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ERZIEHUNG / SKA Die Kinder gehorchen nicht

aus DER SPIEGEL 41/1950

(s. Titel)

Der Reporter trat in das Kinderzimmer. Von irgendwoher wurde ihm ein kräftiger Tritt versetzt. Ein paar Jungen tobten lärmend um ihn herum und zerrten an seinem Mantel. Dann waren sie weg, und die Tür hinter ihm wurde verriegelt. Erst zehn Minuten später wurde er durch »Gustav« befreit. Der Reporter schüttelte den Kopf: »Ist das bei Ihnen immer so?«

»Oft«, gestand Gustav.

»Legen Sie denn die Burschen nicht mal tüchtig übers Knie?«

»Nie«, gestand Gustav. »In Ska ist eben alles anders!«

Daß in Ska alles anders ist, ist sein Verdienst: Das Verdienst des schwedischen Kinderarztes und Psychologen Dr. Gustav Johnsson ("die Kinder nennen mich 'Gustav'"). Von Anfang an war er einer der eifrigsten Planer, als man auf dem Stockholmer Kinderpflegeamt das »Projekt Ska« erwog. Mit seiner unerschütterlichen Ruhe und Geduld und seiner Erfahrung mit den neuesten Erkenntnissen der Psychoanalyse schien er den Behörden auch der richtige Mann zu sein, als sie vor drei Jahren darangingen, das »Projekt Ska« zu verwirklichen.

Denn was man in Stockholm plante, war für Schweden etwas vollkommen Neues: In Ska, einer Ortschaft eine halbe Autostunde vor Stockholm, sollte ein »Kinderdorf« entstehen. In dieser Kindersiedlung sollte versucht werden, »Milieugeschädigte« und angeblich unerziehbare Kinder nach psychoanalytischen Erkenntnissen auf den rechten Weg zu bringen.

Im Herbst 1947 wurde das Kinderdorf aufgebaut. Zehn Wohnhäuser für die Kinder entstanden, sechs Gebäude für die Lehrer, drei Wirtschaftshäuser, Schule, Turnhalle und Werkstatt. Siebzig Kinder zogen ein.

Das Kinderpflegeamt in Stockholm hatte sie sorgfältig ausgesucht. Es waren die sogenannten »Schwererziehbaren« und »Unverbesserlichen«. Sie kamen hauptsächlich aus den ärmeren Bevölkerungsschichten. Sie stahlen und logen, waren schmutzig, schwänzten die Schule und trotzten ihren Eltern. Früher wären solche Kinder in die Erziehungsanstalt gesteckt worden. Jetzt kommen sie nach Ska.

Die Behandlung dieser kleinen Rowdys beginnt Pädagoge Johnsson (immer mit lässigem Haarschnitt und ausgebeultem Manchester-Anzug) mit einem Verbot aller Verbote. Mit anderen Worten: Alles ist erlaubt. Wer Fensterscheiben einschlagen will, soll Fensterscheiben einschlagen. Wer die Wände beschmieren will, soll die Wände beschmieren. Wer sich nicht waschen will, soll schmutzig bleiben. Das Herumflegeln ist erlaubt. Nichts ist vorgeschrieben, und keiner wird bestraft. Es fällt kein böses Wort.

Eine so unverhoffte Freiheit macht die Kinder zuerst mißtrauisch und reserviert. Aber schon nach ein paar Tagen erscheint Ska ihnen als Paradies. Die Erwachsenen bekommen das zu spüren. Die Scheiben werden eingeschlagen und die Wände beschmiert, niemand wäscht sich und jeder raucht. In weiser Voraussicht hat Johnsson einen alten Straßenbahnwagen und einige Autowracks in die Umgebung gefahren. Sie werden vollkommen auseinander genommen und zerstört, genau so wie die Uhren in den Aufenthaltsräumen.

Auch die Wohnhäuser leiden ziemlich. Ein paar festangestellte Handwerker sind ständig damit beschäftigt, sie in Ordnung zu halten und neue Scheiben einzusetzen. Die Schule wird eifrig geschwänzt, denn selbst die Teilnahme am Unterricht ist freiwillig. In den Zimmern findet man Sittenromane, Kriminalschmöker und sexuelle Aufklärungsschriften. Gute Bücher werden nur empfohlen. Sie brauchen nicht gelesen zu werden. In Ska gehorchen die Kinder nicht, denn es wird nichts befohlen.

Es gibt nur eine Vorschrift - für die Lehrer. Sie müssen ihre Zimmer stets verschlossen halten. Sonst würden die Räume in kurzer Zeit ausgeplündert und demoliert. Die Lehrer konnten beobachten: Die Aggression der Kinder richtet sich ausschließlich gegen die Erwachsenen.

Je sieben Kinder wohnen als »Familie« in einem Haus und werden von einem »Hausvater« und einer »Hausmutter« betreut. Sie können zum Essen kommen, wann sie wollen. Es ist ihnen auch nicht vorgeschrieben, nachts zu Hause zu sein. Wenn sie wollen, können sie im Wald übernachten. Jede »Familie« wählt zwei Abgeordnete in den Dorfreichstag, in dem auch Vertreter der Direktion sitzen dürfen. In einem ihrer ersten Gesetze genehmigten sich die Reichstags-Jungen das Rauchen.

Aber schon nach einigen Wochen verliert Ska den Paradiesesglanz. Nach der zehnten eingeschlagenen Fensterscheibe stellen die Kinder fest, daß es langweilig wird, Fensterscheiben einzuschlagen. Das Beschmieren der Wände macht keinen Spaß mehr. Der Tabak schmeckt nicht mehr so recht, denn das Rauchen ist ja erlaubt. Auch wenn man mit Streichhölzern spielt und irgendwo ein Feuer anzündet, kommt niemand und schimpft. Es wird ruhiger in Ska.

Die Kinder ahnen nicht, daß sie ständig von Johnsson und seinen drei Assistenten beobachtet werden. Sie wissen nicht, daß ihre Handlungen genau registriert werden. »Wir freuen uns über jede Fensterscheibe, die ein Neuankömmling hier zertrümmert«, schmunzelt Chef Johnsson, »weil damit der Grundstein für die Besserung des Kindes gelegt wird.«

Johnsson weiß: Die Kinder kommen aus dunklem Milieu. Sie kommen aus Familien, die unter Kinderreichtum und Wohnungsnot leiden. Die darunter leiden, daß der Vater ein notorischer Trinker ist, die Mutter sich nicht um die Kinder kümmert oder andere Geschwister in der Behandlung vorzieht. Sie kommen aus Familien mit zerrütteten Ehen, wo sie ständig die Streitereien der Eltern erlebten.

»Diese Kinder haben schließlich das seelische Gleichgewicht verloren. Unbewußt begehen sie Protesthandlungen, sie stehlen, lügen und zerschlagen die Scheiben. Das lieblose Verhalten der früheren Umgebung hat zu einer Haßeinstellung und später zur Verwahrlosung geführt. Die Umweltsbedingungen sind es, die in den Kindern Komplexe entstehen lassen.«

So deutet es Dr. Johnsson. Nach seiner Ansicht gibt es keine »guten« und »schlechten« Kinder. »Wenn sie schlecht sind, so ist es das Ergebnis ihrer Umgebung oder Erziehung.« Ein Kind stehle oder betrüge nicht aus eigenem Antrieb.

Gustav Johnsson stützt sich dabei auf die Erfahrungen des österreichischen Erziehers August Aichhorn. Der Oesterreicher hatte schon Anfang der zwanziger Jahre die Wichtigkeit der Psychoanalyse in der Erziehung erkannt. In dem Buch »Verwahrloste Jugend« faßte er seine Erfahrungen zusammen: »Für die allgemeine Erziehung in der Anstalt kommt es nicht so sehr auf einzelne Erziehungsmaßnahmen an, sondern darauf, den Zögling zu Erlebnissen zu führen.« Aichhorn verwirft das System der bisherigen Erziehungsanstalten mit ihren parademäßig ausgerichteten Eßnäpfen und pedantischen Stundenplänen.

»Wenn die Zöglinge etwas erleben sollen, so müssen sie ins Leben und nicht in die lebensfremde, wenn auch noch so schöne Anstalt gesteckt werden«, plädierte Aichhorn. »Je weniger daher das Milieu Anstaltscharakter trägt, je mehr es sich dem einer freien Siedlung lebensbejahender Menschen nähert, desto sicherer ist die Ausheilung des Zöglings zu erwarten.«

Erst wenn das Kind in Ska seinen Gefühlen einmal freien Lauf gelassen und sich abreagiert hat, schalten sich die Erzieher ein. Auch hier hält sich Johnsson an sein Vorbild Aichhorn: »Erzogen wird nicht durch Worte, Reden, Ermahnen, Tadel oder Strafen, sondern durch Erlebnisse. Durch das bei uns geschaffene Milieu und durch die Art der Führung ergeben sich für jeden einzelnen täglich so viele Gelegenheiten zu großen, kleinen und kleinsten Erlebnissen, deren tiefgehende Wirkungen die Verwahrlosung beheben.« Das Kind merkt nichts davon. Jeder Zwang und jede fühlbare Beeinflussung wird vermieden. Man läßt das Kind frei spielen.

Schon aus dem Benehmen beim Spielen wollen die Psychologen erkennen, welche Komplexe das Kind belasten. »Denn unbewußt läßt das Kind beim Spiel seine Gedanken und Komplexe widerspiegeln.« Ein Junge spielt im Sandkasten. Er baut gern Häuser, die von Zäunen umschlossen sind. Auch die Tiere werden eingesperrt, möglichst jedes für sich. Schlußfolgerung der Psychologen: Ein gefühlsunterdrücktes Kind. »Die Zäune spiegeln die Verbote und Ermahnungen wider, die das Kind umgeben.«

Papier, Wasserfarben und Pinsel sind ein anderes Mittel. Ein kleiner Junge zeichnet seine Familie. Erst sich selbst, ziemlich klein und unscheinbar, dann die Mutter, mit großen Strichen, dann einen kümmerlichen Vater. Die Schwester, obwohl sie jünger ist, überragt alle Figuren. »Ein typischer Fall von Geschwisterrivalität«, konstatieren die Erzieher.

Langsam leiten sie die »Unverbesserlichen« aus dem Labyrinth der Widerstände, der Angst- und Schuldkomplexe. Zuerst sollen die Kinder sich in der vollkommen neuen Umgebung zu Hause fühlen. Dadurch, daß immer nur sieben Kinder in einem Haus wohnen, versucht man eine häusliche Atmosphäre zu schaffen. Stets läßt man sie gewähren, stets ist man freundlich zu ihnen. »Es fällt dem Kind leichter, sich in diese kleine 'Familie' einzufügen Ist es erstmal in diesem Kreis zu Haus, dann paßt es sich auch leichter der großen Dorfgemeinschaft an Zumal es von der kleinen Gruppe aus an der Gestaltung und Steuerung der ganzen Siedlung teilnehmen kann.«

Scheinbar unbeobachtet dürfen die Kinder ihre Probleme und Erfahrungen diskutieren. »Dabei erziehen sie sich selbst.« Der freiwillige Schulbesuch nahm in kurzer Zeit erheblich zu. Grund: Die Schulgänger unterhalten sich über etwas Interessantes, was sie gerade gelernt haben. Die anderen können nicht folgen. Sie werden von ihren Kameraden ausgelacht und gehänselt. Das weckt den Ehrgeiz. Besonders, da das Schuleschwänzen vollkommen reizlos geworden ist.

Ebenso ist es mit guten Büchern. Und ebenso ist es mit vielen anderen Dingen. Auf diese Weise erreicht Johnsson, daß die Kinder mit der Zeit an allen Arbeiten teilnehmen und zwar mit dem Gefühl, daß sie es vollkommen freiwillig tun.

Andere Kinder haben Sexual-Komplexe. Da ist der Fall der kleinen Monica Ohlson. Ihre Eltern sind wohlhabend, aber der Vater bekommt oft Wutanfälle. Die Ehe der Eltern ist zerrüttet, die Mutter unglücklich. Sie scheint ihren Kindern zuviel Einzelheiten ihrer unglücklichen Ehe anvertraut zu haben.

Monica wurde widerspenstig. Sie benahm sich wie ein Junge, trug Jungenkleidung, konnte nicht mit anderen Mädehen spielen und hatte Schwierigkeiten in der Schule. Sie fürchtete sich besonders vor sexuellen Dingen. Sie kam nach Ska. Zuerst die gleiche Zerstörungswut, die gleichen Haßgefühle wie bei den anderen. Nachdem sie aber mit anderen, gleichalterigen Mädchen zusammen ein paar Monate in einem Haus gelebt hatte, verlor sie ihre Komplexe. Sie ist wieder ein »normales Kind« geworden. Viele Fälle lagen ähnlich.

Ueber siebzig Kinder konnte Dr. Johnsson seit Bestehen des Kinderdorfes als geheilt entlassen. Wenn sich die Verhältnisse in ihren Familien gebessert haben, so kehren sie zu ihren Eltern zurück. Andernfalls erhalten sie in einem Pflegeheim eine weitere Ausbildung.

Im schwedischen Reichstag gab es kürzlich eine erregte Debatte über das »Experiment Ska«. Die Opposition hatte errechnet, daß jedes Kind den schwedischen Staat pro Tag 25 Kronen (ca. 20 DM) kostet. Das macht bei siebzig Kindern im Jahr über 630000 Kronen (ca. 500000 DM). Das sei zuviel. Die Regierungspartei, die Sozialdemokraten, waren anderer Meinung: »Wir wollen lieber diese Summe aufbringen, als daß diese Kinder später einmal als Verbrecher enden.«

Johnsson ist derselben Ansicht. Auch seine drei Kinder werden in Ska erzogen.

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