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VERLAGE Die ganze Welt

Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld wirbt für eine »Europäische Bibliothek«, deren Titel monatlich in neun Sprachen erscheinen sollen. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Das Pilzrisotto war unübertroffen, der Champagner gut gekühlt, eine riesige Glyzinie schirmte die Sonnenhitze ab. Und die Bilanzen sind auch wieder einigermaßen im Lot. Es konnte also, im Innenhof des Mailänder Patrizierhauses der Familie Feltrinelli, ein unbeschwertes Fest werden. Rund zwei Dutzend der wichtigsten Verleger Westeuropas waren am vorletzten Wochenende zusammengekommen, um das 30. Jubiläum des Feltrinelli-Verlags zu feiern.

Nur einer, der doppelten Grund zum Feiern hatte - es war sein 61. Geburtstag -, wurde nicht recht froh: Siegfried Unseld, der Chef des Hauses Suhrkamp. Er nutzte das Mailänder Forum, um eine Idee bekanntzumachen, für die er schon seit einem halben Jahr Mitstreiter sucht. Unseld plant, wohl als letzte verlegerische Großtat und Vermächtnis, eine »Europäische Bibliothek«. Nach dem nationalen Bücherdenkmal der »Bibliothek deutscher Klassiker«, das Suhrkamps Ruhm bis ins nächste Jahrtausend strahlen lassen soll, nun also auch noch ein internationales.

Mehr als hundert verschiedene Ausgaben soll die Edition jährlich umfassen: Jeden Monat, so Unselds monumentaler Plan, erscheint ein Werk der europäischen Nachkriegsliteratur - und zwar gleichzeitig in neun Sprachen und in möglichst allen Ländern des Kontinents.

Das ganze Europa soll es sein, West und Ost. »Für Ideen gibt es keine Grenzen«,

sagt Unseld und plaudert aus dem »Korb 3« der Konferenz von Helsinki. Daß solche Euro-Bücher genauso »langweilig« sein werden wie KSZE-Reden, befürchtet denn auch nicht nur Inge Feltrinelli. Kaum einer ihrer Verleger-Gäste konnte sich für Unselds Vorschlag erwärmen.

Der Holländer Rob van Gennep hält ihn schlicht für »eine Scheiße«, während sein Londoner Kollege Peter Mayer (Penguin Books) die Idee zwar »ganz faszinierend« findet - aber undurchführbar. In der Tat braucht es eine »gehörige Portion Naivität« (Unseld), zu hoffen, ein Solschenizyn, der auf Unselds Wunschliste steht, könne in absehbarer Zeit in einem osteuropäischen Verlag erscheinen. Die neue Brecht-Gesamtausgabe, die Suhrkamp und der Ost-Berliner Aufbau-Verlag gemeinsam vorbereiteten, hat da Illusionen genährt.

Abgesehen von diesem sozialistischen Klassiker könnte der größte gemeinsame Nenner vielleicht Böll heißen. Oder bestenfalls Sarah Kirsch (die Heide-Lyrik der ehemaligen DDR-Dichterin soll demnächst auch wieder in einem volkseigenen Verlag erscheinen).

Bislang wollen nur zwei bundesdeutsche Kollegen an Unselds Monument mitbauen: Christoph Schlotterer vom Münchner Hanser-Verlag und der Stuttgarter Michael Klett (Klett-Cotta). Üppige Baukostenzuschüsse, davon sind die drei überzeugt, würde es schon geben - zum Beispiel vom Europäischen Parlament oder von Inter Nationes.

Auf der Frankfurter Buchmesse will das Euro-Trio in dieser Woche eine Art Vorbereitungsausschuß initiieren, der sich um die Details kümmern soll. Denn bisher steht nur der Starttermin fest: 1989, der zweihundertste Jahrestag der Französischen Revolution.

Unseld würde am liebsten mit zwei Titeln aus dem eigenen Stall anfangen: Mit einer Aufsatzsammlung »Die Folgen von 1789« und mit Hans Magnus Enzensbergers gesammelten Reiseberichten aus den »Europäischen Peripherien«. »Eurozentrismus«, sagt der Suhrkamp-Chef, dürfe nicht länger ein Schimpfwort sein, und wie der französische Kulturminister Jack Lang polemisiert er gegen die »Vorherrschaft der Vereinigten Staaten«, plädiert er für ein »Europa des Buches«.

»Ich möchte«, zitiert Unseld seinen Autor Wittgenstein, »nicht in Amerika sterben, ich bin ein Europäer.« Aber für dieses Europa, so beispielsweise die Antwort von Matthew Evans vom Londoner Traditionshaus Faber & Faber, leiste jeder Schlagerwettbewerb mehr als eine Buchreihe, die nur gesammelt, nicht gelesen werde.

Und Altverleger Ledig-Rowohlt wurde unter der Mailänder Glyzinie noch einmal richtig wütend: »Dear Siegfried«, rief der 77jährige in den Hof, »Europa reicht uns nicht, wir wollen die ganze Welt!«

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