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Balkan »Die lassen nichts liegen«

Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 1/1996

Wenn es nach der Popcorn-Händlerin Istvanne Meszaros aus Kaposvar am Plattensee ginge, dann wäre es besser, die Regierung in Budapest würde ihren Entschluß noch mal überdenken, Ungarns Aufnahme in die Nato anzustreben. Frau Meszaros hatte sich soviel von der Ankunft der Amerikaner versprochen. Jetzt ist sie enttäuscht. »Man sieht sie nicht, man hört sie nicht, wo sind sie denn?«

Frau Meszaros hat noch keine Tüte Popcorn mehr als sonst verkauft, seit die rund 2000 Logistik-Soldaten der U.S. Army, die von hier aus den Nachschub für die GIs in Bosnien organisieren sollen, in die ehemalige sowjetische Kaserne am Stadtrand eingerückt sind. »Was Amerikanischeres als Popcorn gibt es doch gar nicht.« Und 30 Forint für die Litertüte sind auch kein Preis. Warum kaufen sie nicht?

Frau Meszaros teilt ihren Verdruß mit Bürgermeister Karoly Szita. In Ungarn ist es üblich, daß neue Freunde sich erst mal auf ein Gläschen zusammensetzen und auf ihre Freundschaft anstoßen. Davon hat man hier nichts vernommen. Der Bürgermeister hätte so gern einen Empfang für die neuen Freunde ausgerichtet. Er hätte neben Glinde bei Hamburg gern auch noch eine amerikanische Partnerstadt für Kaposvar. Aber die Amerikaner waren darauf überhaupt nicht ansprechbar. Sie bezogen ihre Quartiere und legten gleich los mit Organisieren.

»We are busy these days«, sagt Hauptmann Darden. »Damned busy.« Sie müssen dafür sorgen, daß rollendes, fliegendes und schießendes Gerät aus Standorten in Deutschland zu den Adressaten in Bosnien gelangt. Sie haben keine Zeit zum Fraternisieren. Vielleicht später.

In der Stadt sieht man sie nur schattenhaft hinterm Steuer von riesenhaften Sattelschleppern, die unablässig eisenbeschlagene Kisten vom Ausmaß kleiner Einfamilienhäuser in die Kaserne schleppen. Sie bringen sich alles von zu Hause mit, weil sie wie üblich davon ausgehen, daß nichts von dem, was sie in ihrem Gastland finden, technisch, kulinarisch oder hygienisch amerikanischem Standard entspricht. Vor allem Trinkwasser in Plastikflaschen.

Die Kaserne ist in dem Zustand, den man überall in Osteuropa von Kasernen gewöhnt ist, in denen die ruhmreiche Sowjetarmee logierte: selbst zum Abreißen nicht geeignet, weil man nicht weiß, was darin oder ringsum an Schädlichem vergraben ist. Am Haupttor schieben ungarische und amerikanische Posten gemeinsam Wache. Es gibt zwar noch nicht viel zu bewachen, aber es macht einen guten Eindruck.

Einer der Humvees, jener breitausladenden Kingsize-Jeeps mit dem Kavallerie-Flair, die im Golfkrieg bei CNN so malerisch in der untergehenden Sonne verschwinden konnten, hatte in Kaposvar schon seine Feuertaufe. Er fuhr auf der Zarda Utca von hinten auf einen mit Runkelrüben beladenen Anhänger. Unter der Ladefläche des Anhängers brachen die Stützstreben ab, so daß die Runkeln auf die Straße bollerten.

Der Schaden wurde von dem Humvee-Fahrer gleich großzügig aus der mitgeführten Handkasse reguliert. Der dem Vorgang beiwohnende Teil der Bevölkerung wertete dies als Zeichen von Dynamik und spendete Szenenapplaus. Die Russen zahlten früher nie für ihre Schulden. »Was die Amerikaner anpacken, das packen sie richtig an«, lobt Schnapshändler Jenö Roskas. »Die lassen nichts liegen.« Auch daß sie niemals ohne Stahlhelm ausfahren, obwohl die nächstdenkbare Front weit entfernt ist, sieht man hier als Zeichen einer gewissen Professionalität. Die Amerikaner können machen, was sie wollen, sie kriegen auf alles einen Bonus.

Magda Lendvai, die dicke Zigeunerin, die in einem Torbogen beim Kossuth-Denkmal kleine Tannengestecke mit Flitterkram verkauft, hat, ganz privat, sogar die zigeunerisch-amerikanische Völkerfreundschaft ausgerufen. Denn ihr ist etwas Wundersames passiert. Zwei Amerikaner im Kampfanzug wollten sich bei ihr auf Englisch nach dem Weg erkundigen. Als sie merkten, daß sie nicht verstanden wurden, legte einer von ihnen eine Fünf-Dollar-Note aufs Pflaster und griff sich dafür zwei Gestecke.

Der andere, ein Schwarzer, wollte Frau Lendvai offenbar etwas Artiges sagen. Als er merkte, daß sie auch das nicht verstand, nahm er sie in den Arm, drückte sie und lachte so laut, daß einige Passanten erschrocken stehenblieben. Für Frau Lendvai war das eine Art Zeitenwende. Seit sie Blumen und Tannengestecke verkauft, hat sie nie jemand in den Arm genommen. Und das sind nun immerhin 30 Jahre.

Die Geschäftsleute sind alle auf Boom eingestellt. Mehrere neue Autovermietungen, Hamburger-Salons und Sörözök (Bierkneipen) stehen kurz vor der Eröffnung. Die Zeitungsfrau Johanna Ungar, die gegenüber dem Kapos Hotel einen Kiosk betreibt, hat auch Softpornos ins Programm genommen. Im »Tabu«, dem besten Restaurant der Stadt, werden die Steaks nur noch blutig serviert. Dazu kann der Gast jetzt unter zwölf verschiedenen Sorten Bourbon wählen. Und im »Jolly Joker«, dem einzigen Nightclub, spielt die Band unablässig »Sweet Home Alabama«. Alle haben nur eins im Sinn: Wie kriegt man die Amis an die Konsumkrippe?

»Jolly Joker«-Besitzer Ferenc Varga hat mit der Ausgestaltung seines Etablissements die ästhetischen Eckdaten gesetzt, an denen sich der Rest der Geschäftswelt orientiert: lilafarbene Tapeten, rotblinkende Lichter, mitten im Lokal ein Springbrunnen mit einer nackten Göttin. »Dies ist eine große Gelegenheit für jedermann.« Nicht ganz. Der Student Laszlo Kovacz beschwert sich darüber, daß der Preis für eine Drittelliterflasche Bier im »Jolly Joker« in den letzten vier Wochen von 100 auf 180 Forint gestiegen ist.

Die Goldgräberstimmung strahlt bis weit ins Hinterland. Budapester Fleisch-, Getränke- und Lebensmittelgrossisten haben sich im Kapos Hotel eingerichtet, um einen Liefervertrag mit »American Products« aus South Carolina oder einem der anderen US-Großmarketender zu ergattern, die von hier aus die Fourage für die Truppen in Bosnien besorgen.

Aus Budapest kommt jetzt zweimal die Woche ein Pendelkleinbus mit russischen und ukrainischen Mädchen für die Boys. Er bringt eine neue Schicht und nimmt die alte mit zurück nach Budapest. Aber auch in diesem Gewerbe haben sich die Erwartungen noch nicht erfüllt. Bis auf weiteres müssen die Schwalben, wie sie hier heißen, vor allem die Fernfahrer aus Deutschland und Österreich bedienen, nur um die Reisespesen wieder rauszukriegen.

Gastronomie und Fremdenverkehr sehen die Zuwanderung aus der Hauptstadt nicht ohne Befremden. Dies sind schließlich ihre Amerikaner und nicht die Amerikaner der Budapester. Das Problem ist nur, daß es hier bislang keine hauptberuflichen Prostituierten gab. Und so ein Gewerbe kann man nicht über Nacht auf die Beine stellen. Aber alle sind sich einig: Zu einem professionellen Fremdenverkehr gehört es dazu.

Andere machen sich andere Sorgen. »Wissen wir denn, wie sich die Amerikaner benehmen werden?« sagt die Rentnerin Etelka Szilagyi. Sie hat gehört, daß US-Soldaten gern Drogen nähmen. »Ich habe einen elfjährigen Enkel, und ich habe Angst um ihn.«

Kaposvar ist eine hübsche, kleine, arme Stadt. Die kroatische Grenze ist gut 50 Kilometer entfernt. Die meisten Menschen leben in Plattenbauten. Es gibt eine große Salamifabrik, außerdem ein bißchen Transit-Tourismus im Sommer. Die Arbeitslosenquote liegt erheblich über dem ungarischen Durchschnitt. Wenn es gelingt, nur ein Drittel der zugezogenen Kaufkraft von, grob kalkuliert, 50 Millionen Dollar im Jahr abzuschöpfen, dann könnten bald goldene Zeiten anbrechen.

Im Bosnien-Konflikt ist Ungarn nur Etappe. Für die neue Zeit nach dem noch nicht ganz erloschenen Ost-West-Konflikt dagegen wird Kaposvar zum Präzedenzfall. Die Stadt ist - wenn man vom Sonderfall Ostdeutschland absieht - der erste Garnisonsstandort der Nordatlantischen Gemeinschaft auf dem Territorium des ehemaligen Ostblocks. Ein Exempel, das Nato-Geschichte machen könnte.

Die Amerikaner wollen sich nicht festlegen, wie lange sie hier bleiben. Wenn sie länger bleiben, als der Bosnien-Konflikt dauert, wird sich daraus für Ungarn der Einstieg in die Nato ergeben. Es gibt keinen besseren Beleg für Ungarns dringlichen Beitrittswunsch als den Beschluß des Budapester Parlaments, der Stationierung von US-Truppen in Ungarn zuzustimmen. 312 Abgeordnete waren dafür und nur einer dagegen.

Oberstleutnant Michael Anderson, der die Luftwaffenbasis Taszar kommandiert, hat den Ungarn ein programmatisches Kompliment gemacht. Sie seien erstklassige Soldaten - genauso gute Soldaten wie die der Nato. Obwohl er das nach drei Tagen natürlich noch gar nicht wissen konnte. Y

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Kartenausschnitt: Ungarn/Bosnien-Herzegowina

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