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TITEL Die geheiligten Güter

aus DER SPIEGEL 42/1955

Curd Jürgens weiß«, sagte der Rechtsanwalt Dr. Fromm vor der 17. Zivilkammer des Westberliner Landgerichts, »daß er für seine Kollegen viele Kastanien aus dem Feuer holt. ... Dieser Prozeß ist in der Filmgeschichte der erste Versuch eines Darstellers, an den 'geheiligten' Vorrechten der Produzenten und Verleiher zu rütteln.«

In den vergangenen zwei Wochen ging Jürgens gegen das Vorrecht der Filmproduzenten und -verleiher an, ihre Produkte so zu nennen und umzubenennen, wie es ihnen gefällt. Er klagte vor dem Landgericht auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung, die der Berliner CCC-Produktionsgesellschaft untersagt, den ursprünglich mit dem Titel »Schweigepflicht« gedrehten Film, in dem Jürgens die männliche Hauptrolle spielt, nun unter dem Titel »Du mein stilles Tal« herauszubringen.

Die Titeländerung, erklärte Jürgens-Anwalt Fromm, sei ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht eines erstrangigen Schauspielers, dessen Würde und Ansehen durch den neuen »kitschigen« Titel verletzt werde. Der Titel »Du mein stilles Tal« verleite zu dem Irrtum, daß ein Heimatfilm gezeigt werde. Das beeinträchtige die Persönlichkeitssphäre von Jürgens und verletze die »Würde des Künstlers«, denn es knüpfe seinen Namen an ein Genre, das er meide. Anwalt Fromm: »Für den Heimatfilm sind natürlich auch die künstlerischen Kräfte anders assortiert als für den Problemfilm.«

Die Argumente, mit denen die beklagte Produktionsgesellschaft vor Gericht aufwartete, erhellten die Titelbräuche einer bestimmten Spezies deutscher Filmfirmen, an deren Spitze unangefochten und mit weitem Abstand der Gloria-Verleih steht, der auch »Du mein stilles Tal« vertreibt. Gloria-Chefin Ilse Kubaschewski hatte die Titeländerung gegen den Widerstand des CCC-Produzenten Artur Brauner durchgesetzt*) und damit der alten Gloria-Tradition entsprochen, die mit Filmen wie »Grün ist die Heide«, »Wenn die Abendglocken läuten« und »Tausend rote Rosen blühn« begründet worden war. Oft gehörte Laienberater der Kubaschewski sind Bedienstete ihrer Starnberger Villa, Köchin Gustel und Chauffeur Kernchen. Und die Gloria-Bilanzen beweisen, daß die Meinung von Köchin und Chauffeur dem Geschmack weiter Publikumsschichten entspricht.

Wie »Du mein stilles Tal« sind die Titel der typischen Gloria-Filme den ersten Zeilen irgendwelcher Volkslieder oder populärer Liedschnulzen entnommen. Die Gloria-Chefin sieht darauf, daß die Titelmelodien den Filmen kräftig beigemischt werden, am liebsten als Blasorchester-Weise oder Kinderchorgesang. »Dich, mein stilles Tal« ist der Kehrreim des Volksliedes »Im schönsten Wiesengrunde«, dessen Melodie zwar aus dem 17. Jahrhundert stammt, dessen Text jedoch im 19. Jahrhundert W. Ganzhorn ersann. Dieser unschuldige Poet wurde vor dem Westberliner Landgericht hart hergenommen. Jürgens-Anwalt Fromm: »Herr Ganzhorn ist nun leider nicht mit einem Tropfen dichterischen Öls gesalbt!«

Der Jürgens-Anwalt begründete die Klage-Anträge: Das Drehbuch, das sein Mandant nach langem Hin und Her gebilligt habe, enthalte »an keiner Stelle irgendeinen Hinweis auf ein Tal, auch nicht auf einen Berg«. Ebensowenig erscheine das angefochtene Lied im Drehbuch, obschon sonst sämtliche Musikeinblendungen - Orgelklänge, Boogie-Woogie, Rachmaninow und Schubert - genau verzeichnet seien. Zudem habe man den Schauspieler während der Arbeit am Film arglistig über die beabsichtigte Titeländerung getäuscht. Jürgens sagte denn auch über den CCC-Produzenten Brauner: »Immer wenn ein besonders schwerer Komplex zu drehen war, kam er wieder und sagte: Es bleibt bei 'Schweigepflicht'!«

Der Name des Stars, argumentierte Dr. Fromm, sei für Verleiher und Produzenten ein wichtiger Posten, auf ihm fuße die Reklame. Curd Jürgens habe seinen Namen zwar der CCC vermietet - gegen 60 000 Mark, wie der Anwalt der beklagten

*) Jürgens richtete seine Klage trotzdem gegen die Berliner Produktionsgesellschaft, weil er seinen Vertrag nur mit ihr, nicht aber auch mit dem Gloria-Filmverleih abgeschlossen hatte. Filmfirma verriet - , doch habe er ihn damit nicht dem Unternehmen zum beliebigen Gebrauch überlassen. Es sei Lohnsklaverei, ja Prostitution zu nennen, wenn ein Darsteller nach Empfang der Gage jedes weitere Recht an seiner Darbietung verloren haben solle. Auch als Miturheber am Text möchte Fromm seinen Mandanten betrachtet und geschützt wissen: »Er hat nicht einen Satz gesprochen, bei dessen Entstehung er nicht schöpferisch mitgewirkt hat.«

Dr. Reichardt, der Anwalt der CCC-Produktionsgesellschaft, verwies dagegen auf die »gewohnheitsrechtliche Übung, daß ein Titel vor, während und auch nach den Dreharbeiten drei, vier, manchmal auch fünfmal abgeändert« wird. Der Titel »Schweigepflicht« sei Jürgens niemals fest versprochen worden. Er sei urheberrechtlich auch nicht frei und passe schlecht zu dem fertigen Film, der »Herz und Gemüt« mehr als den Intellekt anspreche.

Das Gericht beschloß daraufhin, sich den Film anzusehen. In einem Vorführraum der Mosaik-Film in Berlin-Lankwitz konnten die Richter selbst erwägen, welcher Titel besser trifft. »Du mein stilles Tal« beginnt mit einer prächtigen Hochzeit auf dem Lande. Die Gutsherrin und Brautmutter (Winnie Markus) spricht mit dem Hausarzt (Leonard Steckel) über die Vergangenheit. Die Braut ist nämlich gar nicht die Tochter des Gutsbesitzers (Curd Jürgens). Aber das wissen außer der Mutter nur der Arzt und der Geistliche, die ihre Schweigepflicht wahren.

Die Geschichte blendet dann zurück in die Jugend der Brautmutter, die von einem berühmten Pianisten (Bernhard Wicki) blitzschnell verführt und gleich wieder verlassen wird, worauf sie den Gutsbesitzer Gerd von Breithagen heiratet. »Ich wollte hinfinden zu Gerd, ich wollte lernen, ihn zu lieben«, berichtet sie dem Arzt. Doch erst wenige Tage vor der Hochzeit ihrer Tochter erreicht sie dieses Eheziel. Aber da sagt Gerd, nun sei es zu spät. Er hat sich entschlossen, Gut und Frau einer jungen Freundin zuliebe aufzugeben.

Indes, es ist doch noch nicht zu spät. Der Herr von Breithagen entschließt sich, bei der Gattin auszuharren.

Das Motiv für diese Sinnesänderung der Filmfigur wurde zum Streitpunkt im Prozeß. Nach dem Jürgens-Anwalt Dr. Fromm ist es hauptsächlich der hohe Altersunterschied zwischen dem Gutsherrn und seiner Geliebten. Die Einsicht, daß die Freundin vielleicht doch nur sein Vermögen ersehne und ihn bald betrügen würde, hält den reifen Agrarier von einem »neuen Leben« auf Capri zurück. Nach den Deutungen des CCC-Anwaltes Dr. Reichardt ist hier jedoch mehr Heimatliebe am Werk und der »Hang zum Altüberlieferten«. So sagte Dr. Reichardt über Jürgens-Breithagen: »Von Anfang an stellte er den mit dem Boden verwurzelten Mann dar - ich möchte hier das Wort Junker vermeiden.« Das rechtfertige aber auch die Anrufung des stillen Tals.

Nun hatten während der Vorführung die Richter Gelegenheit zu bemerken, daß sich Film und Titel zwar im Thema, aber kaum im Niveau unterscheiden. »Nach meiner persönlichen Ansicht«, schrieb beispielsweise der Berichterstatter des Filmblattes »Film-Echo«, »hätte Jürgens bei Akzeptierung des dem Film zugrunde liegenden Drehbuches ... klar sein müssen, daß er hier in einem Film mitwirken würde, der inhaltlich das Niveau eines Dreigroschen-Romans hat und den hochtrabenden Titel 'Schweigepflicht' nicht rechtfertigt.«

Das soll aber nicht immer so gewesen sein. Das Filmexposé des französischen Autors Jacquez Companeez habe, so verriet Jürgens-Anwalt Fromm dem Gericht, »eine der großartigsten Filmhandlungen« enthalten, »die Herrn Jürgens je vor Augen kamen«. Im Exposé sei es wirklich darum gegangen, daß ein Arzt, ein Geistlicher und ein Notar ein fragwürdiges Familienglück abschirmen, indem sie ihre Schweigepflicht wahren. Diese Vorgänge, vor Gericht als »unerbittlich und psychologisch wahr« gerühmt, seien schon bei der Niederschrift des Drehbuchs aufgeweicht worden.

Der CCC-Anwalt argumentierte, der Titel sei harmlos und setze niemand herab: »Der Leidensweg des Zuhälters Curd - bei solchem Titel könnte man protestieren!« Zudem sei das stille Tal eine Art Kulturerbe: »Wenn ich höre, daß ein Volkslied als Kitsch bezeichnet wird, so erregt das bei mir Übelkeit. Wir rütteln da an den geheiligten Gütern unseres Volkes.« Der Anwalt fand, die Entscheidung über den Titel eines Filmes müsse beim Unternehmer bleiben, sonst würden die Schauspielerlaunen diktieren. Es gehe zu weit, »wenn jeder, der ein Wort mitgeredet hat, glaubt, Urheberrecht in Anspruch nehmen zu können«. Wenn Jürgens beispielsweise im Atelier angeregt habe: »Sagen wir nicht 'nunmehr', sagen wir 'alsbald'«, so brauche er deswegen nicht als Mitautor zu gelten.

In der vergangenen Woche sprach die 17. Zivilkammer das Urteil: Die CCC wurde »bei Vermeidung einer für jeden Fall der Zuwiderhandlung festzusetzenden Geldstrafe oder Haftstrafe bis zu sechs Monaten verurteilt, es zu unterlassen«, den Film »Schweigepflicht« als »Du mein stilles Tal« auszuwerten, »insbesondere vorzuführen und zu propagieren«.

Das Urteil ist noch nicht schriftlich begründet worden. Landgerichtsdirektor Schuster ließ aber schon bei der Verkündung wissen, daß man nicht einfach nach dem Geschmack geurteilt habe. Zwar dürfe eine Filmfirma ihre Titel grundsätzlich nach eigenem Ermessen wählen. Wenn sie aber einen Titel bestimme, der den Zuschauer irreführe, so sei dies »Ermessensmißbrauch«. »Nach Treu und Glauben« könne ein Hauptdarsteller wie Jürgens verlangen, daß der Titel ungefähr zum Genre seines Films passe. Die CCC will Berufung einlegen und »notfalls bis zur letzten Instanz gehen«.

Eine Äußerung, die dem Titelstreit eine pikante Pointe gab, war im Eifer des Prozesses unbeachtet geblieben. CCC-Anwalt Reichardt hatte eingeräumt, daß es wirklich schwache Heimatfilme gebe, zum Beispiel »Du bist die Rose vom Wörthersee«. Der Anwalt schien nicht zu wissen, daß der ehemalige Burg-Schauspieler Curd Jürgens auch in diesem mit einer Schlagerzeile betitelten Film die männliche Hauptrolle gespielt hatte, ohne jedoch gegen den Titel zu protestieren. Aber das war vor mehreren Jahren, als der Schauspieler Curd Jürgens noch nicht als »erstrangiger Darsteller« der deutschen Filmstar-Hierarchie angehörte.

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