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»Die können den Schnittlauch selber ziehen«

aus DER SPIEGEL 19/1976

Wenn der kalte böhmische Wind über die Berge fegt und der Regen das steinige Gelände unwegsam macht, tankt der Bauer Wolfgang Kuchler, 60, aus Hinterhaibühl bei Kötzting im Bayerischen Wald in seiner Stube neue Zuversicht: Im Ofen knistert das Holz aus seinem 18 Tagwerk großen Wald. Zum selbstgebackenen Brot und der selbstgemachten Butter schmecken die Eier, die seine zwanzig Hühner legen. Das Bier wird ihm direkt ins Haus gebracht und das dazu nötige Geld auch -- 150 Mark pro Woche vom Arbeitsamt.

Der nahezu autarke Klein-Landwirt ist nämlich einer von den über 2 000 Arbeitslosen im Arbeitsamtbereich Kötzting, wo jeden Winter mit einer Arbeitslosenquote von rund 40 Prozent die Rekordmarke der Republik erreicht wird.

Bauer Kuchler ist ein typischer Fall unter den vielen Arbeitslesen in seiner Nachbarschaft. »Die Sozialstruktur hier hinten«, so Gerda Pintzenöller, die Leiterin des Arbeitsamts Schwandorf, »ist völlig anders als in einer Dreizimmerwohnung in einem Hochhaus in Bochum.«

Von Bochum unterscheidet die Kleinbauern im sogenannten Lamer Winkel vor allem, daß ihre Lebensgrundlage fast durchweg »auf dem eigenen Häuschen, Feld und Acker« (Pintzenöller) beruht. »Zumindest können sich die«, so spezifiziert der Leiter der Kötztinger Arbeitsamtsnebenstelle Alois Greisinger, »ihren Schnittlauch selber ziehen.«

Der bäuerliche Hintergrund drückt schon im Sommer auf die Arbeitsmarktstatistik, wenn »zur Heuernte die Krankmeldungen sprunghaft ansteigen« (Pintzenöller), noch mehr aber in der kalten Jahreszeit. »Die sind halt«, so resigniert Arbeitsamt-Chefin Pintzenöller, »an einem gewissen Rhythmus der Winterruhe gewöhnt.«

Der Rhythmus ist derart ausgeprägt, daß er sich auch dann Bahn bricht, wenn es an Arbeit einmal nicht fehlt. Als der Steigenberger-Konzern in Lam bei Kötzting ein 250-Betten-Hotel in Winterbauweise errichtete, registrierte das Arbeitsamt prompt 39 Prozent Krankmeldungen -- eine Ziffer, die verblüffend mit der gewohnten Winterarbeitslosigkeit übereinstimmte.

Die Rechnung, die sich die Arbeitslosen auf machen, scheint nicht ohne Logik. Alois Greisinger von der Arbeitsamtnebenstelle Kötzting kennt Fälle, wo ein Bauarbeiter statt wöchentlich 250 Mark Arbeitslosengeld durch Aufnahme einer Arbeit 270 Mark pro Woche verdienen würde: »Mit 50 Pfennig mehr in der Stunde ist keiner hinterm Ofen hervorzulocken.«

Für den Kleinbauern Kuchler sähe die Alternative zum häuslichen Dasein bei seiner fünfköpfigen Familie so aus: Er müßte sich Montag morgen um zwei Uhr auf den Weg machen und fernab von Haus und Hof in München oder Nürnberg in einer Baubaracke als Bauhilfsarbeiter leben. Da nimmt er lieber mit dem Arbeitslosengeld von 68 Prozent des letzten Bruttoentgelts vorlieb, zumal die Kranken- und Rentenversicherung ohne eigenen Aufwand weiterläuft.

Daß sich nicht einmal für den lebensnotwendigen Fremdenverkehr die nötigen Kräfte finden lassen, hängt freilich wieder mit eingefleischten Bedürfnissen der einheimischen Bevölkerung zusammen. Durch das jahrelange Pendeln in auswärtige Arbeitsstellen haben die Kötztinger gelernt, auf jeden. Fall das Wochenende von Lohnarbeit freizuhalten. Gerda Pintzenöller: »Dienstleistungen am Samstag und Sonntag werden prinzipiell abgelehnt, der Fremdenverkehr bleibt damit unterentwickelt.«

Die Arbeitsamt-Chefin sieht vorerst keine Alternative zu den Millionen-Subventionen, die alljährlich »in diese Ecke fließen« und inzwischen »Berliner Verhältnisse« erzeugt haben. Letztes Jahr wurden mehr als 260 Millionen Mark für die 380 000 Menschen im Arbeitsamt-Bezirk Schwandorf ausgegeben. »Mit Geld allein«, so fürchtet die Chefin freilich, »geht's auf die Dauer nicht.«

Die Eingeborenen sehen das anders. Der Kötztinger Lokalmatador Ludwig Volkholz, der jüngst eine »Christliche Bayerische Volkspartei« aus der schwächlichen »Bayernpartei« abgespalten hat, sieht im Arbeitslosengeld einen »Teil des Grenzlandausgleichs« und proklamiert für seine Bergbauern ein »Recht auf Arbeitslosigkeit«.

Neben diesem speziellen Recht in diesem Landstrich nehmen die Häusler im Wald, jetzt da es wärmer wird, freilich auch ihr Recht auf Arbeit wieder in Anspruch. Denn nur wer im Sommer mindestens 26 Wochen arbeitet, kann im nächsten Winter wieder 78 Wochentage stempeln. Bauer Kuchler, der im Winter »liaber dahoam« bleibt, ist dieser Mechanismus wohlvertraut: »Um dös geht's ja.«

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