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»Die Kommunisten sind freundliche Menschen«

aus DER SPIEGEL 22/1976

SPIEGEL: Herr Spinelli, Sie haben als EG-Kommissar kapitalistische Industriepolitik betrieben, nun unterstützen Sie als Parlaments-Kandidat die Kommunistische Partei Italiens. Sind Sie Kommunist?

SPINELLI: 1937, als ich zehn Jahre im faschistischen Gefängnis saß, habe ich mit der Partei gebrochen. SPIEGEL: Warum?

SPINELLI: Ich wurde Kommunist. weil mich die Ideen von Lenin und Trotzki verführt hatten. Ich wollte Berufsrevolutionär werden, und von der Arbeit im Untergrund des faschistischen Italien erhoffte ich, ein noch besserer Revolutionär zu werden. Wir hielten die Gefängnisse für die Hochschulen der Revolution ...

SPIEGEL: Was haben Sie da gelernt?

SPINELLI. Die italienischen Gefängnisse ließen sich nicht mit den nazistischen vergleichen, eher mit den zaristischen -- es gab ein Minimum an Humanität. Wir konnten schreiben, lesen, diskutieren, wir hatten viel Zeit. Marx hatte das Proletariat zum Erben der klassischen deutschen Philosophie erklärt. Also las ich Hegel, Fichte und Kant.

SPIEGEL: Marx -- im faschistischen Gefängnis?

SPINELLI: Die verbotenen Schriften wurden hereingeschmuggelt. Ich lernte, daß zwischen Himmel und Erde viel mehr existiert als der Marxismus. Ich erkannte den Wert politischer Freiheit und Demokratie. Ich fühlte den Widerspruch, daß ich gegen eine faschistische Diktatur kämpfte, die Kommunisten aber eine andere Diktatur wollten. Wir erfuhren vom Stalinismus in Rußland. Als ich mich weigerte, die Moskauer Prozesse zu billigen, wurde ich aus der Partei ausgestoßen.

SPIEGEL: Hat sich heute die Partei geändert, oder sind Sie wieder Kommunist geworden?

SPINELL!: Die Partei hat sich geändert. Die italienischen Kommunisten -- ich sage nicht die russischen -- streben keine Diktatur mehr an.

SPIEGEL: Und der reuige Sünder kehrt heim?

SPINELLI: Ich bin nicht Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens geworden. Nur erscheinen mir heute die Kommunisten als wichtigste Verbündete für eine Politik der Vereinigung Europas.

SPIEGEL: Das ist Ihr Programm seit 1941 ...

SPINELLI: ... für eine Verwirklichung von Freiheit und Demokratie. Nach dem Krieg schienen mir die Christlichen Demokraten dafür die besten Alliierten zu sein, nach der Niederwerfung der ungarischen Revolution von 1956 die bis dahin stalinistischen Sozialisten. Ich wurde damals Berater des sozialistischen Außenministers Nenni, sozusagen sein kleiner Kissinger. Nach den Ereignissen in Prag 1968 aber begannen auch die Kommunisten nachzudenken.

SPIEGEL: Doch nicht über Europa?

SPINELL!: Die Kommunisten steckten in einem Dilemma. Sie konnten sich nicht mehr nach Rußland orientieren. Sie wollten sich auch nicht an Amerika anlehnen. Es blieb ihnen deswegen nur ein dritter Weg: Europa. Ein verführerischer Weg, denn alle Italiener sind bewußte Europäer. Es gibt nämlich bei uns keinen linken Nationalismus wie etwa in Frankreich.

SPIEGEL: Und wenn die Europäische Union nicht zustande kommt?

SPINELLI: Dann zerfällt das Land in eine amerikanische und eine russische Partei. Aber die Kommunisten wollen nicht zur russischen Partei gehören.

SPIEGEL: Woher wissen Sie das?

SPINELLI: Giorgio Amendola, der mir 1937 den Parteiausschluß verkündet hatte -- seitdem hatte ich keine politischen Kontakte mehr mit den Kommunisten -, kam nach Prag zu mir und fragte: »Was ist europäische Politik?« Sie hatten sich wohl gesagt, einer, der einmal zu uns gehörte, hat diesen Weg beschritten. Wir haben miteinander diskutiert. Anfangs fanden sie Gefallen an de Gaulles Europa vom Atlantik bis zum Ural.

SPIEGEL: Einschließlich der Hälfte Rußlands?

SPINELLI: Langsam begriffen sie, daß sich nur die demokratischen Länder Westeuropas vereinigen lassen. Sie akzeptierten die Realität und wollten die Europäische Gemeinschaft nützen, die von der Bourgeoisie geschaffen worden war. Sie erkannten aber auch, daß die EG ein Abenteuer ist -- ein Experiment, das auch scheitern kann.

SPIEGEL: Die Kommunisten vollzogen also jetzt die Wandlung, die Altiero Spinelli bereits vor 40 Jahren durchgemacht hat?

SPINELLI: Ja, und Giorgio Amendola ist wieder ein Freund geworden.

SPIEGEL: Fürchten Sie nicht, den Kommunisten als europäisches Alibi zu dienen?

SPINELLI: Natürlich will die KPI mit ihrer Unterstützung für meine Kandidatur als Unabhängiger beweisen, daß sie für Europa ist.

SPIEGEL: Und was ist Ihr Interesse an dieser Allianz?

SPINELL!: Ich habe die Zusage, im Parlament zu sagen und abzustimmen, was und wie ich will. Mein Interesse geht dahin, daß sich Italien aus einem Chaos zu einer funktionierenden Demokratie entwickelt. Die Christlichen Demokraten können Italien nicht mehr führen, sie sind unfähig, zerspalten, korrupt und kraftlos. Nur mit einer großen Koalition. also unter Teilnahme der Kommunisten, kann sich Italien noch aufraffen. Diese Partei repräsentiert einen großen Teil der Gesellschaft, in den Genossenschaften, Gewerkschaften, Gemeinden und Regionen. Das sind keine Revoluzzer, sondern freundliche Menschen, die sich untereinander duzen.

SPIEGEL: Sagen Sie jetzt auch du zu Kommunisten in Italien?

SPINELLI: Ja.

SPIEGEL: Sie sind davon überzeugt, daß die italienischen Kommunisten es ehrlich meinen?

SPINELLI: Politikern kann man nicht ins Herz schauen. Aber die Übereinstimmung zwischen den Erklärungen der Partei und dem Interesse an ihrer politischen Entfaltung ist eine gewisse Garantie.

SPIEGEL: Ist diese Garantie für die Partner Italiens in der EG und in der Nato genauso überzeugend?

SPINELLI: Natürlich gibt es Mißtrauen. Aber es gibt auch ein elementares Interesse, Italien als Partner zu halten und die italienische Wirtschaft zu retten. Für Deutschland und Frankreich bleibt Italien ein eminent wichtiger Markt.

SPIEGEL: Es gibt aber auch Sicherheits-Interessen.

SPINELLI: Die italienischen Kommunisten sind für die Nato, nicht weil sie die Nato lieben, sondern weil sie das Bündnis als einen Stabilitätsfaktor schätzen. Es wäre gefährlich, das Gleichgewicht im Mittelmeerraum zu verändern. Denn gerade dort ist ja mit Jugoslawien ein möglicher Krisenherd in Sicht. Dieser Staat könnte viel leichter Opfer einer Intervention à la Prag werden, wenn Italien aus der Nato ausgeschieden und neutralisiert ist. Meinen Sie, die italienischen Kommunisten legten Wert auf eine Wiederholung des Prager Beispiels an ihren Grenzen?

SPIEGEL: Herr Spinelli, können Sie sich vorstellen, daß in einem westeuropäischen Kabinett in Gegenwart kommunistischer Minister über brisante Details der Verteidigungsplanung beraten wird?

SPINELL!: Aber es gibt doch heute schon Abschirmungen auch innerhalb eines Kabinetts. Wenn alle Minister die Details kennen würden, wären es keine Geheimnisse mehr. Die italienischen Kommunisten haben selbstverständlich keinerlei Ambitionen auf das Militärressort oder auf das Innenministerium

dann würden nur alle schreien; Seht, sie greifen nach der Armee, nach der Polizei. Die Kommunisten sind an Wirtschaftsressorts interessiert. Dort werden sie gewinnen oder verlieren.

SPIEGEL: Verteidigungsplanung ist aber nicht mehr möglich ohne Finanzplanung, und Sie, Herr Spinelli, wissen als EG-Kommissar über europäische Atomforschungsgeheimnisse manches. was die Männer in Moskau auch gern wissen möchten.

SPINELLI: Auf europäischer Ebene betreiben wir friedliche Forschungspolitik, und da haben wir keine Geheimnisse. Das sehen Sie schon an den Delegationen, die ebenso aus Washington und Tokio wie aus Moskau zu uns kommen. Wir unterrichten sie freimütig über unsere wissenschaftlichen Fortschritte.

SPIEGEL: Ein Geheimnis konnten Sie sogar Ihren Kollegen in der EG-Kommission gegenüber bewahren: daß Sie die Partei der Kommunisten ergreifen. Die anderen EG-Kommissare wurden von Ihrer Entscheidung völlig überrascht.

SPINELLI: Ich war selbst überrascht. Mich hat Amendola erst am Sonnabend, dem 15. Mai, telephonisch davon unterrichtet, daß ich kandidieren soll. Meine Konzeption von der politischen Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten ist meinen Kollegen in der EG-Kommission allerdings schon seit zwei Jahren bekannt.

SPIEGEL: Immerhin ist der Eindruck entstanden, daß Sie sich nicht als Altiero Spinelli, sondern als Mitglied der höchsten europäischen Behörde für die KPI engagieren.

SPINELLI: Aber ja. Es ist gewiß etwas anderes, ob man Journalist, Professor oder pensionierter General ist oder aber EG-Kommissar. Das ist ein Schock. Der war notwendig für Europa. Denn dieses Europa schläft angesichts der Tatsache, daß in vier Wochen die Frage beantwortet werden muß: Was wird mit Italien?

SPIEGEL: Was wird aber aus dem unabhängigen Europäer Spinelli, wenn eines Tages die Kommunisten die Gesetze von Freiheit und Demokratie mißachten sollten? Wollen Sie noch einmal einen Bruch mit der italienischen KP riskieren?

SPINELLI: Die Garantie meiner Unabhängigkeit -- c'est moi.

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