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ITALIEN / MUSSOLINI-GEBEINE Die Kiste im Kloster

aus DER SPIEGEL 37/1957

Um fünf Uhr früh klingelte ein Polizist die Witwe Benito Mussolinis in Forio d'Ischia aus dem Schlaf. Die Mitteilung, die der Ordnungshüter ihr überbrachte, veranlaßte Donna Rachele, sofort Trauerkleidung anzulegen und ihre Sommerfrische abzubrechen. Zwei Stunden später verließ ein Polizeiboot mit ihr das Touristen-Sodom im Golf vorn Neapel und tuckerte zum Festland hinüber.

Als am nächsten Mittag die Glocke von San Antonio in Predappio, dem Geburtsdorf Mussolinis und jetzigen Wohnort Donna Racheles, das »Angelus« läutete, hielt vor dem Friedhof eine Karawane von fünf Autos, denen Kriminalbeamte, Polizisten, Ärzte und Mönche entstiegen. Aus einem schwarzen amerikanischen Wagen, wurde eine verstaubte, mit zwei Eisenbändern vernagelte und versiegelte Holzkiste ausgeladen und in die Leichenhalle getragen.

Die Kiste enthielt eine Zinkkassette. Als diese geöffnet wurde, hob der Pfarrer von San Antonio, Padre Vittorino, die Hände und sprach den lateinischen Totensegen, während die anwesenden Amtspersonen die Hände falteten und Donna Rachele zu schluchzen begann.

Der Zinkkasten enthielt die sterblichen Reste Mussolinis.

Anderthalb Stunden später unterzeichnete die Witwe des Duce eine drei Schreibmaschinenseiten lange Urkunde, in der sie den Empfang der Gebeine ihres Ehegatten bestätigte. Mit diesem Amtsakt endete die zwölf Jahre dauernde Odyssee der Mussolini-Relikte, die nunmehr unter einer christdemokratischen Regierung in geweihter Erde bestattet wurden.

Als Mussolini zusammen mit seiner Geliebten Clara Petacci am 28. April 1945 von einer kommunistischen Partisanengruppe in Dongo am Comer See erschossen worden war, wurden die Leichen des Paares in Mailand an einer Tankstelle an den Füßen aufgehängt und dem Spott der Menge preisgegeben. Anschließend wurden sie auf einem Friedhof am Stadtrand von Mailand unter falschem Namen in einem provisorischen Grab untergebracht. Ein Jahr später raubten vier Faschisten die Leiche des Duce. Sie wurde erst drei Monate später von den Carabinieri zurückerbeutet, allerdings in verstümmeltem Zustand - Verehrer des Faschistenführers hatten ein Bein abgetrennt und es als Reliquie mitgenommen.

Nach diesem Zwischenfall beschloß die italienische Regierung, die Gebeine des Duce in einem Kloster zu verstecken, und gab sie in die Obhut des Kapuzinerordens. Dem Diktator widerfuhr damit das gleiche Schicksal, das außer ihm nur noch zwei berühmten Italienern zuteil wurde, nämlich den Päpsten Kalixt III. und Alexander VI. aus dein Hause Borgia: Man verweigerte ihm ebenso wie jenen Päpsten ein christliches Begräbnis.

Während jedoch die katholische Kirche bis auf den heutigen Tag an dem Verdammungsurteil über die beiden berüchtigten Renaissance-Päpste festhält und sie unbestattet in der spanischen Nationalkirche Santa Maria in Montserrato in Rom liegen läßt, erbarmte sich das christdemokratische Ein-Parteien-Kabinett Zoli des toten Diktators.

Der Entschluß, die Gebeine Mussolinis an seine Angehörigen zurückzugeben, wurde allerdings durch die öffentliche Meinung Italiens erleichtert. Selbst Antifaschisten entrüsteten sich darüber, daß einem Menschen, der eine unsterbliche Seele hat und am Jüngsten Tage aus dem Grabe auferstehen soll, in unchristlicher Weise ein Begräbnis in geweihter Erde verweigert wurde.

Schon der rechtskatholische Ministerpräsident Scelba wollte vor drei Jahren die Mussolini-Gebeine an die Angehörigen zurückgeben. Aber offenbar war damals die katholische Kirche noch nicht geneigt, diesem Wunsch zu entsprechen: Der Obere des norditalienischen Kapuzinerklosters Cerro Maggiore, Pater Liborio, der die Duee-Reliquien in Verwahrung hatte, befand sich während der anderthalbjährigen Amtszeit Scelbas im Ausland.

Als anläßlich der letzten italienischen Regierungskrise im Mai die Stimmen der neofaschistischen »Italienischen Sozialbewegung« für das Vertrauensvotum gebraucht wurden, ging die Democrazia Cristiana einen seltsamen politischen Kuhhandel mit Mussolinis alter Garde ein: Sie versprach, gegen parlamentarische Stimmenhilfe die Leiche des Duce herauszugeben.

Die Neofaschisten forderten eine feierliche »Retour des cendres« (Rückkehr der Asche) ähnlich der triumphalen Heimführung der, Überreste Napoleons, die im Jahre 1840 von St. Helena nach dem Pariser Invaliden-Dom geschafft wurden. Sie hatten als geeigneten Termin für eine solche Feierlichkeit den 4. November vorgeschlagen, der zur Erinnerung an den Waffenstillstand mit Österreich-Ungarn im Jahre 1918 in Italien als Nationalfeiertag begangen wird.

Die italienische Regierung, die eine Beerdigung Mussolinis als reine Privatangelegenheit seiner Familie verstanden wissen wollte, benutzte die Saure-Gurken-Zeit der Parlamentsferien, um diese delikate Angelegenheit ohne großen politischen Wirbel zu regeln. Vorsichtigerweise versicherte sich Ministerpräsident Zoli, der selber in Mussolinis Heimatort aufgewachsen ist, rechtzeitig der Zustimmung des geflügelzüchtenden kommunistischen Bürgermeisters von Predappio.

Nachdem dies geschehen war, erschien der Pater Provinzial des Kapuzinerordens in Begleitung von drei schwarz gekleideten Herren im Kloster Cerro Maggiore, um eine Holzkiste mit der Aufschrift »Urkunden der Ordensprovinz- abzuholen. Angeblich wußten nicht einmal zehn Menschen, daß sich in der Holzkiste mit diesem Etikett Mussolinis Gebeine verbargen.

Am Tage nach der offiziellen Übergabe, am 31. August, drängten sich bereits Hunderte von alten Faschisten und Sensationslüsternen auf dem Friedhof San Cassiano, wo in der Friedhofskapelle drei Seelenmessen hintereinander gelesen wurden. Die Feier des Heiligen Meßopfers artete in einen Tumult aus. Rudel von wildgewordenen Photoreportern stürzten sich

mit Blitzlichtern auf den von vier brennenden Kerzen flankierten Katafalk, an dem vier Schwarzhemden In Schaftstiefeln und mit Totenkopfzeichen die Ehrenwache hielten. Mussolinis Garde sah durch diesen respektlosen Überfall die Ehre der Nation verletzt und zettelte unter Schreien und Flüchen im Gotteshaus ein Handgemenge an.

Als in diesem Augenblick Donna Rachele, begleitet von den Angehörigen, in die Kapelle trat, wollte die Polizei die Kirche räumen. Protestierte die Witwe des Duce: ,Alle Italiener haben ein Recht, den Duce zu sehen, und ihr könnt es nicht hindern.« Gleichzeitig brüllte mit Stentorstimme ein einstiger »Squadra«-Führer: Kniet nieder! Duce, wir schwören bei deiner' Leiche, daß wir deinem Befehl für immer treu bleiben werden.«

Als die Glocke des Ministranten zur Kommunion läutete und die Streitenden niederknieten, bekreuzigte sich Donna Rachele, indem sie ein halbes Kreuz in jener

nachlässigen Art schlug, wie es in der Romagna, einer traditionell revolutionären und antiklerikalen Landschaft, wenig kirchenfreundlich eingestellte Bauernfrauen tun, wenn sie an einer religiösen Zeremonie teilnehmen müssen.

Die eigentliche Beisetzung der Mussolini-Gebeine erfolgte erst in der Abenddämmerung des darauffolgenden Sonntags, am 1. September, im engen Familienkreis ohne jede Feierlichkeit. Bis zu diesem Tage waren schon nahezu dreitausend Faschisten an den sterblichen Resten ihres Duee vorbeigepilgert.

An dieser letzten Feier nahm auch Edda Ciano, die älteste Tochter Mussolinis, teil, Bei den Seelenmessen des Vortages hatte sie gefehlt. Ihr Vater hat - ein Vierteljahr vor seinem eigenen Tode - ihren Mann, den einstigen italienischen Außenminister, wegen seiner Beteiligung am Badoglio-Putsch noch im Winter 1944/45 nach Aburteilung durch ein Sondergericht erschießen lassen.

Mussolini-Witwe Donna Rachele in Predappio: Jeder Italiener hat ein Recht ...

... den Duce zu sehen: Mussolini-Katafalk

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