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»Die Japaner des Gewerbes«

SPIEGEL-Redakteur Joachim Hoelzgen über deutsche Hotelchefs im Ausland Das »Ritz« in Paris, das »Savoy« in London, das »Pierre« in New York: In den Zentren des Westens werden Top-Hotels von Deutschen geleitet - von Aufsteigern, die ihre Gäste mit deutscher Gründlichkeit empfangen. *
Von Joachim Hoelzgen
aus DER SPIEGEL 33/1986

Paris morgens um sechs. Nichts, so scheint es, kann die Eleganz und Harmonie in der Empfangshalle des Hotels »Ritz« stören.

Die königsblau durchwirkten Teppiche verschlucken jeden Laut der Putzkolonne, die unter einer Wolkenhimmeldecke im Saal nebenan venezianische Lampen blankpoliert. Im Salon de the säubern Männer in weißen Overalls wandhohe, mit vergoldeten Rändern eingefaßte Spiegel. Die Melange aus Belle Epoque und Rokoko schafft die Atmosphäre eines Super-de-Luxe-Museums teurer Moden und grandioser Stile, in der Menschen eigentlich nur stören.

Dennoch: Auch das »Ritz« mit seinen Luxus-Suiten - Lyoner Kissen, himmelblauseidene Betten, cremefarbene Damastvorhänge, an den Wänden impressionistische Pastelltöne, Marmorböden in den Bädern - ist nicht nur ein Gesamtkunstwerk. Das Hotel muß Umsatz machen. Und den macht, mitten in Paris, ein Deutscher: Frank Klein, 41.

Klein, ein kompakt gebauter Rheinländer, vergleicht seine Tätigkeit mit der eines deutschen Landsmannes, des Daimler Benz-Chefs Werner Breitschwerdt: »Ich verfüge wie der Breitschwerdt über Millionen-Etats. Das bedeutet: Nichts davon darf in den Sand gesetzt werden.«

Nach dem gleichen Prinzip handelt auch Kleins Kollege Willy Bauer, 49, der sich mit dem Deutschen vom »Ritz« ein Fernduell in Sachen Effizienz, Präzision und Organisationswut liefert. Bauer ist Managing Director and General Manager des Londoner Traditionshotels »Savoy«. Mit seinen 202 Zimmern, davon 49 Suiten, drei Bankettsälen, zwölf Räumen für private Anlässe, einem Heer von 650 Mitarbeitern und zwei Restaurantküchen mit 70 Köchen hat es einen Jahresausstoß von einer halben Million Menüs.

Bauer, ein breitschultriger Oberschwabe aus Äpfingen bei Ulm, verwaltet ein fast 100jähriges Symbol von Kontinuität

und »englishness«, in dem ständiges Prüfen und die nochmalige Kontrolle des schon Verifizierten legendär sind wie die Launen exzentrischer Gäste, die auf dem Dach des Hotels Golfschläge trainierten, so daß die Bälle auf die Decks vorbeiziehender Themse-Kähne knallten.

Wenn Bauer um 6.30 Uhr seinen Dienst antritt, begrüßt ihn Nachtmanager Ronny Reisner, der mit seinem schwarzen Frack von einem Diplomatenempfang kommen könnte. »Good morning, Sir«, sagt Reisner, »nothing to report, I am afraid.«

Das Ritual scheint Bauer, der sich an diesem Tag um die Qualität von Gurkensandwiches und die Unterbringung eines Sultans kümmern muß, zu amüsieren. »Unser Geschäft«, faßt er 30 Jahre im Hotelberuf zusammen, »ist wie das Show-Business, viele Leute, die eigentlich Schauspieler werden wollten, machten als Manager Karriere im Hotel.«

Deutsche Karriere-Menschen im Hotel wie Klein und Bauer gehören zu einer Generation von Managern, die seit Beginn dieses Jahrzehnts über Etappen wie Empfangs- und Finanzchef zu Direktoren weltbekannter Häuser aufgestiegen sind. »Wir sind«, sagt Klein, als Chef des »Ritz« eine Art Generalsekretär der Gilde, »die Japaner des Hotelgewerbes.«

Zu den Aufsteigern zählt der Berliner Wolfgang Nitschke, der sich zunächst in Australien nach oben jobbte und seit

einem Jahr das »Dorchester« an der Londoner Park Lane leitet. Im Pariser »Lancaster«, das mit seiner intimen Atmosphäre die Grandiosität der großen Hotelpaläste parodiert, kommandiert Roland Linhardt, ein Nürnberger. Bernd Chorengel aus Itzehoe, der ganz unten als Schiffskoch angefangen hatte, ist heute Präsident der US-Hotelkette Hyatt International (40 Hotels in 26 Ländern).

Im Fernen Osten, in der thailändischen Hauptstadt Bangkok, leitet der Allgäuer Kurt Wachtveitl das »Oriental«, eine Legende des Ostens.

In der über 100 Jahre alten Kolonialstil-Residenz sitzen die Gäste auf Rattanstühlen unter einer weißen Kuppel-Lobby mit meterlangen Bambusrohren oder im Garten am Ufer des breiten hinterindischen Chao-Phya-Stroms. Dort schlürfen sie exotische Drinks und dämmern in die Nacht hinein wie einst »Oriental«-Entdecker Joseph Conrad, der Poet des Abenteuers.

Das »Oriental« benannte eine Suite nach ihm, ebenso wie nach den Fernost-Erzählern Somerset Maugham, Rudyard Kipling und James Michener, die im »Oriental« abstiegen. Für die Verhätschelung der Gäste, an den Wochenenden vor allem Hongkonger Finanziers und Reeder, sorgen 900 thailändische Angestellte, die ihren Chef wegen des für sie zungenbrecherischen Namens einfach »Mr. Kurt« nennen.

Für Frank Klein in Paris bedeutet der offizielle Titel eines President Directeur General des »Ritz« rigorose Qualitätskontrolle und geschmeidigen Einsatz auf dem Gebiet Hoteldiplomatie.

An diesem Morgen will Frank Klein prüfen, ob es Engpässe beim Frühstücksservice gibt. Er tut's mit deutscher Gründlichkeit.

Klein holt eine Stoppuhr aus der Schublade des Schreibtisches und beauftragt den Concierge, beim Zimmerservice ein Frühstück für Suite 104 zu ordern. Inkognito, die Stoppuhr läuft, bezieht der »Ritz«-Direktor Position in einem Seidensamtsessel am Kamin.

Diesmal gibt es keinen Grund zur Klage. Der Etagenkellner hielt das Zeitlimit von fünf Minuten für die Bereitstellung zweier weichgekochter Eier, warmer Croissants und frisch gepreßten Grapefruitsafts ein. Auch der Tee kam, wie von Klein diktiert, mit drei Scheiben Zitrone und nicht, wie insgeheim von ihm befürchtet, mit Milch.

Sein nächster Einsatz gilt der Hotelkasse, wo Mr. und Mrs. Paul Johnson aus dem texanischen Fort Worth die Rechnung erstatten. Die Johnsons, aus St. Moritz kommend, verbrachten drei Tage zum Shopping in Paris.

Klein erkundigt sich hofmännisch, ob sie den Aufenthalt als angenehm empfunden hätten. Ja, sie hätten den Blick von ihrer Suite auf Notre-Dame, den Louvre und den Eiffelturm genossen. Der Service, die Dinners und das Aroma des Pouilly Fuisse, den sie auch daheim am liebsten tränken, seien vorzüglich gewesen.

Doch Klein scheint solches Lob zu irritieren. Er bedrängt den US-Menschen: »Mr. Johnson, there must be something« - irgend etwas, ein vielleicht unbedeutendes Detail, und sei es noch so klitzeklein, habe vielleicht doch gestört?

Im Gegenteil: Nun loben die Johnsons auch noch, daß die Wagenmeister am Glasportal zur Place Vendome sie stets beim Namen ansprachen, wenn sie das Hotel betreten oder verlassen hatten.

Solche Gäste stürzen Klein in einen Zwiespalt, bei dem sich Stolz auf das flexible Personal mit Zweifeln am eigenen Perfektionismus mischen. Der Deutsche, den das Murphysche Gesetz umtreibt, wonach schiefgehen muß, was schiefgehen kann, befürchtet, daß rundum glückliche Gäste das Personal in dessen Dienstbeflissenheit erlahmen lassen könnten.

»Es muß Action geben, immer wieder Action«, spricht Frank Klein in seinem Büro, in dem er einen großen Teil der Zeit darüber nachsinnt, wie er komfortschmälernde Prüfungen für seine Klientel verhindern kann.

Sicherheitshalber hat er einen Computer installiert, der die Vorlieben und Sonderwünsche der »Ritz«-Gäste erfaßt.

Der Computer speichert, ob die Gäste Daunen- oder Leinendecken bevorzugen, ein härtendes Brett unter den Matratzen der »Ritz«-Bettinseln wünschen, beim Frühstück frische Walderdbeeren naschen oder zum Supper Turbotin grille a la moutarde bestellen.

Dem hoch angesetzten Standard steht oft genug höhere Gewalt entgegen. Willy Bauer vom »Savoy« hat es sich abgewöhnt, an so etwas wie einen schlichten Rohrbruch zu denken, wenn er vom Nachtmanager aus dem Bett geklingelt wird. »Sorry, Sir«, hieß es einmal, »ein Porsche ist in das Hauptportal geknallt und hat sich verkeilt.« Ein anderes Mal war der beschwipste Lenker eines Rolls-Royce gegen die Wand des Grill-Restaurants gefahren, die aber, zum Glück für die Esser, dem Aufprall widerstand.

Mit scharfem Sinn für das Korrekte hält Bauer sich und andere täglich neu zu Höchstleistungen an. Rosenbuketts etwa, bei denen noch nicht alle Knospen aufgegangen sind, läßt er durch solche mit geöffneten Blüten ersetzen. Die Blumen

dürfen aber auch nicht zu eng arrangiert sein, da sie sonst bei Tisch die Konversation erschweren könnten.

Bauer ist stolz darauf, ein deutscher Perfektionist zu sein. »Wenn man das Geschäft erfolgreich führen will«, so deklamiert er, »muß jedes Detail stimmen, dem fühle ich mich verpflichtet.«

Seit ihrer Gründung Ende des 19. Jahrhunderts waren das »Ritz« und das »Savoy« die Blutsbrüder im europäischen Hotelgeschäft. Im »Savoy« wirkte zunächst das schweizerische Beherbergungsgenie Cesar Ritz - mit dem fast zwergwüchsigen Franzosen Auguste Escoffier, der, auf hohen Stiefelabsätzen umherwuselnd, eine klassische Nouvelle cuisine mit Spezialitäten wie Cuisses de nymphes a l'aurore - Froschschenkel in Weingelee - begründete.

Ritz führte im »Savoy« die Bekleidungsvorschrift Frack und Smoking und die »dressing the restaurant« genannte Technik ein, mit »Reserviert«-Schildchen ihm nicht genehme Dinnergäste abzuweisen.

Doch auch der Glanz des »Savoy«, in dem die Superreichen des Fin de siecle verschwenderische Feste feierten - Kanonenkönig Friedrich Alfred Krupp ließ in der Halle eine Champagnerfontäne installieren -, konnte Ritz nicht von der Idee abbringen, in Paris ein noch luxuriöseres Hotel zu gründen - das »Ritz«.

Der Schweizer, gefördert von dem späteren Briten-König Edward VII. ("Ritz, wo du hingehst, gehe auch ich hin"), erwarb die Stadtresidenz des herzoglichen Geschlechts Lauzun und verwandelte das Haus mit wandhohen Gobelins, Marmorsäulen, Seidentapeten, teuren Täfelungen und chinesischen Vasen in einen diskreten Hort für Könige, Maharadschas und die Mitglieder der Neu-Aristokratie von Stahlbaronen und Industriellen.

Nun wetteifern die deutschen Herren im »Ritz« und im »Savoy«, das Erbe des Pioniers und die herrschaftliche Raffinesse ihrer Häuser zu verfeinern. »Das »Ritz«, verkündet Klein mit einem schon kräftigen französischen Akzent, »wird von mir zum weltbesten Hotel gemacht.«

Solch unverstelltes Selbstbewußtsein, ausgerechnet aus dem Munde eines Deutschen, verschreckte zunächst »tout Paris«. Auch die Internationale der Tycoons, angeführt von Fiat-Chef Gianni Agnelli, war schließlich besorgt, daß der Deutsche das »Ritz« in eine Art Space Shuttle der französischen Hotelkultur verwandeln würde, mit dem klinisch sterilen Interieur amerikanischer Hotelketten, Schuhputz- und Getränkeautomaten auf den Gängen.

Noch schlimmer quälte die Franzosen der Gedanke, die denkmalgeschützte Institution

verwandle sich in eine arabische Kasbah, bevölkert von Burnusträgern und verschleierten Frauen.

Das war 1979, als Madame Monique Ritz das kostbare Familienerbe an den ägyptischen Milliardär Muhammad al-Fayed verkaufte, der ein Vermögen im Baumwoll-, Bank- und Reedereigeschäft gemacht hatte. Al-Fayed - »das 'Ritz' ist eine Pyramide unserer Zeit« - ließ sich das ruhmvolle Hotel 25 Millionen Dollar kosten und machte sich auf die Suche nach einem Manager, der ihm das Investment wieder hereinholen sollte.

Frank Klein, damals gerade 34 Jahre alt geworden und nach fünf Jahren im Pariser Belle-Epoque-Palast »Georges V« zu dessen Finanzdirektor aufgestiegen, erinnert sich an die Begegnung mit dem Ägypter genau: »Al-Fayed fragte mich: 'Was möchten Sie als nächstes machen?' Da sagte ich: 'Ich möchte Generaldirektor werden, am besten in Paris, aber leider ist nichts frei.' Da sagt der al-Fayed: 'Falsch - ich habe ein Hotel für Sie. Ich habe gerade das 'Ritz' gekauft.«

Das »Ritz« war zu jener Zeit ein Denkmal, dem der Luxus zur Last geworden war. Das Hotel kam Klein »düster und kitschig« vor, mit durchgescheuerten Taiping-Teppichen und Bädern, über die der Gilb gekommen war. Das Empfangspersonal behandelte die Gäste wie unartige Schulkinder, und auch das Restaurant enttäuschte die Erwartungen des Deutschen.

Klein ging »ein halbes Jahr lang vorsichtig wie auf Eierschalen«, dann machte er sich an die Reorganisation des »Ritz«. Der Deutsche feuerte die Abteilungsleiter, drückte den Personalbestand um 100 Mitarbeiter auf 460 und begann, mit einer neuen Equipe das Hotel und den Geschäftsgang zu beleben.

Auch »Ritz«-Besitzer al-Fayed schaute des öfteren vorbei, rückte Vorhangrollen auf gleichmäßigen Abstand - und demonstrierte, mit einem Investitionsetat in Höhe von 75 Millionen Dollar, was er von Klein und dem neuen »Ritz« erwartete.

Klein führte eine strenge Kontrolle der Kosten ein und ließ jeweils verschiedene Firmen um Posten wie Kaviar und Lachs, den »Ritz -Champagner, Bademantel und die fast handtuchgroßen, flauschigen Waschlappen (Jahresbedarf 35000 Stück) konkurrieren.

Traditionelle Erbhöfe schleifte er durch Umsetzung von Personal, das sich an einen neuen Gästekreis gewöhnen mußte: Geschäftsleute der »executive«-Kategorie und weibliche Manager, in denen Klein ein »enormes Wachstumspotential« erblickt.

Alleinreisende Geschäftsfrauen, hat Klein beobachtet, seien von der Spitzenhotellerie vernachlässigt worden wie einst die Frauen im viktorianischen England, die ohne Begleitung eines Gentleman nicht zum Dinner erscheinen durften. Klein wies die Ober an, »allein speisende Damen als natürlichste Sache der Welt zu betrachten« und ihnen mit der gleichen Reserviertheit zu begegnen wie männlichen Gästen.

Indirekte Beleuchtung und Pfirsichfarben in den Bädern sollen den Appeal ans Weibliche verstärken - offenkundig mit Erfolg: Bei den Einkaufsschauen der Pariser Haute Couture ist das Hotel bis zu 80 Prozent von Frauen belegt, darunter auch die Suite der ehemaligen »Ritz«-Dauerbewohnerin Coco Chanel mit coolen Metalltapeten und Whirlpool im Großraumbad.

Im sechsten Stock, einst dem sogenannten service prive - mitreisenden Bediensteten globetrottender Reicher - vorbehalten, ließ Klein neue Suiten mit Salonräumen, angrenzenden Schlafzimmern und Bädern inklusive separaten Saunen einbauen. Das Bedürfnis der neuen Klientel von Managern, auch von den Suiten aus Geschäfte zu machen, wurde mit Telex- und Fernkopiereranschlüssen und der Möglichkeit, Börsen-Bildschirmgeräte anzuschließen, befriedigt.

Unter dem Hauptgarten des »Ritz«, der dem französischen Justizministerium benachbart ist, läßt Klein einen vierstöckigen Tiefbaukomplex installieren, der das Plaisir der Kundschaft mit Squash-Anlagen, Swimming-pool, Schönheitssalons und einem Supper-Club vergrößern soll.

Den schwülstigen Charakter schwerer Samtsofas im Zwei-Sterne-Restaurant »L'Espadon« lockerte Klein durch Stühle aus Obstbaumholz, farblich abgestimmt mit dem von Ernest Hemingway favorisierten Hofgarten des Petit Jardin, in dem sich Heidekraut und Blumen um eine Apollo-Büste ranken.

Das aggressive Management in einem aufgehellten »Ritz« brachte das Hotel zwei Jahre nach dem Amtsantritt des Deutschen erstmals wieder aus den roten Zahlen. Die durchschnittliche Belegungsrate erreichte 78 Prozent und soll

1988, nach Abschluß der »Ritz«-Renovation, auf 90 Prozent steigen - obwohl der Luxus seinen Preis hat. In Suiten wie jener Coco Chanels kostet die Nacht runde 8000 Mark.

Noch mehr, täglich 12000 Mark, kostet die Imperial Suite mit ihren Sandsteinreliefs aus Ägypten, einem fünf Meter hohen Baldachin über dem Kopfende des Betts im Hauptschlafzimmer, Regency-Möbeln und Gold-Armaturen im komplett mit Edelhölzern getäfelten Bad.

Mit der gleichen Strategie, die Klein im havariebedrohten »Ritz« anwandte, gelang es auch Willy Bauer, das vom Untergang bedrohte »Savoy« zu retten. 1982, als ihn der Londoner Konzern Savoy Hotel Group beim englischen Rivalen Trusthouse Forte abwarb, hatte sich der Schwabe auf der Insel schon den Ruf eines »Red Adair der Hotelbranche« erworben.

Gemeint war damit die Unerschrockenheit, ähnlich der des amerikanischen Ölbrandbekämpfers, mit der Bauer ein halbes Dutzend angeschlagener Hotels wiederaufgerichtet hatte. Zuletzt hatte er es geschafft, das Londoner »Hyde Park Hotel«, das schneller zu sinken schien als die »Titanic«, vor dem Abwracken zu bewahren.

Die Pfund-Millionen, die dem Deutschen überlassen wurden, um den Jahrhundertwende-Kasten aufzumöbeln, kamen schnell wieder herein. »In kürzester Zeit«, so Bauer, »machten wir phantastische Gewinne.«

Im »Savoy« ließ Bauer die Bankettsäle erneuern, tauchte Zimmer und Suiten in helles Pastell und blasses Rose, erneuerte Stuckfriese, Marmorkamine und die überdimensionalen, zum Teil mit Fenstern zur Themse versehenen Umkleidekammern aus einer Zeit, in der die »high-class world travellers« mit

Überseekoffern den Atlantik überquerten.

Für »Savoy«-Puristen beließ es Bauer bei den verchromten Papierkörben in Form von Champagnerkübeln und bei den riesigen, eine Art Monsunregen erzeugenden Duschköpfen über den Badewannen, die dank armdicker Zuleitungen in nur 14 Sekunden füllbar sind.

Daß sich Bauer als »bestgehaßter Mann des Hotels« fühlte, lag an dem Ultimatum, das er der Belegschaft stellte. Die Angestellten hätten sechs Monate Zeit zur Produktivitätssteigerung, verkündete er bei Amtsantritt. Wer dann noch herumhänge, müsse gehen. »Es gab Leute«, rechtfertigt Bauer seinen Stil, »die von sich dachten, wichtiger zu sein als die Gäste. Aufgrund des Namens 'Savoy' hielten sie es nicht für nötig, sich besonders anzustrengen.«

Bauer entließ den Restaurant-, den Küchen- und den Empfangschef, den Maitre d'hotel, die Erste Hausdame, den Speise- und Getränkemanager und den Finanzchef.

Die »Savoy«-Gäste vermißten vertraute Gesichter und begannen zu murren, während Bauer selbst sich »isoliert und einsam« fühlte. »Manchmal«, erinnert er sich, »ging ich völlig demoralisiert nach Hause.«

Doch Bauer, der einst im Genfer Edelrestaurant »Du Parc des Eaux Vives« als Kellner gearbeitet hatte und dort morgens zum Fingernagel- und Bügelfaltenappell antreten mußte, gab nicht auf: »Wenn man Staub aufwirbelt, husten die Leute. Ich mußte den Laden auf Vordermann bringen, und wenn ich dabei hätte sterben müssen.«

Die Wirkungen der Gewaltkur verblüfften die Kritiker. Bauer verdoppelte den Jahresumsatz und trieb die Belegungsziffer von knapp 50 auf über 80 Prozent hoch. Auch die Zahl der Angestellten stieg nun wieder - von 600 auf 650.

Die Phalanx der deutschen Hotelmanager ist aber nicht nur auf dem alten Kontinent und in den ehemaligen Kolonialhotels des Fernen Ostens erfolgreich. Auch die Preziosen unter den amerikanischen Hotels unterliegen deutschem Feinschliff. Auf den Hügeln von San Francisco führt der Kölner Hermann Wiener das »Fairmont«, in dessen Penthouse-Suite - drei Schlafzimmer, Salon, Speiseraum für 50 Personen, Bibliothek und Billardzimmer - Könige und amerikanische Präsidenten, inklusive Ronald Reagan, residieren. Herkömmliche Superreiche lassen sich die Suite pro Nacht 10000 Mark kosten. Die Summe trug zum voyeuristischen Kitzel jener Fernseh-Millionen bei, die das »Fairmont« als Kulisse der TV-Serie »Hotel« bestaunten.

Über das »Pierre« in New York, ein 42stöckiges Wolkenkratzer-Hotel an der Fifth Avenue, das äußerlich steinerne Kühle, drinnen aber die gemessene Eleganz neoklassizistischer Salons ausstrahlt, gebietet George Schwab, 58, gebürtig in Offenbach.

Auch er hatte 1981 einen Problemfall übernommen, der bei jüngeren Kollegen leicht zu einem Knick in der Karriere hätte führen können. Denn auch das »Pierre«, einst Wahlkampfhauptquartier von Richard Nixon, zeigte Verschleißerscheinungen. »Das Hotel«, sagt Schwab, »war irgendwie zurückgeblieben.«

Das lag an den komplizierten Besitzverhältnissen des »Pierre«. 72 Privatleute, die zugleich Suiten-Eigner sind, verfügen über das Hotel - unter ihnen Supermarktkrösus Alfred Taubman, Aufkäufer des Londoner Auktionshauses Sotheby's, aber auch der im Geschäft mit dem Luxus allgegenwärtige Ägypter al-Fayed. Die verwöhnten Bewohner der Suiten hatten einen Managementvertrag mit Trusthouse Forte aufgekündigt, weil ihnen der Betrieb des »Pierre« durch den englischen Konzern zu frugal erschienen war.

Doch die Engländer, die inzwischen selber 25 »Pierre«-Suiten erworben hatten, rächten sich und verriegelten die Appartements, um der kanadischen Hotelgruppe Four Seasons den Einstieg in den nächsten »Pierre«-Betriebsvertrag zu erschweren. Die Kanadier ließen sich nicht schrecken. Sie stellten 20 Millionen

Dollar zur Erneuerung des »Pierre« zur Verfügung und betrauten damit ihren Top-Mann Schwab.

Schwab verfeinerte die dem Hotel verbliebenen 150 Zimmer und 60 Suiten mit Nobel-Accessoires wie Seidentapeten und auf antik gearbeiteten Möbeln.

Die Teehalle »Rotonda«, ein Kunstbau mit neobarockem Säulengepränge, wurde farblich aufgefrischt. An der Längswand prangt ein Gemälde-Amalgam im Stil florentinischer Meister, auf dem Jet-set-Figuren wie Jacqueline Kennedy umflorte Blicke in die Ferne schweifen lassen.

Der deutsche Hausherr vergaß darüber nicht das Personal, das mit dem Standesdünkel der englischen Manager ähnlich unzufrieden schien wie die »Pierre«-Kapitalisten in den oberen Stockwerken. Schwab verwandelte die Hotelkantine in ein Restaurant mit Salatbar und Diätspeisen auf Wunsch und beendete den Brauch der Briten, fernab von den Angestellten in einem separaten Raum mit Mahagonitäfelung zu speisen.

Zwei Jahre später glänzte nicht nur das Kupferdach des Wolkenkratzers, sondern auch die Bilanz. Das »Pierre«, laut Schwab »ein Hotel mit nichtkommerziellem Feeling, aber einem klar erkennbaren Profil«, setzt pro Zimmer jährlich 143000 Dollar um und liegt damit in der amerikanischen Zimmer-Umsatzskala auf Platz eins.

»Die Crux ist«, erläutert Schwab, »daß viele potentielle Gäste glauben, das Hotel sei ständig ausgebucht« - ein Fehlschluß, dem deutsche »Pierre«-Besucher wie Alfred Herrhausen, Sprecher der Deutschen Bank, und der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth bisher nicht erlegen sind.

Als Hauptgrund für den Aufstieg der Hotel-Deutschen zu den neuen Haushofmeistern auf dem Milliarden-Markt der internationalen Top-Hotels nennt Schwab den Boom amerikanischer Hotelketten in den 60er und 70er Jahren, dem die mehr gewerblich orientierten deutschen Hoteleigentümer nichts entgegensetzen konnten.

Schwab: »Das schuf Bedarf für anpassungsfähiges Nachwuchspersonal, das zwar mit den Werten kontinentaleuropäischer Gastlichkeit vertraut war, aber auch amerikanische Management-Methoden kennenlernen wollte. Die jungen Deutschen begriffen sofort, daß man jeden investierten Dollar irgendwie wieder hereinholen muß.«

Der Schweizer Ueli Prager, Begründer der »Mövenpick«-Gastronomie und neuerdings einer internationalen »Mövenpick«-Hotelkette, macht die »zügigeren Karrierechancen« verantwortlich, die sich im Ausland bieten.

»Deutsche Kader«, hat der Schweizer beobachtet, »sind auch bereit, möglichst viele Fremdsprachen zu lernen - Engländer und Amerikaner denken da gar nicht daran.« Gert Prantner wiederum, Chef des Hamburger Hotels »Vier Jahreszeiten«, der als 14jähriger Page im Meraner »Bristol« anfing, hält eine Karriere ohne Auslandserfahrung und damit einhergehende Menschenkenntnis und Weltläufigkeit »prinzipiell für unmöglich«. »Das erweitert den Radius enorm«, meint Prantner, »unsere Leute wissen das.«

Top-Stars im Geschäft wie Klein und Bauer erklären ihren Werdegang mit Schlüsselbegriffen, die Ehrgeiz, Arbeitsenthusiasmus und den Drang zur Selbstbestätigung verraten, für soziale Aufsteiger charakteristisch.

Ausdrücke wie »Disziplin«, »Leerlauf vermeiden«, »nichts schiefgehen lassen«, »sich selbst beweisen« kommen ihnen leicht über die Lippen. »Am wichtigsten ist«, sagt Klein, »stets verfügbar zu sein, sonst weiß man nicht, wie die Karre läuft.« An seinem Schreibtisch im »Ritz« wendet er den klassischen Fassaden an der Place Vendome demonstrativ den Rücken zu, um den Blick ja nicht von der Arbeit abschweifen zu lassen.

Klein hat, wie sein Kollege Bauer, nur die Grundschule und nicht einmal eine Hotelfachschule besucht. Bei seinem Aufstieg über das »Savoy« in London, das Zürcher »Baur au Lac« und das »Ritz« in Madrid folgte er dem ehernen Prinzip der Branche, sich bei einem Wechsel im Niveau des nächsten Hotels ja nicht zu verschlechtern.

Als es nach dem Zwischenaufenthalt in Madrid mal nichts Interessantes gab, ging Klein in die USA und studierte am Hotel-Department der Universität von Ithaca (US-Staat New York) Verwaltungs-, Personal-, Finanz-, Verkaufs- und Produktmanagement.

Dank ihrer obsessiven Gründlichkeit und der Bereitschaft, Arbeitstage mit unbestimmtem Ende als normalen Zustand zu empfinden, prädestinieren sich die Deutschen wie von selbst als Verwalter des internationalen Hotel-Luxus.

Sie teilen mit der neuen Klientel »business-class«-fliegender Manager sekundäre Tugenden wie Effizienz und Präzision und vermitteln ihnen geschickt das Gefühl, daß dem Luxus schon nichts Müßiggängerisches anhafte.

»Leute am Top-Ende des Marktes«, erläutert »Pierre«-Direktor Schwab, »wollen ruhig und an einer guten Adresse untergebracht werden, schon um dem Reise- und Geschäftsstreß zu entgehen.«

Selbstzweifel oder gar eine Pause sind bei den Gastgebern nicht angesagt. Klein sieht im »Ritz« eine Lebensaufgabe und will seinem Arbeitgeber al-Fayed - »ohne Muhammad war alles nicht möglich« - auch jenen letzten Wunsch erfüllen, den der Ägypter schon geäußert hat - eine Beisetzung im Garten des »Ritz«.

Willy Bauers Frau ließ sich wegen dessen 16-Stunden-Arbeitstages scheiden - nun lebt er in einer Junggesellenwohnung. Es klingt nicht sarkastisch, wenn er morgens auf dem Weg durch den Themsepark auf das »Savoy« zeigt und das Hotel »meine Geliebte« nennt.

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