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FAHNDUNG Die Kripo pfeift

Westdeutschlands Justizminister wollen die Fahndung mittels Fernsehen und Presse neu ordnen -- aber alles bleibt so fragwürdig wie bisher, auch bei Zimmermanns »XY«-Reihe im Zweiten Deutschen Fernsehen.
aus DER SPIEGEL 47/1971

Am 27. Oktober veröffentlichte die Hamburg-Ausgabe der »Bild«-Zeitung auf Seite 6 das Photo eines karierten Herrenhutes mit schmaler Krempe. Überschrift: »Der Polizisten-Mord -- 25 000 DM Belohnung!« Text: »Jetzt fragt die Kripo: Welche Firma stellt solche Hüte her, wo werden solche Hüte verkauft, wer trägt einen solchen Hut?«

Am selben Tage machten sich auf der Unterelbe, an Bord des Hamburger Ausflug-Schiffes »Bürgermeister Mönckeberg«, Westdeutschlands Landesjustizminister Gedanken über »Fahndungshilfe durch Publikationsorgane«. Einstimmig legten sie fest, wann und wie westdeutsche Strafverfolgungsbehörden künftig Massenmedien -- Presse, Rundfunk, Fernsehen -- um Mitwirkung in Fahndungsfällen ersuchen dürfen. (Die Innenminister müssen der Vereinbarung noch zustimmen.)

Wie die Hut-Fahndung durch die »Bild«-Zeitung von der Hamburger Polizei veranlaßt wurde, die Baader-Meinhof-Spuren verfolgte, so ergingen und ergehen Woche für Woche Fahndungs-Ersuche an Boulevard-Blätter und Illustrierte, Rundfunksender und Fernsehstudios -- oder umgekehrt: Die Massenmedien besorgen sich bei den Strafverfolgungsbehörden Lesestoff.

Nannens »Stern« hat den »Stern-Steckbrief« zur festen Rubrik befördert: Vorletzte Woche ("Die Polizei bittet um Unterstützung") wurde nach dem »türkischen Gastarbeiter Bilal Karaoglu« gefahndet -- mit Bild des Siebzehnjährigen, der »aus Angst vor der Blutrache untergetaucht« ist (Hinweise an »die Kriminalgruppe 1. Polizeipräsidium

* »Tagesschau«-Fahndung am 9. September 1971

Duisburg«, oder jede andere Polizeidienststelle).

Die Nachrichtensendungen des Ersten und des Zweiten TV-Programms. »Tagesschau« und »Heute«, strahlen unregelmäßig Fahndungs-Spots aus -- in diesem Jahr waren es bislang 15. Eduard Zimmermanns Fangspiel »Aktenzeichen XY ... -- ungelöst« im ZDF gehört längst zu den deutschen TV-Favoriten wie Grzimeks »Ein Platz für Tiere« und Lembkes »Heiteres Beruferaten«.

Und für »Bild« war es noch im letzten Jahr Brauch, Photos gesuchter Personen zu veröffentlichen mit Fettdruck-Order an die Leser wie: »Jagen Sie diesen Mann!«, »Jagen Sie diese Frau!« oder auch »Jagen Sie den Mann ohne Namen -- Besondere Kennzeichen: Hornbrille und abstehende Ohren« (Hinweise an »jede Polizei-Dienststelle").

Solche Hinweise, im Jargon »sachdienlich« genannt, braucht die Polizei immer: In der »Sachfahndungskartei« des Bundeskriminalamtes (BKA) sind 210000 gesuchte Gegenstände registriert, in insgesamt 76 Personenfahndungskarteien westdeutscher Polizeidienststellen 105 000 gesuchte Personen.

Fahndungsbücher mit den Namen gesuchter Verdächtiger oder Täter liegen, jeden Monat in neuer Ausgabe, bei rund 15 000 mit Fahndungsaufgaben betrauten Dienststellen: bei Kriminalpolizei, Schutzpolizei. Staatsanwaltschaften, Grenzschutz. Zoll, Ausländerämtern.

Gefahndet wird durch Schutzpolizeistreifen und durch Zivilstreifen, heimlich mittels Observation und massiert bei Razzien; gefahndet wird mit Hubschraubern und Infrarot-Geräten, mit Spürhunden und in Tauchmonturen -- das Wort Fahndung steht im weitesten Sinn für einen beachtlichen Teil polizeilicher Tätigkeit, vom Achtgeben an der Ecke bis zum Einsatz von Sonderkommandos, »deren Beamte sich unabhängig von Dienstzeitregelungen, teils mit Bärten oder langen Haaren und auch in ihrer Kleidung angepaßt an das jeweilige Milieu und ihre Rolle, in Kreisen der Unterwelt bewegen« (so der Leitende Regierungskriminaldirektor Dr. Karl Heinz Gemmer vom BKA).

Der Großteil dieser Fahndungsarbeit spielt sich polizeilich dienstintern, unsichtbar für die Bevölkerung ab. Aber wann immer Täter oder Verdächtige gesucht werden, die nach Meinung der Strafverfolgungsbehörden »Straftaten mit ganz erheblichem Unrechtsgehalt« verübt haben, ergehen Appelle zur Mitfahndung an die Staatsbürger -- früher waren es vornehmlich Steckbriefe, heute sind es Suchmeldungen in Massenblättern und Bildschirm-Fahndungen.

Was unter Schlagzeilen in Fettdruck und auf dem Bildschirm dargeboten wird, bedarf freilich gerade wegen der von den Strafverfolgern gepriesenen »Breitenwirkung« besonderer juristischer Sicherungen -- eine rechtstaatliche Binsenweisheit, die längst Eingang in die juristische Fachliteratur gefunden hat.

Zwar sind auch schon nach den polizei-internen Vorschriften über die »Fahndung unter Inanspruchnahme der Öffentlichkeit«. die zwischen den Polizeibehörden der Bundesländer abgestimmt sind. »Vor- und Nachteile« zum Beispiel einer Presse-Fahndung »sorgfältig zu prüfen«. Der Rundfunk darf nur in »ganz besonders wichtigen und dringenden Fällen« in Anspruch genommen werden, und bei TV-Fahndungen ist anläßlich einer Vorweg-Prüfung »ein strenger Maßstab« anzulegen.

Jedoch -- bei der Begründung dieser einschränkenden Klauseln stehen kriminaltaktische Überlegungen vornan: Flüchtige Täter sollen nicht durch leichtfertige Fahndungen »gewarnt« werden. Und bei der Fernseh-Fahndung sollen die internen Vorschriften verhindern, daß »ein zu großzügiger Einsatz dieses aktuelle und instruktive Mittel zur Verbreitung von kriminalpolizeilichen Bekanntmachungen in der Öffentlichkeit schnell abstumpfen« läßt.

Rufschädigung durch vorschnelle Fahndung.

Nirgends indessen war bislang in einem bundesweit verbindlichen Text die Rede etwa von der Rufschädigung, die bei vorschneller Fahndung möglicherweise auch Unschuldige oder Unbeteiligte erfahren können; nirgends von den möglichen Folgen einer unkontrollierten Tätersuche, die eine Resozialisierung Gestrauchelter erschweren und Stimmungen stimulieren kann. wie sie etwa unter »XY«-Zuschauern zu beobachten sind.

Was da emporbrodelt, wurde auf krasse Weise deutlich, als das Gewerkschaftsorgan »ÖTV-Magazin« im vergangenen Jahr eine kritische Beurteilung der Eduard-Zimmermann-Sendung veröffentlichte. Es ging, von Gewerkschaftlern, Leserpost ein wie:

Es gab mal eine Zeit, da konnte jedes Mädel nachts alleine durch den Wald gehen, der passierte nichts. Und warum nicht? Weil damals die Gerichte nicht lange fackelten und die wenigen Brüder, die sich außerhalb der Gemeinschaft stellten, einen Kopf kürzer machten, und ohne Kopf kann man ja bekanntlich nicht mehr atmen.

Es war die »Neue Zürcher Zeitung«. die die Gefahren solcher Art von Fahndung hervorkehrte: »Wenn Diebe und Mörder. Scheckfälscher und Totschläger, Betrüger und Sexualverbrecher als eine Gemeinschaft von Kriminellen gejagt werden, so führt dies zu einer generalisierten und unterschiedslosen Verdammung aller Straffälligen« -- eine bequeme Methode, »sich der Verantwortlichkeit für Mitmenschen zu entziehen, die freilich, da längst erkannt wurde, daß es keinen »geborenen« Verbrecher gibt, Produkte ihrer Umwelt und für diese nicht verantwortlich sind«.

»Serieneinbrüche, Delikte eines reisenden Betrügers.«

Solche Einsichten sind, wenn auch nicht für »Bild« und »XY«, längst Richtschnur für die Arbeit von Psychologen und Sozialarbeitern, Kriminologen und Strafrechtsreformern. Und es schien, als wollten sich auch Westdeutschlands Landesjustizminister daran halten, als sie die neuen Fahndungsbestimmungen beschlossen. Sie verlangten von den Strafverfolgungsbehörden im Falle jeder einzelnen Fahndung »eine sorgfältige Abwägung zwischen dem öffentlichen Interesse an einer wirksamen Strafverfolgung einerseits und den schutzwürdigen Interessen des Beschuldigten und anderer Betroffener andererseits«.

Deshalb sollen Publikationsorgane grundsätzlich »nur eingeschaltet werden«,

* »wenn andere«, nämlich weniger beeinträchtigende Fahndungsmittel »nicht genügend erfolgversprechend erscheinen«;

* wenn -- bei der Fahndung nach einem bekannten Beschuldigten -- der Gesuchte einer »schwerwiegenden Straftat (Verbrechen, aber auch schwere Betrugsdelikte« Unterschlagung hoher Geldbeträge« Serieneinbrüche, Delikte eines reisenden Betrügers u. a.)« dringend verdächtig ist und ein Haftbefehl gegen ihn vorliegt;

* wenn -- bei der Fahndung nach einem unbekannten Täter (und bei der Suche nach Beweismitteln) -- die »schutzwürdigen Interessen« der Opfer berücksichtigt worden sind; > wenn -- bei der Fahndung nach einem flüchtigen Verurteilten -- der Gesuchte »noch mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe zu verbüßen hat« oder seine Unterbringung in einer Heilanstalt angeordnet worden ist. Indes, was die Minister formulierten, verspricht nur auf den ersten Blick, fragwürdige Fahndungsmethoden abzustellen. Es ändert sich kaum etwas. Der »Grundsatz der Verhältnismäßigkeit« der Mittel beispielsweise, den die Minister postulierten, war -- auf dem Papier -- schon seit jeher gültig. Die »Richtlinien für das Strafverfahren« besagen: »Art und Umfang der Fahndungsmaßnahmen sollen in einem angemessenen Verhältnis zum Ausmaß und zur Bedeutung der Straftat stehen.«

ZDF-Zimmermann hat bei seiner Kriminal-Schau bislang sogar noch strengere Regeln befolgen müssen, als es die Minister jetzt verlangen. So ist für die »XY«-Fahndung nicht schlechthin Voraussetzung, daß ein Staatsanwalt den jeweiligen Fall für TV-reif befunden hat. Vielmehr muß der Fall so gewichtig sein, daß der Staatsanwalt internationale Fahndung (über Interpol) eingeleitet hat.

Das »einzig Neue« an dem neuen Fahndungs-Knigge der Justizminister ist deshalb für Zimmermann. »daß uns künftig niemand mehr nachsagen kann, unsere Sendung sei nicht Rechtens«. Und: »Wir betrachten die Regelung nicht als Einschränkung. sondern als Hilfe für unsere Arbeit.«

Dabei zeigt gerade das Beispiel der »XY«-Sendereihe« daß die Justizminister nicht wahrzunehmen vermögen, wo das System defekt ist: nicht in den rechtlichen Grundlagen. sondern in der Fahndungspraxis; und daß die neuen Regeln erst recht nicht dazu angetan sind, Usancen beim Fahnden mit Massenmedien abzustellen, die durch behördliche Zufälle und persönlichen Gusto bestimmt sind.

Wenn »XY« -Fahnder Zimmermann freitagabends Heiratsschwindler entlarven« Wasserleichen identifizieren« Morde rekonstruieren, Bankräuber ermitteln und Scheckfälscher dingfest machen läßt -- dann ist dies weder das Werk der Strafverfolgungsbehörden noch der öffentlich-rechtlichen Anstalt ZDF.

Eduard Zimmermann vielmehr ist es« der, wenn er nur die ZDF-Richtlinien beachtet« darüber entscheidet, welche Kriminalfälle »XY«-würdig sind« wie sie dargeboten werden, welchen Tätern und welchen Tatverdächtigen übers Fernsehen nachgestellt werden soll.

Zimmermann ist der Polizei nicht verpflichtet, dem ZDF -- nach eigenem Bekunden -- »nicht unterstellt, sondern vertraglich verbunden«. Mit seiner Arbeit fühlt er sich auch nicht »der Beurteilung sachfremder, höherer Instanzen unterworfen«. Er ist Unternehmer ("Deutsche Kriminalfachredaktion«, Mainz), der mit beiden Seiten die Abmachungen trifft, die er für richtig hält.

Bei der Vorbereitung des Programms geht Zimmermann auch nicht von einer polizeilichen Prioritätenliste aus; die gibt es nicht (im Gegensatz zu den USA, wo das FBI beispielsweise eine Liste der »Ten Most Wanted« herausgibt).

Seine jeweilige Fall-Präsentation beruht auf einem Wechselspiel von Eigeninitiative und Offerte. Mal ruft er bei Kripochefs ("Denken Sie mal an uns"), meist rufen Strafverfolger, sogar Richter, bei ihm an -- aus allen Teilen der Bundesrepublik »Wollen Sie einen Tip?« heißt es mitunter. Oder auch: »Ich habe einen Knüller für Sie« -- so der Frankfurter Bezirkskommissar Karl Mörschel zu Zimmermann bei einem Privat-Treff.

Freilich, über die Plausibilität jeder einzelnen Fahndung, die auf solche Weise zu einem Bildschirm-Fall wird, besagt das nichts. Denn viele »XY«-Figuren geraten nicht etwa deshalb in die Sendung, weil nach ihnen gefahndet wird. Umgekehrt: Weil Zimmermann sie in der Sendung haben will. komplettiert die Polizei erst ihren Fahndungs-Katalog.

Das geschieht so: Brieflich oder über Fernschreiber meldet Zimmermann -- zumeist am Montag vor der Sendung -- dem Bundeskriminalamt in Wiesbaden, welche Leute und Fälle er für den kommenden Freitag im Visier hat. Empfänger in Wiesbaden ist ein 54jähriger Regierungskriminaldirektor, der im BKA das Referat »Presse und Öffentlichkeitsarbeit, Statistik« hütet. Er heißt Zimmermann, Heinz-Günter, und prüft erst einmal, ob aus Polizei-Einsicht »alle Voraussetzungen« -- Haftbefehl, Ausschreibung im Fahndungsbuch, Ausschreibung im Bundeskriminalblatt (BKBI), Zusage für das Auslieferungsbegehren -- »erfüllt« sind.

Eintragungen ins Fahndungsbuch versäumt.

Dabei macht er »immer wieder« die Entdeckung, daß die Voraussetzungen nicht erfüllt sind: Mal fehlt die Eintragung im Bundeskriminalblatt, mal die internationale Ausschreibung. BKA-Zimmermann: »Mitunter ist es schwierig, bei den Staatsanwaltschaften die Zusage für ein Auslieferungsbegehren zu erhalten. Der Staatsanwalt, der internationale Fahndungen ausschreibt und sagt: »Ich beantrage Auslieferung«, der hat nämlich hinterher das Sammelverfahren am Hals« -- und diese Mühe scheuen deutsche Staatsanwälte häufig.

Nun erst, nach Lektüre der »XY«-Programmplanung aus Mainz, holt BKA-Zimmermann nach, was Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften bis dahin für nicht erforderlich erachteten oder versäumten: Er kümmert sich um etwa unterlassene Eintragungen ins Fahndungsbuch, ins Bundeskriminalblatt und um die internationale Ausschreibung.

Dann alarmiert er -- etwa 48 Stunden vor der Sendung -- über Fernschreiber alle Landeskriminalämter, das Berliner Polizeipräsidium, die Grenzschutzdirektion in Koblenz und die Interpol-Ämter der Schweiz und Österreichs, die wiederum alle ihnen unterstellten Polizeidienststellen über das »XY«- Programm des kommenden Freitag unterrichten.

Niemand indes hat in Deutschlands Kriminal-Zentrale einen Gedanken darauf verschwendet, wie viele Personen wohl für die Fernseh-Pirsch noch übrigblieben« wenn Polizei und Justiz ihr Fahndungs-Soll nicht erst erfüllen würden, wenn »XY« Interesse am jeweiligen Fall bekundet.

Der SPIEGEL hat das am Beispiel der Ausschreibungen im Bundeskriminalblatt untersucht: des vom BKA herausgegebenen internen Nachrichtenblattes, das allen westdeutschen Polizeidienststellen« den Justizbehörden und den meisten europäischen Interpol-Büros fünfmal wöchentlich (Auflage: 9700 Exemplare) zugestellt wird. Es enthält detaillierte Schilderungen schwerer Straftaten und Sachfahndung samt Photos. »XY«-Zimmermann schätzt die Bedeutung so ein: »Häufig werden Zusammenhänge zwischen verschiedenen Straftaten auf Grund von BKBI-Veröffentlichungen erkannt.«

Fazit für die ersten drei »XY«-Jahre: In jedem vierten »XY«-Fall wurde vom Fahndungsmittel der BKBI -Eintragung erst Gebrauch gemacht. nachdem der Amateurkriminalist Eduard Zimmermann die Fälle für »XY« ausersehen und mitunter auch schon sendereif zubereitet hatte.

Beispiel: Weil er als »XY«-Fall für die 29. Sendung ausersehen war, geriet der 33jährige Gustav Müller*« des Einbruchs in Apotheken verdächtigt, ins Bundeskriminalblatt. Somit war sein Name auch in der »XY«-Programmvorschau, die polizei-intern vor der Sendung verschickt wurde. Nordrheinwestfälische Polizisten orteten den

Name von der Redaktion geändert.

Suchtkranken noch vor der Sendung in einem privaten Düsseldorfer Entziehungsheim.

Eduard Zimmermann konnte den Fall zu den Akten nehmen, bevor die Sendung anlief. Die mit einem Mal ausgeschöpften polizei-internen Fahndungsmittel hatten hingereicht.

In einer anderen Sendung rief Zimmermann zur Suche nach einem Wolfgang Karsten* auf, den die Polizei der Mittäterschaft an einem dreifachen Mord in Essen bezichtigte. Die TV-Fahndung war erfolglos. Dreieinhalb Wochen nach der Sendung wurde Karsten in Brüssel festgenommen, als er sich an einem Auto zu schaffen machte.

Daß er in der Bundesrepublik gesucht wurde, entnahmen die Beamten dem internationalen deutschen Fahndungsersuchen -- einem herkömmlichen Fahndungsmittel. Die Essener Kripo räumt ein: »Die Ausschreibung, also die internationale Fahndung, erfolgte wegen »XY'. weil dort internationale Fahndung verlangt wird.«

Einer Fernsehfahndung hätte es mithin auch in diesem Falle nicht bedurft. Es war eine Routinemaßnahme, die zum Erfolg führte.

Zumindest also scheint Eduard Zimmermann imstande, die deutschen Strafverfolger auf Trab zu bringen. Der Frankfurter Kriminologe Professor Friedrich Geerds, keineswegs ein »XY«-Enthusiast: »Man kann Zimmermann nicht ankreiden, daß die Kripo schläft.«

Entsteht schon die »XY«-Reihe -- trotz staatsanwaltlichen Segens -- im Freihand-Verfahren, so wird der Fahndungs-Wirrwarr durch die Praktiken bei Tageszeitungen, Boulevardblättern und Illustrierten komplett. »Bild« etwa bedient sich gern der oft mit Fahndungsphotos versehenen Waschzettel, die wö-

* Name von der Redaktion geändert.

chentlich mehrmals als »Polizeiberichte« von westdeutschen Großstadt-Polizeien herausgegeben werden.

»Das können Kriminalbeamte immer sagen.

Wenn der »Stern« die Fortsetzungen seines wöchentlichen »Steckbriefs« aufbereitet, sucht -- so der Hamburger Kriminalhauptmeister Harry Benze -- »der Redakteur uns einige Fälle raus. Wir setzen uns dann mit den einzelnen Dienststellen in Verbindung und fragen, was sie da haben«. »Stern«-Redakteur Wolfgang Löhde: »Die Kripo -- in Hamburg wie in anderen Großstädten -- pfeift auf die Staatsanwaltschaft und macht, was sie will. Die Staatsanwälte sind ja auf die Kripo angewiesen, und das weiß die Polizei.«

Zumindest mit dieser Praxis müßte es. ginge es nach den neuen Beschlüssen der Justizminister, nun zu Ende gehen. »Die Entscheidung«, so heißt es in dem Minister-Papier, »darüber, ob die Fahndungshilfe von Publikationsorganen in Anspruch genommen werden soll, obliegt der Staatsanwaltschaft.«

Doch diesen Grundsatz haben die Justizminister durch Ausnahmeregelungen, die schwer kontrollierbar sein werden, selber durchlöchert. Die Polizei, so legten sie fest, könne auch künftig ohne Genehmigung des Staatsanwalts über die Inanspruchnahme von Massenmedien für Fahndungen entscheiden, »wenn die Ermittlungen durch die Einschaltung der Staatsanwaltschaft unvertretbar verzögert« würden.

»Das«, kommentiert der Leitende Ministerialrat Eugen Sauer aus Rheinland-Pfalz, zuständig für die Polizei des Landes, »können die Kriminalbeamten immer sagen.« Hessens LKA-Vizechef August Vorbeck prophezeit: »Man muß sich darüber im klaren sein, daß die Polizei in vielen Fällen von dieser Bestimmung Gebrauch machen müßte.«

So offenbart sich, daß die Justizminister mit ihrer neuen Verwaltungsvorschrift nur bundesweit artikulierten, was zuvor auf andere Weise ebenso problematisch geregelt gewesen war. Die Chance. das deutsche Fahndungs-Durcheinander etwa durch Schaffung einer zentralen Koordinierungsstelle zumindest für bundesweite Fahndungen zu beenden, haben sie nicht genutzt.

Sie hätten sich zum Beispiel an den Abhörgesetzen ·des Bundes und der Länder orientieren können, die -- als Maßstab für eine andere Art von Fahndung -- den Schutzgedanken der im Grundgesetz garantierten Persönlichkeitsrechte ebenso beachten müssen wie die neuen Fahndungs-Bestimmungen der Justizminister.

Das Anzapfen von Telephonen wird im Bund von einer Drei-Mann-Kommission überwacht, deren Vorsitzender, »die Befähigung zum Richteramt besitzen muß«. Nach Hessen-Praxis sind Abhörmaßnahmen erst erlaubt, wenn eine solche Kommission »festgestellt hat, daß sie zulässig und nötig sind«.

»Schlimme Tendenz, die niemand zugibt.«

Ähnlich könnte auch bei bundesweit angesetzten öffentlichen Fahndungs-Aktionen eine zentrale Stelle -- mit zwei oder drei delegierten Richtern oder Staatsanwälten, die im Umgang mit den Massenmedien geübt wären -- über Nutzen, Sinn und möglichen Schaden eines jeden überregionalen Fahndungs-Antrags befinden.

Daß die Einschaltung einer zentralen Instanz nicht etwa, wie Hamburgs Justizsenator Dr. Ernst Heinsen meint, »die Fahndung nur verzögern muß«, darüber könnte der Hamburger Kriminaloberrat Horst Valentin die Justizchefs aufklären.

Valentin, der zehn Jahre lang beim Landeskriminalamt Hamburg sämtliche Fahndungs-Ersuchen aus der Bundesrepublik für die Nachrichtensendungen des Ersten und Zweiten Fernsehprogramms, ARD-»Tagesschau« und ZDF"Heute«, koordiniert hat, plädiert für eine »letzte Entscheidungsinstanz ... die gleichzeitig die Verantwortung trägt und ständige Verbindung zu den beiden Fernsehanstalten hält«.

Eine solche Zentralstelle, wie sie sich Valentin ("Sie könnte blitzschnell arbeiten") für die Kriminalpolizeien bei der Zusammenarbeit mit den Nachrichtenredaktionen von ARD und ZDF vorstellt, könnte sich erst recht als sinnvoll erweisen, wenn sie mit richterlicher oder staatsanwaltschaftlicher Verantwortung ausgestattet und für zuständig erklärt würde für die Fahndung in allen Massenmedien.

Wie dringlich eine Neuregelung ist, machte Kriminalist Valentin schon im vergangenen Jahr auf einer internen BKA-Tagung deutlich. Er beschrieb damais ("schlimm") eine »Tendenz« unter Strafverfolgern« die »natürlich niemand offen zugibt":

»Der zuständige Sachbearbeiter will in seinem Fall auch das Fahndungsmittel Fernsehen ausnutzen, selbst wenn es von der Sache her nicht gerechtfertigt ist, nur damit ihm niemand etwas nachsagen kann, damit er keine Nackenschläge zu befürchten hat.«

Und: »Ich habe mir mehrfach anhören müssen -- auch wenn die Fernsehfahndung sachlich nicht zu begründen war -. der Polizeipräsident der Stadt X wolle es so, oder die Familie des Staatsanwalts Y säße doch heute abend vor dem Schirm und möchte »ihre Fahndungssendung« sehen.«

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