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Nahost »Die Hisb Allah ist intakt«

Nach 25 000 Granaten und 600 Luftangriffen der israelischen Streitkräfte mußte Premier Peres die Militäroperation im Libanon einstellen - ohne klaren Erfolg. Die Kampfkraft der Hisb Allah ist ungebrochen, Syrien benutzt die Schiitenkämpfer weiter als Druckmittel. Daheim im Wahlkampf werfen rechte Gegner Peres Versagen vor.
aus DER SPIEGEL 18/1996

Als Warren Christopher am späten Freitag nachmittag in Jerusalem seinen Verhandlungserfolg verkündete, sah er noch etwas zerknitterter aus als sonst.

Der 70 Jahre alte US-Außenminister hatte vergangene Woche bei der Pendeldiplomatie in Nahost ein solches Tempo vorgelegt, daß ihm am Ende selbst jüngere Mitarbeiter nicht mehr folgen konnten. Am siebten Tag seiner Shuttle-Mission mußte aus Deutschland eigens eine neue Besatzung für die U.S. Air Force C 141 eingeflogen werden, die Christopher zwischen Jerusalem, Beirut und Damaskus hin- und herflog - die alte Crew war mit ihren Kräften am Ende.

Am Freitag morgen nach nur drei Stunden Schlaf brach Christopher ein Arbeitsfrühstück mit dem israelischen Premier Schimon Peres ab. Er mußte zu einem letzten Vermittlungsversuch nach Damaskus.

Tatsächlich erreichte er noch am selben Tag, kurz vor Beginn des Sabbat, die ersehnte Vereinbarung: Seit Samstag vier Uhr sollten nach 16 Tagen schwerster Kämpfe an der israelisch-libanesischen Grenze die Waffen ruhen.

Das förmlich nie unterzeichnete Dokument schien eine Krise zu beenden, vor der 500 000 Libanesen und 20 000 Israelis aus ihren jeweiligen Wohnorten geflohen waren. Über 200 Libanesen - fast ausschließlich Zivilisten - brachte die israelische Militäroperation »Früchte des Zorns« den Tod.

Ob sich die Anstrengung des amerikanischen Außenministers für Israel gelohnt hat, muß sich indes erst noch herausstellen. Die Konfliktparteien vereinbarten Sicherheitsvorkehrungen, die Schußwechsel über die Grenze hinweg künftig verhindern sollen. So wollen Israelis, Libanesen, Syrer, Frankreich und die USA gemeinsam darüber wachen, daß die Abmachungen eingehalten werden.

Dabei wird die libanesische Regierung jetzt zu einem direkten Gesprächspartner Israels, das den südlichsten Teil des Nachbarlandes seit 1982 besetzt hält. Peres kündigte denn auch »echte Friedensverhandlungen« mit dem Libanon an: »Wir haben keinerlei Interessen, für immer dort zu bleiben.«

Erstmals bekannte sich Syrien - die arabische Schlüsselmacht im Nahost-Konflikt - offen zu seiner Verantwortung. Seit 1976 stehen syrische Soldaten, zur Zeit etwa 35 000, im Zedernstaat; Präsident Hafis el-Assad ist der einzige, der die radikale Schiiten-Organisation Hisb Allah zurückhalten kann. Die Aktionen der fundamentalistischen Guerrilleros im Libanon dienten ihm als unverzichtbares Druckmittel, solange Israel die seit 1967 besetzten Golanhöhen nicht zurückgibt.

Die Regierung in Jerusalem hatte die Verhandlungen über den Golan im März nach den verheerenden Terrorattacken von Selbstmordattentätern einseitig abgebrochen. Mit dem nun getroffenen Abkommen ist Syrien am Friedensprozeß wieder aktiv beteiligt. Sichtbar genoß Assad den Aufmarsch der Friedensvermittler aus aller Welt.

Peres dagegen mußte sich auf einen faulen Kompromiß einlassen, der ihm nur eine dürftige Belohnung für seine Offensive bringt: Die Hisb Allah verzichtet zwar darauf, weiter Katjuscha-Raketen nach Nordisrael zu feuern; aber von ihrem Widerstandsrecht gegen die israelischen Besatzungstruppen in der südlibanesischen Sicherheitszone läßt sie ausdrücklich nicht ab.

Dadurch gerät Israel in die Klemme, denn seine Armee ist nunmehr verpflichtet, nicht mehr auf zivile Ziele zu schießen. Weil die Hisb-Allah-Kämpfer als klassische Guerrilla sich aber immer im Schutz der Zivilbevölkerung bewegen, kann Israel sich kaum wehren, ohne das Abkommen zu verletzen.

»Hisb Allah ist intakt«, verkündete der libanesische Regierungschef Rafik Hariri gleich nach der Bekanntgabe des Waffenstillstands und ermunterte die Schiitenkämpfer zu neuen Taten: »Wir wollen, daß unser Land befreit wird.«

Hassan Nasrallah, dem Generalsekretär der Gottespartei, fiel es deshalb leicht, die Vereinbarung in Damaskus als »sehr gut« zu preisen. Seine iranischen Gönner bestärkten ihn: »Der Kampf gegen die Zionisten wird weitergehen.«

Fast täglich hatte Scheich Nasrallah den Israelis vorgeführt, daß deren hochgelobte High-Tech-Kriegsmaschine gegen die Hisb Allah nicht viel ausrichten konnte. Rund 25 000 Granaten waren 16 Tage lang im Libanon eingeschlagen, Israels Luftwaffe unternahm 600 Angriffsflüge, doch »die militärische Schlagkraft der Hisb Allah wurde nicht einmal angekratzt«, gestand ein israelischer Offizier. Die Schiiten feuerten im gleichen Zeitraum 1025 Katjuschas zurück.

Um die Schützen zu fassen, entsandte Israel sogar eine Spezialeinheit der Armee hinter die Fronten im Libanon. Aber auch mit Hilfe des modernen amerikanischen Feuerleitsystems TPQ-37 »Firefinder« war den tückischen Raketen nicht beizukommen. Im Gegenteil: Sperrfeuer als Antwort auf Katjuscha-Überfälle hatte am 18. April das Massaker von Kana angerichtet, dem über 100 Zivilisten zum Opfer fielen.

Dabei ist die Katjuscha eine primitive Waffe, die ihre Premiere auf dem Schlachtfeld bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert feierte - am 14. Juli 1941 zwischen Minsk und Moskau. Deutsche Landser gaben ihr den Spitznamen »Stalin-Orgel«, weil die Mehrfach-Raketenwerfer der Roten Armee beim Abschuß so höllisch heulten.

Seitdem haben Waffentechniker die Reichweite der Katjuschas auf gut 20 Kilometer verbessern können. Die Zielgenauigkeit ist allerdings miserabel. Deshalb werden sie meist in Salven abgefeuert - Masse statt Klasse.

Daß die Katjuschas dennoch zum Stachel für Israel werden konnten, liegt vor allem an ihrer enormen Mobilität. Die Hisb-Allah-Milizionäre schossen meist von Lafetten aus, die sie schnell auf die Ladeflächen ziviler Kleinlastwagen montierten. Doch es ging auch noch einfacher: Oft transportierten Esel die Raketen, zwei gekreuzte Eisenstäbe wurden im Nu zur Abschußrampe.

An vielen Stellen im Südlibanon hatten die Freischärler versteckte Waffenlager angelegt, die sie jetzt weiter nördlich in die Nähe syrischer Stellungen verlegen. Die Guerrillas sickerten dann unbewaffnet in die kritische Zone ein, feuerten die Katjuschas Richtung Israel und machten sich wie harmlose Zivilisten wieder davon. »Es ist, als wollte ein Tiger eine Mücke mit seinen Zähnen fangen«, stöhnte ein Militärkommentator der Jerusalem Post.

Die Hisb Allah verfügt anscheinend über schier unbegrenzte Vorräte. Eine »fünfstellige Anzahl« ruhe in den Arsenalen der Miliz, schätzt ein israelischer Offizier. Der Nachschub kommt per Flugzeug oder auf dem Landweg via Syrien aus Iran. Da die Katjuschas nur etwa 100 bis 300 Dollar pro Stück kosten, fällt die Beschaffung leicht.

Und wie um zu zeigen, daß Israels Dauerbombardement ihren Kampfeswillen nicht brechen konnte, versetzte die Miliz dem Feind noch einen letzten Schlag: Kurz vor Verkündung des Waffenstillstands explodierten am Freitag noch einmal Katjuschas auf einem Feld im Norden Israels.

Premier Peres hofft nun, daß die Waffenruhe wenigstens bis zum 29. Mai hält, wenn in Israel ein neues Parlament und der Regierungschef gewählt werden. Nicht zuletzt aus wahltaktischen Gründen hatte er die Militäroperation befohlen, um als entschlossener Führer dazustehen. Doch nach dem Massaker von Kana kippte die Stimmung - die Israelis verloren die Lust am Krieg gegen den ungreifbaren Feind.

Verbessert haben sich seine Wahlchancen durch den Waffengang nicht - in Umfragen liegt er gleichbleibend bei 42 Prozent, nur 4 Punkte vor seinem konservativen Herausforderer Benjamin Netanjahu. Seine rechten Gegner werfen ihm »Versagen« vor, Bewohner der Stadt Kirjat Schmona, ständiges Ziel der Raketenüberfälle, zeigten offenen Unmut über das Abkommen.

Wenn Peres diese Woche in Washington eintrifft, wird er deshalb wohl vor allem einen Wunsch haben: Amerika soll eine Waffe weiterentwickeln, die gegen Kurzstreckenraketen eingesetzt werden kann. Der Prototyp eines solchen Hochenergielasers existiert bereits: Mit dem Lasersystem »Nautilus«, laut Hersteller TRW »so etwas wie der größte, heißeste Schweißbrenner der Welt«, wurden erst kürzlich bei einem Test in den USA zwei Katjuscha-Raketen erfolgreich abgeschossen. Y

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