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»Die Jungs müssen die Hitze spüren«

aus DER SPIEGEL 37/1989

Als Football-Spieler am College kannte der 1,88 Meter große William Bennett nur eine taktische Regel: lospreschen und den Gegner über den Haufen rennen. Den Spitznamen »Rammbock« verdiente er sich damals, als er mit dem Kopf voran eine Tür zertrümmerte, die ihm eine Angebetete gerade vor der Nase zugeschlagen hatte.

Der Politiker Bennett, mittlerweile 46 Jahre alt, hat sein Verhalten nicht geändert. »Wer nicht ständig so handelt, als wäre er im Ballbesitz«, sagt er, »der gerät in die Defensive. Und da möchte ich nicht sein.«

Als Ronald Reagans Erziehungsminister hat sich der Professor der Philosophie mit einem besonderen Interesse für Ethik vor allem bei Konservativen einen Namen gemacht. Unter George Bush ist Bennett seit März »Drogenzar«, der Mann hinter dem 7,9-Milliarden-Dollar-Plan des Präsidenten. Er soll die Anstrengungen der Regierung bei der Rauschgiftbekämpfung in den nächsten Jahren koordinieren.

Für diese Aufgabe, die viele in Washington als einen Job ansehen, bei dem man nur verlieren kann, hatte sich Bennett im Dezember 1988 freiwillig bei Bush beworben, obwohl das Amt ihm weder Kabinettsrang noch bürokratische Macht eintrug.

Es ist nach Meinung von Freunden nicht nur sein strotzendes Ego, das Bennett dazu getrieben hat, sich um Amerikas drängendstes innenpolitisches Problem zu kümmern. Mehrmals in seinem Leben wurde Bennett persönlich mit Rauschgiftproblemen konfrontiert. »Drogenkrieg«, sagt ein Freund, »das ist für ihn nicht bloß eine Metapher.«

Das erste Mal passierte es 1969. Bennett hatte damals nach seiner Philosophiepromotion ein juristisches Zweitstudium in Harvard begonnen und erwischte einige Kommilitonen beim Drogenverkauf an jüngere Studenten. Fassungslos erlebte er, wie die Universitätsverwaltung im permissiven Klima der Woodstock-Ära zögerte, die Übeltäter zu bestrafen. Bennett: »Pervers.«

Zehn Jahre später, 1979, ermordeten Einbrecher einen von Bennetts akademischen Mentoren, den New Yorker Geisteswissenschaftler Charles Frankel, und dessen Frau. Die Killer, die gefaßt und zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden, standen zur Tatzeit unter dem Einfluß von Rauschgift. »Bill war völlig zerstört«, erinnert sich sein älterer Bruder Robert.

Auf jeden Fall hat Bennett, der einst gegen den Vietnamkrieg eintrat und um ein Haar dem linksradikalen Studentenverband »Students for a Democratic Society« beigetreten wäre, seit jenen Jahren »Null-Toleranz« gegenüber Drogen.

Seine besondere Verachtung gilt den Gelegenheitsschnupfern und -rauchern aus wohlhabenden Kreisen, die sich ab und zu eine Prise Kokain reinziehen, um ihren Party-Witz zu schärfen. In seiner Anti-Drogen-Strategie empfiehlt er abschreckende, wenn auch juristisch fragwürdige Strafen für diesen Konsumententyp: Führerscheinentzug, Wegnahme des Autos, namentliche Anprangerung in der Lokalpresse, Erziehungslager mit Körperertüchtigung und militärischem Drill: »Diese Jungs müssen die Hitze spüren.«

Ohne Rücksicht auf völkerrechtliche Skrupel befürwortet Bennett notfalls den Einsatz von US-Militär in Lateinamerika, um den Kokainnachschub zu stoppen. In einer Fernsehshow verdutzte der Ethikspezialist den Interviewer mit der Aussage, »moralisch« habe er keine Probleme mit der Idee, Drogenhändler wie in Saudi-Arabien einfach »köpfen« zu lassen. Derart starke, simple Sprüche haben Bennett zum Publikumsliebling gemacht.

Aber Bennett kommt auch das Verdienst zu, den Amerikanern immer wieder eine unangenehme Wahrheit einzuschärfen, die sie nicht gerne hören: Die Schuld an der Drogenplage läßt sich nicht einfach auf die Lieferländer und finstere ausländische Kartelle abschieben.

Die Hauptursache des Krieges, der die Straßen vieler US-Großstädte in eine moderne Version des O.K. Corral verwandelt hat, ist für Bennett die anscheinend unerschöpfliche Nachfrage nach Drogen, »der Zusammenbruch unseres Immunsystems«, wie er sagt. Die langfristige Lösung sieht er deshalb nur im »Wiederaufbau der moralischen Autorität der Familie, der Kirche und der Schule«.

Bennett, der über einen Stab von 90 Mitarbeitern und ein Bürobudget von kümmerlichen zwölf Millionen Dollar verfügt, weiß, daß er auf seinem Feldzug nur vorankommen kann, wenn Präsident Bush ihn voll unterstützt.

Bisher hört Bush auf ihn, obwohl der Drogenzar in vielem das genaue Gegenteil des Präsidenten ist: laut, ideologisch, streitbar.

Er hat es geschafft, zum inneren Kreis der Regierung vorzudringen, zu dem sonst nur solche Schwergewichte wie Außenminister James Baker, Verteidigungsminister Richard Cheney und Stabschef John Sununu gehören.

Sollte der Drogenzar Erfolg haben und der Rauschgiftkonsum in den nächsten Jahren tatsächlich zurückgehen, dann, so glauben Bennett-Kenner wie der einflußreiche Kolumnist David Broder von der Washington Post, werde der ehrgeizige Bennett Mitte der neunziger Jahre nach der Präsidentschaftskandidatur greifen.

Broder: »Wenn er überlebt und Erfolg hat - dann verdient er es vielleicht auch, Präsident zu sein.«

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