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Auf der Suche nach einer besseren Welt Die ganze Welt im Visier

Aus einer Bürgerkriegstruppe unter dem Befehl ehemaliger Zaren-Offiziere entwickelte sich die Rote Armee zur zweitstärksten Wehrmacht der Welt. Wenn diese Entwicklung anhält, könnten die USA nach Meinung des Pulitzer-Preisträgers und Militärredakteurs der »New York Times«, Hanson W. Baldwin, 64, schon in wenigen Jahren ihre Überlegenheit einbüßen.
aus DER SPIEGEL 45/1967

Während der Rote Platz in Moskau von den Feierlichkeiten zum Geburtstag der kommunistischen Herrschaft widerhallt, sehen die USA ihre militärische Überlegenheit ernsthaft in Frage gestellt. Die russische Gefahr droht allen Bereichen militärischer Macht: der Industrie und Wirtschaft, den See-, Luft- und Landstreitmächten, allen Waffensystemen vom Karabiner bis zum Multimegatonnen-Sprengkopf.

Die 50jährige Militärgeschichte des kommunistischen Rußland könnte in drei Schlagzeilen ausgedrückt werden: Von bewaffneten Horden zur modernen Armee -- Von der Küstenverteidigung zur Tiefsee -- Vom Schwarzpulver zu den gewaltigsten Kernwaffen der Welt.

Eine Nation, die sich vor einem halben Jahrhundert in erster Linie mit der Verteidigung ihrer Grenzen befaßte, verfügt heute über ein weltumspannendes strategisches Konzept. Sachverständige sind sich einig, daß Rußland in der Rangliste der Militärmächte dieser Welt an zweiter Stelle steht -- in manchen Bereichen bereits ah erster -- und daß es entschlossen ist, auf allen Gebieten die Überlegenheit zu erringen.

Das veröffentlichte Militärbudget für das Kalenderjahr 1967 belief sich auf 14,5 Milliarden Rubel, was gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von 8,2 Prozent bedeutet. Experten des Geheimdienstes nehmen an, daß sich die offiziell bekanntgegebene Summe durch versteckte Etatposten um etliche Milliarden erhöht. Sie schätzen die tatsächliche Gesamtsumme auf rund 20 Milliarden Rubel -- das sind etwa 14 bis 17 Prozent des Bruttosozialprodukts der Sowjet-Union.

Nach dem offiziellen Wechselkurs entspricht diese Summe 22 Milliarden Dollar; auf die Kaufkraft des US-Dollars umgerechnet, wären es 50 bis 60 Milliarden Dollar. Ein beträchtlicher Teil davon wird für militärische Forschungs- und Entwicklungsaufgaben verwendet -- mehr, als die USA ausgeben.

Moskaus Militärmacht stützt sich darauf, daß die Sowjet-Union eine große, wachsende Bevölkerung hat und über das größte Landgebiet der Erde mit reichen Rohstoffvorkommen und einer expansiven Industrie verfügt. Die Wirtschaft der Sowjet-Union weist freilich beträchtliche Schwächen auf, nicht zuletzt in der Landwirtschaft.

In der Computertechnik, der Chemie, Elektronik, Automation, im Verkehrswesen und in der Technik der Massenproduktion -- all das ist von grundlegender militärischer Bedeutung -- scheint die sowjetrussische Industrie gegenüber der amerikanischen rückständig zu sein, doch in der Produktion von Waffensystemen ist die Sowjet-Union ungeheuer leistungsfähig.

Die Sowjet-Streitkräfte haben heute eine Stärke von insgesamt 3,1 bis 3,3 Millionen Mann. Es gibt fünf große Teilstreitkräfte: die Armee, die Luftwaffe, die Luftverteidigung, die Marine und die Raketentruppe.

Die Armee ist 1,6 bis 1,8 Millionen Mann stark, die Luftwaffe und die Marine einschließlich der Marine-Luftwaffe je 500 000, die Luftverteidigung 300 000 und die Raketentruppe 150 000 bis 225 000. Der Grenzschutz und die Staatssicherheits-Truppe zählen 250 000 Mann; außerdem arbeiten eine halbe bis eine Million Zivilangestellte für das Militär.

Das Politbüro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei kontrolliert den Verteidigungsminister und die Streitkräfte. Der Verteidigungsminister ist aktiver Offizier, ein Mann der Armee: Marschall Andrej A. Gretschko. Er gilt als Verbindungsglied zwischen den »alten Marschällen«. den Veteranen aus der Zeit der Landkriegführung in den weiten russischen Ebenen, und den jüngeren Offizieren wie Marschall Iwan I. Jakubowski, dem Oberbefehlshaber der Truppen des Warschauer Pakts. Die Gruppe der Jüngeren soll weniger politisch als fachlich orientiert, ihr Denken eher global als eng begrenzt sein.

Die sowjetrussische Streitmacht stützt sich auf die allgemeine Wehrpflicht; die Dienstzeit beträgt zur Zeit bei der Armee drei, bei der Marine vier Jahre*. Die Offiziere und Unteroffiziere sind Berufssoldaten, die an Militärschulen ausgebildet wurden. Der Sold der Unteroffiziere ist niedrig, ihre Befehlsgewalt gering.

Das Menschenreservoir der Streitkräfte ist gewaltig: Jährlich werden etwa zwei Millionen 18jähriger registriert, die Hälfte wird jeweils einberufen. Alle Männer zwischen 18 und 50, über 35 Millionen Menschen, sind als wehrdiensttauglich eingestuft.

Die Armee übt noch immer in der militärischen Hierarchie der Sowjet-Union starken Einfluß aus, doch ist ihre Vorherrschaft nicht unangefochten. Gleichwohl bleibt die Armee die Seele, wenn nicht das Herz der modernen Militärmacht Sowjetrußlands.

Die Armee unterhält im Frieden etwa 140 Divisionen, von denen mindestens hundert auf 65 Prozent der Sollstärke gehalten werden. Die 20 Divisionen in Ostdeutschland verfügen über volle Kriegsstärke, ebenso zwei Divisionen in Polen, vier in Ungarn, eine beträchtliche Anzahl in Westrußland, einige in Ostasien und eine kleine, aber wachsende Zahl in Mittelasien. Kriegsstärke heißt: Jede der sieben Luftlande-Divisionen unterhält etwa 7300 Mann, jede der 40 bis 50 Panzerdivisionen 8000 bis 8500 Mann, jede der motorisierten Infanteriedivisionen 10 500 bis 11 000 Mann.

Sachkenner glauben, daß die übrigen Divisionen innerhalb von 90 Tagen auf Kriegsstärke gebracht werden könnten. Wie viele zusätzliche Divisionen Moskau aufstellen könnte und wie lange dies dauern würde, ist umstritten. Doch an der Zahl der verfügbaren Männer im Militärdienstalter und an dem System der Kurzübungen für Reservisten läßt sich erkennen, daß nur Waffen- und Ausrüstungsfragen, nicht aber Mangel an Mannschaften die Neu-

* Der Oberste Sowjet beschloß am 10. Oktober eine Verkürzung der wehrpflichtzeit in allen Teilstreitkräften um jeweils ein Jahr.

aufstellung von Divisionen behindern könnten.

Seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich die sowjetischen Landstreitkräfte zu einer modernen Armee entwickelt. Ihre Panzer, ihre Artillerie und ihre Karabiner sind imponierend.

Der neue Standardpanzer ist der T-62, eine Weiterentwicklung der zuverlässigen T-54 und T-55: ein Panzer mit vierköpfiger Besatzung und einem 115-Millimeter-Geschütz. Der schwere Panzer T-10 mit 122-Millimeter-Geschütz hat den Typ »Josef Stalin III« des Zweiten Weltkriegs abgelöst. Diese Sowjetpanzer bieten weniger »Komfort« als die amerikanischen, aber sie sind schwer gepanzert und haben starke, kreiselstabilisierte Geschütze, die auch während der Fahrt ein Ziel präzise beschießen können.

Ein leichter Amphibienpanzer und gepanzerte Amphibien-Mannschaftswagen, ferngesteuerte Panzerabwehrraketen wie der »Snapper«, schwere Mörser, nichtgesteuerte Raketen wie »Scud« (Windbö) mit einer Reichweite von 275 Kilometern und eine leistungsfähige Artillerie gewährleisten große Feuerkraft.

Das sowjetische 152-Millimeter-Geschütz ist eines der besten Artillerie-Geschütze der Welt, und der Maschinen-Karabiner AK-47 gilt als eines der zuverlässigsten Gewehre.

Unterstützt wird die Armee von etwa 3200 taktischen Flugzeugen und von den neuen SU-7- und Yak-25-Jagdbombern. Die Russen scheinen allerdings nicht viele kleine taktische Atomwaffen zu besitzen. Schwach sind auch die Nachschubeinheiten; ihre Leistungsfähigkeit ist noch immer nicht groß genug, eine ununterbrochene Offensive zu gestatten.

Dennoch stellt die Sowjetarmee eine gewaltige Angriffs- oder Verteidigungsmacht dar. Ihre defensive Aufgabe steht an erster Stelle, doch kennt das Verteidigungskonzept nicht mehr die Begriffe »Verbrannte Erde« oder »Zeitgewinn durch Raumverlust«. Es zielt vielmehr auf Masseneinsatz« Schockwirkung, Feuerkraft und Beweglichkeit. Die Sowjetarmee ist gerüstet, im Fall eines Krieges mit Panzern, mechanisierten Truppenverbänden und Fallschirmeinheiten tief ins Hinterland des Feindes einzudringen.

Die Militärmacht der Sowjet-Union reicht seit dem Zweiten Weltkrieg weit über die Grenzen Eurasiens hinaus. Rußland testete die größten Wasserstoffbomben der Welt und entwickelte eine große Anzahl offensiver und defensiver Atomwaffen; wenn diese Entwicklung anhält, können die USA innerhalb weniger Jahre ihre Überlegenheit eingebüßt haben.

Die russische Marine, im Zweiten Weltkrieg noch schwach und auf Küstenverteidigung beschränkt, ist heute die zweitgrößte Flotte mit der zahlenmäßig stärksten U-Boot-Streitmacht.

Vor allem während der sechziger Jahre hat die sowjetische Militärmacht aufsehenerregende Fortschritte gemacht, die Amerika aufs äußerste beunruhigen.

Seit ihrem ersten Atombombentest im Jahr 1949 zündete die Sowjet-Union nach inoffiziellen Schätzungen mindestens 250 nukleare und thermonukleare Bomben (USA: 425 Tests). Bei den letzten Versuchen vor dem Atomteststopp-Abkommen (1963) zündete die Sowjet-Union Bomben mit besonders hoher Sprengkraft -- bis zu 58 Megatonnen (Millionen Tonnen) herkömmlichen TNT-Sprengstoffs.

Heute glauben viele Sachkenner, daß die gesamte »Megatonnage« des sowjetischen Atomarsenais etwa genauso groß ist wie die der USA. Wenn diese Entwicklung anhält, wird die Sowjet-Union Anfang der siebziger Jahre die Leistungsfähigkeit der USA beträchtlich übertreffen.

Die Raketen-Technologie der Sowjet-Union soll zwar in mancher Hinsicht der amerikanischen unterlegen sein, zum Beispiel dort, wo es um die Herstellung von Mini-Waffen und -Gerät geht; doch die ersten schwerfälligen, mehrstufigen Raketen mit flüssigem Brennstoff sind längst durch viel kleinere, billigere und zuverlässigere ersetzt worden.

Die sowjetischen Interkontinental-Raketen, die mit ihren Reichweiten von rund 10 000 Kilometern jeden Punkt in den USA treffen können, lagern in unterirdischen Silos aus Spezialbeton und Stahl oder in halbgedeckten Abschußrampen über der Erde.

Die Sowjets haben zwei Haupttypen von Langstrecken-Raketen entwickelt: Der eine Typ ist mit Sprengköpfen von mehreren Megatonnen Sprengkraft ausgerüstet, der andere, kleinere ähnelt den Minuteman- und Polaris-Raketen der USA; für diese Raketen sind Gefechtsköpfe mit einer Sprengkraft von ein bis zwei Megatonnen vorgesehen.

Angeblich verfügt die Sowjet-Union über 300 bis 500 Abschußrampen und etwa 800 Raketen. In den letzten zwei bis drei Jahren haben die Sowjets jährlich mindestens 150 Raketen gebaut. Die USA besitzen etwa 1050 Raketen, doch verringert sich ihr zahlenmäßiger Vorsprung.

Zum Raketen-Arsenal der Sowjet-Union gehören außer den Interkontinental-Raketen 700 bis 900 Mittelstrecken-Raketen, die fast jedes Ziel in Europa, Nordafrika und in vielen Teilen Asiens erreichen können.

Die strategischen Fernraketen werden von U-Booten abgeschossen. 40 bis 50 U-Boote sind mit ballistischen Raketen bestückt -- in der Regel verfügen sie über zwei Ausstoßrohre. Etwa 45 bis 50 U-Boote sind mit flugzeugähnlichen Tragflächen-Raketen ausgerüstet, die gegen Schiffe eingesetzt werden können.

Insgesamt stehen auf schwimmenden Basen etwa 100 bis 120 ballistische Raketen mit einer Reichweite von 500 bis 1300 Kilometer und 100 bis 200 Tragflächen-Raketen mit einer Reichweite von mehr als 700 Kilometern einsatzbereit. Jährlich werden etwa vier bis sechs Raketen-U-Boote gebaut; die meisten sind atomgetrieben.

Die strategische Raketenstreitmacht wird von der strategischen Luftwaffe mit ihren 150 bis 200 schweren Bombern unterstützt. Hinter diesen Streitkräften aber formiert sich das wahrscheinlich stärkste Luftverteidigungssystem der Welt.

Boden-Luft-Raketen, radargesteuerte Luftabwehrgeschütze mit Kalibern bis zu 130 Millimetern, ein Radarnetz, bodenkontrollierte Abfang-Stationen und sowjetrussische Abfangjäger wie die Mig-21 und die Yak-28 bilden einen imposanten, wenn auch nicht undurchdringlichen Abwehrschirm. Ergänzt wird dieses System durch eine weit aufgefächerte Raketen-Abwehr, die rund um Moskau und Leningrad zum Teil schon einsatzbereit ist.

Amerikanische Geheimdienst-Offiziere nehmen an, daß die Russen dabei sind, ein zweites Raketenabwehrsystem rund um den größten Teil Westrußlands aufzubauen. Fachleute glauben, das sowjetische Raketen-Abwehr-System arbeite nach demselben Prinzip wie das Nike-Netz der USA: Langstrecken-Abwehrraketen sind zum Abfangen feindlicher Flugkörper außerhalb der Atmosphäre bestimmt, schnell startende, weniger weit reichende Raketen sollen den Raum innerhalb der Atmosphäre kurz vor dem Zielort verteidigen.

Der Aufbau sowjetischer Seestreitkräfte gehört zu den überraschenden geopolitischen Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts. Zum erstenmal seit der bolschewistischen Revolution hat der Kommunismus bewiesen, daß er die wirtschaftliche, politische, psychologische, diplomatische und militärische Bedeutung der Seemacht zu nutzen weiß.

Ein sowjetischer Flottenverband steht ständig im Mittelmeer bereit, sowjetische U-Boote kreuzen im Golf von Alaska, in den norwegischen Gewässern und nahe dem Karibischen Meer, elektronisch ausgerüstete Fischereifahrzeuge tauchen in der Nähe von US-Basen auf.

Die Bedeutung, die Moskau den Seestreitkräften beimißt, wirkt sich auch auf die Ozeanographie, das Fischereiwesen und die Handelsflotte aus. Die sowjetische Handelsflotte vergrößerte sich (seit 1959) von 3,6 Millionen Bruttoregistertonnen auf neun Millionen, und bis 1980 soll sie mit 20 Millionen BRT die größte Handelsflotte der Welt sein. Die russische Fischereiflotte gilt schon heute als die modernste der Welt.

Die sowjetische Kriegsmarine ist jedoch, gemessen an westlichen Maßstäben, nicht »abgerundet«. Sie besitzt keine Flugzeugträger, und die Marine-Luftwaffe -- etwa 850 Suchflugzeuge, U-Boot-Abwehrflugzeuge, Aufklärer und Kampfflugzeuge -- operiert von Landstützpunkten aus.

Die 20 Kreuzer sind veraltet, wenngleich mit starken Geschützen bestückt; nur wenige wurden bisher mit Raketen ausgerüstet. Dennoch ist die Stärke der gesamten Seestreitmacht beträchtlich. Sie kann vor allem feindliche Nachschublinien auf See empfindlich stören.

Die U-Boot-Flotte wurde in den letzten Jahren auf 350 bis 400 taktische U-Boote reduziert und zugleich modernisiert. Mindestens 300 der sowjetischen U-Boote können in großer Tiefe kreuzen, 40 bis 50 von ihnen sind Atom-U-Boote. Die Russen besitzen 100 bis 130 Zerstörer, von denen 20 bis 30 mit Raketen bewaffnet sind.

Die Sowjet-Union unterhält die größte Flotte von Küsten-Patrouillenschiffen, Minenlegern, Kanonenbooten, Raketen- und Torpedo-Booten und verschiedenen kleineren Typen -- insgesamt über 2000 Schiffe.

Hanson W. Baldwin

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