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RELIGION / FATHER DIVINE Die Gott-AG.

aus DER SPIEGEL 12/1954

Es geschieht an jedem Sonntagabend in einem Haus an der 128. Straße in Harlem, dem Negerviertel von New York. Die große Halle ist zum Bersten gefüllt von fröhlich schmausenden Menschen, und auch in den Gängen sitzt es auf allen Bänken, drängt sich selbst im Treppenhaus, Frauen meist, mit dunkler Haut und jener stattlichen Wohlbeleibtheit, wie sie älteren Negerinnen eigen zu sein pflegt. Festliche Stimmung liegt in der Luft, denn »Gott« ist gegenwärtig.

Er sitzt oben in seinem Büro und läßt seine Sekretärin durch den Lautsprecher die Gläubigen aufrufen, die ihn sprechen wollen: »Süße Liebe«, »Daniel in der Löwengrube«, »Himmlischer Schatz« ... Die Besitzer dieser schönen Namen stehen vom Tisch auf, verlassen das Kommunionsmahl, das aus Fisch mit Mayonnaise, Schinken mit Salat und Roastbeef mit Bratkartoffeln besteht.

Das Ganze sieht wie eine Hochzeit aus, bei der schon die Hälfte der Gäste betrunken ist. Dabei gelangen weder Wein noch Bier auf den Tisch. Es scheint, als ob der Klang der Zithern und das Gebimmel des Schlagzeugs allein von berauschender Wirkung sind.

Endlich - zu vorgerückter Stunde - erscheint »ER«. Er nimmt Platz auf einem Podium über der Versammlung, umrahmt von den bunt uniformierten Mädchen des »Rosenknospen-Chors« und einer Gruppe »Heiliger Jungfrauen«, die ihre Echtheit durch ein großes »V« (Virgin) auf den Uniformen bezeugen. »ER« ist ein Neger und nennt sich »Father Divine« - »göttlicher Vater«; mindestens zwei Millionen Menschen glauben an ihn.

Und nun springt plötzlich ein junges Mädchen mitten unter den Schmausenden auf. Mit spannung-geladener Stimme fängt sie an zu reden - zunächst flüsternd, später laut jubelnd: »Wir sind im Himmel, sind im Himmel ... Vater, du bist so herrlich. Vater, du hast uns gesagt, daß der Himmel kein Ort jenseits der Wolken ist, wie andere sagen. Der Himmel ist unter

uns. Er ist ein Geisteszustand. Du hast uns erlöst...«

»Das ist wahr, Herr; das ist wahr!« hallt die Menge wider.

»Vater«, schwärmt das Mädchen weiter, »du bist wunderbar. Alle die schändlichen Unterschiede zwischen den Rassen und Glaubenslehren, du hast sie überwunden. Du bist groß. Deine Bewegung umfaßt den jüdischen und den christlichen Glauben und alle Religionen der Welt.«

»Das ist wahr, Herr; das ist wahr!« echot es brünstig.

Das junge Mädchen kann nicht mehr an sich halten. Wie besessen rennt sie zwischen den Tischen auf und ab. Ihre Stimme wird heiser, und ab und zu rüttelt ein glückseliges Lachen ihren Körper und die Menge der Gläubigen.

Das Mädchen beginnt zu tanzen. Ihre Füße klopfen den Boden. Es ist eine Art von Samba. Das ist ansteckend. Der Saal ist ein wirbelndes Chaos jubelnder und tanzender Leiber. Plötzlich wirft sich eine Frau zurück. Sie breitet die Arme aus, ihr Leib zuckt, aus ihrem Munde dringen Wonnelaute. »Gott« stöhnt sie, »Gott.«

In einer Saal-Ecke ist inzwischen ein neues Motiv der Massen-Hysterie entstanden. Es beginnt mit rhythmischen Körperbewegungen, die durch Klatschen unterstrichen werden. Es greift um sich wie ein Steppenbrand. Plötzlich schwebt eine gellende Stimme in dem vom Geruch des Essens und den Ausdünstungen der Körper erfüllten Raum. Die Hunderte fallen ein:

»Dich anzusehen, nur um dich anzusehen, Möchte ich im Himmel sein zehntausend Jahr, Um dein Lächeln zu sehen, dies himmlische Lächeln, Möchte ich im Himmel sein zehntausend Jahr. Um deinen Fuß tanzen zu sehen, deinen himmlischen Fuß, Möchte ich im Himmel sein zehntausend Jahr, Nur um zu sehen deinen himmlischen Fuß.«

Der Mann, den seine Gläubigen »zehntausend Jahr ansehen möchten«, thront derweile mit einem väterlich-biedermännischen Gesicht auf seinem Sessel. Das, was seine Anbeter für ein »himmlisches Lächeln« halten, sieht in den Augen eines normalen Betrachters eher aus wie ein verrutschter Schokoladen-Pudding. »Father Divine« ist 1,55 Meter kurz und untersetzt. Sein dunkler Glatzkopf scheint direkt auf den Schultern zu sitzen. Wenn Father sich zu Fuß fortbewegt, wirkt er durch seine kurzbeinig-selbstbewußte Mussolini-Gangart umwerfend komisch. Ein Wesen, das

noch weniger Ähnlichkeit mit einem himmlischen Geschöpf hat, ist undenkbar.

Father Divine hat seine körperlichen Defekte in seelische Vorzüge verwandelt. Er fragt rhetorisch: »Warum kommt Gott in der Gestalt des unbedeutendsten, ungebildetsten, ärmsten und niedrigsten Menschenkindes? Er kommt als Ausgestoßener unter die Ausgestoßenen, damit er sie zu erhöhen und ihnen die Erhabenheit des Mächtigen und Erlösten zu bringen vermag. Seht ihr das Geheimnis?«

»Wie wahr, Herr, wie wahr!« ruft die Versammlung, »wie wahr, teurer Vater!«

Der Kult des alten Negers hat sich in den vergangenen 25 Jahren aus niederen Anfängen zu einer amerikanischen Institution entwickelt, der soziale und politische Bedeutung zukommt. Seine Bewegung hat ein Millionenvermögen angesammelt. Seine Anhänger haben sich ihm. ihrem »Allmächtigen Gott«, unterworfen. Sie enthalten sich fleischlicher Gelüste, essen gut, opfern Father Divine und seiner Organisation ihre Kraft und ihre Bankkonten, sind stets zu jeder Wohltat bereit und veriieren nur selten ihre engel-gleiche Gelassenheit.

»Sie lieben, lieben, lieben mich so sehr«, sagt Father Divine. Sie lieben ihn nicht nur in den Vierteln der Farbigen. Tausende Weiße, unter ihnen reiche Witwen, Ärzte, Geschäftsleute, haben sich ihm angeschlossen. Selbst in Europa - auch in Deutschland - gibt es vereinzelte Divine-Gemeinden, wie »Neuer Tag«, Fathers Hausblatt, wiederholt meldet.

Alle Amerikaner kennen sein unbezahlbares Schlagwort, die Grußformel der Bewegung: »Peace - it''s wonderful« ("Friede - wie wundervoll"). Auch Präsident Eisenhower leiht sie sich zuweilen aus, wenn er die guten Absichten seiner Politik betont. »Um mit unserem teuren Father Divine zu reden«, pflegt Eisenhower das Zitat einzuleiten.

Father ist ein Medizinmann. Aber er ist ein Medizinmann im Zweireiher und auf eine Weise samt seinem Hokuspokus so zeitgemäß wie die Cadillac-Limousine, in der er umherfährt. Er ist ein Geisterbeschwörer in den Niederungen der Großstadt-Zivilisation, wo ungestillt und unerfüllt die tiefsten Nöte und Süchte der Entrechteten und Unbehausten kauern. Da niemand sonst sich ihrer annimmt, fliehen sie Erlösung suchend zu einem Scharlatan wie Father Divine und seinem Mummenschanz. Sein Kult ist ein bizarres Karussell der irrationalen Kräfte der Zeit.

Die Geschichte Father Divines und seines Kults ist eine grausig-groteske Persiflage des verborgensten Mysteriums der Menschenseele: des Entstehens der Religion. Jesus sprach zu Nikodemus: »Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.« Father beschreibt den Zeitpunkt des Einschlüpfens des »göttlichen Geistes« in seinen »fleischlichen Körper« so: »Eines Tages im Jahre 1900 wurde ich an der Ecke der Siebten Avenue und der 134. Straße in Harlem entzündet.«

Sein Leben vor der Erleuchtung versucht er geheimzuhalten. Nach seinen eigenen schwankenden Angaben ist er heute zwischen 70 und 90 Jahre alt, wahrscheinlich aber näher an 70. Er selbst betont immer wieder: »Ehe Abraham lebte, war ich schon.«

Als schlichter George Baker wurde er irgendwo in den Südstaaten geboren. Zusammen mit vielen Rassegenossen trampte er voll Hoffnung nach dem freien Norden. Er war nur einer der bitter Enttäuschten. Für zwei Mark pro Tag arbeitete er im Jahre 1899 als Gärtner in Baltimore. Sonntags half er als Laienprediger in der farbigen Baptistenkirche aus. Wieder war

er nur einer unter den Negern, die in der Bibel jene Stelle fanden, an der den Armen und Erniedrigten der Erde das Himmelreich versprochen wird, und die zu dem Schluß kamen, daß sie selbst damit gemeint sein mußten; sie erfüllten die Vorbedingungen weit besser als die weißen Herren.

Aber George Bakers Idee, er sei Gott in Person, stammt eigentlich nicht von ihm. Sam Morris, ein Wanderprediger, der Baker als Jünger aufnahm, proklamierte als erster: »Ich bin der ewige Vater«, und Baker wurde zum »Sohn« und »Boten Gottes« befördert. Im ersten Korintherbrief aber fand der Bote den Satz: »Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid?«

1912 erklärte George Baker, daß jeder, der diese biblische Ermahnung lese, mit diesem »ihr« gemeint sei. Folglich fühle er sich als gleichberechtigter Gott. Er sagte sich von Sam Morris los, zog als Seelenfänger durch den Süden, predigte an Straßenecken und sammelte eine kleine Anhängerschaft.

1914 stand er in Valdosta (Georgia) zum erstenmal als öffentliches Ärgernis vor Gericht. »Ich bin Gott«, hatte er einer Neger-Versammlung zugerufen, »ihr seid Gott. Werft euer Joch von euch!« (Damals sprach er die Göttlichkeit noch allen Negern zu.) Ein medizinischer Sachverständiger erklärte ihn für irre. Ein Zeuge klagte, seiner Frau brenne seit Bakers Erscheinen in der Stadt ständig das Essen an, weil sie in einem fort ausrufe: »Halleluja, Gott hat sich enthüllt«, und dabei jedes kulinarische Interesse verliere.

Es war nur der Anfang der Verheerung in Küchen und Schlafzimmern, die George Baker alias Gott anrichten sollte. Er

etablierte sich als »Father Divine« in New York zusammen mit Sister Penny, die er als seine »heilige Gemahlin« vorstellte, mit der ihn nur himmlische Reinheit, doch keine »irdische Fleischlichkeit« verbinde. Seine Worte fanden Glauben, denn Sister Penny war so häßlich, daß kein sterblicher Mann sie begehrt hätte.

In den Slums von Harlem mietete Father eine große Wohnung und nannte sie »Himmel«. In der Vorstellung der Harlem-Neger in den Notzeiten der zwanziger und dreißiger Jahre war der Himmel ein Ort, an dem es genug zu essen gibt. Und Divine gab allen, die da kamen, zu essen, reichlich und kostenlos. Damit hob er sich von den Gossen-Gesundbetern und Hinterhof-Aposteln ab, von denen Harlem wimmelt

*) Plakatinschrift: »Selbstkontrolle ist Geburtenkontrolle. Wer seinen eigenen Willen beherrscht, ist größer als der, welcher eine Stadt erobert.« und die ihren in Schmutz und Bedrängnis hausenden farbigen Brüdern den letzten Cent für ein »heiliges« Glücksamulett abknöpften, um sich selbst einen Teller Bohnensuppe kaufen zu können.

Ein alter Anhänger Father Divines erinnert sich: »Er gab uns eine gute Mahlzeit. Ich wußte, daß so etwas noch nie vorher in der ganzen Welt geschehen war. In der Welt, die ich kannte, haben die Kirchen den Hungernden nie etwas gegeben. Das öffnete mir die Augen.«

Zusammen mit Beefsteak und Röstkartoffeln fütterte Father Divine seine Gäste mit hausgeschlachteten Offenbarungen. In Scharen strömten ihm die hungernden, ausgestoßenen Harlemer zu. Denn er versprach: »Der Himmel ist kein jenseitiges, immaterielles Ding. Ich gebe euch Sicherheit und nehme euch eure Lasten.«

Alle ernsten Anhänger erhalten freie Kost und Wohnung in einem der heute zahlreichen und oft sehr komfortablen »Himmel«. Dafür stellen sie Father Divine ihre Arbeitskraft zur Verfügung.

Sobald er genug Kapital beisammen hatte, baute er sein eigenes Geschäftsunternehmen, die »Gott-AG.«, auf. Er kaufte Farmen, Webereien, Restaurants und Lebensmittelläden. Seine Organisation machte sich in ihrer Versorgung unabhängig. Zu »evangelischen Preisen« liefert er auch an die Außenwelt und macht den Privatunternehmen erfolgreich Konkurrenz. Die Spötter nennen das »Kettenladen-Religion«. In einem Divine-Laden oder -Restaurant wird man zu einem Drittel der üblichen Preise mit brüderlicher Liebe bedient.

Dennoch schlägt Father einen saftigen Profit aus seiner AG., den er geschickt in Immobilien anlegt. Es bleibt immer noch genug übrig für seine Cadillacs, Hunderte

von Maßanzügen, Seidenhemden und über ein Dutzend Luxuswohnungen, die für ihn in allen seinen »Himmeln« ständig für seine heilige Gegenwart bereit gehalten werden.

Niemand weiß, über wieviel Kapital er genau verfügt. Er kennt keine Buchhaltung; wenn er ein neues Großhotel kaufen will, kommen ein paar seiner Leute mit Koffern voller Banknoten angekeucht. Auf Bewachung wird bei solchen Transporten verzichtet. »Gott ist mit uns, denn Gott bezahlt die Rechnung«, erklären die Geldträger. Seit zwanzig Jahren versucht das Finanzamt, den Gott zu einer Steuererklärung zu zwingen. Vergeblich. »Ich besitze nichts, nicht einmal das Hemd auf meinem Leibe«, erklärt er entwaffnend. Kein Fahnder konnte ihm bisher das Gegenteil beweisen.

Der Divine-Gemeinde, die mitten in einer kapitalistischen Umgebung ihr urkommunistisches Stilleben führt, stehen nicht nur Steuerbeamte verdattert gegenüber. Denn was den Kult zusammenhält, ist viel vertrackter als die verteufeltste Ausbeutung und die gerissenste Steuerhinterziehung.

Die Tausende von Diviniten opfern nicht nur ihren Lohn, sondern lassen auch ihre Männer, Frauen, Eltern und Kinder im Stich. Sie erlegen sich auf Fathers Geheiß strikte sexuelle Abstinenz auf, und die meisten tun es - mitten im Zeitalter des Kinsey-Reports - mit allen Zeichen freudiger Erleichterung. Auch Ehegatten, die

sich der Bewegung gemeinsam anschließen, sind dem Verbot unterworfen.

»Vater« und »Mutter« gelten in Divines Himmel als »schmutzige« Ausdrücke. Wenn die Bewohner die Erwähnung ihrer leiblichen Herkunft nicht umgehen können, sprechen sie von »sogenannten Eltern« und Geschwistern. Sie haben ihre bürgerlichen Namen abgelegt und gebrauchen nur noch ihre Engelnamen: »Friedenstaube«, »Geduldsknospe«, »Rapide Integration« usw.

Fathers Motiv für seinen Anti-Sex-Bann ist nicht allzu schwer zu begreifen, zeigt aber seine schlauen und verschlungenen Gedankengänge. Viele Religionsväter haben festgestellt, daß Erotik die Sinne der Gläubigen leicht von der völligen Hingabe an den Gott ablenken kann, daß verbotene und verdrängte Sexualität dagegen in sublimierter Form die Anbetung des Idols kräftig fördert. Father Divine gelangte zu der gleichen Ansicht. Alle Sehnsüchte seiner Anhänger sollten sich auf ihn konzentrieren. »Es gibt nur eine Tatsache«, erklärte er, »mich.«

Die Erklärung, die er seinen Engeln für den Bann anbietet, ist so primitiv wie die meisten seiner Anhänger: »Wir brauchen uns nicht körperlich fortzupflanzen, denn wir sind unsterblich.« Fathers Anhänger glauben wirklich, daß sie niemals ins Grab fahren werden. Die holde Illusion hindert die Alten und Kranken freilich nicht daran, genau das zu tun, wenn ihre Zeit um ist. Alle Diviniten wissen es. Aber Father sagt: »Sie sterben nicht wie andere Menschen. Sie sterben, weil sie den Glauben verloren haben, weil sie abtrünnig geworden sind in ihren Herzen.« Heimlich werden die Leichen auch der Lieblinge Fathers aus den Himmeln abgefahren. Sie verschwinden, wie in Rußland Beria-Anhänger, und niemand spricht mehr von ihnen.

Damit schließt sich der Looping des Widersinns: Father, der Unsterbliche, wird zum Herrn über Leben und Tod. Er wird in der Vorstellung seiner Anhänger zum Allmächtigen. Er gibt in seinen Himmeln Sicherheit, Gnade und Anerkennung für den in seiner Anonymität gefangenen Massenmenschen. Aber er ist auch ein gewaltiger Rächer.

Wer gegen Father zu mucken wagt, wird von seinem unheilbringenden Fluch getroffen und unweigerlich vernichtet. Heute noch erzählen Diviniten atemlos von dem bösen Richter, der Father vor zwanzig

Jahren wegen öffentlicher Ruhestörung zu einem Monat Gefängnis verurteilte. Divine verfluchte ihn ausführlich. Vier Tage später fiel der Richter, ein Mann von bester Gesundheit, tot um.

Als man Father in Miami Beach das Baden verbot, verdammte er den Ort, und alsbald schwemmte das Meer soviel tote Fische ans Land, daß weithin die Luft verpestet war. Ein Lästerer namens Sufi, der ein Flugzeug kaufte, um »höher als Gott-Father« zu steigen, rammte sich selbst ungespitzt in die Erde.

Im Kriege verfluchte Father den Mikado, und siehe: Die Atombombe fiel auf Hiroschima.

Glaubt Father selbst daran? Wenn nicht, dann hat er selbst in diabolischer Absicht die vernichtende Zeitbombe in den Kult eingebaut. Er hat keinen Nachfolger benannt und kann es jetzt nicht mehr wagen. Wenn er stirbt, fliegt der Kult auf, und die naiven Seelen seiner Anhänger schwimmen an die Oberfläche der Wirklichkeit wie die toten Fische von Miami Beach.

Die Anhänger, die in Fathers Himmel fliehen, um ihr Leben auf seinen Quark zu gründen, sind das echte Rätsel des Kults. Warum unterwerfen sie sich seiner Kloster-Disziplin, warum zittern sie vor Glück und Furcht bei seinem Anblick?

Die Liste der Lebensläufe seiner Gläubigen ist ein Katalog des Elends und des Verbrechens. Der männliche Engel »Geduld« war ein Gangster, ehe er in den Himmel kam. »Süße Liebe« war eine Glücksspielerin, die ihren Sex-Appeal als Pfand benutzte. Mister »Entschlossenheit« handelte mit Rauschgift. Die »gute Wahrheit« war Zuhälterin ihrer eigenen Tochter. »Lieblicher Gedanke« brachte ihr uneheliches Kind um.

Aus dem Auswurf der Großstädte wurde in den Himmeln eine ergreifende Kollektion echter Tugend. Unter Fathers Einfluß haben sie sich den Gerichten gestellt, um für ihre Vergehen zu büßen. Sie haben Schulden bezahlt, die zwanzig Jahre zurücklagen. Sie haben eine Verwandlung in ewig lächelnde Wesen durchgemacht, denen Father half, den Schleim und Schmutz des Lebens abzuwaschen, und die heiter entschlossen sind, bis ans Ende ihrer unsterblichen Tage als Lämmlein »glücklich wie trällernde Klaviertasten am Ostermorgen« über ihres Gottes Auen zu hüpfen.

Typischer noch sind Engel, die nichts weiter getan haben, als die würdelose Ausgestoßenen-Existenz der Farbigen zu führen. Zu Hunderten kamen Frauen, die wie »Miß Gnade« zwanzigjährig mit vier Kindern dasaßen, von den Vätern verlassen. Männer waren für sie eine Heimsuchung, die sich süßholzraspelnd ihr Vergnügen erschwindelten, doch nicht fähig waren, eine Familie zu schützen und zu ernähren.

Negerinnen finden immer gutbezahlte Arbeit als Dienstbotinnen. Ihre Männer haben es viel schwerer. Die Frauen begreifen die wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht und schieben die Schuld den Männern zu. Es sind finstere soziale Verhältnisse, in denen auch ein Urtrieb erstickt.

Für diese Frauen bedeutet Fathers Anti-Sex-Bann keine Entbehrung, sondern eine Befreiung vom Placken und vom Kinderkriegen. Ihre »lausigen Männer« haben sie gegen das Beschützer-Ideal Father Divines eingetauscht.

Männer kommen zu Father, weil das Unvermögen, ihre Familien zu versorgen, sie in die Verzweiflung getrieben und ihnen sogar die sexuelle Lust verleidet hat. »Weiber?«, schnauft Engel »Daniel in der Löwengrube«, »dauernd hetzen sie, nur weil ich nicht eine so gute Stellung finden konnte wie andere.« Drei Frauen hintereinander hat er verlassen, weil er es nicht mehr aushalten konnte. »Ich habe keine Lust auf Frauen mehr«, mault »Mr. Jünger«, »es ist wundervoll, wundervoll.«

Obwohl das Keuschheitsgebot den Kult verklärte und intensivierte, ist es Dynamit, das Father schon häufig um die Ohren flog. Die Abtrünnigen seiner Bewegung verrieten ihn ausschließlich deshalb, weil sie nach Monaten himmlischer Verpflegung feststellten, daß man vielleicht doch etwas verpaßt, wenn man die Lust des Fleisches ignoriert.

Als die Diviniten Tom und Verinda sich auf die Vorteile eines geregelten Ehelebens besannen und die Bewegung verließen, verlangten sie von Father ihre Ersparnisse,

4476 Dollar, zurück, die sie ihm gespendet hatten. Sie machten ihm sogar den Prozeß. Father wurde verurteilt, das Geld zurückzuzahlen.

Father weigerte sich. Gefängnis drohte ihm. Trotzdem zahlte er nicht. Er zog vor, sein Hauptquartier von New York nach Philadelphia zu verlegen, wo die Gerichte New Yorks ihn nicht erreichen. Der Umzug kostete ein Vielfaches der umstrittenen Summe.

Seither kann Father nur noch an Sonntagen seine New-Yorker Engel besuchen. An Sonntagen nämlich können keine Gerichtsvorladungen präsentiert werden. Sowie der Montag graut, muß er seine alte Hauptstadt New York fluchtartig verlassen.

Macht und Ohnmacht Fathers spiegelt auch der bittere Fall der »treuen Marie«. Sie hatte die Gunst Fathers gewonnen und war unter den Engeln, die den Aftergott ständig umflatterten, an die erste Stelle gerückt.

Früher war sie seine Manhattan-Magdalena gewesen - und noch früher eine Dirne, die sich von Abfällen nähren mußte und der Tbc anheimgefallen war. Die unerwarteten Ehren stiegen ihr zu Kopf, und als Father ihren Stolz zu brechen suchte, fiel die Verruchte von ihm ab und lief zur Presse, die schon lange wissen wollte, wie es in den Hinterzimmern des Himmels wirklich zugeht. Die treulose Marie plauderte. »Gott? Er ein Gott?«, höhnte sie vor den Stenogrammblock-Pharisäern. »Ha! Er ist ein ganz gewöhnlicher Mann!«

Außergewöhnlich sei allein sein Triebleben. »In seiner Kammer«, erzählte sie, »im nächtlichen Dämmerlicht liegen die Engel in sexuellen Zuckungen. Sie entkleiden

sich und liegen nackt, während Father Divine mit seltsamen Bewegungen durch ihre Reihen schleicht. Unter der Macht seines Hypnotismus schreien sie hysterisch mit keuchender Brust, während seine Hände über jede Linie ihres Leibes gleiten. ''Dein Leib gehört Gott'', flüstert er, ''und jetzt bist du gesegnet, weil du deinen Leib Gott schenkst.'' Wenn er das Zimmer verläßt, sagen die Engel: ''Dank dir, Father'', und er antwortet: ''Es ist wundervoll''.«

Niemand hat je die Behauptungen der treulosen Marie bestätigt, noch jemand sie widerlegt. Nach einigen Monaten kehrte Marie reuig zurück. »Ich log«, schrie sie zerknirscht vor einer Versammlung. ..die Reporter machten mich betrunken.« Aber die Gnade war von ihr gewichen. Erneut entfloh die Unselige und endete in den Kloaken New Yorks.

Selbst wenn die Enthüllungen der treulosen Marie ein Sack voll Lügen sein sollten, zeigt ein Blick auf ein Divine-Bankett, daß sich verdrängte Sexualität in den Himmeln orgiastisch austobt.

Ein wahrer Hurrikan aber toste durch die Engelskammern, als Father am 27. August 1946 seine heimlich vollzogene Ehe mit der blonden Edna Rose Ritchings ("Süßer Engel") enthüllte. Es war ein teuflisches Gemisch von dogmatischer Empörung, Rassenhaß und Geschlechtsneid.

Die göttliche Unverfrorenheit dieser Tat hätten seine Getreuen noch verdauen können, wenn die Geschichte nicht eine peinliche Frage hätte auftauchen lassen: Was war mit Sister Penny, der ersten heiligen Gattin aus der Zeit der Wanderjahre, geschehen? Die alte Sister Penny war eine treue unaufdringliche Mitarbeiterin gewesen,

so unaufdringlich, daß es gar niemandem aufgefallen war, als sie eines Tages verschwand. Selbst ihre Ehe mit der personifizierten Unsterblichkeit hatte Sister Penny nicht davon abgehalten, im Jahre 1940 das Zeitliche zu segnen.

Father freilich glorifizierte ihr schnödes Hinscheiden sechs Jahre danach mit einer seiner unschätzbaren Erklärungen: »Sie schämte sich immer, die gute Sister Penny, an meiner Seite so alt auszusehen, und schließlich bat sie mich, die Seele aus ihrem Leib zu nehmen und in einen wunderschönen jungen Körper zu verpflanzen.« Das Ergebnis dieser delikaten Operation war der »Süße Engel«.

Das Mädchen stammt aus Kanada. Mit ihrem blonden Haar, den blauen Augen und dem braven Gesichtsausdruck könnte sie aber ebensogut einem BDM-Plakat entlaufen

sein. Ihr Kaninchenblick verhalf ihr zu einem flinken Aufstieg in Fathers Harem. Nur ein ganz kleiner Kreis der unmittelbar Beteiligten wußte Bescheid, als Father mit ihr zur Trauung ging. Wäre nicht der Chauffeur Fathers einige Zeit danach wegen Geschwindigkeitsüberschreitung von einem Polizisten gestoppt worden, hätte die Öffentlichkeit vielleicht überhaupt niemals davon erfahren. Father legitimierte sich vor dem Beamten als Mr. Divine mit Gattin, und das Geheimnis war geplatzt.

Der »Süße Engel« ist physisch wahrscheinlich ebensowenig Vaters Frau, wie es Sister Penny war. Kein gemeinsames Schlafzimmer vereint die beiden. Der »Süße Engel« ist praktisch keinen Augenblick allein, sondern ständig von »Fräulein Friedlich«, einer zierlichen Negerin, begleitet,

welche auch ihr Schlafzimmer teilt. Außerdem gibt es im Hauptquartier keine Türschlösser, und jedermann hat jederzeit Zutritt zu allen Zimmern.

Die Ehe mit dem »Süßen Engel« läßt jedoch etwas von den massenpsychologischen Gründen und Abgründen der divinistischen Bewegung ahnen. Sie ist nicht zuletzt ein religiöses Leitbild der Gleichberechtigung des Negers.

In dreißig Staaten der USA ist die Heirat zwischen Weißen und Schwarzen unter Gefängnisstrafe gestellt. Acht Staaten gehen so weit, selbst den Geschlechtsverkehr zwischen Angehörigen der weißen Rasse und Schwarzen zu verbieten. Eine verbreitete Feme-Organisation - der »Ku-Klux-Klan« - verfolgt alle, die sich der »Rassenschande« schuldig machten.

Diese Einstellung des Staates und der Öffentlichkeit hat eine tiefe Spur in der Seele des amerikanischen Negers hinterlassen. Die Spur heißt Haß. Als Walter White, der Neger-Präsident der »Nationalen Vereinigung zur Förderung der Neger« eine weiße Frau heiratete, bedurfte es der Intervention der Präsidenten-Gattin Eleanor Roosevelt, um eine Revolte innerhalb der Vereinigung zu verhindern.

Amerikanische Soziologen beschrieben die Ursache dieses Vorganges: Die Negerin sei gewohnt, vom weißen Mann als Geliebte und Prostituierte mißbraucht zu werden. Dem daraus resultierenden Haß der Negerin sei tatsächlich erst dann Genüge getan, wenn die weiße Frau ihrerseits zur Mätresse eines Schwarzen geworden ist.

Father Divine hat jedoch von der politischen Macht seiner Bewegung wenig Gebrauch gemacht.

Im Anfang sah die Bewegung aus wie eine echte Revolution. Aber sie entwickelte sich zu einer Flucht aus der Wirklichkeit, zu einer Massenkapitulation vor dem Leben, zu einem institutionellen Opium-Traum.

Was die Soziologen Abram Kardiner und Lionel Ovesey in einem Essay über den Kult schreiben, summiert die ganze Blues-Pathetik von Fathers künstlichen Himmeln: »Wir betrachten die Bewegung als einen Volkskult, in welchem Father Divine wenig mehr als ein Katalysator ist. Er ist ein Teil des Neger-Protestes - mit all seinen illusorischen und widersprüchlichen Tendenzen - gegen die Welt, in der dem Farbigen kein Platz gegönnt ist.

»Aber es ist nur ein Protest in der Phantasie, der die Wirklichkeit nicht zu verändern sucht, sondern diese Wirklichkeit verleugnet und neue Werte in einer Scheinwelt schafft. Nur in der künstlichen Welt Divines kann ein Neger all das erlangen, was ihm in der Wirklichkeit versagt ist: ökonomische Sicherheit, Würde, Selbstrespekt und einen Gott, der sich persönlich um ihn kümmert.«

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