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»Die Herrin der Meere«

aus DER SPIEGEL 5/1979

Aus düsterem Raum ertönt die heroische Melodie des Navy-Marsches »Heart of Oak«, der schon zu Admiral Nelsons Zeiten den Seeleuten vor der Schlacht Mut einflößen sollte. Der Besucher steht im naturgetreu nachgebauten unteren Kanonendeck von Nelsons Flaggschiff »Victory«.

40 Matrosen aus Pappmaché laden vier Kanonen, während dicke Rauchschwaden und ein Gemisch aus Seewasser und Schießpulver, das aus einer Aerosol-Anlage verströmt, Seeschlacht-Atmosphäre vermitteln.

Gestellte Geschichte im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud in London, Erinnerung an jene Seeschlacht von Trafalgar, in der Nelson die vereinigte Seemacht von Frankreich und Spanien besiegte.

Er zementierte Englands Anspruch, unumschränkt über die Meere zu herrschen. Es begann jenes Dreiviertel-Jahrhundert der »Pax Britannica«, in der »die britische Seemacht einen größeren Einfluß ausübte, als das sonst jemals in der Geschichte maritimer Reiche der Fall war«, so der Historiker Professor Lloyd. Die »Times« stellte dazu schlicht fest: »England ist Herrin der Meere aufgrund seiner Geschichte.«

Die »Roval Navy«, von Heinrich VIII. begründet, hatte als Freibeuterflotte begonnen. Es war die Zeit der Hawkins, Drake und Raleigh, die den Atlantik bis zu den Kariben hin unsicher machten und Spaniern wie Portugiesen deren Übersee-Beute abjagten, bevor Britannien selbst dort fündig wurde.

Doch noch der Sieg über die spanische Armada im Kanal 1588 war weniger britischem Schlachten-Genius als den Unbilden nördlicher Witterung zuzuschreiben: Von den Galeonen des Herzogs Medina-Sidonia fielen dreimal mehr den Stürmen als britischen Kanonen zum Opfer.

Horatio Nelson ("England expects every man to do his duty") wurde zum Nationalhelden: In sieben Jahren gewann er für England vier Seeschlachten. Er schlug die Spanier, vernichtete die gesamte französische Flotte, die Napoleon nach Ägypten gebracht hatte, zerstörte die dänische Flotte in ihrem Heimathafen Kopenhagen. Vor Trafalgar fielen siebenmal soviel Franzosen und Spanier wie Engländer.

Danach fand sich in europäischen Gewässern kaum mehr ein Schiff, das nicht unter britischer Flagge oder mit britischer Lizenz fuhr. Die britische Handelsflotte -- für die Englands Seemacht Stützpunkte auf allen Meeren eroberte -- wurde stärker als die Flotten aller anderen Länder zusammen.

Lord Palmerston, damals Außenminister der Königin Victoria, verkündete 1850, »ein britischer Staatsangehöriger, ganz gleich, in welchem Land er ist, sollte darauf vertrauen können, daß das wachsame Auge und der starke Arm Englands ihn vor Unrecht und Übel schützen werde«.

Und danach handelte London auch: David Pacifio, ein Bürger Britanniens, dessen Besitz in Athen bei einem Aufstand zerstört wurde, verlangte von der griechischen Regierung Entschädigung. Zwecks Durchsetzung dieses Anspruchs ließ Palmerston ein Flottengeschwader Griechenland blockieren.

In Frage gestellt wurde Britanniens »Rule the Waves« dann zur Jahrhundertwende von einem ungeliebten Vetter. der gar noch Ehrenadmiral der Briten-Flotte war -- Wilhelm II., dessen Flottenrüstungspolitik den Londoner »Standard« zur düsteren Prophezeiung veranlaßte: »Wir sind in der Lage des Römischen Reiches, als die Barbaren an die Grenzen pochten.«

1906 bauten die Engländer ihr Schlachtschiff »Dreadnought« ("Fürchtenichts") mit 31 Prozent mehr Feuerkraft als das bis dahin stärkste Kriegsschiff, und 1913 die »Queen Elizabeth«, ein Ungetüm von 29 000 Tonnen mit den stärksten Geschützen der Welt (Kaliber 38,1 Zentimeter). Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges, im Juli 1914, fuhren im Paradegewässer vor Spitheat 400 Kriegsschiffe auf, darunter 53 Linien- und Schlachtschiffe -- die »größte Konzentration von Seemacht, welche die Welt je gesehen hat«, so damals der 1. Lord der Admiralität, Winston Churchill.

Doch Minen, Torpedo- und vor allem Unterseeboote -- »unbritische Waffen« nach Meinung der Admiralität -- machten die imposanten Schlachtschiffe zu verwundbaren Dinosauriern. So vermieden es Deutsche wie Briten auch zwei Kriegsjahre lang, ihre kostspieligen Superflotten aufeinander loszulassen.

Als es dann am 31. Mai 1916 im Skagerrak dennoch geschah, zeigte eine der berühmtesten Seeschlachten der Geschichte die Schwächen konventioneller Kriegsflotten auf. Im Nebel der Nordsee dampften nahezu die gesamte britische Grand-Fleet und das Gros der deutschen Hochseeflotte aufeinander los -- die geballteste Feuerkraft, die je auf so kleinem Raum konzentriert war.

Englands Admiral Jellicoe, ein vorsichtiger Taktiker, vermochte seine Übermacht nicht einzusetzen, weil ihn deutsche Manöver, die den konservativen Briten unbekannt waren (wie die »Gefechtskehrtwendung« ganzer Schlachtschiff-Geschwader), ebenso verwirrten wie falsche Funksprüche seiner eigenen Kommandeure.

Womöglich wären beide Flotten aneinander vorbeigedampft, hätte nicht ein Dänenfrachter dazwischen, dessen Schornsteinqualm beide alarmierte, die erste Feindberührung provoziert.

Sie brachte die Vorhuten unter dem irischen Admiral Beatty und Admiral Hipper aneinander. Hipper versenkte, obwohl er weniger Schiffe und schwächere Geschütze hatte, zwei der britischen Schlachtkreuzer. Beatty: »Mit unseren verdammten Schiffen scheint heute etwas nicht in Ordnung zu sein.«

Das Aufeinanderprallen der Hauptflotten unter Jellicoe und Admiral Scheer endete mit einem Sieg der schweren englischen Batterien. Doch während die Briten zuweilen schon nach ein paar Treffern explodierten und sanken, hielten sich die besser gepanzerten und abgeschotteten deutschen Schlachtschiffe auch noch nach zwei Dutzend schwersten Treffern über Wasser.

Scheer hetzte vier schon zusammengeschossene Schlachtkreuzer Hippers mit dem Befehl »Ran an den Feind!« auf 33 britische Großkampfschiffe, um das Gros seiner Flotte aus einer gefährlichen Umklammerung zu befreien.

Jellicoe, nach Aussage Churchills »der einzige Mann, der den Krieg an einem Nachmittag verlieren konnte«, ließ die angeschlagene Hochseeflotte entwischen, als es Nacht wurde: Die Briten waren im Gegensatz zur Kaiserlichen Marine für Nachtgefechte nicht ausgebildet, hatten keine Leuchtmunition und nur schwache Scheinwerfer, ein Handikap, das sie noch mehrere Schiffe kostete.

Während Jellicoe trauerte: »Ich habe eine der größten Gelegenheiten vorbeigehen lassen, die je ein Mann hatte«, feierte Kaiser Wilhelm seine Matrosen, sie hätten »ein neues Kapitel der Weltgeschichte aufgeschlagen«.

In Wahrheit war Skagerrak aber trotz der dreimal höheren britischen Verluste kein Sieg der Kaiserlichen Marine, sondern ein Patt: Beide Flotten vermieden fortan jede weitere direkte Konfrontation. Auf den Schiffen des Kaisers führten der stumpfsinnige Drill ohne Einsätze und eine zu Kriegsende befohlene Kamikaze-Aktion zur Meuterei. Die Briten holten nach dem Waffenstillstand die Hochseeflotte als Beute in ihre Basis Scapa Flow, wo die Deutschen im Juni 1919 sich schließlich selbst versenkten.

Die Vorherrschaft zur See ging schon im Zweiten Weltkrieg an die Amerikaner über, Mit dem Verlust des Empire schwand auch die Bedeutung der Flotte. Bei ihrer Krönung 1953 gebot Königin Elizabeth noch über 450 (meist veraltete) Schiffe, darunter fünf Schlachtschiffe und 15 Flugzeugträger, die heute außer Dienst sind. Jetzt besteht die Briten-flotte aus 150 modern ausgestatteten Einheiten, darunter 13 Atom-U-Booten (UdSSR: über 100).

Ihr vorletzter Einsatz, 1956 am Suezkanal, endete als Fehlschlag. An den letzten mögen Navy-Offiziere gar nicht erinnert werden: Da wurden vor drei Jahren einige Fregatten jener Streitmacht, die einst die Weltmeere beherrschte, zum »Kabeljaukrieg« ins Nordmeer abkommandiert -- um vier isländische Kanonenboote zu rammen.

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