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Kuweit Die Hunde des Golfs

Von Joachim Hoelzgen
aus DER SPIEGEL 42/1994

Die Schwüle des Mittags legt sich wie eine neblige Haut auf die Soldaten der kuweitischen Panzerbrigade. Sie haben ihre Tanks am Rand des Ölfelds von Randhatein aufgefahren und starren nach Norden. Dort sieht die Wüste aus wie der Vorhof zur Hölle. Ein Sandwall, mit Teer bedeckt, begrenzt den Horizont. Bulldozer haben das Hindernis aufgetürmt - »aber so richtig«, prahlt Generalmajor Ali el-Mumen, hätten natürlich seine Soldaten die irakischen Panzerrudel jenseits des Walls abgeschreckt.

Das Katz-und-Maus-Spiel, das der irakische Diktator Saddam Hussein vorige Woche an der Grenze zu Kuweit veranstaltet hatte, irritiert den Militär. »Die Iraker sind die Hunde des Golfs«, deklamiert ein herbeigerufener Soldat pflichtschuldig. »Sie wollten nach Kuweit, um zu fressen, aber nun haben sie Angst.«

Saddams Operation Wüstenbluff war von den kuweitischen Scheichs längst so gedeutet worden. Am Mittwoch, als der amerikanische Außenminister Warren Christopher vor US-Infanteristen im Depot Camp Doha erklärte, Bagdad müsse »mit der Wucht der besten Streitkräfte der Welt« rechnen, döste 30 Kilometer südlich ein Wächter der kuweitischen Ölgesellschaft vor sich hin.

Als einziger beschützte er an seinem Schlagbaum das Ölfeld Burgan, das zweitgrößte der Welt. Den Helikopter-Landeplatz in der benachbarten Ölstadt Ahmadi bewachte niemand - die Krise im Norden, so zeigte sich hier, war ein womöglich Milliarden Dollar teures Mißverständnis.

Zunächst hing die unheimliche Unberechenbarkeit Saddam Husseins wie ein scharfes Schwert über dem Land. Auch ein Besuch des Emirs Dschabir el-Ahmed el-Sabbah bei seiner Armee am Sandwall änderte wenig an der angstvollen Melancholie in Kuweit-Stadt.

»Saddam ist schlüpfrig wie Seife«, sagt Chalid el-Nazir, der mit seiner Verlobten in einem Restaurant am Küstenboulevard Truthahn-Hamburger bestellt. »Ich habe schwer Angst, daß sich eine Invasion doch noch wiederholen könnte.«

Auch in der Lebensmittelabteilung des Sultan Center ist man mißtrauisch. »Niemand kann sich sicher fühlen«, meint Mohammed Tuwali, der eine Plastiktüte mit Gurken und Zwiebeln füllt. »Auch meine Nachbarn glauben, daß die Iraker wiederkommen könnten und jedem das Haus und Auto nehmen.«

Die Ängste waren unbegründet, und dem militärischen Arm des Großen Bruders USA blieb vorigen Donnerstag nur übrig, seine Präsenz mit einem Schießen auf Pappkameraden zu beweisen.

Marineinfanteristen wurden zu diesem Zweck mit acht Hubschraubern vom Landungsschiff »Tripoli« aufs Übungsgelände am Gebirgspaß Mutla Ridge geflogen, im Golfkrieg Schauplatz eines Massenbombardements auf irakische Truppenkonvois. Diesmal hatte Marinesprecher Hal Pittman den Vorbeiflug der Hubschrauber über Kuweit-Stadt angemeldet, damit die Bewohner nicht erschreckten.

Die reichen Kuweiter widmeten sich derweil wieder ihrer Hauptbeschäftigung: dem Shopping in den Marmorhallen ihrer Einkaufszentren. Der Weg dorthin führt an Beutepanzern aus dem Golfkrieg vorüber, deren Rohre nach unten auf den Straßenasphalt zeigen.

Im Cafe Ritz hinter dem Meridien-Hotel erholen sich junge Kuweiterinnen von den Einkäufen in den Korridoren der Edelboutiquen. Am Nachbartisch reden sich Männer im weißen Hemdgewand der Golfaraber in Rage. »Ich hoffe, daß es doch noch irgendwann zu einem Krieg kommt, um ein für allemal mit dem Regime in Bagdad Schluß zu machen«, tönt einer der Gäste.

Die Ankunft des amerikanischen Flugzeugträgers »George Washington« im Golf stachelte die Rachegelüste der Kuweiter noch mehr an. »Wir hoffen auf einen vernichtenden Schlag, der die Knochen Saddams in Bagdad zerschmettert«, hieß es in der Zeitung El-Rai el-Aam. Die »Streitkräfte des Rechts können nicht ohne Saddams Kopf heimkehren«. Y

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