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»Die hatten keine Ahnung«

Norwegens Vizeadmiral Einar Skorgen, 59, über den Untergang des russischen Atom-U-Boots »Kursk«
aus DER SPIEGEL 35/2000

SPIEGEL: Welche Schäden haben Ihre Taucher am Rumpf der gesunkenen »Kursk« entdeckt?

Skorgen: Fast gar keinen. Sie durften das Wrack überhaupt nicht inspizieren.

SPIEGEL: Waren denn unter Wasser keine Aufpasser dabei?

Skorgen: Nein, aber im Kontrollraum saßen Russen, die auf Bildschirmen jede Bewegung unseres Teams überwachten.

SPIEGEL: Durften Sie auch den hinteren Teil des Boots nicht betreten?

Skorgen: Im Gegenteil, das hätten die Russen gern gesehen, aber das war uns zu riskant. Unser Vertragspartner, die Tauchfirma Stolt Offshore, hatte eine Bergung von Toten kategorisch ausgeschlossen.

SPIEGEL: Warum?

Skorgen: Zunächst einmal ging es darum, Überlebende zu retten. Für einen Tauchgang ins Boot eignete sich die Ausrüstung nicht. Außerdem waren die Russen so zurückhaltend mit Informationen, dass die Taucher völlig ahnungslos in eine unbekannte Umgebung hätten hineinkriechen müssen. Ein absolut unhaltbares Risiko.

SPIEGEL: Heißt das, eine Bergung der Toten ist unmöglich?

Skorgen: Nein, aber wir Militärs können das nicht. Doch wir werden Moskau gern dabei helfen, geeignete zivile Partner zu finden. So eine Aktion muss sehr sorgfältig vorbereitet werden. Kein Einsatzleiter wird seine Leute in eine völlig unbekannte Situation hinabsteigen lassen. Ich hatte ja schon Schwierigkeiten, die nötigen Informationen für unsere Arbeit zu erhalten. Wenn ich nicht eine Leitung zu Admiral Wjatscheslaw Popow, dem Befehlshaber der Nordflotte, eingerichtet hätte, den ich ganz gut kenne, wäre es ziemlich schlecht bestellt gewesen um unseren Einsatz.

SPIEGEL: Wieso?

Skorgen: Wir wurden mit unglaublichen Fehlinformationen abgespeist.

SPIEGEL: Ein Beispiel bitte.

Skorgen: Nun, wir stellten fest, dass - entgegen den russischen Behauptungen - die äußere Luke des Notausstiegs völlig intakt war, einschließlich des Dichtungsrings, an dem Rettungs-U-Boote festmachen.

SPIEGEL: Warum diese Irreführung?

Skorgen: Neben Geheimniskrämerei und der unübersichtlichen Situation lag es wohl auch daran, dass etliche der so genannten technischen Berater alles andere als Experten waren. Die kannten keinerlei Details und hatten keine Ahnung, was sie tun mussten. Die Inkompetenz in einigen Bereichen war atemberaubend.

SPIEGEL: Als erfahrener Seeoffizier haben Sie doch sicher eine Vorstellung von dem, was in der Barentssee geschehen ist?

Skorgen: Fest steht, dass es zwei Explosionen gegeben hat.

SPIEGEL: Könnte das erste Geräusch auch der Zusammenstoß mit einem anderen Schiff gewesen sein, von dem Verteidigungsminister Sergejew spricht?

Skorgen: Ach, das sagt er doch nur für den internen Dienstgebrauch, das kann man doch nicht ernst nehmen. Wir haben die Sonar-Daten sorgfältig analysiert und keine Frequenzverläufe gefunden, die typisch wären für einen Crash. Bei dem, was unser nicht weit entferntes Spionageschiff aufgefangen hat, handelt es sich zweifellos in beiden Fällen um Explosionen. Bislang ist allerdings völlig ungeklärt, wovon die erste ausgelöst wurde.

SPIEGEL: Und die zweite?

Skorgen: Die war gewaltig, weit stärker als die Detonation von Torpedos. Ich tippe auf eine Gasexplosion. U-Boote führen riesige Mengen Sauerstoff und Wasserstoffsuperoxyd mit sich. Und schon aus dem Chemieunterricht wissen wir: Davon reicht schon eine kleine Menge für einen lauten Knall.

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