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Die Logenbrüder sind unter uns

SPIEGEL-Interview mit Tina Anselmi, Präsidentin des Untersuchungsausschusses über Italiens Freimaurerskandal *
aus DER SPIEGEL 34/1984

SPIEGEL: Frau Anselmi, Italien hat viele dunkle Kapitel seiner jüngsten Geschichte von parlamentarischen Ausschüssen untersuchen lassen. Doch jede Aufklärung, ob über die Mafia, die großen politischen Finanzskandale oder den Mord an dem christdemokratischen Parteipräsidenten Aldo Moro, blieb immer dann aus, wenn die Spuren direkt in die Zentralen der politischen Apparate führten. Wird das nun anders? Sie haben mit Ihrer Parlamentskommission nach 30 Monaten Recherche über den »Skandal der Skandale«, über die Geheimloge »Propaganda 2«, ein klares politisches Urteil gefällt: Die P 2 war eine Kommandozentrale, die gegen die italienische Demokratie operierte. Welches politische Ziel hatte die Loge?

ANSELMI: Das politische Ziel der P 2 hieß nicht Umsturz. Der P 2 schwebte keine militärische Lösung vor. Sie wollte die Kontrolle über den Staatsapparat von innen ausüben, das demokratische System aber formal beibehalten. Auch in ihrer gefährlichsten Phase, von 1976 an, in der sie in die höchste Spitze des Staatsapparates vorgedrungen war, dachte die P 2 daran, die politischen Entscheidungen mitzubestimmen. Deshalb saßen die P 2-Mitglieder in allen Schlüsselpositionen der Geheimdienste, der Justiz, der Ministerien, der Hochfinanz, der Massenmedien. Sie beeinflußten die Regierung und bestimmten das Leben der Republik.

SPIEGEL: Saßen sie oder sitzen sie dort vielleicht immer noch, obwohl die Geheimloge nach der Enthüllung des Skandals 1982 für illegal erklärt wurde und die Spitze der Geheimdienste neu besetzt wurde?

ANSELMI: Die Mitgliederliste der P 2 wurde fast zufällig bei einer Hausdurchsuchung der Villa des Logenmeisters Licio Gelli in Arezzo gefunden. Die Liste ist echt. Die 962 aufgeführten Namen - Generale, Richter, Diplomaten, Bankiers, Journalisten, Abgeordnete und Parteileute - waren eingeschriebene Mitglieder der Loge. Darüber hinaus aber wissen wir aus dem Mund von Freimaurern und Nichtfreimaurern, daß die P 2 sehr viel verzweigter war, daß sie wesentlich mehr Mitglieder zählte.

SPIEGEL: Haben Sie eine Vorstellung, wie viele es gewesen sein können?

ANSELMI: Alle Indizien, die wir sammeln konnten, belegen eine mehr als doppelt so große Zahl. Höchstwahrscheinlich waren es 2550.

SPIEGEL: Das bedeutet, daß mehr als die Hälfte der Logenbrüder noch unentdeckt ist.

ANSELMI: Die 1500, die wir namentlich nicht kennen, haben natürlich jedes Interesse daran, unerkannt zu bleiben.

SPIEGEL: Mit 1500 Mitgliedern an der Spitze des Staates funktioniert eine Organisation doch noch sehr gut.

ANSELMI: Die Solidarität, das gedungene Schweigen, alles das, was die eingeschriebenen Mitglieder und Anhänger miteinander verbindet, funktioniert immer noch nach dem üblichen Motto: Ich beschütze dich, du beschützt mich.

SPIEGEL: Haben Sie während Ihrer Kommissionsarbeit Widerstand von seiten der P 2 zu spüren bekommen?

ANSELMI: Ja. Um uns abzulenken, wurden uns kriminelle Fakten zugespielt, von denen wir annehmen mußten, daß sie mit der P 2 zu tun hatten. Erst nach der Bearbeitung, nachdem wir Zeit und Energie vergeudet hatten, stellte sich das Gegenteil heraus. Auch bestimmte Finanzoperationen, hinter denen wir die P 2 vermuten mußten, erwiesen sich als Transaktionen, die nicht direkt mit der P 2 zu tun hatten. Die Schwierigkeit unserer Arbeit lag darin, daß wir gewissermaßen ein lebendes Objekt

untersuchten - die Logenbrüder sitzen unter uns.

SPIEGEL: Sind Sie Ihnen begegnet?

ANSELMI: Bei der letzten Wahlkampagne hat die P 2 ihren ganzen Machtapparat eingesetzt - wenn auch vergebens -, um mich in meinem Wahlkreis in Treviso zu Fall zu bringen.

SPIEGEL: Zwar ist der Haushaltsminister Pietro Longo, eingeschriebenes Mitglied der P 2, zurückgetreten - aber glauben Sie, daß Italien die P 2 je wieder los wird?

ANSELMI: Wir müssen vor allem dafür sorgen, daß unsere Geheimdienste wieder korrekt arbeiten und nicht »entgleisen«. Wir müssen garantieren, daß die Kontrolle über das politische System nicht in die Illegalität abrutscht. Karrieren im Staatsdienst dürfen nicht von einer okkulten Organisation gefördert werden: die Ernennung hoher Staatsbeamter, der Geheimdienstchefs, die Auswahl des Generalstabschefs der Carabinieri und der obersten Finanzpolizei.

SPIEGEL: Es gibt aber schon jetzt deutliche Anzeichen dafür, daß Craxis Fünf-Parteien-Regierung zu einer gemeinsamen politischen Handlung gegen die Logenbrüder nicht fähig ist.

ANSELMI: Die P 2-Mitglieder müssen aus den Ämtern und aus den Parteien entlassen werden. Meine Partei, die Democrazia Cristiana, hat Schritte unternommen, alle Abgeordneten, die eingeschriebene Mitglieder waren, nach Hause zu schicken und nicht wieder kandidieren zu lassen. Andere Parteien tun sich wesentlich schwerer. Deshalb sollte das Parlament Gesetze verabschieden, die den Staatsapparat transparenter, kontrollierbarer machen.

SPIEGEL: Wie ist überhaupt zu erklären, daß 2500 Spitzenleute eines demokratischen Staates dazu bereit sind, dem Kommando des Matratzenhändlers Gelli aus Arezzo zu folgen?

ANSELMI: Wir haben in unserem Untersuchungsbericht en detail nachgewiesen, daß Licio Gelli in der P 2 nur den Rang eines tüchtigen Generaldirektors einnahm. Der Erfinder des politischen Konzepts war er nicht.

SPIEGEL: Wer war es denn?

ANSELMI: Gelli und die Loge Propaganda 2 waren ein Instrument in den Händen von Geheimdienstfraktionen. Sie arbeiteten mit einer gewissen Selbständigkeit, und ich kann Ihnen versichern, nicht nur italienische Dienste steckten hinter der Loge.

SPIEGEL: Soll das heißen, daß auch ausländische Nachrichtendienste bei den Machenschaften der P 2 ihre Finger mit im Spiel hatten?

ANSELMI: Schon auf der Mitgliederliste standen viele Namen von argentinischen und uruguayischen Generalen, Admiralen und Diplomaten. Auch die Bank- und Geschäftsverbindungen der Loge laufen nach Amerika und Südamerika. P 2 wollte das in Italien durchsetzen, was Gelli in Südamerika bereits erreicht hatte.

SPIEGEL: Ist da eine Art rechte Internationale am Werke? Führte die Loge gar Regie bei den zahllosen terroristischen Anschlägen der Ultrarechten in Italien?

ANSELMI: Über die Hintergründe der schweren, von Faschisten verübten Bombenanschläge wissen wir leider noch nicht die ganze Wahrheit. Wir können nicht behaupten, daß hinter den Attentaten der Ultrarechten, die Italien vor allem bis in die Mitte der siebziger Jahre erschüttert haben, die Geheimdienste und die Geheimloge P 2 agierten. Der rechte Terrorismus ist in Italien autonom gewachsen. Aber klar ist auch: Seit Anfang bis Mitte der siebziger Jahre bestehen zwischen der P 2 und den neofaschistischen Terroristen enge Kontakte.

SPIEGEL: In welcher Form?

ANSELMI: Männer der P 2 standen politisch hinter der rechten Subversion und finanzierten auch neofaschistische Attentäter. Dies hat ja auch das Gerichtsurteil über die Urheber des Anschlags auf den Fernschnellzug »Italicus« 1975 bestätigt.

SPIEGEL: Es gibt Spekulationen, daß auch die Roten Brigaden zum Zeitpunkt der Moro-Affäre von Dunkelmännern der P 2 infiltriert waren. Gibt es Hinweise darauf, daß die Loge P 2 in die Entführung Aldo Moros und in seine Ermordung verwickelt war?

ANSELMI: Die volle Wahrheit über den Fall Moro ist uns in der Tat nur stückweise bekannt. Trotz des abgeschlossenen Strafprozesses, der Verurteilung der Moro-Entführer und -Mörder wissen wir beispielsweise nicht, wo der Präsident der Democrazia Cristiana während der 55 Tage seiner Entführung versteckt gehalten wurde und wer den Befehl zu seiner Erschießung gegeben hat, während im Kommando der Roten Brigaden noch keine Einigung erzielt worden war, ob die Geisel erschossen werden sollte. Wer den Mord anordnete, darüber haben die geständigen Terroristen bisher nichts ausgesagt.

SPIEGEL: Vielleicht wußten sie es nicht. In Ihrem Bericht widmen Sie den Geheimdiensten erheblichen Raum. Vielleicht wissen die Chefs der Nachrichtendienste, die für die Großfahndung nach den Moro-Mördern verantwortlich und alle eingeschriebene Mitglieder der Loge waren, darüber Genaueres?

ANSELMI: Auch ich habe mich lange gefragt, ob das völlige Versagen unseres Sicherheitsapparates während der Affäre Moro mit der P 2-Mitgliedschaft der fünf Mitglieder des Komitees, das für die Fahndung im Fall Moro verantwortlich war - darunter die beiden Chefs der Geheimdienste - in einem Zusammenhang steht.

SPIEGEL: Und Ihre Antwort?

ANSELMI: Die Frage bleibt, obwohl Sie sich denken können, daß wir nach einer Antwort gesucht haben. Es fehlen uns aber die schlüssigen Beweise dafür, die wir für die Verbindung der Loge mit dem Rechtsterrorismus gefunden haben.

SPIEGEL: Der radikale Abgeordnete Massimo Teodori beschuldigt Giulio Andreotti, jetzt Außenminister, während des Moro-Dramas Ministerpräsident, das politische Hirn der P 2 zu sein.

ANSELMI: Ich kann mir absolut nicht vorstellen, daß politische Kräfte den Weg des politischen Selbstmords einschlugen und sich unterirdisch mit dem Terrorismus verbunden hätten.

SPIEGEL: Es müssen ja nicht gleich mehrere Parteien sein ...

ANSELMI: Auch die These, daß ein und dieselbe politische Kraft zwei selbständige Geheimdienste manövriert haben soll und dabei sogar ein geheimes Einverständnis mit den Terroristen pflegte, ist absolut unwirklich. Die Verbindung, die zwischen Loge und politischen Kreisen bestand, ist sehr viel komplexer. Die P 2 identifizierte sich nicht nur mit einer Partei.

SPIEGEL: Ist es andererseits nicht zu hoch gegriffen, wenn Sie fremde Geheimdienste für die düsteren Geschäfte der Loge P 2 in Italien mitverantwortlich machen?

ANSELMI: Daß die Loge P 2 nicht allein ein italienisches Phänomen ist, beweist die Tatsache, daß Licio Gelli aus einem schweizerischen Hochsicherheitsgefängnis fliehen konnte.

SPIEGEL: Halten Sie die Freimaurer international für eine Gefahr?

ANSELMI: Sie sind ein internationales Phänomen. Unsere Kommission wurde auf die Entartung der Loge angesetzt und bekämpft die Freimaurer nicht als Institution.

SPIEGEL: Warum aber sollten die internationalen Dienste gerade ein so intensives Interesse an den Belangen eines politisch eher unbedeutenden Landes wie Italien zeigen?

ANSELMI: Italien ist abgesehen von seiner besonderen innenpolitischen Lage - ich denke an die KPI - international gesehen ein wichtiges Land. Es liegt am Rande zwischen Europa und Arabien, zwischen Ost und West, zwischen Sozialismus und Kapitalismus, und ist für die Geheimdienste der Nato wie für die der östlichen Allianz von Bedeutung.

SPIEGEL: Und was hat das alles mit Gelli, dem Matratzenhändler aus Arezzo, zu tun?

ANSELMI: Der Kern unserer Untersuchung liegt genau da: Gelli ist ein Mann des italienischen Geheimdienstes. Mit ihm und durch seine Organisation, die P 2, haben die westlichen und östlichen Geheimdienste ein politisch so empfindliches Land wie Italien zu kontrollieren versucht.
*KASTEN

Tina Anselmi *

erhielt Anfang 1982 den Auftrag, die Verschwörung der Freimaurerloge »Propaganda 2« (P 2) in einem parlamentarischen Ausschuß aufzuklären. Niemand glaubte so recht, daß dabei etwas herauskommen würde. Doch unter der Leitung der christdemokratischen Abgeordneten und ehemaligen Ministerin Tina Anselmi gelangten die P 2-Untersucher zu erstaunlichen Ergebnissen:

Die P 2 war eine Geheimloge, die den italienischen Staat von innen kontrollieren wollte. Sie konnte zu diesem Zweck auf Hunderte von Logenmitgliedern in den wichtigsten Schaltstellen des Staates, der Politik und der Wirtschaft bauen. 180 Generale, 150 Parlamentarier und Parteileute, 50 Industrielle und Bankiers, 10 Journalisten und Chefredakteure, 16 hohe Richter machten bei dem »Plan zum demokratischen Wiederaufbau Italiens« des Großmeisters Licio Gelli mit. Gelli, ein Matratzenhändler aus Arezzo, entkam vor einem Jahr aus Schweizer Hochsicherheitshaft.

Die Arbeit der Anselmi-Kommission löste ein »politisches Erdbeben« ("Panorama") aus. Der Haushaltsminister der Regierung Craxi, Pietro Longo, ein Carabinieri-General und ein ehemaliger Regionalminister mußten gehen.

Die Italiener dankten Tina Anselmi, 57, für die »unbestechliche Arbeit« sogar mit Liebesbriefen. Die Politikerin erfreut sich unverhoffter Popularität: In der jetzt beginnenden Kampagne für den Nachfolger von Staatspräsident Sandro Pertini wird bereits ihr Name genannt.

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