Zur Ausgabe
Artikel 4 / 119
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Die Jungen denken anders

aus DER SPIEGEL 19/1995

In der historischen Sekunde der Befreiung vom Nationalsozialismus wurden alle Menschen befreit, Juden und Nichtjuden, Deutsche und andere«, stellt Michel Friedman, Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland und CDU-Bundesvorstandsmitglied, eindeutig fest.

Denkt die Mehrheit der Deutschen fünf Jahrzehnte danach ebenso über jenen 8. Mai, der das Ende des Weltkriegs brachte?

Für die meisten ist das tatsächlich keine Frage: Wie Emnid-Meinungsforscher im Auftrag des SPIEGEL ermittelten, sehen 80 Prozent in der bedingungslosen deutschen Kapitulation eher Befreiung denn Niederlage. Von den jungen Menschen im Alter zwischen 18 und 34 sprechen sogar 87 Prozent von Befreiung, in der Altersgruppe zwischen 50 und 64 Jahren sind es mit 74 Prozent hingegen deutlich weniger.

Obwohl seit Monaten die Medien ausführlich über das Datum des Kriegsendes und seine Bedeutung berichten, wissen gerade 27 Prozent der Befragten zwischen 18 und 34 Jahren, daß es der 8. Mai war. Unter den Älteren, die über 65 sind, kennen immerhin 52 Prozent das Datum.

Andererseits sind es die Alten, die ihre Geschichte verbiegen. Noch heute lügen sich 16 Prozent der Menschen über 65 Jahre vor, nicht Deutschland, sondern das am 1. September 1939 überfallene Polen habe den Weltkrieg begonnen. Von den 18- bis 34 jährigen glauben gerade mal 3 Prozent dieser falschen Geschichtsschreibung.

Ebenso geschönt ist das Bild von der Rolle der Hitler-Soldaten. War die deutsche Wehrmacht am nationalsozialistischen Völkermord beteiligt? Nein, sagen 63 Prozent der über 65jährigen. Ja, sie war es doch, denken dagegen 71 Prozent der jungen Befragten.

Nicht nur das Lebensalter prägt Einsichten und Ansichten über die Vergangenheit - die Bildung wirkt ähnlich. Je höher der Schulabschluß, desto kritischer wird die Nazi-Zeit beurteilt.

So meinen 70 Prozent der Abiturienten und Hochschulabsolventen, daß die Wehrmacht am Nationalsozialismus mitschuldig war, weil sie nichts gegen Adolf Hitler unternahm. Bei den Befragten mit Volksschulabschluß sind es nur 43 Prozent.

Die Vertreibung der Deutschen im Osten sei ein ebenso großes Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewesen wie der Holocaust an den Juden, behaupten 44 Prozent der Bundesbürger mit Volksschulbildung. Von den Abiturienten denken das nur 20 Prozent.

Hatte der Nationalsozialismus - wollte Emnid von den Bundesbürgern wissen - im ganzen gesehen nicht auch ein paar gute Seiten? Mehr als die Hälfte der Befragten mit unteren Bildungsgraden fanden tatsächlich gar nicht alles so schlecht, was die Nazis zwischen 1933 und 1945 taten. Bei den Abiturienten sind es - beunruhigend genug - immerhin noch 20 Prozent. Der Geschichtsunterricht an deutschen Oberschulen hat offenbar eine begrenzte Wirkung.

Wenn es gilt, Lehren aus der Geschichte zu ziehen, sind hingegen die Überlebenden der Kriegsgeneration in manchen Punkten konsequenter als die Nachgeborenen. »Pazifisten lehnen Waffen aller Art und jede Anwendung von Gewalt ab. Was halten Sie von dieser Einstellung?« fragte Emnid. Von den Befragten, die den Krieg noch erlebt haben, sprachen sich 22 Prozent »sehr« für die pazifistische Grundeinstellung aus.

Die Jungen zwischen 18 und 34 sehen das lockerer. Nur 12 Prozent denken pazifistisch. Eine Lektion haben die Deutschen - bis auf jene paar Unbelehrbaren - aus ihrer Vergangenheit offenbar dennoch gründlich gelernt: Den starken Mann will heute keiner mehr.

»Meinen Sie, daß Alleinherrscher politische Probleme besser lösen können als Demokraten?« fragte Emnid. Unabhängig von Alter, Einkommen oder Bildung antworteten weit mehr als 80 Prozent der Deutschen: »Nein.«

[Grafiktext]

Genaues Datum unbekannt »Wann begann und wann endete der Zweite Weltkrieg?« Die richtigen Antworten: Viel mehr Opfer »Wie viele Tote hat der Zweite Weltkrieg insgesamt gefordert?« Gute und schlechte Seiten »Der Nationalsozialismus hatte... Gehorsam bis zum Mord »Hat sich die Wehrmacht am Nationalsozialismus mitschuldig gemacht, da sie nichts gegen Hitler unternahm, oder war sie nur Befehlsempfänger und als solcher nicht mitschuldig?« »Hat die deutsche Wehrmacht gekämpft wie jede andere Armee auch, oder war sie am nationalsozialistischen Völkermord beteiligt?« Verbrechen gegen Verbrechen »Ist die Vertreibung der Deutschen im Osten ein ebenso großes Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewesen wie der Holocaust an den Juden?«

[GrafiktextEnde]

[Grafiktext]

Umfrage über Einsichten u. Ansichten d. Deutschen z. Ende d.

Zweiten Weltkriegs

[GrafiktextEnde]

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 4 / 119
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.