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SPIEGEL Gespräch »Die Kämpfe sind nationaler Selbstmord«

Libanons Präsident Amin Gemayel über die Krisen und Konflikte seines Landes
aus DER SPIEGEL 39/1984

SPIEGEL: Herr Präsident, Ihr Land ist zu drei Vierteln von Syrien und Israel besetzt. Ihre Hauptstadt ist ruiniert und geteilt, die Armee gespalten, und libanesische Milizen bekriegen sich vor Ihren Augen. Kann aus dem zerstörten Libanon von heute jemals wieder ein normaler, geeinter Staat werden?

GEMAYEL: Zugegeben, das Territorium ist geteilt. Das libanesische Volk ist jedoch nicht geteilt, und darin liegt unsere große Hoffnung.

SPIEGEL: Nicht geteilt? Ihre Hoffnung in Ehren, aber die seit fast zehn Jahren andauernden Kämpfe, die täglichen Schießereien verfeindeter libanesischer Gruppen, zeigen doch, wie zerrissen Ihr Land in Wirklichkeit ist.

GEMAYEL: Die Libanesen, die Jahre hindurch unsägliche Leiden erdulden mußten, empfinden heute nicht mehr unterschiedlich. Jeder kann sich davon überzeugen, daß alle Libanesen ihr Land befreit und wiedervereint wissen wollen.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich dann die ständigen Kämpfe zwischen Libanesen und Libanesen?

GEMAYEL: Wer früher geglaubt haben mag, daß ihm der bewaffnete Kampf zu großem Gewinn verhelfen werde, ist einem Abenteurer vergleichbar, der einen kostbaren Schatz zu heben meint, aber dann erleben muß, daß er nur Kieselsteine geborgen hat. Glauben Sie mir, Moslems und Christen haben erkannt, daß sie sich nur selbst geschadet haben, daß sie Werkzeuge ausländischer Machtgruppen waren oder zum Teil auch noch sind.

SPIEGEL: Selbst wenn sich diese Erkenntnis allmählich durchsetzen sollte, was ändert sich dadurch an der Zerstückelung Ihres Landes?

GEMAYEL: Die Libanesen wissen, daß sie einander brauchen und nur ohne ausländische Einmischung in Frieden leben können. Das hört sich vielleicht sehr theoretisch an, doch es ist die Wahrheit. Daß diese Wahrheit nicht so deutlich in Erscheinung tritt, wie ich es mir wünschte, hängt mit einer Reihe unerfreulicher Tatbestände zusammen: Wir sind ein besetztes Land.

Hinzu kommt, daß auf Kosten und auf dem Boden des Libanon widersprüchliche nicht-libanesische Interessenkämpfe ausgetragen werden. So geschah es, daß das Land seine Souveränität verlor und auseinanderbrach. Die freie demokratische Welt nimmt jedoch die damit

verbundene Verletzung der Menschenrechte nicht zur Kenntnis. Die Weltöffentlichkeit bemitleidet zwar den Libanon, doch wir brauchen nicht nur Mitgefühl, sondern tatkräftige Hilfe.

SPIEGEL: Hätte die ausländische Einmischung denn jemals ein solches Ausmaß erreichen können, wenn die Libanesen nicht bereit gewesen wären, mitzumachen?

GEMAYEL: Wir können natürlich nicht die ganze Schuld den anderen aufbürden. Dennoch, ohne die fremden Machenschaften wären uns viele Leiden erspart geblieben. Sicher, wir haben viele Fehler begangen, die Führer dieses Landes eingeschlossen. Doch die 100 000 Opfer der Kämpfe der vergangenen zehn Jahre sind mit libanesischem Fehlverhalten allein nicht zu erklären.

SPIEGEL: Wie wollen Sie, der Sie nicht einmal über eine eigene Miliz verfügen und auf dessen Befehl nur noch ein Teil der Armee hört, die zerfallene Republik je wieder zu einem einigen Staat machen?

GEMAYEL: Wir Libanesen finden uns mit dem traurigen Status quo nicht ab, ebensowenig, wie die Deutschen mit der Teilung ihres Landes. Außerdem: Der Fall des Libanon erfolgte nicht auf einmal, sondern vollzog sich in mehreren Phasen. Daher wird auch die Wiederherstellung unserer nationalen Einheit nur Stück für Stück vorankommen. Wir werden daher unser Territorium Meter um Meter zurückgewinnen.

SPIEGEL: Mit einer Armee, die in lauter Fraktionen zerfällt?

GEMAYEL: Unsere Armee spiegelt den Zustand der Bevölkerung wider. Sie war starkem Druck verschiedener Gruppen ausgesetzt. Aber festzuhalten ist: Kein libanesischer Soldat hat jemals auf einen anderen libanesischen Soldaten geschossen. Die Armee-Führung ist nach wie vor vereint. An Bord des Hubschraubers, der kürzlich im syrisch kontrollierten Norden abstürzte, befanden sich zum Beispiel moslemische, christliche und drusische Offiziere, Männer mit den gleichen nationalen Zielen.

SPIEGEL: Aber sie leben nicht mehr, und Walid Dschumblat, Ihr gefährlicher politischer Gegner, wirft den Christen sogar vor, den Hubschrauberunfall geplant zu haben, um einen drusischen Mitflieger, Generalstabschef Nadim Hakim, aus dem Wege zu räumen.

GEMAYEL: Es gibt leider Politiker in diesem Land, die vor solch niedrigen Methoden nicht zurückschrecken und nicht einmal Ehrfurcht vor dem Tode haben. Die Bevölkerung ist diese billigen Manöver satt. Eine aus Angehörigen aller Religionsgruppen bestehende Untersuchungskommission hat jedoch einwandfrei bewiesen, daß es sich bei dem Absturz um einen tragischen Unfall handelte.

SPIEGEL: Die Armee versäumte nicht nur, die Teilung Beiruts zu verhindern. Sie wagte ja nicht einmal mehr einzuschreiten, als schiitische Demonstranten vor wenigen Tagen die saudiarabische Botschaft in Brand steckten.

GEMAYEL: Seien wir ehrlich. In einigen Gebieten hindern politische Parteien die legale Staatsgewalt daran, gegen derartige chaotische Handlungen einzuschreiten.

SPIEGEL: Und da sprechen Sie davon, daß die Libanesen nicht mehr unterschiedlich empfänden? Milizen und Armeeteile haben doch keineswegs den Eindruck erweckt, sie stünden in edlem Staatsvertrauen über den niedrigen Herrschaftsansprüchen der verschiedenen Machtgruppen des Landes.

GEMAYEL: Ich bleibe dabei: Die schweigende Mehrheit der Bevölkerung will vom Krieg nichts mehr wissen. Im Augenblick haben wir es vor allem mit Kämpfen unter verschiedenen Glaubensrichtungen in ein und derselben Religion zu tun, was wir in Baalbek und Tripoli deutlich erkennen können. Wenn diese unsinnigen Kämpfe noch lange fortdauern, kommt es einem nationalen Selbstmord gleich.

SPIEGEL: Das libanesische Modell scheint gescheitert: Das 1943 vereinbarte System einer christlich-moslemischen Regierungs- und Verwaltungsstruktur hat sich als unbrauchbar erwiesen. Mal fühlten sich die Christen, mal die Moslems benachteiligt.

GEMAYEL: Die Schuld liegt nicht bei der Nationalen Charta von 1943. Der Fehler lag vielmehr darin, wie man sie interpretierte und anwandte. Der Proporz, der sich später mit all seinen Mängeln zeigte, ist so 1943 nicht geboren worden. So schlecht war er im übrigen nicht, hatte er doch nichts weiter als das friedliche Nebeneinander der verschiedenen Bevölkerungsgruppen zum Ziel.

SPIEGEL: Allein die vielen Milizen, die es auf dem Boden des

Libanon gibt, haben doch die Teilung des Landes und seiner Hauptstadt schon längst vollzogen.

GEMAYEL: Von wem haben Fadi Frem, _(Fadi Frem ist der Führer der Vereinigten ) _(Christenmilizen »Forces Libanaises« und ) _(Verfechter einer engen Zusammenarbeit ) _(mit Israel. Frem kritisiert Amin Gemayel ) _(wegen seiner Absprachen mit Syrien und ) _(wegen seines Beharrens auf der ) _(Wiederherstellung der Zentralgewalt und ) _(der vermeintlichen Preisgabe ) _(christlicher Positionen. )

Walid Dschumblat und Nabih Birri die Waffen geerbt? Sicher nicht von der Libanon-Armee.

SPIEGEL: Daß Israel und Syrien, früher auch die Palästinenser, die ihnen nahestehenden Milizen im Libanon mit Waffen und Geld versorgten, zeigt, daß der Staatschef an allen politischen Fronten zugleich Erfolge verbuchen muß. Trauen Sie sich das zu?

GEMAYEL: Die Milizen haben die meisten ihrer Verbrechen ohne Wissen der jeweiligen politischen Führung begangen. Minderheiten haben die Übergriffe zu verantworten. Ich frage: Vermögen die politischen Kräfte die Milizen ausreichend unter Kontrolle zu halten?

SPIEGEL: Das fragen wir Sie. Aber uns scheint, sie können es nicht. Wie vereinbaren Sie eigentlich das Amt des Staatspräsidenten mit der Tatsache, daß Sie der Sohn von Pierre Gemayel sind, dem Begründer der christlichen Falange-Partei, in der Sie immer noch wichtige Parteifunktionen übernehmen?

GEMAYEL: Ich bin Christ und Falangist, vor allem aber Präsident aller Libanesen, so wie Mitterrand trotz seines sozialistischen Parteiamts Präsident aller Franzosen und der Republikaner Ronald Reagan Präsident aller Amerikaner ist.

SPIEGEL: Die vereinigten Christenmilizen scheinen da anders zu denken. Sie stehen im offenen Widerspruch zu dem christlichen Präsidenten Amin Gemayel.

GEMAYEL: Vielleicht sollte man einen Vergleich aus dem Weltkrieg bemühen. In den damals von den Deutschen besetzten Gebieten fanden sich Menschen, die sich anpaßten und mit den Besatzern zusammenarbeiteten. Auch im Libanon leiden wir unter diesem Phänomen. Die Situation im Südlibanon ...

SPIEGEL: ... wo eine israelfreundliche Miliz in Zusammenarbeit mit der Armee Israels die Bevölkerungsmehrheit in Schach hält ...

GEMAYEL: ... veranschaulicht, was ich meine.

SPIEGEL: Sie wollten doch gleich nach Ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren mit Hilfe der Amerikaner diese Probleme lösen. Warum setzten Sie eigentlich hundertprozentig auf die USA?

GEMAYEL: Zu keinem Zeitpunkt habe ich hundertprozentig auf eine Seite gesetzt. Ich suchte eine Reihe von Ländern auf, die Vereinigten Staaten sogar zweimal, und erbat von allen Unterstützung.

SPIEGEL: Die Amerikaner schickten Kriegsschiffe und ihre Marineinfanterie. Auch die Franzosen, Italiener und Briten schickten Soldaten und Schiffe. Nun sind sie unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Das Fiasko der multinationalen Truppe bewies doch, daß Ihr Kalkül nicht aufging ...

GEMAYEL: ... Vergessen Sie nicht, daß ich das Erbe meines Vorgängers, Präsident Elias Sarkis, antrat. Die Mission des US-Unterhändlers Philip Habib, die ja die Grundlage für das spätere Engagement der Amerikaner darstellte, hatte ja noch unter Sarkis begonnen. Ich selbst bin keineswegs ein Mann, der sich gänzlich einer Seite verschreibt.

SPIEGEL: Das werden die Syrer mit Interesse zur Kenntnis nehmen, mit denen Sie jetzt paktieren.

GEMAYEL: Ich vertraue dem syrischen Präsidenten Hafis el-Assad, zu dem ich in enger persönlicher Beziehung stehe.

SPIEGEL: Kann Syrien erreichen, was Amerika und Israel nicht schafften, Frieden im Libanon?

GEMAYEL: Ich bin davon überzeugt, daß Assad dem Libanon helfen wird, Frieden und Ordnung wiederherzustellen.

SPIEGEL: Möglicherweise kann der Libanon Syriens Sicherheitsbedürfnissen gerecht werden und dafür ein gewisses Maß syrischer Unterstützung erwarten. Wie wollen Sie aber das Sicherheitsproblem der Israelis lösen helfen, die ja noch immer den gesamten Süden besetzen und vom Rest des Libanon abgetrennt haben?

GEMAYEL: Mit Sicherheit werden die Israelis ihre Truppen wohl noch im Lande belassen und die Rückkehr der staatlichen Organe oder der Armee verhindern. Ich erkläre aber ausdrücklich: Wir sind bereit, ein Abkommen über die Sicherheit an der israelischlibanesischen Grenze abzuschließen und entsprechende Maßnahmen in Kraft zu setzen.

Als wir den libanesisch-israelischen Vertrag vom 17. Mai 1983 aufkündigten, hatten wir ja unsere Bereitschaft erklärt, das Vertragswerk durch Sicherheitsmaßnahmen zu ersetzen, die die Infiltration friedensfeindlicher Elemente in den südlibanesischen Raum verhindern sollten. Israel hat damals eine geschichtliche Chance vertan.

SPIEGEL: Wieso? Schließlich erklärte nicht Israel, sondern der Libanon das Abkommen für ungültig.

GEMAYEL: Israel hatte unerfüllbare Bedingungen gestellt.

SPIEGEL: Welche Bedingungen denn?

GEMAYEL: Ich möchte hier nicht auf Einzelheiten eingehen und mich mit der Feststellung begnügen, daß Israel eine geschichtliche Gelegenheit verpaßt hat, der Verwirklichung eines echten Friedens näherzukommen. Schade, denn die arabischen Länder hatten gegen das Abkommen nichts einzuwenden.

Leider überschatteten dann egoistische Überlegungen die politischen und strategischen Ziele. Hätte sich Israel damals mit Sicherheitsvorkehrungen begnügt,

hätte es eine geschichtliche Großtat vollbracht.

SPIEGEL: Es heißt, nicht Israel, sondern Syrien habe diese Großtat verhindert, um nicht aus dem Libanon ausgeschaltet zu werden und so weiterhin Druckmittel gegen Israel in der Hand zu behalten. Und wer soll denn garantieren, daß Damaskus in Zukunft libanesischisraelische Abkommen respektiert?

GEMAYEL: Während meiner letzten Zusammenkünfte mit Präsident Assad stimmten wir darin überein, zu verhindern, daß in den Südlibanon Elemente eindringen, die den Frieden gefährden. Syrien hat nichts einzuwenden gegen ein Sicherheitsarrangement zwischen dem Libanon und Israel.

SPIEGEL: Die PLO sieht das offenbar anders. Abgesehen davon, daß auch heute wieder palästinensische Freischärler im Nord- und Ostlibanon und in den Schufbergen stehen, berufen sich palästinensische Sprecher immer noch auf das Kairo-Abkommen von 1969, das den palästinensischen Widerstandskämpfern erlaubte, sich in einem grenznahen Streifen frei zu bewegen und israelische Siedlungen von dort aus anzugreifen.

GEMAYEL: Das Kairo-Abkommen ist bereits vor Jahren gestorben. Aber zugegeben: Um mit all diesen Problemen fertig zu werden, brauchen wir Hilfe von allen Seiten.

SPIEGEL: Etwa auch von der Bundesrepublik?

GEMAYEL: Viele Staaten, vor allem die Bundesrepublik, helfen dem Libanon zu wenig - davon bin ich leider überzeugt, wobei doch gerade die Deutschen - ebenso wie wir - am eigenen Leibe erfahren haben, was Zerstörung und Wiederaufbau bedeuten.

SPIEGEL: Was könnte die Bundesrepublik denn konkret für den Libanon tun?

GEMAYEL: Deutschlands politisches Gewicht, seine politischen und diplomatischen Beziehungen in der Welt und auch im arabischen Raum zählen. Politische Unterstützung aus Bonn würden wir ebenso begrüßen wie weitreichende multidimensionale Hilfeleistungen auf allen Gebieten. Immerhin freue ich mich, daß die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Friedrich-Ebert-Stiftung, das Goethe-Institut und der deutsche Botschafter Eitel die gerade jetzt so wichtige deutsch-libanesische Zusammenarbeit tatkräftig fördern.

SPIEGEL: Warum legen Sie soviel Wert auf die Deutschen? Haben Sie eine persönliche Beziehung zum heutigen Deutschland?

GEMAYEL: O ja. Schon 1960 war ich in Deutschland auf Einladung der CDU und von der Parteiarbeit so beeindruckt, daß ich das Forschungszentrum der Kataib-(Falange-) Partei nach deutschem Vorbild aufbaute und auch »Haus der Zukunft« benannte. Als Student war ich außerdem einige Monate in West-Berlin, wo ich in einer Fabrik arbeitete und den Aufbauwillen und das Organisationstalent der Deutschen bewundern lernte.

Schon vorher waren mir im Libanon allerdings die deutschen Frauen aufgefallen: Anders als die anderen Ausländerinnen, die libanesische Ehemänner geheiratet hatten, konnten die deutschen Ehefrauen schon nach kurzer Zeit unseren libanesischen Dialekt sprechen, das habe ich nicht vergessen können.

SPIEGEL: Vier Jahre Amtszeit verbleiben Ihnen noch. Was glauben Sie in diesem Zeitraum erreichen zu können?

GEMAYEL: Zumindest den Abzug aller ausländischen Truppen, aber auch die Auflösung aller Milizen, um die Haupthindernisse beiseite zu räumen, die der Wiederherstellung des Vertrauens unter allen Libanesen bisher im Wege stehen.

SPIEGEL: Herr Präsident, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*KASTEN

Amin Gemayel *

wurde Präsident des Libanon, nachdem sein Bruder Beschir, der das Amt übernehmen sollte, im September 1982 einem Bombenanschlag zum Opfer gefallen war. Für Amin sprach damals eigentlich nur, daß er ebenfalls ein Sohn des Falange-Gründers Pierre Gemayel war. Seine Familie war nach dem Einmarsch der Iraelis im Juni 1982 (der den zahllosen Kämpfen zwischen den verfeindeten Gruppen ein Ende setzte) die mächtigste im Lande.

Gemayel übernahm Beirut, das die PLO hatte räumen müssen. Auch schien es nur eine Frage der Zeit, wann die von Israel gedemütigte syrische Ordnungsmacht den Libanon verlassen würde. Der Friede war greifbar, da von Ronald Reagan zu einem wichtigen Anliegen Amerikas erklärt. Gemayels Libanon schien 1982 gar bereit, jenen historischen Normalisierungsprozeß mit Israel fortzusetzen, den Ägyptens Anwar el-Sadat begonnen hatte.

Bald aber wurde offenkundig, daß sich Gemayel bedenkliche Fehleinschätzungen leistete. Er traute den USA und Israel zuviel zu, seinen Gegnern in Damaskus zuwenig. Auch glaubte er, alte Gegensätze mit seiner Armee leicht lösen zu können. Doch im Bergkrieg mit den Drusen mußte er 1983 erleben, daß ihm seine Soldaten davonliefen, daß das Engagement der westlichen Friedenssoldaten kaum weiter reichte als bis vor die Eingänge ihrer Unterkünfte.

Da zeigte Gemayel, daß er Realist geblieben war - er reiste nach Damaskus, versprach, künftig fest im arabischen Lager zu stehen. Seine Anpassungsfähigkeit rettete ihm Amt und Leben. Die Syrer, stets bedacht, im Libanon keine Gruppe zu mächtig werden zu lassen, nahmen den angeschlagenen Präsidenten in Gnaden auf - ein klares Signal an Drusen und Schiiten, daß libanesische Politik in Damaskus entschieden wird.

Der Präsident, 42, hat derweil den Pakt mit Israel verworfen und einen neuen Sicherheitsplan für den Libanon mit Damaskus abgesprochen. Bislang allerdings mußte er zusehen, wie Milizen aller Couleur nach Herzenslust Willkür üben. Nach dem Tod seines Vaters im August drohen selbst die christlichen Kämpfer, ihm den Gehorsam zu versagen.

[Grafiktext]

Landesteile mit überwiegend Schiiten, Sunniten Drusen Christen Christen-Enklaven Homs Tripoli Hermel Batrun LIBANON Baalbek Beirut Schuf-Geb. Sahle SYRIEN von Syrien besetzt Sidon Damaskus von Israel besetzt Tyrus Metulla ISRAEL 50 Kilometer

[GrafiktextEnde]

Fadi Frem ist der Führer der Vereinigten Christenmilizen »ForcesLibanaises« und Verfechter einer engen Zusammenarbeit mit Israel.Frem kritisiert Amin Gemayel wegen seiner Absprachen mit Syrien undwegen seines Beharrens auf der Wiederherstellung der Zentralgewaltund der vermeintlichen Preisgabe christlicher Positionen.

V. Windfuhr
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