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»Die Grünen kommen«

Eine Gruppe von Umweltschützern berichtet über. Radler-Demonstrationen in Ost-Berlin: _(Aus der Textsammlung: »VEB Nachwuchs. ) _(Jugend in der DDR«. Rororo, Reinbek bei ) _(Hamburg, 1983; 9,80 Mark. ) *
aus DER SPIEGEL 41/1983

In den letzten 20 Jahren verfünffachte sich laut Statistik die Zahl der Autos auf den Straßen Ost-Berlins auf über 300 000. Angaben über die Luftverschmutzung durch Autoabgase blieben bislang unveröffentlicht. Vor allem Kinder und Radfahrer sind vom Schadstoff betroffen und außerdem durch viele rücksichtslose Autofahrer gefährdet. Um auf die Gefährdungen im Stadtverkehr aufmerksam zu machen, fanden wir uns im Juni des Jahres 1982 erstmals zusammen. Wir waren ungefähr 50 Radler, von denen viele ihre Kinder mitgebracht hatten. Einige drückten stummen Protest gegen die Dreckluft aus, indem sie sich Mundtücher umbanden. Andere hatten Luftballons an ihre Fahrräder gebunden, auf die sie durchkreuzte Autos gemalt hatten. Auf einem Schild war zu lesen: »Frische Luft! Immer Auto - Nein danke!«

Wir fuhren vom grauesten Stadtbezirk unserer Hauptstadt, dem Prenzlauer Berg, zu der Prachtstraße Unter den Linden und zurück. Zu unserem Erstaunen hatte die sich allwissend gebende Staatsmacht diesmal keine Ahnung von unserem Vorhaben gehabt.

Die zweite Aktion, wenige Wochen später, verlief ähnlich. Wir wurden allerdings diesmal bei der Wende am Brandenburger Tor photographisch festgehalten. In den beiden folgenden Sommermonaten zog es die Umweltfreunde mehr ins Grüne, so daß die Staatsschützer Zeit genug hatten, sich mit der neuen Lage vertraut zu machen.

Gut informiert, rückten dann am 1. September (1982), dem Weltfriedenstag, zivile und uniformierte Beamte an, um ihre Autorität zu beweisen. Sie verhinderten erfolgreich eine Rad-Demo und erbeuteten einen »Schwerter zu Pflugscharen«-Aufnäher.

Vier Tage später strampelten 100 Leute Richtung City. Die Polizei stoppte erstmals den Zug, notierte einige Personalien, nahm ein »Frische Luft ...«-Schild samt Träger in Gewahrsam.

Bald darauf erlebte der Pankower Bürgerpark ein von Grün-Uniformierten behütetes Picknick im Grünen. Zur gleichen Zeit versuchte die Stasi vergeblich, vom Schildträger die Namen der »Organisatoren« zu erfahren. Sie ließ ihn wissen, daß Teilnehmer an zukünftigen »unerlaubten Demonstrationen« mit einer Ordnungsstrafe bis zu 1000 Mark rechnen müßten. Daraufhin versuchte ein kirchlicher Arbeitskreis für Umweltschutz eine Fahrraddemonstration für mehr Radwege bei der zuständigen Behörde anzumelden. Das wurde ohne Begründung abgelehnt.

Schon 14 Tage später sah sich die Polizei einer Menge von zirka 150 jugendlichen Radfahrern gegenüber, die diesmal auf Schilder und Symbole verzichtet hatten. Aber die Passanten verstanden uns auch so. Ich hörte jemand rufen: »Die Grünen kommen!«

Übrigens beschränkte man unsere »Bewegungsfreiheit« diesmal auf den Prenzlauer Berg, denn nun sei auch »in Pankow Radfahren verboten«. Es wurde mehrmals versucht, uns zu spalten, indem Polizeiautos einige von uns in Nebenstraßen abdrängten. So ging die bisher größte Fahrraddemo in Ost-Berlin zu Ende.

Anfang Oktober folgte noch eine, zu der an die 300 Leute erwartet wurden. Diese Demo wollte die Polizei auf jeden Fall verhindern. Unzählige Straßenkreuzungen zwischen der Schönhauser Allee und der Brunnenstraße wurden von Uniformierten besetzt, die sich nun auf jeden Radfahrer stürzten, um unter dem Vorwand einer Fahndung nach geklauten Fahrrädern die Personalien aufzuschreiben und bei jedem technischen Mangel abzukassieren.

Aus der Textsammlung: »VEB Nachwuchs. Jugend in der DDR«. Rororo,Reinbek bei Hamburg, 1983; 9,80 Mark.

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