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Die geteilte Heimat

Vom Nachkriegschaos zum »Wunder der Integration": In den fünfziger Jahren schaffen sich Millionen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße vertriebene Deutsche im Westen des Landes eine neue Existenz durch Anpassung.
Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 51/2005

Im Lauf des Jahres 1946 hat das schwäbische Kaufbeuren einen gewaltigen Bevölkerungszuwachs zu verkraften: In die 15 000 Einwohner zählende ehedem Freie Reichsstadt drängen innerhalb weniger Monate 13 000 aus dem nordböhmischen Gablonz verjagte oder zwangsumgesiedelte Sudetendeutsche.

Der bis dahin etwas schläfrigen Provinz-Metropole, die seit Menschengedenken von fremden Einflüssen weitgehend frei blieb, scheinen chaotische Verhältnisse bevorzustehen. Doch die Aufnahme der seinerzeit noch so genannten Flüchtlinge ist gewollt und verläuft nach Plan.

Weil ihm ein beträchtliches Kontingent an Vertriebenen ohnedies auferlegt worden wäre, hat der Bürgermeister den amerikanischen Besatzungsbehörden ein spektakuläres Projekt abgetrotzt: Das von den Tschechoslowaken eroberte Gablonz, ein seit Jahrhunderten berühmtes Zentrum für Glas- und Schmuckwaren, soll in Gänze ins Allgäu »umgesetzt« werden.

Und so geschieht es dann auch. Auf einem 300 Hektar großen Gelände, das während des Zweiten Weltkriegs zur Herstellung von Sprengstoffen diente, bauen die mit kaum mehr als ihrem Know-how ausgestatteten Facharbeiter und deren Familien die Teilstadt »Neugablonz«.

Haus für Haus wächst, wo einst KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, ein vitales Wohn- und Industriegebiet. Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren profitieren Flüchtlinge und Einheimische gleichermaßen von einem boomenden Wirtschaftsstandort, dessen schwere Anfänge noch heute in einem Museum

zu besichtigen sind: In Glasvitrinen liegen dort aus gehärtetem Kartoffel- und Quarkteig oder Flugzeugblechteilen und Konservenbüchsen gefertigte Armbänder, Broschen und Halsketten.

Ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Experiment: Nirgendwo sonst sind in geschlossener Formation mehr Deutsche verpflanzt worden; keine andere von Vertriebenen gegründete Ortschaft hat erfolgreich darauf beharrt, ihren ursprünglichen Namen beibehalten zu dürfen.

Kaufbeuren-Neugablonz - »ein Symbol für gelungene Integration«, schwärmt die als Kleinkind nach Bayern verfrachtete, inzwischen pensionierte Schulrektorin Gertrud Hofmann, und so ähnlich sieht es der Stadtarchivar Stefan Fischer: »Der Zusammenprall zweier einander zunächst ziemlich fremder Ethnien«, bekräftigt der gebürtige Münchner, sei »letztlich ein Glücksfall« gewesen.

Aber beide wissen auch, dass nicht alle so denken.

Der Mikrokosmos Kaufbeuren spiegelt die hochambivalente Entwicklungsgeschichte der Republik in der frühen Nachkriegszeit: ein Land im Ausnahmezustand, das den Folgen des von Hitler und seinen Vollstreckern losgetretenen Weltinfernos mit bewundernswertem Durchstehvermögen begegnet - um gleichzeitig Vorurteile zu pflegen, die sich jahrzehntelang halten.

Was auf die Deutschen nach der vielzitierten »Stunde null« im Mai 1945 an erdrückenden materiellen und psychosozialen Lasten aus dem Kollaps der NS-Diktatur zukommt, ist schlicht überwältigend. Im Herbst 1982 präsentiert das Bonner Innenministerium eine Bilanz, die die Dimensionen der selbst im globalen Maßstab einzigartigen Migrationsbewegung verdeutlicht.

Die Gesamtzahl der Vertriebenen und Flüchtlinge, die von der russischen Sommeroffensive im Zweiten Weltkrieg bis zum Berliner Mauerbau in die 1949 gegründete Bundesrepublik eingegliedert werden, beläuft sich danach auf rund zwölf Millionen. Gut zwei Drittel stammen aus den in Panik verlassenen respektive später geräumten Gebieten jenseits von Oder und Neiße.

Sie ergießen sich in eine Region, die nur noch etwa die Hälfte der Fläche des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 umfasst und schwer daniederliegt: In den von Amerikanern, Briten und Franzosen okkupierten Provinzen sind nahezu jedes vierte Wohnhaus und ein beträchtlicher Prozentsatz der gewerblichen Anlagen den zerstörerischen Luftangriffen zum Opfer gefallen.

Selbstverständlich sind die Vertriebenen aus Pommern und Ostpreußen, Schlesien und dem Sudetenland (und mit zunehmender Zeit die stark anschwellenden Flüchtlingsströme aus der sowjetisch besetzten Zone) besonders arm dran. Schließlich haben sie den Verlust von Haus und Hof zu beklagen - aber den Einheimischen, die ihnen nun ein Dach über dem Kopf bereitstellen sollen, geht es ebenfalls miserabel. Millionen fristen als Evakuierte und Ausgebombte ihr Dasein.

Zumindest bis zur Währungsreform 1948 ist dieser dreigeteilte Torso des zertrümmerten NS-Imperiums ein in allen entscheidenden Fragen vom Alliierten Kontrollrat abhängiges fragiles Gebilde, in dessen Ballungsräumen das nackte Elend grassiert.

Der darbenden und vom Tod durch Erfrieren bedrohten Bevölkerung fehlt es an allem - vorweg an Brot, Kartoffeln und Kohlen. Wer noch etwas zu tauschen hat, trennt sich auf dem schwarzen Markt von seinen letzten ihm verbliebenen Wertsachen, oder er geht hamsternd über die Dörfer und schreckt sogar vor Diebstählen nicht zurück.

Und in diesem Tohuwabohu verstärken nun die vagabundierenden Heerscharen aus den Ostgebieten die anarchischen Tendenzen: Im eisigen Winter 1946/47 treiben chronische Unterernährung und sprunghaft ansteigende Krankheiten die entwurzelten Massen erstmals auf die Straßen. In »Hungermärschen« machen sie verzweifelt gegen die überforderten Behörden Front.

Brutal geben sich so vor allem die Folgen des im Sommer 1945 geschlossenen »Potsdamer Abkommens« zu erkennen: Nach dem Willen der Siegermächte werden die noch in ihrer Heimat verbliebenen Deutschen, die dort als nationale Minderheiten angeblich für gefährliche Krisenherde sorgen könnten, so schnell wie möglich in ihr Ursprungsland verschoben.

Mit der Vereinbarung über den »ordnungsgemäßen« Bevölkerungstransfer ebben

zwar die bis dahin immer wieder exzessiven »wilden Vertreibungen« ab, aber die Westzonen tragen nun zusätzlich erhebliche Lasten: Nach den Millionen, die in den letzten Kriegsmonaten Hals über Kopf geflüchtet sind, müssen sie die in einer zweiten Welle von Russen, Polen und Tschechen systematisch deportierten Deutschen am Leben erhalten.

Eine Herkules-Aufgabe, die den angloamerikanischen Verbündeten umso schwerer fällt, als sie von Anfang an die bedingungslose Assimilation durchzusetzen versuchen. Schlesier oder Ostpreußen durch möglichst gleichmäßige Streuung in Bayern oder Hessen »organisch aufgehen« zu lassen ist ihnen kaum weniger wichtig, als dem vormaligen Feind die Demokratie beizubringen.

Im Keim erstickt werden alle Entwicklungen, die ihren Argwohn erregen. Die Angst sitzt tief, die den Westdeutschen aufgenötigten Neubürger könnten sich politisch radikalisieren und am Ende gar eine Art Parallelgesellschaft bilden. Sicherheitshalber dürfen sie deshalb in den ersten vier Jahren der Nachkriegszeit keine eigene Partei gründen.

Doch der Preis für den Potsdamer Deal ist so hoch, dass im Herbst 1946 selbst in Amerika die Stimmung kippt. Als die ersten von den Siegern vereinbarten Sonderzüge eintreffen, gerät US-Präsident Harry S. Truman in die Defensive. Was da an namenlosem Elend heranrolle, brandmarkt die »New York Times« entsetzt als »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, für das die Geschichte »eine fürchterliche Vergeltung« fordern werde.

Die westliche Führungsmacht beginnt zu ahnen, dass sie sich übernommen haben könnte - und das hat sie auch. Ungezählte Ostdeutsche, die wie Frachtgut auf den Weg »heim ins Reich« geschickt worden sind, vegetieren manchmal monatelang in notdürftig umgebauten Schweine- und Hühnerställen oder feuchten Waschküchen und Kohlenkellern. Noch anderthalb Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch gibt es in der Bundesrepublik 2300 Wohnlager.

Der »Homo barackensis«, wie ihn die »Frankfurter Allgemeine« karikiert, fällt in Scharen über die bereits abgeernteten Felder her, um die kärglichen Reste zusammenzuklauben. Er stoppelt im Erdreich verbliebene Kartoffeln und sammelt mit den bloßen Händen Ähre für Ähre, die danach mühsam zu Graupen und Mehl verarbeitet werden. Oder er sucht in Wäldern nach Himbeeren, Bucheckern und Kastanien, aus denen er Säfte, Öle und Fett herstellt.

Und die Lage scheint sich zuzuspitzen. Im ehemaligen KZ Dachau, in dem nun in qualvoller Enge Vertriebene aus dem Sudetenland Quartier bezogen haben, kommt es fast zur Revolte. An den überbevölkerten Küsten Schleswig-Holsteins drohen Zigtausende Flüchtlinge damit, ihre Trecks wieder aufzurüsten, um in weniger beengte Provinzen umzusiedeln.

Passé der von Washington und London eigentlich verfolgte Grundsatz »Make the Germans do it«, nach dem die Deutschen innerhalb eines gewissen Bedingungsrahmens ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen sollen. Der US-General Lucius D. Clay - der später die legendäre Luftbrücke nach Berlin befehligen wird - erinnert die einbestellten Regierungschefs der Länder energisch an seine Sanktionsmöglichkeiten.

Wer die Neuankömmlinge diskriminiere und sich weigere, sie zu unterstützen, poltert Clay, habe »empfindliche Strafen« zu gewärtigen. Weil die im Regelfall mit Eingesessenen besetzten Verwaltungsinstanzen häufig weit weniger tun, als dringend geboten wäre, verschärfen die Alliierten ihre ohnedies schon rigiden Methoden, die Flüchtlinge notfalls unter Einsatz von Militärpolizisten und GIs unterzubringen. Das Kontrollratsgesetz »Nr. 18« regelt fortan die Wohnraum-Zwangsbewirtschaftung.

Der sich in der »Flüchtlingsfrage« anbahnende Konflikt fußt vor allem auf einer unausgesprochenen, alle Integrationsbemühungen unterlaufenden Übereinkunft: In den ersten Nachkriegsjahren erweisen sich nicht nur die Träume der Vertriebenen auf rasche Rückkehr in die Heimat als kontraproduktiv - das Gros der Einheimischen baut kaum minder sehnsüchtig darauf, dass die ungebetenen Brüder und Schwestern bald wieder verschwinden.

Wie sehr dieser beiderseits fromme Selbstbetrug das Verschmelzungskonzept behindert, erkennt als einer der Ersten der im französisch besetzten Gebiet Württembergs

und Hohenzollerns arbeitende Landeskommissar für das Flüchtlingswesen, Theodor Eschenburg. Nur die volle Eingliederung der Deportierten, mahnt er bereits im Dezember 1945, könne eine Katastrophe auch der »eigenen Bevölkerung« vermeiden.

Statt die Ausgewiesenen zum »ambulanten Armenvolk« zu degradieren, wirbt der Jurist um deren rechtliche Gleichstellung. Im Gegenzug werden aber auch die Vertriebenen aufgefordert, den Schulterschluss zu suchen und insbesondere die Mentalität der »ehrlichen, verschlossenen und sparsamen« Einheimischen zu achten.

Auszug aus einem »Merkblatt«, das sich an alle Betroffenen wendet:

Dem Verträglichen, dem Arbeits- und Aufbauwilligen werden wir helfen, wo immer wir mit unseren bescheidenen Mitteln es können. Den Tüchtigen, der in der Selbsthilfe die erste und wichtigste Voraussetzung einer neuen Existenz sieht, werden wir fördern, dem Streitsüchtigen, ewig Unzufriedenen und Arbeitsscheuen werden wir einen Platz in einem Lager einräumen ...

Starke und etwas paternalistisch klingende Worte, die aber angesichts der prekären Situation wohl verständlich sind: In den westlichen Zonen drängen sich nach der zweiten Aussiedlerwelle 1946/47 pro Quadratkilometer über 200 Menschen, die zumindest in den größten Verdichtungsgebieten die angestammte Ordnung ins Wanken bringen. Da ist es kaum verwunderlich, dass die Neubürger vielfach als Störenfriede und Fremdlinge empfunden werden.

Hatte nicht schon Hitlers Chefpropagandist Joseph Goebbels, als sich die ersten

Trecks ankündigten, seinen Gehässigkeiten freien Lauf gelassen? »Was da unter der Marke deutsch in das Reich hineinströmt«, schrieb er aller Germanentümelei zum Trotz ungeniert in sein Tagebuch, »ist nicht gerade erheiternd.«

Und nun wird den Eingesessenen zugemutet, mit diesen Outcasts die Wohnstuben und Schlafzimmer zu teilen - und mehr: Allein schon ihrer erdrückenden Vielzahl wegen machen sich die häufig als »Ostgoten« verschmähten Kostgänger auch sonst auf unangenehme Weise breit. Kommunalwahlen bescheren ihren parteilosen Kandidaten in Kleinstädten und Dörfern, die sich durch den gewaltigen Zuwachs fast verdoppelt haben, zuweilen sogar das Amt des Bürgermeisters.

Der weitverbreitete Unwille, abgeben zu müssen, ist es nicht allein, was die Bauern im Harz oder in Hessen manchmal so in Rage bringt, dass sie zur Mistgabel greifen oder mit ihren Hunden drohen. Stärker noch wiegt die Furcht vor dem Fremden an sich. Die Westmenschen fühlen sich von den »Rucksack-Deutschen«, die in Rudeln ihre Felder belagern, regelrecht überschwemmt. »Polacken« werden die geschimpft oder verächtlich mit einer damals grassierenden Plage, den Kartoffelkäfern, verglichen.

Aber dann tritt ja ein Mann namens Ludwig Erhard auf den Plan. Der beschert seinen Landsleuten im Juni 1948 die Währungsreform - ein epochales Ereignis, das zunächst einmal mit der Aushändigung eines für alle gleichen Kopfgelds in Höhe von 40 D-Mark beginnt.

Wie sehr die Einführung der freien und einer gewissen Sozialbindung unterworfenen Marktwirtschaft die Besitzer von Sachwerten begünstigt, stellt sich erst später heraus. Zu Anfang verströmt das neue System einen Hauch von klassenloser Gesellschaft - und reduziert aus der Sicht der Flüchtlinge das Gefälle gegenüber den Einheimischen.

Dass Not und Elend danach merklich gelindert werden können, liegt aber vor allem auch an der abrupt sich verändernden geopolitischen Konstellation. Der Kreml hat einer Reihe osteuropäischer Staaten totalitäre Regime aufgezwungen - für die westlichen Alliierten der entscheidende Anlass, alle mit den Sowjets getroffenen Vereinbarungen zu überdenken.

Unter den ehemaligen Kombattanten herrscht nun »Kalter Krieg«, und der »Eiserne Vorhang«, der die beiden Blöcke trennt, spannt sich quer durch Deutschland. Da empfiehlt es sich, den 1949 zur Bundesrepublik gebündelten Westzonen ein weitaus größeres Gewicht beizumessen als ursprünglich beabsichtigt.

Die anfangs von ihrem Finanzminister Henry Morgenthau verfolgte absurde Idee, das zerschlagene Nazi-Imperium in ein willfähriges Agrarland umzuwandeln, haben die USA eh gleich begraben - doch im

Lichte der sich abzeichnenden Bipolarität der Welt lockern sie noch einmal den Griff. Washington startet seinen Marshall-Plan, ein europäisches Revitalisierungsprogramm, von dem insbesondere die Bonner Republik und die in ihr lebenden Vertriebenen profitieren.

Deren politische Ziele - vorweg das immer wieder beschworene »Recht auf Heimat« - zählen zwar weiterhin nicht gerade zu den Herzensangelegenheiten der westlichen Alliierten, aber sie lassen sie gewähren. Inbrünstige Sonntagsreden gelten danach kaum noch als Anstiftung zum Aufruhr, sondern passen durchaus ins Frontstaat-Klima.

Die von kommunistischen Staaten geschädigten und deshalb verlässlichen Antikommunisten, schreibt der Historiker Hans Lemberg, lagen nach Ausbruch des Kalten Kriegs weltanschaulich sozusagen »richtig« und ließen sich sogar »mit Gewinn funktionalisieren«.

Eine sicher zutreffende Analyse: Seit Gründung der Bundesrepublik stehen die Flüchtlinge mehrheitlich auf der von der Union repräsentierten Seite, die die »deutsche Frage« über strikte Westbindung zu lösen verspricht. Den größten Nutzen zieht daraus Konrad Adenauer, der als erster und einziger Kanzler 1957 nicht zuletzt mit ihrer Hilfe die Alleinherrschaft erreicht.

Denn viel mehr, als auf langen Atem zu setzen und die freie Welt dabei um Bündnispartnerschaft zu ersuchen, haben die nach Aufhebung des Koalitionsverbots geschäftigen Landsmannschaften auch nicht zu bieten. Die immerhin fast vier Millionen Mitglieder umfassenden Vertriebenen-Organisationen bekennen sich in einer Charta ausdrücklich zum Gewaltverzicht.

Natürlich gibt es unter dem Führungspersonal Scharfmacher mit dunkler Vergangenheit, die in Hinterzimmern oder auf Marktplätzen lauthals hinausposaunte Rollback-Phantasien entwickeln. Doch den »Revanchisten« und »Ewiggestrigen« - wie sie ab Mitte der Sechziger genannt werden, als sie wütend die von Willy Brandt forcierte Entspannungspolitik bekämpfen - fehlt bereits in der Gründerphase der Republik die Basis.

Stattdessen halten sich Pathos und lebensnotwendiger Pragmatismus in der aufgewühlten

frühen Nachkriegszeit durchaus die Waage. Ein »Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten« bringt es bei der Bundestagswahl 1953 zwar auf Anhieb im Schlepptau Adenauers zur Regierungspartei, aber vier Jahre später ist er fast schon vergessen.

Die Neubürger üben sich in eine Art Doppelexistenz ein. Nur abends im privaten Kreis oder an Wochenenden auf den Versammlungen der Flüchtlingsvereine tauchen vor allem die älteren Jahrgänge in ihre schmerzlich vermisste Welt ab.

»Wenn in stiller Stunde ... Träume mich umwehn ... », singen da im Sauerland untergekommene Stettiner und Kolberger mit Hingabe ihr Pommernlied, oder Königsberger und Allensteiner, die es an den Dollart verschlagen hat, lesen sich wechselseitig aus dem periodisch erscheinenden »Ostpreußen-Blatt« vor. Der Erinnerungskult blüht - aber im grauen Alltag schicken sich dann die meisten zunehmend ins Unvermeidliche.

Die Ethnologin Libuse Volbrachtová zeigt in einer einfühlsamen Betrachtung auf, wie Menschen, die plötzlich aus den ihnen vertrauten sozialen Bindungen gerissen worden sind, eine gespaltene Identität entwickeln. Die versuchten sich nun, notiert sie, in »zweierlei Heimat« einzurichten: Die eine stehe »fürs Herz, die andere fürs Leben«.

Doch danach wartet ja noch die nächste schwere Etappe. Bis zum Herbst 1949 krankt die ohnehin schon enorm belastete Bundesrepublik an einer in der Sprache der Behörden so genannten »Fehlverteilung« der Vertriebenen. Dieses Manko wird von da ab mühsam korrigiert - was zur Folge hat, dass Hunderttausende abermals ihre Sachen packen.

Denn die Trecks aus Ostpreußen und Pommern sind zunächst einmal größtenteils auf dem möglichst direktesten Weg an die norddeutschen Küsten und nach Niedersachsen vorgestoßen, jene aus Schlesien und dem Sudetenland hauptsächlich nach Bayern. In Schleswig-Holstein etwa hat das zu einer Bevölkerungsexplosion von mehr als 60 Prozent geführt.

Nordrhein-Westfalen und in Sonderheit die französische Zone im Südwesten Deutschlands bleiben dagegen weitgehend verschont. Die dritte westliche Siegermacht ist auf der Potsdamer Konferenz nicht vertreten gewesen und hat sich lange Zeit hartnäckig geweigert, die Lösung der Flüchtlingsfrage auch für sich als verpflichtend anzuerkennen.

Auf Druck der Amerikaner und Briten gibt Paris dem innerdeutschen Umsiedlungsprogramm nun seinen Segen - und so rollen vier Jahre nach dem Untergang der NS-Diktatur wieder mit Menschen und Mobiliar vollgepfropfte Züge durchs Land, die oft Tage auf den Gleisen stehen. Und wieder müssen Notaufnahmelager bereitgestellt werden, um den Vertriebenen eine halbwegs erträgliche Unterkunft anbieten zu können.

Dieser zweite lange Marsch aus den überfüllten Erstaufnahme-Provinzen dient vor allem der Suche nach einem Job, die sich in vielen Fällen als äußerst schwierig erweist. Immerhin stellen die Flüchtlinge im April 1949 bei einem Anteil von 16 Prozent an der Gesamtbevölkerung 40 Prozent der Erwerbslosen.

Die Deutschen stecken noch tief in der Krise - aber das Land befindet sich offenkundig auch am Scheideweg. Schon wenige Jahre später melden die Arbeitsämter praktisch Vollbeschäftigung.

Und die Welt fängt an zu staunen. Nach der mörderischen Materialschlacht im Krieg hatten die Chefs der Provinzial- und Länderverwaltungen im britischen Sektor Trizonesiens konsterniert das Schlimmste in ihrer Region für möglich gehalten: Der Erbfolgestaat der Nationalsozialisten, so die Expertise, sei »nahezu auf die Anfangszeiten der Industrialisierung zurückgeworfen« worden und deshalb bestenfalls in mehreren Generationen reparierbar.

Stattdessen kommen, kaum eine Dekade danach, bereits die ersten Gastarbeiter aus Italien - und die Vertriebenen haben ihren Anteil an diesem Aufschwung.

Die Bonner Regierung feiert in ihrem Bericht von 1982 den hochkomplexen Eingliederungsprozess der zwölf Millionen als einen »Vorgang ohne Beispiel«. Dass die Bevölkerung aus Ost und West dabei letztlich eine bemerkenswert funktionierende Solidargemeinschaft gebildet hat, ist für den ehemaligen Innenstaatssekretär Siegfried Fröhlich in der Nachkriegsgeschichte »das eigentliche Wunder«.

Wie sehr vor allem der Freistaat Bayern den Umbau vom rückständigen Agrarland zu einer der leistungsstärksten Regionen seiner gezielten »Durchmischung« verdankt, bestätigen sogar die Einheimischen. Die Sudetendeutschen mit ihrer »importierten Industrialisierung« (so der Historiker Erik Franzen) werden mittlerweile als »vierter Stamm« anerkannt.

Und in abgestufter Form gilt das ab Mitte der Fünfziger auch für die meisten anderen Provinzen. Allerorten findet da ein Umbruch ungeahnten Ausmaßes statt, der sich nicht allein in Mark und Pfennig berechnen lässt. In der Weimarer Republik sind die Deutschen noch weitgehend in Klassen erstarrt gewesen - nun nimmt in einer erzwungenermaßen zusammengewürfelten Gesellschaft Schritt für Schritt der »Bundesbürger« Gestalt an.

Der kann die Unterschiede zwar nicht aus der Welt schaffen, aber ob er aus Detmold oder Danzig kommt, ist im Lauf der Zeit nicht mehr so wichtig. Die Migranten tragen zur Nivellierung und Öffnung bei und erhöhen, selbst wenn sie in ihrer Mobilität anfangs nur der Not gehorchen, die Risikobereitschaft und Beweglichkeit auch der eingesessenen Landsleute.

Eine Entwicklung, die umso erstaunlicher ist, als nach dem Zusammenbruch nichts mehr Bestand hatte, sondern alles »in Bewegung geraten war, Menschen, Güter, Vorstellungen, Werte«, wie die Autorin Elisabeth Pfeil in ihrer sozialpsychologischen Studie »Der Flüchtling« schreibt. Auf freiwilliger Basis und im Gefolge mehrerer Umsiedlungsverordnungen verlagert innerhalb der Bundesrepublik zwischen 1949 und 1960 nahezu jeder Neubürger seinen Wohnsitz ein zweites Mal.

Die um ihre Heimat gebrachten Ostpreußen oder Schlesier zeigen sich in der großen Mehrheit vorbildlich flexibel - und das ist nicht zuletzt auch ein Verdienst ihrer Funktionäre.

Denn jenseits der schrillen Töne seiner Hardliner wirken der Bund der Vertriebenen und die ihm angegliederten Landsmannschaften gleichzeitig befriedend. Die zuweilen rabiaten Resolutionen können kaum darüber hinwegtäuschen, dass sie die illusionären Hoffnungen auf Heimkehr ihrer Mitglieder peu à peu herunterschrauben - bis die irgendwann leise sterben.

Aber jene, denen das Schicksal weniger Bürden auferlegte, unterstützen die Flüchtlinge auch. Eine Vermögensabgabe, die fast drei Jahrzehnte lang den Eigentümern von Grundstücken, Häusern oder anderen festen Werten abverlangt wird, schafft die Basis für ein im September 1952 in Kraft tretendes Lastenausgleichsgesetz. Sozialwissenschaftler loben den gewaltigen Maßnahmenkatalog unter dem Kürzel LAG, der im Wesentlichen die materiellen Schäden zu regulieren sucht, noch heute als »einzigartig«. Bis 1981 werden von den rund siebeneinhalb Millionen Anträgen überschlägig 75 Prozent positiv beschieden.

In den Hoch-Zeiten der eigens auf Vertriebenenprobleme spezialisierten Bürokratie gibt es in der Bundesrepublik 598 Ausgleichsämter, die 25 000 Sachbearbeiter eingestellt haben. Die bewilligen etwa für Hausratsentschädigung, Kriegsschadensrente und Unterhaltshilfe annähernd 125 Milliarden Mark. Beinahe 45 Prozent davon zahlen die Westdeutschen, die ihren Besitz ungeschmälert über die Währungsreform retten konnten.

Noch stärker legt sich der junge Bonner Staat ins Zeug, um die bis weit in die fünfziger Jahre hinein katastrophale Wohnungsnot zu lindern und den Neubürgern den Auszug aus Baracken und Massenquartieren zu ermöglichen: Einschließlich der Modernisierung von Altbauten halten die öffentlichen Hände bis Anfang der Achtziger unter anderem an Darlehen, Steuererleichterungen und Sparprämien 200 Milliarden Mark bereit.

Zunächst einmal wird dieser Solidarpakt dadurch erleichtert, dass die Vereinigten Staaten mit Beginn der Ost-West-Konfrontation den einstigen Feind nach Kräften päppeln. Gegen ihren Willen wäre etwa das bereits im Jahr 1949 gültige Soforthilfegesetz kaum zu realisieren gewesen. Aus den Töpfen des LAG-Vorläufers fließen den Flüchtlingen die ersten sechs Milliarden zu.

Doch noch wichtiger dafür, was dann in den nachfolgenden Jahrzehnten als rundum gelungene Integration gepriesen wird, ist der überall riesige Nachholbedarf. Scheinbar absurd, aber in der Rückschau plausibel: Hätte es im maroden Westen weniger Probleme gegeben, die Vertriebenen jenseits von Oder und Neiße wären wohl sehr viel länger Bürger zweiter Klasse geblieben.

So aber schaffen die Verhältnisse Arbeit in Hülle und Fülle - und angesichts dieser Lage eint die Menschen das trotz aller Schwierigkeiten äußerst befriedigende Gefühl, dass sie dringend gebraucht werden. Die Flüchtlinge nutzen die Chance, indem die meisten eine bemerkenswerte Anpassungsleistung erbringen.

Die Hauptlast im täglichen Überlebenskampf tragen die zahllosen Mütter, deren Männer im Krieg fielen oder oft Jahre in Gefangenschaft bleiben. Diese Frauen sind nun alles in einer Person: Ernährer und Alleinerzieher - und im Notfall, wann immer sich die Kinder nächtens mit traumatischen Fluchterlebnissen quälen, die einzigen Seelentröster.

Andererseits überbrücken gerade die Jugendlichen als Erste die Gräben. Sie beherrschen leichter als ihre Eltern oder Großeltern die Kunst, durch Anverwandlung Anerkennung zu erwerben. Junge Sudetendeutsche sprechen rasch Fränkisch, ihre Altersgenossen aus Pommern übernehmen den friesischen Dialekt. Sich möglichst

unauffällig zu verhalten, ist der Schlüssel zum wechselseitigen Verständnis, denn noch lange dominieren Neid und Missgunst. Die Vertriebenen hadern mit ihrem Schicksal, von den Kriegsfolgen besonders hart getroffen zu sein; die Hiesigen empfinden die »Hereingeschneiten« - die in Schleswig-Holstein bezeichnenderweise »Quietscher« heißen - häufig als Aufschneider. Protzen die nicht vor allem deshalb mit angeblich verlorenen Rittergütern, um im Lastenausgleich hohe Summen einzustreichen?

Erschwerend hinzu kommen die vielfältigen Differenzen, die in der unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Struktur wurzeln. Der Professor aus Breslau landet im abgeschiedenen Odenwald - oder die Familie aus dem ländlichen Masuren in einem der Industriezentren Nordrhein-Westfalens. Katholiken leben gedemütigt in ausgeprägt evangelischen Regionen, Protestanten in katholischen.

Zwei Drittel der vorher selbständigen Flüchtlinge müssen sich in einem neuen Erwerbszweig zurechtfinden, und die Zahl der in ihrer alten Heimat lohnabhängigen Bevölkerung verdoppelt sich. Wer als Bauer Grund und Boden besaß, kann sich in der Regel nur als Landarbeiter verdingen. Der Herr wird zum Knecht.

Doch die »Übervorteilten und Entrechteten«, wie sie sich gern nennen, erweisen sich als lernfähig. Bereits 1950 etablieren sich in der Bundesrepublik 5000 industrielle Flüchtlingsbetriebe mit insgesamt 200 000 Beschäftigten. Was immer auch sonst verdrängt werden mag: Der massive Zuwachs an Hungerleidern und Habenichtsen erzwingt in erster Linie ökonomische Innovationen - und erweitert nebenbei den Horizont.

Das Projekt Neugablonz ist dafür das augenfälligste Beispiel. »Kaufbeuren«, sagt die ausgesiedelte Rektorin Gertrud Hofmann, sei vor dem Zuzug ihrer Landsleute »eine verzopfte, leicht degenerierte Stadt gewesen, die in ihrem eigenen Sud kochte«. Und der Archivar Stefan Fischer bekräftigt diesen Eindruck: »Das war eine Frischzellenkur - entwicklungsgeschichtlich ein Jahrtausendereignis.«

Vielleicht schwingt da ein bisschen zu viel Lokalstolz mit, denn das »Denkmal« für die imponierende Aufbauleistung der umtriebigen Neubürger - wie es etwas bombastisch auf der Homepage der schwäbisch-sudetendeutschen Kommune heißt - hat in Wahrheit auch seine Kehrseite. Die zwangsweise Verschmelzung der beiden grundverschiedenen Milieus hinterlässt bis heute Spuren.

In Neugablonz werden schon in den frühen Fünfzigern die ersten Ehen einheimischer Männer mit Flüchtlingsmädchen geschlossen. Doch deshalb »ins Ghetto« zu ziehen käme einem gestandenen Alt-Kaufbeurer selbst nach sechs Jahrzehnten nicht in den Sinn. HANS-JOACHIM NOACK

Sie wurden aus ihrer Heimat weggejagt, sie flüchteten, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sahen: Die Deutschen im Osten des »Dritten Reichs« zahlten einen besonders hohen Preis für Hitlers Krieg. Nach der Kapitulation mussten sie in den vier Besatzungszonen fast alle bei null anfangen. Wie gelang es, Millionen Menschen zu integrieren? In einer Serie beschreiben SPIEGEL-Autoren und Historiker die Gründerjahre der beiden deutschen Staaten.

* 1956 in Wipperfürth. * 1954 im Flüchtlingslager Wagenried bei Dachau.

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