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Bundespräsident »Die Leute mögen mich«

Von Hartmut Palmer
aus DER SPIEGEL 32/1996

In der Kirche Sankt Wolfgang herrscht ein Heidenlärm. Hunderte von Kirchgängern, die sich hier im erzgebirgischen Schneeberg zum Gottesdienst versammelt haben, klatschen begeistert Beifall.

Der Applaus gilt nicht der Predigt des Pastors und auch nicht dem gerade wiederhergestellten Altar des Altmeisters Lucas Cranach und seines Sohnes aus dem Jahr 1539, auf dessen Rückseite der Papst im Höllenfeuer schmort. Er gilt dem Besucher Roman Herzog, 62, der an diesem Juli-Montag gekommen ist, um den Altar zu besichtigen.

Kinder werden hochgehoben, Kameras klicken, die Leute stehen auf den Stühlen. Frauen, die es geschafft haben, mit dem präsidialen Gast ein Wort zu wechseln, erröten vor Freude; Männer, die seine Hand schütteln durften, blähen sich stolz.

Überall, auch draußen vor der Kirche, wird der Präsident - in Begleitung des sächsischen Landesvaters Kurt Biedenkopf und dessen Frau Ingrid - enthusiastisch gefeiert. Tausende Schaulustige warten in dem sächsischen Schürf- und Schnitzerstädtchen hinter Absperrseilen auf den festlichen Höhepunkt des 8. Deutschen Bergmannstages, den Umzug der Bergleute in historischen Kostümen.

Jetzt läuft erst einmal der Präsident aus Berlin, als Vorprogramm, durchs Städtchen - Grüße links, Händeschütteln rechts und immer ein Scherz. Daß er trotz der hochsommerlichen Temperaturen dunklen Anzug tragen muß, scheint der guten Laune keinen Abbruch zu tun.

So einen mögen die Leute. Dies ist ein Präsident zum Anfassen. Und so wie der lacht, muß ihm der Job einfach Spaß machen.

»Das ist auch so«, bestätigt Herzog abends beim Spaziergang durch den grünen, kühlen Park seines Berliner Schlosses Bellevue. »Ich sehe, daß die Leute mich mögen, daß sie mir auch vertrauen, und das ist ein Kapital, das man dann auch wieder ausgeben muß.«

Das ist keine freundliche Floskel, sondern der Schlüssel zu Herzogs Amtsverständnis. Er will mit den Pfunden seiner Popularität wuchern. Wer viel Vertrauen hat, so lautet die einfache Formel, kann sich eine Menge herausnehmen. Genau das tut er.

Immer häufiger hat er sich in den letzten Monaten in die Angelegenheiten der Bundesrepublik Deutschland eingemischt. Er legte sich mit der politischen Klasse und den Führungseliten der Wirtschaft an, er zauste Bildungspolitiker, Tarifparteien und Währungshüter.

Die Lastenverteilung im Rentenrecht, die Doppelverdiener ohne Kinder bevorzugt, hält er für einen »Verfassungsverstoß«. Bei der Spardebatte warnte er vor sozial unausgewogenen Streichoperationen. Er wetterte gegen alte Besitzstände im Bildungswesen und warb für seine Lieblingsidee: neue, private Elite-Universitäten.

Dieser Präsident will nicht nur abnicken, was andere beschließen. Auf den Frühstücksdirektor, den Grußonkel oder den Staatsnotar läßt Herzog sich nicht reduzieren. Er will ein politischer Präsident sein wie sein Vorgänger Richard von Weizsäcker - aber ganz anders.

Niemals würde Herzog sich so abfällig über die erste politische Garnitur der Republik äußern, wie von Weizsäcker ("machtversessen, machtvergessen") es tat. Obwohl Herzog viele Jahre lang abseits der Tagespolitik wirkte, hat er nicht vergessen, durch wen er wurde, was er ist. Mit Helmut Kohl, der den damals 38jährigen als Beauftragten des Landes Rheinland-Pfalz nach Bonn schickte, ist er auf du. Und obwohl die beiden gelegentlich in Einzelfragen über Kreuz liegen, stimmt die gemeinsame Richtung.

Wenn Herzog sich über die Herren aus den Vorstandsetagen der Wirtschaft mokiert, die nichts oder zuwenig riskierten, rennt er bei Kohl weit geöffnete Tore ein. Und wenn er sich, wie kürzlich bei der Veba, öffentlich darüber ärgert, »daß Manager ganze Unternehmen schuldhaft vor die Wand fahren und dann nicht einmal mit Konsequenzen rechnen müssen«, ärgert sich der Kanzler schweigend mit.

Der Bundespräsident müsse, so sieht es Herzog, »vor allem die Themen anpacken, die sonst nicht laufen": die Benachteiligung von Familien mit Kindern, zum Beispiel, nicht nur im Rentenrecht, sondern schon bei der Vermittlung und Vermietung einer Wohnung.

Oder: die stiefmütterliche Behandlung von Bildung und Forschung. Die immer noch unüberwindbare Kluft zwischen deutschen Forschungsinstituten und deutschen Wirtschaftsunternehmen. Die »ergebnislosen Debatten-Rituale« - das sind seine Themen.

Fast jeden zweiten Tag - Sonn- und Feiertage inklusive - hat Herzog irgendwo über irgendwas offiziell geredet. Vom 6. Mai bis zum 11. Juli laut Bulletin der Bundesregierung 27mal.

Und in dieser Aufzählung sind die vielen spontanen Grußadressen, die er absondern muß, wo immer er aufkreuzt, noch nicht einmal enthalten. Auch nicht die Interviews, die er einschiebt, um das in seinen Reden Gesagte noch einmal kräftiger nachzuzeichnen.

Das Generalthema ist immer dasselbe. Es lautet: Wenn schon, denn schon.

Wenn wir schon glauben, wir könnten trotz deformierter Alterspyramide das alte Rentensystem aufrechterhalten, dann muß man auch sagen, was das kostet. Wenn schon die Gürtel enger geschnallt werden, dann sollen es wenigstens alle Gürtel sein. Wenn schon Grausamkeiten, dann für jeden und überall: »Jeder muß das Geheul des Nachbarn hören.«

Obwohl er so heftig an Privilegien rüttelt und nahezu jeden Besitzstand in Frage stellt, sind die Reaktionen freundlich. Der Mann scheint niemandem wirklich weh zu tun.

Seine Reden und Appelle bleiben folgenlos. Sosehr er sich auch abmüht - er piekt immer in Watte. Die Leute finden ihn einfach zu nett, um auf ihn böse zu werden.

Da ist es dann fast schon ein Erfolgserlebnis, wenn ihn irgendwann einmal einer, wie unlängst der CSU-Generalsekretär Bernd Protzner, wegen Kritik an der Sparpolitik milde rüffelt. »Es ist die freie Entscheidung jedes Menschen, mich zu kritisieren«, sagt Herzog dazu. »Und es ist meine freie Entscheidung, ob ich das zur Kenntnis nehme.« Niemand weiß besser als der Verfassungsjurist Herzog, wie eng die Spielräume sind, die das Grundgesetz dem Präsidenten Herzog läßt.

Herzogs Popularitätskurve weist steil nach oben. Zwar hat er die Höhenrekorde des Amtsvorgängers Richard von Weizsäcker noch nicht eingestellt. Aber der Trend hat sich gewendet.

Um fast 20 Prozentpunkte war nach dem Wechsel vor zwei Jahren die öffentliche Zustimmung abgestürzt: von 84 auf 66 Prozent. Herzogs Antrittsrede, in der er die Deutschen aufrief, »unverkrampft« ihre Rolle zu finden, wurde planvoll mißverstanden, als hätte er gesagt, die Deutschen sollten ihre Geschichte »unverkrampft« vergessen.

Am Ende des schwierigen Gedenkjahres waren diese Bedenken verflogen. Herzog hatte - mal schweigend, mal redend - in Auschwitz, Bergen-Belsen und Warschau Klarheit geschaffen: »Wer vor seiner Vergangenheit wegläuft«, gab er dem israelischen Präsidenten Eser Weizman mit, »der wird von ihr eingeholt. Wir Deutsche stellen uns der Vergangenheit um der Zukunft willen.«

Im Sommer 1995 waren 72 Prozent der Deutschen mit seiner Amtsführung zufrieden, in den neuen Bundesländern sogar 78 Prozent. Das liegt bestimmt auch daran, daß Herzog selbst bei seinen Auftritten als Präsident immer Herzog bleibt. Der Hang zum Kalauer und die Lust an der Widerborstigkeit sind manchmal stärker als das feierliche Ritual.

Geduldig hat er sich im sächsischen Schlema von den Kommunalpolitikern erzählen lassen, wie erfolgreich die radioaktiven Rückstände der Wismut AG beseitigt wurden. Herzog ist beeindruckt, aber offenbar nicht überzeugt: »Kann man hier überhaupt spazierengehen, ohne daß die Geigerzähler knattern?«

Zum Glück fällt ihm spontan eines »meiner dämlichen Wortspiele« (Herzog) ein, mit dem er die Sache wieder geradebiegen kann. Es sei doch schön, daß dank der Mitarbeit so vieler guter Menschen »aus Wismut nicht Mißmut wurde«.

Beim Gang über den Schneeberger Rathausplatz wird er vor dem Gewirr von Fernsehkabeln gewarnt. »Ich stürze nicht über Kabel«, beruhigt er seine Begleiter, »sondern höchstens über mein Mundwerk.«

Daß er das Amt ausfüllen kann, hat er nie bezweifelt. Er war immer klug genug, nur solche Ziele anzupeilen, die er erreichen kann. Niemals würde der ewige Primus das Risiko laufen, sich bei einer Halbheit ertappen zu lassen - nicht einmal beim Singen auf dem Marktplatz von Schneeberg.

Da preßt er die Lippen zusammen. Erst als die Bergmannskapellen eine - seltsamerweise mit Marschrhythmen unterlegte - Version des Chorals »Lobet den Herren« anstimmen und später auch bei der Nationalhymne ist Herzog dabei.

»Ich singe nur«, so erklärt er das, »wenn ich sicher weiß, daß es beim C sein Bewenden hat. Über das C hinaus kann ich nicht singen.«

Gefühle läßt er nur selten erkennen. Wenn er bei Trauerfeiern oder ähnlichen Anlässen steht und wartet, bis die Reihe an ihn kommt zu reden, fixiert er mit den Augen das Gesicht irgendeines Zuhörers.

Manchmal aber zeigt er doch Emotionen. Nach seiner Vereidigung im Berliner Reichstag zum Beispiel hat er seinen Tränen freien Lauf gelassen.

Daß ihm teutonische Kraftmeiereien zuwider sind, muß der kultivierte Großbürger aus Landshut dem Volk nicht mehr beweisen. Es entspricht seinem Naturell, das Deutschtum ein bißchen auf die Schippe zu nehmen - das lernt man in Bayern.

Eine Grundsatzrede über die Zukunftsfähigkeit der Deutschen eröffnete er mit einem koketten Seitenhieb gegen sich selbst. »Da wir nun einmal in Deutschland sind«, müsse eine Präsidentenrede »etwas Grundsätzliches sein«. Das war sie dann auch.

»Ironische Distanz« nennt er das. Aber wenn geschrieben wird, er habe aus Abneigung gegen die Deutschtümelei in Polen eine Linde gepflanzt und eben keine deutsche Eiche, dann geht ihm das zu weit.

Er wählte die Linde, weil sie »der typisch deutsche Baum ist«. Schließlich steht am vielbesungenen »Brunnen vor dem Tore« auch keine Eiche. Und es gibt noch einen zweiten Grund: »Die Linde«, sagt der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, »war der Baum, unter dem sich einst die Gerichtsbarkeit versammelte.«

Deutsch ist er schon, der Präsident der Deutschen - aber unverkrampft.

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