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TALKSHOWS Die glorreichen Fünf

In der ZDF-Sendung »Berlin Mitte« trafen zum ersten Mal alle Spitzenkandidaten für die Neuwahl des Abgeordnetenhauses aufeinander - das Grauen nahm seinen Lauf.
Von Reinhard Mohr
aus DER SPIEGEL 29/2001

Maybrit Illner, die sich allmählich zur besseren Sabine Christiansen zu entwickeln scheint, hatte es in ihrer ZDF-Sendung »Berlin Mitte« am vergangenen Donnerstagabend besonders schwer mit den Lümmeln von der ersten Talkshow-Bank.

Schüler Gysi von der PDS, der so gern mal Regierender Bürgermeister von Berlin wäre, schwätzte wiederholt unerlaubt mit Nachbar Rexrodt, der immerhin schon mal FDP-Wirtschaftsminister war - ein merkwürdig postkommunistischer Hauch herbmännlicher Annäherung lag in der krawallträchtigen Luft.

CDU-Pennäler und Spitzenkandidat Frank Steffel aus Reinickendorf dagegen, der zum festlichen Anlass seine Teppichtolle im Haupthaar besonders hoch aufgefönt hatte, attackierte Gysi, die schwer sensible Primadonna des innerstädtischen Brückenbaus (Ost/West), mit der Rhetorik des mittleren Gerhard Löwenthal: eine verbale Selbstschussanlage gegen Heuchelei, Stacheldraht und Mauersozialismus.

Sibyll Klotz, Klassenbeste der Grünen, mühte sich angesichts der Übermacht männlicher Streitkräfte redlich, hier und da eine präzis angespitzte Papierschwalbe abzufeuern, um Frank oder Gregor zu ärgern.

Allein der blasse »Wowi«, interimistisch Regierender SPD-Bürgermeister, hatte Probleme mit der Trash-Atmosphäre im randalierenden Klassenzimmer. Minutenlang saß Klaus Wowereit ganz still da, und nur böse Zungen könnten bemerken, das sei auch ganz gut so gewesen. Nur einmal wurde Wowi richtig fies - als er dem Morgenluft witternden Günter »Hexy Rexy« Rexrodt indirekt sein nicht mehr ganz jugendliches Alter vorhielt: von wegen der grundlegenden Erneuerung Berlins.

Die Muppetshow von Berlin-Mitte, medial spektakulärer Wahlkampfauftakt, gewährte gleichwohl wertvolle Einsichten. So scheint die ideologische Aufrüstung und emotionale Erhitzung der politischen Debatte vor allem ein Reflex auf die Tatsache zu sein, dass sich die kämpfenden Parteien substanziell immer weniger voneinander unterscheiden. Die großkalibrigen Wortkanonen, die all die scharfen Geschosse namens »Kommunismus«, »Spaltung«, »Verrat« und »Kalter Krieg« unter lautem Getöse ausspucken, produzieren nur den Pulverdampf, hinter dem die gemeinsame Ratlosigkeit und der gemeinsame, aus der Not geborene Pragmatismus besser verborgen werden kann.

Dabei wird die spezifische Aura der dramatischen Geschichte Berlins im 20. Jahrhundert zum Bühnenhintergrund einer eher vordergründigen Auseinandersetzung - frei nach dem Satz von Barbara Tuchman: »Zeitgeschichte ist Geschichte, die noch qualmt.« Da mag CDU-Mann Steffel Gregor Gysi »Scheinheiligkeit« und den Rückfall in die sozialistische Planwirtschaft vorhalten, er mag Klaus Wowereit als Liebhaber von Graffiti-Schmierereien, Drogenfreigabe und Verkehrsstau brandmarken - am Ende erscheint alles wie ein schales Nullsummenspiel, bei dem die »Sache« selbst im Nebel verschwindet: im Nebel diffuser Wortschwaden, die wie Untote aus dem Reich der pseudopolitischen Talkshow-Semantik wirken.

Ob »Strukturreform« oder »innere Einheit«, ob »Zukunftsfähigkeit« oder »Mentalitätswechsel«, »Dialog« oder »Aufbruch« - die Bausteine aus dem Argumentationssetzkasten sind nahezu austauschbar geworden. Umso wichtiger sind die inszenatorischen Fähigkeiten, ihnen eine Art authen-

tische Ur-Plausibilität zu verleihen, sie so zu vernetzen, dass sie wie ein durchdachtes Konzept oder gar eine »Vision«, wenn auch nur als Television, daherkommen.

In diesem Fach ist PDS-Star Gysi unbestrittener Meister. Die Talkshow in ihrer Mischung aus Pseudo-Intimität und medialer Massenwirkung ist sein ideales Terrain, und wer den allzeit geschmeidigen Sprecher für soziale Gerechtigkeit, Haushaltssanierung und menschlichen Brückenschlag aufmerksam verfolgt, kann bald die immer wiederkehrenden Textbausteine seiner magischen Überzeugungskraft auswendig aufsagen. Sie funktioniert wie eine Art innerer Teleprompter: Klarheit und Wahrheit live von der Endlosrolle.

Warum Gysi an diesem Abend im Zollernhof Unter den Linden so entnervt, angespannt und ungehalten wirkte wie selten, so dass er mehrfach die Moderatorin Illner ganz uncharmant anblaffte und am Ende gar wutschnaubend sein Mikrofon zur Seite schleuderte, hatte schließlich doch noch einen ganz einfachen, einen wirklich politischen Grund: Immer und immer wieder hatten die Kontrahenten auf die offenkundige Diskrepanz zwischen Gysi ("Ich komme gerade aus Rom") und seiner Partei hingewiesen, zwischen dem politischen Alleinunterhalter der Spaßgesellschaft und dem poststalinistischen Unterbau seiner Ost-PDS, die zu zwei Dritteln aus über 60-jährigen Ex-SED-Mitgliedern besteht.

Mag sein, dass Gysi in solchen Augenblicken ahnt, am Ende womöglich doch noch in die Falle der ganz real existierenden Geschichte zu geraten. Das weißweingetränkte Beisammensein danach im schicken Zollernhof hielt aber noch eine wunderbare Volte bereit. Während Klaus Wowereit mit Günter Rexrodt über eine gemeinsame Zukunft parlierte - »Sie kriegen 18 Prozent und ich 32« -, ging Gysi tapfer auf Steffel ("Die PDS ist Gift für die Stadt") zu, der ihm zunächst noch mit verschränkten Armen gegenüberstand. Dann wich die Spannung. Über eine Stunde lang redeten die beiden wie Freunde miteinander - über die Schwierigkeiten des freien Unternehmertums, über Arbeitsmoral in Ost und West und die rätselhafte erotische Anziehungskraft der Edelkommunistin Sahra Wagenknecht. Ein Hauch von Feuerzangenbowle. Fast wie im richtigen Leben. Dann gingen die Lümmel nach Hause. REINHARD MOHR

* Mit Sibyll Klotz, Frank Steffel, Moderatorin Illner, KlausWowereit, Gregor Gysi, Günter Rexrodt.

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