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Die gepeinigte Stadt

Der Krieg ist nach Mogadischu zurückgekehrt: Wütende Somalier schänden die Leichen äthiopischer Besatzungssoldaten.
aus DER SPIEGEL 16/2007

Bilder wie ein Film aus einem vergangenen Jahrzehnt: der mit einer Panzerfaust abgeschossene Hubschrauber, die blutigen Häuserkämpfe in den Straßen von Mogadischu, die geschändeten Leichen getöteter Soldaten, die bespuckt und durch die Straßen geschleift werden. Nur dass der Helikopter und die Ermordeten diesmal nicht aus den Vereinigten Staaten kommen, sondern aus Äthiopien - sonst aber erinnern die täglichen Schreckensbilder aus Somalia an die gescheiterte Friedensmission der Amerikaner zu Beginn der neunziger Jahre.

Es herrscht schon wieder Krieg am Horn von Afrika, und einmal mehr eskalieren die Kämpfe. Innerhalb von vier Tagen sollen über 1000 Menschen den Straßenkämpfen in der Hauptstadt zum Opfer gefallen sein, rund 200 000 sind bereits aus dem brennenden Ort geflüchtet, das Uno-Welternährungsprogramm warnt vor einer Hungerkatastrophe: In der von Heckenschützen gepeinigten Stadt können keine Lebensmittel verteilt werden.

Terror, Krieg und Anarchie lieferten schon lange Schlagzeilen aus Somalia. Doch so schlimm wie jetzt war es seit dem Sturz des Diktators Siad Barre im Jahr 1991 nicht mehr, als das Land in die Hände seiner mächtigsten Clans fiel. Hoffnungslos und ohne jede Autorität irren 1500 ugandische Friedenssoldaten, die im Auftrag der Afrikanischen Union unterwegs sind, zwischen den Kriegsparteien umher.

Auf der einen Seite stehen äthiopische Besatzungssoldaten, die im Dezember 2006 das fundamentalistische Regime der islamischen Gerichte gestürzt haben, sowie ihre somalischen Verbündeten von der Übergangsregierung des Präsidenten Abdullahi Jussuf. Hinter den Invasionstruppen stehen auch die Vereinigten Staaten, die in Ostafrika eine weitere Front im Krieg gegen den Terror eröffnen und den islamistischen Spuk frühzeitig beenden wollten.

Auf der anderen Seite formieren sich die alten Warlords der traditionellen Clans, eingewanderte Qaida-Krieger und somalische Islamisten unter der Führung des regionalen Qaida-Chefs Aden Hashi Ayro. Dabei zettelt vornehmlich der Subclan der Ayr, eine Untergruppe der in Mogadischu dominierenden Hawiye, die Kämpfe an. Die Ayr wurden von Jussuf bei der Regierungsbildung übergangen.

Die Aufrührer, die jetzt mit Mörsergranaten, Kalaschnikows und Sprengsätzen in den Krieg gegen die neuen Herrscher ziehen, bauen auf die verbreitete Unbeliebtheit der Äthiopier. Seit Jahrzehnten brechen zwischen den muslimischen Somaliern und den überwiegend christlichen Äthiopiern immer wieder Feindseligkeiten aus.

So lässt sich der Terror gegen die verhassten Besatzer leicht zur patriotischen Tat stilisieren - und die Waffenlager im Land sind gut gefüllt. Der Versuch der Regierung Jussuf, die Bevölkerung zu entwaffnen, ist fehlgeschlagen: Mehr als ein bisschen verrostetes Kriegsgerät wurde den Inspektoren nicht ausgehändigt. 3000 bis 4000 ehemalige Kämpfer der islamistischen Gerichte sollen sich noch im Land befinden - als Zivilisten, die ihre Waffe für eine Weile eingemottet haben, bis sie jetzt wieder zum Dschihad gerufen werden.

Eigentlich wollten die Äthiopier nicht lange bleiben. Binnen wenigen Tagen hatten sie die Islamisten kurz nach Weihnachten in die Flucht geschlagen, danach verkündeten sie stolz den Beginn ihres Rückzugs. Eine lange Präsenz der Besatzungssoldaten hätte nur Widerstand provoziert. Deshalb sollte die Afrikanische Union Soldaten entsenden, um das Land zu beruhigen. Doch der Versuch des Staatenbundes, auf dem eigenen Kontinent als Friedensstifter aufzutreten, ist einmal mehr gründlich gescheitert.

Nur 1500 Ugander machten sich auf den Weg in den Trümmerstaat - obwohl mindestens 8000 Friedenssoldaten nach Somalia geschickt werden sollten. Doch die meisten afrikanischen Länder hatten keine Lust, für die USA in den Anti-Terror-Krieg zu ziehen, andere forderten von der internationalen Gemeinschaft zu viel Aufwandsentschädigung für ihr humanitäres Engagement in Somalia.

Nun verstärken die Äthiopier notgedrungen wieder ihre Truppen. Mindestens ein Bataillon hat sich durch das grenznahe Belet Huen auf den Weg nach Mogadischu gemacht, vor der Stadt sollen massive Truppenverbände zusammengezogen worden sein.

Ob die Äthiopier allerdings länger durchhalten können als vor über einem Jahrzehnt die Amerikaner, erscheint fraglich. Als 1993 die Leiche eines GI durch Mogadischu geschleift wurde, rief der damalige US-Präsident Bill Clinton seine Kämpfer nach Hause.

THILO THIELKE

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