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»Die Halbnarren sind die gefährlichsten«

Wie der Hamburger Senat die Neue Heimat verspotten läßt Wohnanlagen von »fratzenhafter Übertriebenheit«, Gewerkschaftsmanager die »nur den Vorteil für sich« suchen - scharfe Kritik an der Hamburger Wohnungsbaupolitik und am DGB ließ der SPDgeführte Senat der Stadt letzte Woche über das »Literaturtelephon« einen Bürgerservice seiner Kulturbehörde verbreiten. Politisch verantwortlich für die Viereinhalb-Minuten-Ansage, ein vom Autor Dietmar Bittrich aktualisiertes Gespräch zwischen Johann Peter Eckermann und Goethe zeichnet die parteilose Kultursenatorin Helga Schuchardt. Die ehemalige Freidemokratin hält sich, so ein Sprecher aus den Inhalten des Literaturtelephons »peinlich raus - auch wenn es gegen die SPD geht«. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Diesen Morgen, bei sehr schönem Wetter, befand ich mich mit Goethe bereits vor acht Uhr im Wagen und auf dem Wege nach Hamburg. Am Rande der Stadt, welche Goethe einst als so eigentümlich bezeichnet, daß man sie mit zwei Strichen zeichnen könne, bemerkte ich von ferne einige hohe Häuser von häßlicher Gestalt und wies Goethen darauf hin.

»Diese Häuser«, sagte Goethe, »sind von einer Gesellschaft erbaut welche die Gewerkschaften gegründet. Allein, es hat ihnen dieses Unterfangen kein Glück gebracht, sondern es ist ihnen zu einem ungeheuren Übel angewachsen, und sie sind eifrig bemüht, die Spuren davon auszulöschen.« Ich habe vernommen, versetzte ich, daß jene Gesellschaft die »Neue Heimat« genannt wird. Auch habe ich sagen hören, daß eine Reihe von Toren mit ihrer Führung beauftragt war, so daß das Unglück wohl vorherzusehen war.

»Vorherzusehen war es gewiß und seit langem«, sagte Goethe. »Doch wird nicht Torheit die Ursache gewesen sein, sondern Halbweisheit, welches Übel den Menschen von je zum Bösen ausgeschlagen ist. Denn Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich. Die Halbnarren und die Halbweisen jedoch sind die gefährlichsten, und von ihrer Sorte hat die 'Neue Heimat' im Übermaß gehabt.«

Wir waren nun etwas näher zu den Häusern gekommen die als ein Schindel- und Steinhaufen von fratzenhafter Übertriebenheit mitten in der herrlichen Natur standen, und Goethe ließ anhalten. Die Bewohner dieser Häuser, sagte ich, sind freilich höchst bedauernswert. Denn sie scheinen gleichsam unschuldig einem schrecklich hereingebrochenen Schicksal ausgeliefert, welches ihr Vertrauen in die Gewerkschaften wie auch in die eigene Zukunft aufs empfindlichste erschüttert.

»Wenn man das Treiben und Tun der Gewerkschaften seit Jahrzehnten überblickt«, erwiderte Goethe, »so lassen sich einige wiederkehrende Fehler erkennen - vor allem in ihren kapitalistischen Bestrebungen- die je und immer zum Schaden ihrer Mitglieder ausgeschlagen sind. Und diese Fehler, ewig wiederkehrend, ewig unter tausend wechselnden Namen dieselben, sind wie eine bleibende, ja sogar wachsende Hypothek der gesamten Bewegung.«

Es scheint jedoch versetzte, ich die 'Neue Heimat' einst aus durchaus guten und wohlmeinenden Überlegungen entstanden zu sein.

»Es ist so«, sagte Goethe. »Doch der Wunsch, Gutes zu bewirken ist ein kühner und stolzer Wunsch- man muß schon sehr dankbar sein, wenn nur ein kleiner Teil davon in die Tat gesetzt wird. Viel öfter steht das Gute nur auf dem Schilde geschrieben, welcher das Schlechte und Böse verbergen soll. So ist es unter den Männern der 'Neuen Heimat' seit langem gewesen, da nämlich unter dem Mantel des Wohlmeinenden ein jeder nur den Vorteil für sich herauszupressen versucht. Sie haben alle die ehemals förderliche Sache ihren beengten individuellen Zuständen angepaßt und haben dadurch so viel Unlauterkeiten darunter gemischt, daß die Sache kaum mehr in ihrer ursprünglichen Bedeutung zu erkennen ist.

Schon vor Jahren erschreckte mich eine Nachricht von der unmäßigen Überschuldung der Gesellschaft wie das Haupt der Gorgonen. Durch dieses unerhört frevelhafte Beginnen sah ich die Würde der Gewerkschaftsbewegung untergraben, ja im voraus vernichtet, und alle Folgeschritte von dieser Zeit an bestätigten allzusehr die düsteren Ahnungen.«

Ich lauschte aufmerksam jedem Worte, das dem teuren Mund beredt entquoll. Jedoch, es ward mir zugleich unwohl, denn vom Anblick dieser Häuser ging etwas Niederdrückendes aus, welches mir Herz und Sinn verdunkelte, und ich bat Goethen, weiterfahren zu lassen.

»Sie haben recht«, sagte Goethe. »Und wir wollen gleich am Elbufer einige Tassen Kaffee zu uns nehmen, die uns stärken und aufheitern sollen. Ich wünschte selbst, der Anblick solcher Häuser, welcher so viel Anlaß zu trüben und traurigen Erwägungen gibt, bliebe uns erspart.«

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