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»Die haben immer eine Meinung«

aus DER SPIEGEL 42/1994

Der Ost-Berliner Michael Schulenburg, 26, Jurastudent an der Humboldt-Universität, über seine West-Kommilitonen:

Neulich, in der Mensa, saßen zwei Mitstudenten vor mir, die über die miserablen Parkmöglichkeiten vor der Humboldt-Universität schimpften. Ich ärgere mich, wenn Leute aus solchen Kleinigkeiten Probleme machen. Wir haben hier andere Sorgen - und außerdem fahre ich mit dem Fahrrad zur Uni.

Ein anderes Mal unterhielten sich zwei Mädchen, die hörbar aus dem Westen kamen, über ihre Urlaubserlebnisse. Die eine hatte sich für eine Woche im Haus der Eltern auf Sylt eingeschlossen. Ich dagegen fahre gelegentlich gemeinsam mit meiner Freundin mit der S-Bahn ins Grüne.

Mit der vielgepriesenen Selbständigkeit der Westler ist es auch nicht so weit her. Viele meiner Kommilitonen aus dem Osten haben gearbeitet, um von den Eltern unabhängiger zu sein. Unter den Westlern dagegen ist die Nesthocker-Mentalität ausgeprägt: Viele lassen sich das Studium von ihren Eltern bezahlen, und es stört sie nicht. Sie finden es spannend, hier zu studieren, weil alles in Bewegung ist bei uns, aber am Abend kehren sie heim in ihr Zimmerchen im Charlottenburger Elternhaus.

Im ersten Semester haben wir eine Arbeitsgruppe gegründet, ein gemischter Kreis aus 15 Leuten. Schon bald stellte sich heraus, daß die Westler zwar am gemeinsamen Lernen interessiert waren, an mehr aber nicht. Wir dagegen wollten auch mal zusammen ins Kino gehen, nicht immer nur über Jura reden.

Was mich aber am meisten stört: Zu jedem Thema müssen sie eine Meinung haben. Um jeden Preis wollen sie sich äußern und Aufmerksamkeit auf sich lenken. Bei mir ist es umgekehrt. Der Gedanke entwickelt sich im stillen, und wenn ich das Ergebnis für mitteilungswürdig halte, hebe ich den Finger. So entsteht die spürbare Zurückhaltung der Ostler und eine gewisse Selbstüberschätzung der Westler.

Mittlerweile lernen wir alle allein, darin sind wir alle »West-Studenten« geworden. Wir treffen uns allerdings manchmal außerhalb der Uni, feiern gemeinsam Partys, aber es bleibt ein Rest von Fremdheit. Vor kurzem lud ich einige Kommilitonen zum Videoabend mit einem Film des DDR-Regisseurs Frank Beyer ein, bei uns eine Kultfigur. Es gab Szenen aus dem Nachkriegsalltag in der Sowjetzone, da lachte die Ost-Fraktion Tränen. Die West-Fraktion saß schweigend auf der Couch.

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