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ARGENTINIEN Die geraubten Kinder von La Cacha

Die Neugeborenen von Müttern, die in Folterlagern starben, wurden kinderlosen Schergen der Diktatur zur Belohnung für ihre Grausamkeit geschenkt. Zwei Jahrzehnte später muß sich jetzt der Junta-Chef Videla für den Kindsraub verantworten.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Es war diese kleine Verzögerung in der Stimme. Ein Sprachfehler, angeboren. Daran haben die Freunde der Mutter die Zwillinge Matías und Gonzalo im Fernsehen erkannt. Da waren die beiden Jungen schon zwölf Jahre alt. Die Mutter, María Tolosa, hatte den gleichen Stotterer. 1977 war sie von den Polizeischergen des argentinischen Generals Jorge Rafael Videla verschleppt worden. Sie war schwanger. Die Kinder gebar sie im Folterlager La Cacha bei Buenos Aires. Dann wurde sie ermordet. Die Zwillinge bekam Polizeikommissar und Lagerkommandant Samuel Miara, weil seine Frau keine eigenen Kinder bekommen konnte.

21 Jahre danach steht jetzt Jorge Rafael Videla, der damals als Junta-General Argentinien regierte, wegen Beihilfe zur Kindesentführung vor dem Untersuchungsrichter. An die 200 Kinder wurden unter der Terrorherrschaft ihren Müttern gleich nach der Geburt entrissen und zur Adoption freigegeben. Die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo haben die Fälle zusammengetragen. Bis heute fragen die Frauen mit den weißen Kopftüchern jede Woche vor dem Präsidentenpalast Casa Rosada nach den in den Kerkern Verschwundenen und deren Kindern.

30 000 Menschen wurden während der Militärdiktatur in den siebziger und achtziger Jahren in Argentinien verschleppt und ermordet. Massengräber zeugen von der siebenjährigen Militärdiktatur. Präsident Raúl Alfonsín ließ nach dem Ende der Schreckensherrschaft einen Bericht über die Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur erstellen, doch die Liste der mehr als 1300 Täter blieb geheime Verschlußsache.

Nur wenige Verantwortliche wurden vor Gericht gestellt, die meisten der Entführer, Folterer und Mörder konnten ungestört ihre Militärkarriere fortsetzen. Das garantierte das sogenannte Schlußpunktgesetz, eine Übereinkunft zwischen Parlament und Militär, die massenhaften Verbrechen aus der Diktatur nicht weiter zu verfolgen. Bereits verurteilte Militärschergen wurden amnestiert. Auch Videla, der von 1976 bis 1981 die Junta anführte, wurde nach fünf Jahren Freiheitsstrafe von dem heutigen Präsidenten Carlos Menem begnadigt.

Videla lebte bis zum vergangenen Dienstag unbehelligt in Wohlstand und Freiheit in seinem Appartement in Buenos Aires. Die Verhaftung traf ihn völlig unvorbereitet. Jetzt will ein Bundesrichter dem 72jährigen seine Verantwortung und Beteiligung an Kindsraub und Fälschung von Dokumenten nachweisen.

* Arzt Norberto Bianco mit Ehefrau und den Adoptivkindern Carolina und Pablo in Paraguay 1997.

Anwälte von Menschenrechtsgruppen hatten eine Lücke in dem Amnestiegesetz freigelegt. Kindsraub war darin nicht erwähnt. Die Gesetzeslücke könnte dem rüstigen Ex-Diktator nun nach vielen Jahren zum Verhängnis werden. Präsident Carlos Menem, gerade zurück von der FußballWeltmeisterschaft in Frankreich, hat jedenfalls eine zweite Begnadigung bereits abgelehnt.

Videla dankt seine Verhaftung unter anderen den Journalisten Carlos Echeverría und Andrea Schellenberg, die das Schicksal der Zwillinge Matías und Gonzalo 1989 für SPIEGEL-TV dokumentiert hatten.

Eine Überlebende aus dem Geheimlager La Cacha, Patricia Pérez Catán, erinnerte sich vor der Kamera genau an jenen Tag im Jahr 1977. Sie wurde mit der Mutter der Zwillinge in eine Zelle geschlossen, weil die Gefängniswärter wußten, daß sie Medizinstudentin war. »Wir lagen nebeneinander auf Matratzen. Bei María hatten die ersten Wehen eingesetzt.«

Als die Wächter fort waren, zogen die Frauen die Kapuzen heimlich hoch, die man ihnen übergestülpt hatte. »Wir haben versucht, die Zeit zwischen den Wehen auszurechnen. Bis zur letzten Minute war ich bei ihr. Dann wurde sie zur Entbindung fortgeführt.«

Rodolfo Tessari, heute niedergelassener Gynäkologe, war als Lagerarzt bei der Geburt der Zwillinge dabei. Er erinnert sich: »Es war am Abend, gegen neun Uhr. Am nächsten Tag war Dienstwechsel, so daß ich nicht mitbekam, ob die Patientin in der darauffolgenden Woche, als ich wieder Dienst hatte, noch da war.«

Sie war nicht mehr da. Ihre Zellengefährtin Patricia Pérez Catán hat die Wöchnerin nie wiedergesehen. Nur noch einmal deren Mann, Enrique Reggiardo. An dem Tag, an dem er in La Cacha erschossen wurde.

Der Rechtsanwalt Adalberto Rossetti, dessen Frau ebenfalls im Gefängnis entbunden hatte und ermordet worden war, suchte jahrelang nach denselben Zwillingen, in der Hoffnung, daß es seine Kinder sein könnten. Denn auch seine Frau hatte in dem Lager entbunden und war ermordet worden. Mit Hilfe der Journalisten machte er den Adoptivvater ausfindig: Samuel Miara, zur Zeit der Militärdiktatur Kommandant der Wachmannschaft des Lagers El Banco. Ein Sadist, der sich vielen Gefangenen in die Alpträume gebrannt hat, wie Nora Bernal, die damals jung war und blond: »Miara hat mich vergewaltigt. Ich lag gefesselt in der Folterkammer, weit entfernt von den Zellen der anderen Gefangenen.« Die junge Frau wurde über ein ganzes Wochenende von dem Kommandanten gequält. Sie will nicht viel darüber sagen, nur, »daß eine sehr perverse Persönlichkeit zum Vorschein kam«.

1985, zwei Jahre nach dem Ende der Diktatur, wird der ehemalige Kommandant Miara in Buenos Aires mit den Zwillingen Gustavo und Martín fotografiert. Zu diesem Zeitpunkt sind die Kinder acht Jahre alt. Wenig später verschwindet Miara über die Grenze nach Paraguay in die Hauptstadt Asunción - aus Angst, die Kinder wieder herausgeben zu müssen. Die Regierung läßt das Ehepaar Miara mit den Zwillingen ziehen.

Rossetti und SPIEGEL-TV fanden Miara 1989 in Asunción wieder. Dort lebte der Argentinier Norberto Bianco, unter der Diktatur Heeresarzt im Rang eines Majors. Die gesuchten Zwillinge spielten mit den Kindern des Arztes im Garten, als die Journalisten kamen. Auch nach diesen Kindern wurde bereits gesucht, und zwar von den Großmüttern der Plaza de Mayo. Sie hatten Zeugenaussagen über das Wirken des grausamen Militärarztes dokumentiert.

Major Bianco arbeitete damals im Militärkrankenhaus Campo de Mayo. Die Zeugen berichten, er habe an Händen und Füßen gefesselte Schwangere in den Kreißsaal führen lassen. Damit sie den Ort nicht sehen konnten, an dem schon andere Neugeborene und blutende Wöchnerinnen lagen, habe man ihnen die Augen verbunden. Militärarzt Norberto Bianco holte sich ihre Kinder dann zumeist mit einem Kaiserschnitt. Eine Assistenzärztin, die Bianco bei einer der Geburten zur Unterstützung verpflichtet hatte, war über den Kindsraub schockiert. Die Gebärende, so erinnert sie sich, war »dünn, jung und hatte dunkles, lockiges Haar, ihre Augen waren verbunden, sie gebar ein Mädchen. Das war im Winter 1977«.

Die Geschichte der Ermittlungen ist voller Merkwürdigkeiten. Dem Rechtsanwalt Rossetti, der weiter nach seinen Kindern suchte, wurde 1990 »aus Versehen« von Polizeibeamten in die Beine geschossen, die angeblich flüchtige Gangster stellen wollten. Die Journalistin Andrea Schellenberg, die für SPIEGEL-TV recherchierte, wurde von einem Auto angefahren. Dabei wurden ihr beide Beine mehrfach gebrochen. Sonderbar: Die Polizei vergaß, die Personalien des Autofahrers aufzunehmen.

Rechtsanwalt Rossetti war enttäuscht, als der von ihm durchgesetzte Gentest ergab, daß die Zwillinge nicht seine Kinder waren. Aber er wußte, daß es auch nicht die Kinder des Lagerkommandanten Miara sein konnten.

Um den lästigen Anwalt abzuwimmeln, präsentierte das Ehepaar Miara sich mit den Zwillingen als glückliche Familie im Fernsehen. Die Kinder, von den Adoptiveltern sauber gescheitelt, sagten vor der Kamera nur wenige Sätze. Das war der Moment, in dem Freunde und Verwandte der wirklichen Mutter, María Tolosa, den verräterischen Sprachfehler bemerkten.

Der Großvater Tolosa, der ebenfalls Jurist war, versuchte, Miara auf dem Klagewege zur Herausgabe der beiden Kinder zu veranlassen. Aber der zuständige Bundesrichter ließ den ehemaligen Lagerkommandanten frei und gab ihm die Kinder in Pflege. Der alte Anwalt ließ nicht locker. Seine Frau war von den Militärs grausam ermordet worden, ebenso sein Schwiegersohn und seine Tochter María. Er wollte wenigstens seine Enkel aus der Gewalt des Killerkapos befreien.

Das Genmuster des Bruders wurde mit dem der Zwillinge verglichen, auch das des Großvaters und des mütterlichen Zweigs der Familie. Die Arbeit des biologischen Instituts, das Hunderte von Genanalysen von Angehörigen Verschwundener verwahrte, hatte es damals in diesem Fall nicht leicht. Der Kreis der Tolosas war klein geworden. Viele aus der Akademikerfamilie waren verschollen. Doch die genetische Übereinstimmung war eindeutig.

Samuel Miara wurde zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt, seine Frau Beatriz zu drei Jahren. Die Zwillinge gerieten in einen kaukasischen Kreidekreis. Sie wurden von dem Bruder der leiblichen Mutter aufgenommen und durften den Namen der Familie tragen, die im Lager La Cacha ausgelöscht wurde, ohne daß sich Eltern und Kinder jemals in die Arme nehmen durften.

Die Zwillinge, die nichts mehr mit ihrer ermordeten Mutter verband als ein Sprachfehler, aber wollten bei den Miaras bleiben. Der Richter gab sie in eine Pflegefamilie. Die Raubeltern bekamen nach ihrer vorzeitigen Entlassung aus der Haft immerhin ein Besuchsrecht.

»Die Kinder sind so mit uns verbunden«, sagt Beatriz Miara 1993 in einem Interview, »daß sie an ihrer Herkunft nicht interessiert sind.« Der Zwilling Matías assistiert: »Ein Baby ist eine leere Computerdiskette, die darauf wartet, bespielt zu werden.« Die Zwillinge halten ihren Adoptivvater Samuel Miara bis heute für einen guten Katholiken und unbescholtenen Polizisten. Daß er ein Folterer war, wollen sie nicht glauben.

Genauso reagierten ihre damaligen Spielgefährten Carolina und Pablo, die Adoptivkinder des berüchtigten Militärarztes und gnadenlosen Geburtshelfers Bianco. Beide sind verheiratet und leben in Paraguay.

Carolina, die einen Gentest verweigert, stellt sich vor den Militärarzt. Sie habe immer gewußt, daß sie ein Adoptivkind sei, sagt sie. Sie weigert sich beharrlich zu glauben, daß sie das geraubte Kind einer ermordeten Mutter sei. Sie kenne die Namen ihrer biologischen Eltern, würde sie jedoch niemals verraten, um »nicht noch eine weitere Familie ins Unglück zu stürzen«.

Die Mütter von der Plaza de Mayo, die Menschenrechtler und Anwälte, die sie unterstützen, sind überzeugt, daß die Adoption der Kinder von Verschwundenen System gehabt hat. »Allein im Krankenhaus von Campo de Mayo wurden mindestens 50 bis 100 Kinder unter strenger Geheimhaltung geboren«, sagt Abel Madariaga, der Vater eines Kindes, das auch im Kreißsaal des Lagers von Bianco geboren wurde.

Auch Edgardo Frola, der Anwalt des Kinderräubers Miara, der viele Offiziere des Regimes verteidigt hatte, räumt ein, daß sich die Geheimpolizei immer wieder aus den Lagern bediente, um verdiente Polizisten und Soldaten mit Adoptivkindern zu beschenken. »Miara war aktiv an der Zerschlagung des Widerstands beteiligt. Seine Frau konnte keine Kinder bekommen.« Er bittet herzlich um Verständnis für seinen Mandanten: »Eines Tages kam sein Vorgesetzter und bot ihm die neugeborenen Zwillinge an. Die Eltern seien Terroristen.«

Den ehemaligen Staatsanwalt Julia César Strassera, der 1985 die Führer der Militärdiktatur vor Gericht brachte, hat die plötzliche Verhaftung Videlas sehr überrascht. Er sagt: »Die Regierung hatte nie ein Interesse, die Adoptionsverbrechen aufzuklären.«

Ob Jorge Rafael Videla, dem die Strafe für Massenmord erlassen wurde, sich nun wegen Kindesentführung verantworten muß, werden neue Richter entscheiden. Auch der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón ermittelt jetzt wegen des Verschwindens von mindestens 297 spanischen Staatsbürgern gegen den Ex-Diktator Videla.

Videla wird das nicht verstehen. »Das Heer«, sagt der General a. D., »wartet immer noch auf eine Wiedergutmachung für seine Verdienste.«

* Arzt Norberto Bianco mit Ehefrau und den AdoptivkindernCarolina und Pablo in Paraguay 1997.

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