Zur Ausgabe
Artikel 48 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Die Kirche lebt

*
aus DER SPIEGEL 13/1984

Im Dorf Nowojenissejsk in Westsibirien gibt es längst kein Gotteshaus mehr. Wenn die Putzfrau Lena Wassiljewna, Mitte 50, einen Gottesdienst besuchen möchte, fährt sie über 300 Kilometer in die Regionalhauptstadt Krasnojarsk, die Heimat des derzeitigen Parteichefs Tschernenko.

Wenn sie aber einige Tage - ein- bis zweimal im Jahr - »nur mit Gott und anderen Gläubigen« zusammensein möchte, kauft Lena Wassiljewna eine Bahnfahrkarte für 60 Rubel, mehr als einen halben Monatslohn, und fährt knapp 5000 Kilometer nach Sagorsk bei Moskau. Dort liegt das Dreifaltigkeits-Sergej-Kloster, das Rom der russischorthodoxen Kirche.

An hohen Feiertagen versammeln sich in Sagorsk an die hunderttausend fromme Sowjetbürger und Schaulustige. Die Polizei schirmt die Kathedrale ab, berittene Uniformierte stehen bereit, bei Tumulten einzuschreiten. Die Zahl jener Russen im atheistischen Staat, die eine der 8000 noch »arbeitenden« Kirchen im Lande (1917: fast 55 000) besuchen, wächst; auch junge Leute sind dabei.

Immer mehr junge Paare lassen sich kirchlich trauen; die meisten Kinder sind getauft. Von den Russen, die ungefähr die Hälfte aller Sowjetbürger stellen, bekennt sich heute etwa jeder dritte Erwachsene zur Kirche, das sind schätzungsweise 40 Millionen Christen oder doppelt soviel Sowjetmenschen, wie die KPdSU an Mitgliedern hat.

Dabei dürfen die Priester Jugendlichen keinen Religionsunterricht erteilen,

zu politischen Themen nur Stellung nehmen, wenn und wie es dem Regime gefällt. Die Behörden hindern die Priester auch daran, Sterbenden in Hospitälern beizustehen oder Gefängnisse zu besuchen. Dennoch gelingt es den »Kultdienern« (amtliche Bezeichnung), auch außerhalb der Kirche zu taufen, oder Armen Geld zu geben.

Obwohl Parteimitglieder oder Angehörige des Jugendverbandes, die sich offen als Christen bekennen, sofort aus ihren Organisationen ausgeschlossen werden, wenden sich immer mehr Jugendliche jenen Werten des Glaubens zu, die ihnen auf die Lebensfragen bessere Antworten zu geben scheinen als die versteinerten Losungen der Staatspartei.

Viele reizt nur das Mystische, die Feierlichkeit der Gottesdienste. »Heute ist es unter der Jugend fast schicker, ein Kreuz zu tragen, als ein Parteiabzeichen am Revers zu haben«, berichtet Norbert Kuchinke, 43, vier Jahre lang Moskau-Korrespondent des SPIEGEL, in einem Bildband über die Kirche in Rußland, der in diesem Monat erscheint. _(Norbert Kuchinke, »Gott in Rußland«. ) _(Paul Pattloch Verlag, Aschaffenburg; 128 ) _(Seiten; 29,80 Mark. )

Die Kirche lebt, und sie lebt nicht schlecht: Für Taufe, Hochzeiten und Beerdigungen nimmt sie feste Preise; die Aufbahrung eines Toten in der Kirche kostet inklusive Seelenmesse 45 Mark, eine Taufe 15 Mark, eine Trauung 30 Mark. Eine Kirchenfabrik produziert 1500 Tonnen Kerzen im Jahr (Herstellungskosten je Stück: zehn Pfennig, Verkaufspreis: eine Mark) und zwei Millionen Ikonen aus Metall.

Wenn aber ein altes Mütterchen seine Ikone der Kirche vermacht, fällt das Erbstück dem Staat zu. Da beginnt das Regime, sich auf die Volksbewegung einzustellen. In Moskau sind 47 der ehemals 1600 Kirchen wieder in Betrieb und werden mit Blattgold auf den Zwiebeltürmen restauriert. Von den einst 1025 Klöstern Rußlands gibt es noch 19.

Jüngst gab der Staat das Moskauer Danilowski-Kloster der Kirche zurück; 60 Mönche sollen dort leben, wenn in vier Jahren Rußlands Orthodoxie ihr tausendjähriges Jubiläum feiert.

Die einzigen öffentlichen Demonstrationen, die nicht von der Partei organisiert sind, darf die Kirche veranstalten: Auf Prozessionen tragen Gläubige meterhohe Ikonen um das Gotteshaus.

Und schmückt sich der Staat auf Empfängen - zur Sympathiewerbung im Ausland - mit Kirchenvertretern in ihren bunten Gewändern, serviert er ihnen an Fastentagen statt des Fleischgangs an einem Extratisch den erlaubten Fisch.

»Wir als Christen tun als Staatsbürger der Sowjet-Union unsere Pflicht, sonst gehen wir unsere eigenen Wege«, erklärte Patriarch Pimen dem Autor Kuchinke. Je günstiger die äußeren Umstände, desto mehr gerate das »geistige Protokoll« in Gefahr.

Norbert Kuchinke, »Gott in Rußland«. Paul Pattloch Verlag,Aschaffenburg; 128 Seiten; 29,80 Mark.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 48 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel