Kamerateams der ARD, zerstörte Fanführer Dembowski zusammen mit Freunden symbolisch einen Premiere-Decoder, den man für den Empfang des Kirchschen Pay-TV braucht.

Wo ein Mann wie Dembowski das Wort führt, können auch die Politiker nicht schweigen. Genervt vom wochenlangen Hickhack um Fußballbilder in der ARD-»Tagesschau«, meldete sich sogar der Kanzler aus seinem Italien-Urlaub zu Wort: Er erwarte eine »vernünftige Einigung« im Sinne der Fans und Familien, ließ Gerhard Schröder verlauten. Sein Nachfolger als Ministerpräsident von Niedersachsen, Sigmar Gabriel, drohte zum Schutze des Volkssports schon mal vorsorglich mit neuen Mediengesetzen. Und auch FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt ermunterte zum TV-Boykott: »Wenn die Fußballfans sich jetzt stark zeigen, können sie gewinnen.«

Das umworbene Volk freilich hatte schon vorher verstanden. Die Fans zeigten, wie man Fußball - auch ohne Extrazahlungen an Kirch - genießen kann:

* Rund 240 000 jubelten bei schönstem Sommerwetter in den Stadien, viele Arenen waren bis auf den letzten Platz ausverkauft. Und auch an den nächsten Spieltagen können die Vereine mit vollen Rängen rechnen: 330 000 Dauerkarten haben die 18 Erstligisten vor Saisonstart verkauft, so viel wie noch nie.

* Etwa zehn Millionen Menschen verfolgten die ersten Tore der 39. Bundesliga-Saison live am Radio und lauschten der legendären Konferenzschaltung.

* Zehntausende versammelten sich in insgesamt 4000 Kneipen, die bundesweit samstags die Bundesliga live zeigen. Kirch erlöst mit den Kneipenabos monatlich 349 Mark, ein Bruchteil dessen, was ihm die Kneipenbesucher mit Einzelabos einbringen würden.

* 2,15 Millionen schalteten um 17.30 Uhr zur ARD-»Sportschau« ein, auch wenn sie nicht mehr zu bieten hat als Kommentatoren, die mit ein paar Standbildern das Spielgeschehen nacherzählen.

* Rund 1,8 Millionen geduldeten sich bis zum spätabendlichen »Sportstudio« im ZDF, das immerhin Bewegtbilder und den Dortmunder Ersatzmann Fredi Bobic als Stargast aufbot.

Fußball ist also wieder »in« - nur eben nicht für Zahlmeister Kirch, den der Traum von einer Pay-TV-Revolution ein Milliardenvermögen kostet. Für ihn geriet der Saisonauftakt zum Debakel.

Die Traditionssendung »ran« auf Sat.1 hätte treffender »raus« heißen müssen: Moderator Jörg Wontorra schaffte zum Debüt auf dem neuen Sendeplatz um 20.15 Uhr im Kirch-Sender Sat.1 gerade mal 2,2 Millionen Zuschauer - mindestens 3 Millionen waren eingeplant.

Der Marktanteil von einst 35 Prozent sank bei Saisonauftakt auf 11,8 Prozent. »Oha, das ist enttäuschend«, kommentierte ein geschockter Wontorra. Auch mit hastig nachgeschobenen Argumenten ("Traumwetter«, »Grillsaison") befreite er sich nicht aus der Abseitsfalle.

Denn immerhin hatten Kulturschaffende wie die Kastelruther Spatzen bei der ZDF-Folklore-Hitparade »Wenn die Musi spielt« rund 4,1 Millionen Zuschauer, und auch die achte Wiederholung eines Bond-Films in der ARD (3,1 Millionen) oder die Disney-Komödie »Mr. President junior« auf RTL (2,3 Millionen) deklassierten die TV-Kicker. Angesichts des Tabellenstands wagte selbst die so Kirch-treue »Bild«-Zeitung leisen Spott: »Wonti wurde weggejodelt«.

Im Internet lief es nicht besser. Auf der Homepage der Sportsendung konnte der Konzern zum Saisonstart nicht mehr als einen peinlichen Hinweis präsentieren: »Wir bauen um!«

Vor allem aber wurde Kirchs erstes Ziel verfehlt - nämlich die Fußballfreunde durch die »ran«-Verschiebung in sein chronisch formschwaches Bezahlfernsehen Premiere World zu locken. Gerade mal 155 000 Saisontickets zu je 299 Mark, mit denen alle Ligaspiele live zu sehen sind, konnte sein Konzern für die anlaufende Runde losschlagen, nur 30 000 Stück mehr als im Jahr zuvor. Diese Zusatzeinnahmen reichen nur, um die Verlustlöcher zu stopfen, die Premiere in zwei Tagen reißt.

Noch immer stagniert die Abonnentenzahl - trotz Fußballfiebers in der Republik - bei rund 2,3 Millionen, dabei sind fürs Jahresende knapp 3 Millionen vorgesehen. In den vergangenen zwölf Monaten machte Premiere World ausweislich der Bilanz des börsennotierten Mitgesellschafters BSkyB rund 1,7 Milliarden Mark minus.

Insgesamt hat Kirch bei Premiere rund sieben Milliarden Mark investiert. Wie viel davon wieder eingespielt werden kann, ist unklar. Als die Liga jetzt loslegte, zählte das Forschungsinstitut GfK lediglich 740 000 Kirch-Decoder, die aktiviert waren - nur 410 000 mehr als zur fußballfreien Zeit in der Vorwoche.

»Man kann die Leute eben nicht nach Belieben von einem Sender zum anderen und von einem Sendetermin zum nächsten transportieren«, sagt Hans Mahr, Informationsdirektor beim TV-Sender RTL.

Leo Kirch, der öffentlichkeitsscheue Kaufmann aus München, der im Oktober seinen 75. Geburtstag feiert, ist jedenfalls mal wieder Buhmann der Nation. Er sei ein »Medien-Hooligan«, schimpfte Aktivist Dembowski, als »Spielverderber« führte ihn die Illustrierte »Stern« vor.

Für weiteren Zoff ist gesorgt. So streitet die ARD vor Gericht um das Recht auf eine Art Fußballgrundversorgung in der »Tagesschau«. Im Kern geht es derzeit um die Frage, ob die ARD schon montags ihre Wunschspiele angeben muss, wie es Kirch verlangt, oder erst nach Spielschluss am Samstagabend, wie die Manager der Öffentlich-Rechtlichen wollen.

Vor dem Landgericht München lief die ARD erst mal auf, vergebens hatte sie für ihre eigenen Nachrichtensendungen ein Recht auf Kurzberichterstattung eingefordert - es stellte sich heraus, dass die ARD-Manager just auf dieses Recht in den Verträgen mit Kirch verzichtet hatten.

Nun will der Senderverbund, kommt es bei einem Schlichtungstermin Ende der Woche zu keiner Einigung, eventuell den Kirch-Vertrag kündigen und vor dem Bundesverfassungsgericht das Recht auf eigene Kameras im Stadion durchfechten.

Unmut regt sich neuerdings auch bei den Vereinen. Die geringe »ran«-Quote habe ihn »betroffen gemacht, sie ist alarmierend«, gesteht Achim Stocker, Präsident beim SC Freiburg, der dank der TV-Gelder ein Jugend-Leistungszentrum hochgezogen hat. Offenbar seien die Leute zum Sendetermin schon über die Fußballresultate informiert, die Spannung sei weg. Der schwache Start, so Stocker weiter, stärke den Geschäftspartner Kirch nicht gerade - »aber solange das Pay-TV nur schleppend anläuft, müssen die eben alles probieren«.

Ein ranghoher Clubfunktionär erklärt, er sehe die Abhängigkeit von Kirch »in einem kritischen Licht, das kann in einer Katastrophe enden«. Langfristig würden schlechte Quoten zum Problem, weil die Vereine dank der erwarteten TV-Einnahmen teure Spieler gekauft hätten, sagt VfL-Wolfsburg-Geschäftsführer Klaus Fuchs: »Auf diesen Arbeitsverträgen sitzen wir die nächsten Jahre.«

Die Vertrauenskrise hat das Haus Kirch längst erreicht. Sat.1-Manager würden die »ran«-Sendung am liebsten auf 19.30 Uhr oder gar 19 Uhr vorverlegen - wenn sich die miesen Quoten nicht bald gravierend verbessern. Allein: Sie können nicht. Der Vertrag mit Kirch erlaubt nur eine Free-TV-Nutzung ab 20.15 Uhr.

Die Aktionäre drängen schon jetzt auf Kurskorrektur. Denn Sat.1 ist wichtiger Teil der börsennotierten ProSiebenSat.1 Media AG: Die muss für alle Aktionäre einen maximalen Gewinn erzielen - und darf nicht zu Gunsten von Großteilhaber Kirch zurückstehen. Es könne sich um »Untreue zu Lasten der Gesellschaft handeln, wenn der Vorstand auf Einnahmen verzichtet«, sagt Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre. Die Verlegung von »ran« zu Gunsten des Pay-TV sei eine auffällige Sache: »Wenn das Management wirklich einen Einzelaktionär bevorzugt«, so Schneider, »hat es ein ernstes Problem.« Die Aktionärsschützer behalten sich eine Anzeige gegen den Vorstand vor, falls durch die Rochade Verluste entstehen.

»Alles Quatsch«, sagt ein ProSieben-Sprecher, »nach unserer Investitionsrechnung ist die 'ran'-Verlegung ökonomisch sinnvoll. Das Format braucht Zeit, sich durchzusetzen.«

Unter dem öffentlichen Gezerre leiden erkennbar auch der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga GmbH, die für den Profifußball zuständig ist. Insgeheim arbeitet ein Team bereits an einer eigenen TV-Plattform - gegen geringere Abo-Gebühren könnten Liga-Spiele dann ab 2004 Kabelkunden angeboten werden. So will der Verband rechtzeitig Alternativen zu Kirch schaffen.

Die Pläne will Mediendirektor Michael Pfad, der einst Sportchef von Premiere war, nicht kommentieren. Nur so viel sagt er: »Die aktuelle Diskussion schadet dem Produkt Fußball - das kann der Liga nicht gefallen.« Und auch das Risiko der aktuellen Debatte ist dem Fachmann bewusst: »Der Fußball als Volkssport hat auch eine Volksverpflichtung.« HANS-JÜRGEN JAKOBS,

MARCEL ROSENBACH, ALFRED WEINZIERL

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