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EUTHANASIE Die Kreuzelschreiber

aus DER SPIEGEL 19/1961

Die Direktion hatte einen Hausappell anbefohlen. Ärzte, Pfleger,Krankenschwestern, Sekretärinnen, Putzfrauen undAnstalts-Handwerker waren in Reih und Glied angetreten. Jedererhielt »aus besonderem Anlaß« eine Flasche Bier.

Alsdann marschierte die Belegschaft in den Keller, wo bei Alkoholund angesichts eines aufgebahrten toten Anstaltsinsassen dieVerbrennung der zehntausendsten Leiche gefeiert wurde. EinAmtswalter der Partei drapierte sich mit dem Talar einesGeistlichen und hielt eine Ulk-Predigt.

Diese frevelhaften Exequien wurden im August 1941 auf SchloßGrafeneck bei Münsingen in Württemberg - einer als Heil- undPflegeanstalt getarnten Euthanasie-Tötungsanstalt - arrangiert undgehören zu jenen grausigen Szenen, die bei einem Prozeß wiederlebendig werden dürften, der demnächst in Deutschland kaumgeringeres Aufsehen erregen wird als das israelische Eichmann -Verfahren in der übrigen, Welt: in dem Prozeß gegen den ProfessorDr. Werner Heyde alias Dr. Fritz Sawade.

Das Verfahren gegen den Euthanasie-Experten der SS befindet sichgegenwärtig zwar, erst im Stadium der gerichtlichenVoruntersuchung, und der Prozeß ist noch nicht terminiert.

Aber schon jetzt ist - nicht zuletzt aufgrund der umfangreichenErmittlungen der Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main -abzusehen, daß dabei sämtliche Verharmlosungsthesen ad absurdumgeführt werden, mit denen in der jüngsten Vergangenheit ehemaligeNS-Ärzte, leichtgläubige Juristen und kommentarfreudigeStaatsfunktionäre die Aktion zur Vernichtung angeblich unwertenLebens zu erklären versuchten.

Beispielsweise hatten sich das Hamburger Landgericht und derchristdemokratische Kultusminister Schleswig-Holsteins, EdoOsterloh, zu einem konkreten Fall von NS-Euthanasie geäußert,nämlich zu der widerrechtlichen Tötung von mindestens 56 Kindern imHamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort, und dabei die Meinungvertreten,

- daß ein Arzt, der die zu tötendenKinder auswählte - gemeint war der Kieler Professor Dr. WernerCatel -, »im sittlichen Sinne nichts Unrechtes getan« habe(Osterloh), und

- daß die Verbrechen der NS-Ärzteschwierig zu beurteilen seien, weil schon »dem klassischen Altertumdie Beseitigung lebensunwerten Lebens eine völligeSelbstverständlichkeit war« (Hamburger Landgericht).

Die Hamburger Richter taten noch ein übriges: Sie maßten sichmedizinische Einsichten an und befanden souverän, bei den im Rahmender Euthanasie-Aktion Getöteten habe es sich um »leereMenschenhülsen« gehandelt.

Obwohl die Vorgänge um die NS -Euthanasie - die erwiesenermaßennichts mit den in medizinischen Kreisen viel diskutiertenGnadentötungen auf Wunsch unheilbar Erkrankter zu tun hatte - nochlängst nicht restlos erforscht sind und wohl auch nie erforschtwerden, darf anhand überkommener Dokumente und zahlreicher Aussagennoch lebender Zeugen als feststehend gelten, daß mindestenshunderttausend »leere Menschenhülsen« den Bestrebungen einerrelativ kleinen Gruppe von Medizinern zum Opfer fielen, die aufihre Weise die NS-Ideologie in die Tat umsetzten.

Dabei handelte es sich um eine systematische, zentral gelenkteTötungsaktion, die an Grausamkeit alles übertraf, was penibleWissenschaftler (zum Beispiel Professor Dr. Alexander Mitscherlichin seinem Buch »Medizin ohne Menschlichkeit") bisher derSchreckens-Historie des Dritten Reiches einverleibten, wie die zuerwartenden Enthüllungen des Heyde-Prozesses erweisen werden.

Darüber hinaus wird zum Ausdruck kommen, wie grotesk beispielsweiseVergleiche zwischen der NS -Massen-Euthanasie und den sporadischenKindesaussetzungen der alten Griechen und Römer sind.

Im Gegensatz zur Praxis der Altvorderen war nämlich die Euthanasieder Hitler-Jahre keineswegs ein darwinistisches Exempel (dasfreilich ebenso wenig entschuldbar wäre), sondern vielmehr einverwaltungstechnisch unfaßbar korrekt verwirklichtes ökonomischesProjekt, das sich gegen sogenannte unnützeLebensmittelkarten-Empfänger richtete.

Am Anfang der Aktion stand denn auch keineswegs derwissenschaftliche Disput, sondern die Ausarbeitung präziserFragebogen »im Hinblick auf die Notwendigkeit planwirtschaftlicherErfassung der Heil- und Pflegeanstalten« (Runderlaß desReichsministers des Innern vom 9. Oktober 1939).

Die Anstalten hatten sämtliche Patienten zu melden,

- die von Geistes- und Gemütsleiden - beispielsweise vonSchizophrenie, Epilepsie und senilem Schwachsinn - befallen warenund »in den Anstaltsbetrieben nicht oder nur mitmechanischen Arbeiten« beschäftigt werden konnten;

- die sich seit mindestens fünf Jahrendauernd in Anstalten befanden;

- die als kriminelle Geisteskranke verwahrt wurden oder

- die »nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen oder nichtdeutschen oder artverwandten Blutes sind«.

Diese Fragebogen waren von der »Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- undPflegeanstalten«, einer bürokratischen Tarnorganisation, ausgearbeitetworden und dienten unmittelbar der Aussortierung von Patienten,die getötet werden sollten.

Maßnahmen gegen Personen, die als »volksbiologisch und rassischminderwertig« (Hitler) galten, standen von Anfang an auf demProgramm der Nationalsozialisten und fanden in den erstenMachtjahren ihren Ausdruck in den Gesetzen »zum Schutze desdeutschen Blutes und der deutschen Ehre« (Diskriminierung derJuden), »zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«

(zwangsweise Sterilisierung Erbkranker, aber auch allgemeinMißliebiger) und »zum Schutze der Erbgesundheit des deutschenVolkes« (Einbeziehung der chronisch Kranken in den Kreis der vonder NS-Gesetzgebung Betroffenen).

An eine radikale Ausmerzung »unwerten Lebens« mochte man indeszunächst nicht gehen, weil Hitler Bedenken hatte. So soll er 1935gegenüber dem damaligen Reichsärzteführer Dr. Gerhardt Wagnergeäußert haben, daß er erst dann, »wenn ein Krieg sein soll ...diese Euthanasiefrage aufgreifen und durchführen werde«, weil»Widerstände, die von kirchlicher Seite zu erwarten (sind), in demallgemeinen Kriegsgeschehen nicht dieselbe Rolle spielen würden wiesonst«.

Nach Kriegsbeginn glaubte Hitler, keinerlei Rücksichten mehr nehmenzu brauchen. Er unterzeichnete Ende Oktober einen auf den 1.September 1939 rückdatierten Erlaß, in dem es hieß: »ReichsleiterBouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt,die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern,daß nach menschlichem Ermessen unheilbaren Kranken bei kritischsterBeurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werdenkann.«

Der Professor Dr. med. Karl Brandt galt als besondersvertrauenswürdige Persönlichkeit, nicht nur weil er den Rang einesGeneralleutnants der Waffen-SS bekleidete, sondern, weil er zudemder Begleitarzt Hitlers war. Reichsleiter Philipp Bouhler fungierteals Leiter der »Kanzlei des Führers der NSDAP«, im Parteijargon»KdF« genannt.

Die »KdF« war ein Parteiamt, das sich Hitler unabhängig von derParteikanzlei und von der Reichskanzlei als eine Art Privatkanzleigeschaffen hatte. Zu den Aufgaben der »KdF« gehörte die Erledigungaller an Hitler persönlich gerichteten Gesuche, angeblich auchsolcher von Kranken, die den »Gnadentod« erbaten.

Später war die Hitlersche Gnadentod-Kanzlei auch für alle Fragender Massen-Euthanasie zuständig. Die gleichzeitige Existenz einerFreizeit-Organisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) namens»Kraft durch Freude«, die sich abgekürzt ebenfalls »KdF« nannte,gab damals Anlaß zu einer Serie von Mediziner-Witzen, in denen dieTötung Geisteskranker mit »Kraft durch Freude« in Zusammenhanggebracht wurde und die Hitler, wie Brandt nach dem Kriege aussagte,»herzlich belachte«.

Von der Hitler-eigenen »KdF« wurde nicht nur die»Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten« organisiert,die mittels Fragebogen die Todeskandidaten auswählte, sondernzugleich auch die »Gemeinnützige Krankentransport GmbH« für dieBeförderung der Kranken in die Tötungsanstalten und der Leichen indie Krematorien. KdF steuerte auch die »Gemeinnützige Stiftung fürAnstaltspflege«, der die Honorierung der Euthanasie-Gehilfen samtTroß oblag.

Neben Brandt und Bouhler wurden von dieser kulanten Stiftungfolgende Mitarbeiter betreut:

- 37 medizinische Obergutachter, Gutachter und sogenannteTötungsärzte;

- 23 Verwaltungsbeamte, hauptsächlichOrganisations- und Finanzfachleute;

- 24 Sekretärinnen und sieben weitere Bürokräfte;

- zwölf Transporteure, zumeist Leitervon Omnibus-Konvois für den Verkehr von Anstalt zu Anstalt;

- 15 Registratoren, darunter die Leiter eigens für die Euthanasieeingerichteter Schein-Standesämter, in denen zu Tarnungszweckenkorrekte Sterbeurkunden ausgestellt wurden; und

- drei Chemiker, die für die fachgerechte Verwendung vonKohlenoxyden bei den Tötungen zuständig waren.

Der Vorschlag, die Euthanasie-Aktion mit Kohlenoxyd (CO)durchzuführen, kam vom Reichskriminalpolizeiamt, dessen Leiter derSS-Gruppenführer Arthur Nebe war. Professor Dr. Heyde gab damals inseiner Eigenschaft als Euthanasie-Obergutachter diesen Vorschlag anhöchste Stellen weiter, und Hitler entschied endgültig, daßKohlenoxyd zu verwenden sei.

Als Euthanasie-Zentrale wurde ein schlichtes Haus in der BerlinerTiergartenstraße 4 eingerichtet, von, dem später der Tarnname derEuthanasie-Aktion abgeleitet wurde: »T 4«.

Die von den Heil- und Pflegeanstalten angefordertenKranken-Meldebogen wurden über das »T 4«-Postfach 101 Berlin W 9geleitet und von den Medizinern - der wichtigsten Gruppe im »T4«-Team - ausgewertet.

Zu den ersten Ärzten, die als »T 4« -Gutachter in Erscheinungtraten, gehörte der Professor Dr. Werner Catel, bis vor kurzemOrdinarius für Kinderheilkunde in Kiel. Als Obergutachterfungierten Professor Dr. Werner Heyde und der nach dem Kriege voneinem sowjetischen Tribunal zum Tode verurteilte und hingerichteteProfessor Dr. Paul Nitsche; beide regierten in der Berliner »T4«-Zentrale.

Die Mehrheit der ärztlichen Mitarbeiter, die den Professoren Heydeund Nitsche attachiert waren, residierte demgegenüber keineswegs inder Tiergartenstraße, sondern betätigte sich vielmehr in Heimarbeitals Gutachter. Die Fleiß-Produkte der »T 4«-Gehilfen wurden dannper Post nach Berlin gesandt.

Das häusliche Wirken der »T 4«-Ärzte erschien der Zentralezweckmäßig, weil die Erstellung der sogenanntenEuthanasie-Diagnosen mit nur geringen Mühen verbunden war.

Die Mediziner waren lediglich zur Anbringung einfacher Zeichen aufden Photokopien der Kranken-Meldebogen angehalten, die zuvorausgefüllt von den Pflegeanstalten an die »T 4«-Zentrale gegebenworden waren.

Auf diesen Kopien hatten die Gutachter in einem schwarzumrandetenKasten mit Rotstift ein »+« zu notieren, wenn der Patient getötetwerden und mit Blaustift ein »-», wenn er geschont werden sollte.Allenfalls durfte noch, ebenfalls mit Blaustift, ein »?« gemaltwerden, »wenn der Gutachter sich für eine endgültige Entscheidungnicht entschließen konnte« ("T 4«-Anweisung).

Die Tätigkeit der Obergutachter beschränkte sich darauf, neben denschwarzen Meldebogen-Kästen, in die von den Gutachtern zumeistschon rote Todesrunen gemalt worden waren, endgültig mit »+« oder»-» zu signieren.

Alle Ärzte setzten neben das häufige »+«, das seltene »-» oder dasnur im Ausnahmefalle verwandte »?« außerdem ihr Handzeichen undhatten damit über Leben und Tod eines Patienten entschieden.

Trotz dieser ebenso primitiven wie eindeutigen Zeichensprache gabes zuweilen beim Zeichnen der »T 4«-Urteile Pannen. Ein alterOrdinarius mußte beispielsweise, wie Nitsche nach 1945 aussagte,schriftlich gerügt werden, weil er in der Annahme, Plus bedeuteAm-Leben-bleiben, einige Tausend »+« unentwegt in Blau gekritzelthatte. Daraufhin führte die »T 4«-Zentrale in BerlinSchulungstagungen durch, bei denen die Mediziner in der Benutzungvon Farbstiften unterwiesen wurden.

Zu den »T 4«-Mitarbeitern, die sich damals als Kreuzelschreiberbewährten, gehörten zwölf Professoren, darunter namhafteWissenschaftler, die zum Lehrkörper deutscher Universitätengehörten oder - in drei Fällen - noch heute gehören.

Neben dem medizinischen Hitler-Betreuer, dem Professor Dr. KarlBrandt, standen im Dienste der »T 4":

Die Universitätsprofessoren Dr. Werner Heyde (Würzburg). Dr. PaulNitsche (Halle), Dr. Werner Catel (damals Leipzig, nach dem KriegeKiel), Dr. Berthold Franz Kihn (damals Jena, heute Erlangen), Dr.Werner Villinger (damals Breslau, bis 1956 Marburg), Dr. Max deCrinis (Berlin), Dr. Carl Schneider (Heidelberg), Dr. Kurt Pohlisch(Bonn), Dr. Erich Straub (Kiel) und Dr. Friedrich Mauz (früherKönigsberg, heute Ordinarius für Neurologie und Psychiatrie an derUniversität Münster).

Außerdem vermerkte die »T 4«-Renommierliste den Professor Dr. HansHeinze, früher Direktor und Chefarzt - der Landes- (Heil- undPflege-) Anstalt Brandenburg-Gorden, heute Sievershausen im Solling(Weserbergland).

Um die Verwandlung eines kleinen professoralen Rotstift-Kreuzchensin einen konkreten Todesfall anschaulich zu erproben, wurde eineVersuchstötung im Zuchthaus Brandenburg angeordnet. Die Leitung desExperiments hatten ein Dr. Albert Widmann und der Chemiker Dr.August Becker. Widmann, heute in Stuttgart wohnhaft, war Chef derchemischen Abteilung des Kriminaltechnischen Instituts, das demReichskriminalpolizeiamt angegliedert war.

Zu dieser Test-Veranstaltung erhielten zahlreiche Ärzte, Partei-und SS -Obere Einladungen. Das Zuchthaus hatte anläßlich der hohenBesuche geflaggt. Vier Schutzbefohlene einer Heil- undPflegeanstalt wurden in Anwesenheit des Reichsleiters Bouhler unddes Reichsgesundheitsführer Dr. Conti, vom Leben zum Todebefördert.

Obwohl das Experiment »in 22 Sekunden« (Protokoll) den gewünschtenErfolg zeitigte, wurde allerdings nicht Brandenburg, sondern dasSchloß Grafeneck in oder Schwäbischen Alb als erste und zugleichleistungsfähigste Euthanasie-Tötungsanstalt eingerichtet;

Grafeneck, bis dahin Pflegeheim der StuttgarterSamariter-Stiftung*, wurde »für die Zwecke des Reiches«beschlagnahmt.

Bereits am 17. Oktober 1939, noch bevor Hitler seinenGnadentod-Erlaß, der nie als Gesetz verkündet wurde, unterzeichnethatte, traf eine »T 4«-Kommission unter Leitung desBouhler-Stellvertreters, des »KdF«-Oberdienstleiters Viktor Brack,in Grafeneck ein und veranlaßte den notwendigen Umbau des Schlossessowie die Errichtung besonderer »Wirtschaftsgebäude« für dieMassentötungen und Leichenverbrennungen.

Das idyllische Schloß wurde für die Unterbringung des »T4«-Personals und für Büroräume reserviert. 300 Meter vom Schloßentfernt, entstand die eigentliche Vernichtungsanstalt, die durcheinen hohen Bretterzaun von der Außenwelt abgeschirmt wurde.

Diese Vernichtungsanstalt bestand aus einer 100 Kranke fassendenhölzernen Aufnahmebaracke, in der Ärzte, um die Patienten zuberuhigen, kurze Scheinuntersuchungen vornahmen, und dem massivenVergasungsgebäude, in dem sich ein freundlich eingerichtetesWartezimmer für 50 Opfer und der hermetisch abgeschlosseneVergasungsraum mit dem gleichen Fassungsvermögen anschloß. ImWartezimmer, also im Vorraum des Todes, hing ein Führerbild.

Neben dem Vergasungsraum, der äußerlich als Duschraum eingerichtetwar, befand sich ein sogenanntes Ärztezimmer, aus dem durch einVentil Kohlenoxydgas eingeblasen und das Geschehen in derSterbekammer durch ein Glasfenster beobachtet werden konnte.

Direkt neben dem Vergasungsgebäude lag das Krematorium -Ausrüstung: Ofen mit Ölfeuerung - und diesem Bau gegenüber dieGarage für die Kraftfahrzeuge der SS-Transportstaffel, von der dielediglich durch Fragebogen ermittelten Opfer in zügigem Tempoherangeschafft wurden, um - wie es in einer »T 4«-Anweisung hieß -»die Technik des Hauses sinnvoll zu nutzen«.

Das gesamte Gelände des Anstaltsbezirks Grafeneck wurde durchSchranken und, Tafeln mit der Aufschrift »Seuchengefahr« abgesperrtund gesichert. Außerdem wurden Wachtposten aufgestellt.

Kurz nach der Umwandlung Grafenecks in eine perfekteMord-Maschinerie wurden im Schloß Hartheim bei Linz an der Donauund in dem bereits experimentell bewährten Zuchthaus Brandenburgebenfalls »T 4« -Tötungsanstalten eingerichtet. Brandenburg wurdeallerdings sehr bald wieder aufgegeben, an seine Stelle trat dieHeil- und Pflegeanstalt Bernburg in Sachsen-Anhalt als neue »T 4«-Todesstätte. Im Frühjahr 1940 mußte außerdem die sächsische Heil-und Pflegeanstalt Sonnenstein bei Pirna auf Betreiben derEuthanasie-Initiatoren zur Liquidationsstätte umgebaut werden.

Um die von Berlin aus angeordneten »Verlegungen« von Patienten ausnormalen Heil- und Pflegeheimen in Tötungsanstalten zu tarnen,wurde ein Teil der Opfer vorübergehend in sogenannteZwischenanstalten verbracht. Für Brandenburg und Bernburg standenallein sieben solcher Zwischenanstalten zur Verfügung.

Im Dezember 1940 wurde Grafeneck aufgelöst und das gesamte »T4«-Personal im Januar 1941 der neuen Totungsanstalt Hadamar beiLimburg an der Lahn zugeteilt. Im Reichsgebiet waren mit Ausnahmekurzer Unterbrechungen, die durch die Verlegungen der AnstaltenGrafeneck und Brandenburg entstanden, vom Herbst 1939 bisEnde 1941 insgesamt vier Euthanasie-Tötungsanstalten in ständigemEinsatz.

Bei der Auswahl der zu Tötenden wurden, wie der StellvertreterBouhlers, Viktor Brack, nach dem Kriege zu Protokoll gab, erstMonate nach Anlaufen der »T 4«-Aktion auf Proteste aus derBevolkerung hin geisteskranke Kriegsverletzte, die in Heimenuntergebracht waren, »aus kriegspsychologischen Gründen« von der»Erfassung« ausgenommen.

Außerdem wurden zeitweise auch kranke Juden unbehelligt gelassen,weil laut Bouhler »die damalige Staatsführung den Juden diese Wohltatnicht gegönnt hat«. Die Euthanasie sollte nach den Worten des»KdF-Leiters »nur Deutschen zugute kommen«.

Die »T 4«-Leute ließen es sich tatsächlich angelegen sein, dienationalsozialistische Wohlfahrtsmaxime in Zehntausenden von Fällenstrikt zu befolgen: Es wurden vorwiegend nichtjüdische Krankeaussortiert, während Juden von den sogenannten Gnadentötungenzunächst verschont blieben.

Wie diese »medizinischen Maßnahmen« (Bouhler) abliefen, geht ausden Aussagen von Zeugen hervor, die nach dem Kriege über »T 4«berichteten. Erinnerte sich beispielsweise der frühere technischeAngestellte der »Gemeinnützigen Stiftung«, Herbert Kalisch, heuteMannheim-Schönau, Königsberger Allee 116:

»Es war in der Erdbeerzeit, also im Juni oder Juli. Ich gehörte zumBegleitpersonal eines Transportes von kranken Personen. In derRegel hatten wir ständig Zivilkleidung an. Jedoch vorAntritt dieses Transportes wurde ich beauftragt, einen weißenArztkittel anzuziehen, damit ich gegenüber den kranken Menschen denEindruck eines Arztes oder Arzthelfers erweckte.

»Den Transportierten war gesagt worden, sie sollten verlegt werden.Jedoch sagte man nicht, wohin. Der Transport ging nach der StadtBrandenburg an der Havel, zu dem in der Stadtmitte gelegenen altenZuchthaus, das man teilweise zu einem Krematorium umgebaut hatte,da es leerstand. Während der Fahrt mußten wir achtgeben, daß dieweißen Vorhänge der Busse zugezogen blieben. Unterwegs, auf derFahrt von Berlin nach Brandenburg, haben wir in Werder Pausegemacht und jeder bekam ein Spankörbchen voll Erdbeeren, und dannhaben wir die Leute in Brandenburg abgeliefert.

»Wir fuhren mit den Leuten 'rein. Wir sind dabeigeblieben; denn dieWachleute der SS hatten uns gesagt: 'Ihr könnt auch mal dasSchauspiel ansehen.' Die Leute wurden sortiert, Männer und Frauenin Gruppen.

»Diese Personen mußten sich vollkommen nackt ausziehen, da manihnen sagte, daß sie vor Verlegung in einen anderen Bau baden undungezieferfrei gemacht werden müßten. Die Kranken mußten den Mundaufmachen, und dann bekamen sie einen automatischenVier-Zahlen-Stempel auf die Brust gedrückt. Das Personal hat dannspäter durch die Nummer gewußt, wer Goldzähne im Mund hat.

»Um die kranken Menschen nicht zu beunruhigen, wurden sie vonÄrzten oberflächlich untersucht. Dann kamen sie in den Baderaum.Wenn nun die vorgesehene Zahl Personen in dem Baderaum war, wurdedie Tür verschlossen. An der Decke des Raumes waren in Form vonBrausen Installationen angebracht, durch welche man, Gas in denRaum ließ.

»Ich glaube, 50 Menschen gingen da 'rein bei so 'ner Vergasung. Dawaren ein, paar junge Mädel dabei, und wir haben so unter unsgesagt: 'Ist das nicht eine Affenschande?' Der Raum hatte nur eineTür, und durch den Spion hat man genau sehen können, wann alle totwaren.

»Nach etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten wurde das Gas aus dem Raumabgelassen, da man durch den Spion festgestellt hatte, daßsämtliche Personen nicht mehr am Leben waren. Nun hat man aufgrundder aufgedrückten Nummern die Personen festgestellt, bei denenzuvor bei der Untersuchung festgestellt worden war, daß sieGoldzähne hatten. Den Toten wurden die Goldzähne herausgebrochen.«

Andere Zeugen gaben zu Protokoll, daß sich die Kranken - fast allewaren gehfähig - zumeist willig, ja freudig in die Todeskammernführen ließen, weil ihnen versprochen worden war, sie dürften»nachher in einem frisch bezogenen Bett schlafen«.

Nach der unter ärztlicher Aufsicht vollzogenen Exekution wurdenrührselige Amtsbriefe ins Land geschickt. Die sogenanntenTrostbriefabteilungen der jeweiligen Tötungsanstalt unterrichtetendie Angehörigen korrekt vom Ableben des Patienten, wobei es den»T 4«-Schreibern überlassen blieb, eine Todesursache frei zu erfinden.So konnte passieren, daß Heiminsassen »plötzlich an den Folgen einerBlinddarmentzündung gestorben« waren, obwohl ihr Wurmfortsatz - wiedie Angehörigen wußten - schon vor Jahren wegoperiert worden war.

Der Wortlaut des »Trostbriefes« entsprach einem vorbereitetenSchema. In Grafeneck wurde folgende Fassung bevorzugt:

Sehr geehrte ...

Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, daß Ihr ... der am... auf ministerielle Anordnung gemäß Weisung desReichsverteidigungskommissars in die hiesige Anstalt verlegt werdenmußte, unerwartet am ... Infolge ... verstorben Ist.

Bei seiner schweren unheilbaren Erkrankung bedeutet sein TodErlösung für ihn.

Auf Anweisung der Ortspolizeibehörde mußte aus seuchenpolizeilichenErwägungen heraus der Verstorbene sofort eingeäschert werden.

Wir bitten um Mitteilung, an welchen Friedhof wir die Übersendungder Urne mit den sterblichen Überresten des Heimgegangenen durchdie Ortspolizeibehörde veranlassen sollen.

Die Kleidungsstücke des Verstorbenen, die keinen besonderen Wertdarstellten und die bei der Desinfektion gelitten haben, wurden derNSV* überwiesen.

Heil Hitler!

gez. Unterschritt

Wie verlogen in diesen Briefen die Bemerkungen über unheilbareErkrankungen waren, geht aus einer großen Anzahl von »T4«-Meldebogen hervor, die bei dem kommenden Heyde-Prozeß zweifellosauf dem Richtertisch liegen werden. Auf diesen Plus-Meldebogensteht nämlich über Kranke, die mit Sicherheit getötet worden waren,unter anderem vermerkt: »Fleißiger Arbeiter«, »Geistig regsam«,»Geht allein spazieren«, »Ist kontaktfähig«, »Wirdhäufig beurlaubt«, »Viel Schriftverkehr« und »Kann eventuellentlassen werden«.

Lobende Worte wie »Tüchtig in der Nähstube« oder »Gute Köchin«ersparten den Kranken nur in den seltensten Fällen die Giftbrause.In der Heil- und Pflegeanstalt Illenau in Baden mußten die »T4«-Transporteure einen kranken Handwerker mitnehmen, der ungeachtetseines Leidens »für die Anstaltsinsassen die Schuhe besohlte«.

Und der Pastor Braune, der seinerzeitige Vizepräsident desZentralausschusses für die Innere Mission der DeutschenEvangelischen Kirche, erwähnte am 9. Juli 1940 in einer an dasReichsinnenministerium gerichteten Denkschrift das Schicksal einesMannes namens Heimer, der früher Leiter eines Kraftwerkes in BadKreuznach war.

Heimer war gemütsleidend und deshalb von seinen Angehörigen derHeil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau im Rheinland anvertraut worden.

Berichtete der Pastor: »Noch vor Weihnachten 1939 besuchte ihn(Heimer) sein Sohn. Der Vater war geistig völlig klar, litt nurunter Depressionen. Anfang März 1940 erfolgte die Verlegung ...nach Grafeneck, ohne daß die Familie benachrichtigt wurde ... EineAnfrage (der Familie) in Grafeneck blieb unbeantwortet. Nach etwavier Wochen erfolgte der Bescheid, daß der Kranke infolge vonKreislaufschwäche verstorben sei und daß die Leiche soforteingeäschert werden mußte.«

Juden-Opfer wurden von der »T 4« lediglich bis Juni 1940verschmäht. In diesem Monat wurden die in der Heil- undPflegeanstalt Buch bei Berlin aus dem ganzen Reichzusammengezogenen jüdischen Pfleglinge in Sammeltransporten in dieTötungsanstalt Brandenburg verbracht und später vergast.

Allerdings scheinen bei dieser Aktion doch nicht alle jüdischenGeisteskranken erfaßt worden zu sein. Der Reichsminister des Innernvermerkte nämlich noch am 19. Dezember 1940 in einem Runderlaß,»der bisher noch bestehende Zustand, daß Juden mit Deutschen inHeil- und Pflegeanstalten gemeinsam untergebracht waren, (sei) aufdie Dauer nicht tragbar«. Diesen Juden wurde zeitweise die Heil-und Pflegeanstalt in Bendorf-Sayn, Kreis Koblenz, zugewiesen -wenig später wurden die Patienten nahezu restlos inTötungsanstalten übergeführt.

Anfang 1941 wurde die Aktion »T 4« auchauf die Insassen von Konzentrationslagern ausgedehnt. DieseMaßnahme führte die amtliche Tarnbezeichnung »Sonderbehandlung 14 f13«. Unter den Häftlingen hieß sie »Invaliden-Aktion«.

Als Grund für die Erweiterung der »T 4« gab Brack 1946 vor einemamerikanischen Tribunal in Nürnberg folgendes an: Im Sommer 1940habe ihm Bouhler gesagt, daß Himmler beabsichtige, die»Schwerstkranken in den Konzentrationslagern auf ihrenGesamtzustand sowohl körperlich als auch psychisch-geistiguntersuchen zu lassen«.

Himmler sei damals, so erinnerte sich Brack, um geeignete Ärzte fürdiese Aufgabe verlegen gewesen. Die »T 4«, stellte ihm daraufhin»erfahrene Psychiater« zur Verfügung.

»T 4«-Ärzte wurden auf Rundreise von KZ zu KZ geschickt undwohnten, da Spesen keine Rolle spielten, beispielsweise beiInspektionen des Lagers Dachau im fashionablen Münchner»Bayerischen Hof« oder im »Schottenhamel« und bei Visiten im LagerBuchenwald im traditionsreichen Weimarer »Hotel Elephant«.

Auf dieser Tournee tat sich neben einem Dr. Hans-Bode Gorgass,heute in Gadderbaum bei Bielefeld, und anderen Ärzten ein Dr.Friedrich Mennecke hervor. Von diesem Mennecke, der in denKonzentrationslagern Fragebogen in der bewährten Manier auszufüllenhatte, ist ein aufschlußreicher Briefwechsel aus jener Zeitüberkommen, den der Arzt mit seiner Frau führte. Schrieb Mennecke

- am 4. April 1941 aus dem KZ Sachsenhausen: »Unsere Arbeit istsehr, sehr interessant.«

- am 3. September 1941 aus dem Konzentrationslager Dachau: »Wir(Ärzte) haben einen schönen Ausflug zum Starnberger See gemacht.«

- am selben Tage ebenfalls aus Dachau: »Es sind nur 2000 Mann, diesehr bald fertig sein werden, da sie am laufenden Bande nurangesehen und natürlich nicht untersucht werden.«

- am 20. November 1941 aus dem KZ Ravensbrück: »Die Arbeit flutschtnur so. Ein (SS-)Scharführer holt mir die Patienten 'rein ... Esklappt alles tadellos. Morgen werden wir noch weit mehr machen alsbisher vorgesehen ... Dann wird hier ... Pause gemacht und nachBuchenwald gefahren. Dort wird ebenfalls ,vorgefühlt'.«

- am 28. November 1941 aus dem Konzentrationslager Buchenwald:»7.40 Uhr. Auf geht's zum neuen fröhlichen Jagen!«

- am 1. Dezember 1941 aus demselben Lager: »Obwohl ich heute früherst eine halbe Stunde später anfangen konnte, ist ... ein Rekordgeschlagen (worden): 230 Bogen habe ich fertigbekommen, so daßjetzt insgesamt 1192 fertig sind.«

- am 12. Januar 1942 aus dem KZ Ravensbrück: »11.40 Uhr: Heissali!Fertig mit allen Fragebogen!«

Als »Diagnosen« vermerkte seinerzeit der emsige Mennecke: »Faul undfrech«, »Rasseschänder«, »Deutschenhasserin« und Jüdische Dirne«.Alle KZ-Patienten dieses Arztes fanden den »T 4«-Tod.

Mennecke wurde 1946 von einem alliierten Militärgericht zum Todeverurteilt und hingerichtet, andere »T 4«-Ärzte überstanden dieNachkriegsjahre ohne sonderliche Unbill. Zu den Kollegen Menneckesgehörten neben Gorgass unter anderem die »Gutachter«.

- Dr. Valentin Faltlhauser, München, im Januar 1961 verstorben;

- Dr. Hermann Pfannmüller, Sonthofen;

- Dr. Viktor Ratka, Buggingen in Baden;

- Kurd Runcke junior, Berlin-Charlottenburg;

- Dr. Arthur Schreck, Pfullendorf, Kreis Überlingen;

- Dr. Ernst Wentzler, Hannoversch-Münden.

Die Zahl der Opfer, die auf das Konto dieser und der anderen »T 4«-Ärzte gehen, wird - was die »Sonderbehandlung 14 f 13« anbelangt -von Zeugen vorsichtig auf über 10 000 geschätzt; für die »T4-Tötungsanstalten« hingegen ergeben sich höhere Quoten, nämlich:für Grafeneck und Hadamar 20 600, für Brandenburg und Bernburginsgesamt 20 000 sowie für Hartheim und für Sonnenstein noch einmalje 20 000 Euthanasie-Tote.

Zur Einstellung der gesamten Aktion, für die es keinerleigesetzliche Sanktion gab, kam es durch unmittelbares EingreifenHitlers, dem vor allem die immer zahlreicher werdenden Proteste vonKirchenführern ein bedenkliches Symptom der Volksstimmung schienen.

In der Tat hatte eine Reihe von Bischöfen mutig zur Federgegriffen, unter anderem der württembergische evangelischeLandesbischof Wurm, der Breslauer Erzbischof Kardinal Bertram, derErzbischof von München und Freising, Kardinal Faulhaber, und derBischof zu Limburg, Hilfrich.

Schrieb der Limburger Hirte im August 1941: »Öfter in der Wochekommen Omnibusse mit einer größeren Anzahl der Opfer in Hadamar an:Schulkinder der Umgebung kennen diesen Wagen und reden: 'Da kommtwieder die Mordkiste.' Nach der Ankunft solcher Wagen beobachten dann dieHadamarer Bürger den aus dem Schlot aufsteigenden Rauch und sindvon dem ständigen Gedanken an die armen Opfer erschüttert, zumalwenn sie je nach der Windrichtung durch die widerlichen Düftebelästigt werden... Kinder, einander beschimpfend, tuen Äußerungen:'Du bist nicht recht gescheit, du kommst nach Hadamar inden Backofen!« Solche, die nicht heiraten wollen oder die keineGelegenheit finden, sagen: 'Heiraten nein! Kinder in die Weltsetzen, die dann in den Rexapparat kommen?'«

Nach solchen Stimmen wurde »T 4« abgeblasen und sogenannteGnadentötungen waren, wie vorher schon, künftig nur noch inEinzelfällen gestattet. Sieht man von der couragierten Haltung desGöttinger Universitätsprofessors Dr. Gottfried Ewald ab, der zurMitarbeit an der Aktion »T 4« aufgefordert worden war, sich aberbeharrlich weigerte, mitzumachen - er blieb deswegen unbehelligt -,hat kein nennenswerter Protest von ärztlicher Seite die Einstellungder Massentötungen beschleunigt oder gar veranlaßt.

Weitaus mutiger als die Mediziner erwiesen sich - neben denKirchenmännern, von denen der münstersche Bischof Kardinal vonGalen sich sogar nicht scheute, von der Kanzel gegen »T 4« zuwettern - die Juristen.

So wies beispielsweise die Staatsanwaltschaft Dresden in einemSchreiben an das Reichsjustizministerium auf eine Liste vonTodesanzeigen hin, die 1940 in den »Leipziger Neuesten Nachrichten«veröffentlicht worden waren. Alle Anzeigen hatten den nahezugleichen Wortlaut:

»Wir erhielten nach bereits erfolgter Einäscherung aus Grafeneck inWürttemberg die traurige Nachricht von dem plötzlichen Tod unsereseinzigen geliebten ... Andere Todesanzeigen begannen mit denWorten: »Nach Mitteilung der Heil- und Pflegeanstalt verschied...«. »Wie bereits erwartet, erhielten wir die Nachricht ...« oder»Nach langer Ungewißheit wurde endlich bestätigt ...«

Indes: Strafanzeigen, in denen das Augenmerk auf »Vorgänge, vondenen der Führer sicherlich nichts weiß« (Anzeigen-Protokoll)gerichtet wurde, hatten so gut wie nie Erfolg.

Der zeitweilig als Justizminister amtierende Staatssekretär undheute mit halber Pension in Schleswig privatisierende Dr. FranzSchlegelberger leitete am 23. April 1941 in Berlin eine Tagung vonhohen NS-Juristen, die er mit folgenden Worten begrüßte:

Meine Herren! Dafür zu sorgen, daß olle Beamten derReichsjustizverwaltung sich in immer steigendem Maße ... in dennationalsozialistischen Staat einordnen, ist meine Aufgabe. Ichkann diese Aufgabe nur lösen, wenn ich mich bedingungslos auf dasvor mir versammelte Führerkorps der beamteten Justiz stützen kann... Tatsachen, nicht nur Gerüchte, müssen Ihnen bekannt werden.Geschieht das nicht, so ist es unabwendbar, daß Richter undStaatsanwalte sich zum schweren Schaden der Justiz und des Staatesgegen Maßnahmen wenden, die sie gutgläubig, aber irrtümlich fürillegal halten, und sich schuldlos mit dem Willen des Führers inWiderspruch setzen.

Gemeint war »T 4«, und Schlegelberger klärte die Herren auf,»welche Bewandtnis es mit der Vernichtung lebensunwerten Lebenshat«.

Auf derselben Tagung gab Schlegelberger den Generalstaatsanwältendie Weisung, »sämtliche Eingaben, und Strafanzeigen, die sich mitder ,Aktion' befaßten, unbearbeitet dem Reichsjustizministervorzulegen«.

* Die Samariter-Stiftung Stuttgart ist eine gemeinnützigeInstitution, die dem badenwürttembergischen Landesverband derInneren Mission angeschlossen ist.

* NSV = Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, eine karitativeEinrichtung der NSDAP.

Untersuchungshäftling Heyde: Todesrunen mit Rotstift

Reichsgesundheitsführer Conti, Hitler-Leibarzt Brandt: Vorher eineFlasche Bier ...

... und nachher eine Ulk-Predigt: Tötungsanstalt Schloß Grafeneck

Gutachter Villinger, Kihn, Mauz

Im Vorraum des Todes ein Hitlerbild

Euthanasie-Gegner Ewald

Hitler stoppte die Aktion

Wurm

Grat von Galen

Hilfrich

Euthanasie-Grab in Hadamar: Tod durch T4 ...

NS-Jurist Schlegelberger

... in der Erdbeerzeit

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