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Die Lust der Frauen

aus DER SPIEGEL 14/1995

Caroline Coon, 50, britische Malerin, wurde Opfer der neuerdings in Großbritannien wieder um sich greifenden Prüderie. Die Liverpool Tate Gallery, bekannt als Vorkämpferin für moderne britische Kunst, zensierte ein erigiertes Glied.

Das hatte die Künstlerin in ihrem Bild »Mr Olympia« gemalt. Dieses Werk ist unmittelbar Manets »Olympia« nachempfunden. Statt einer Nackten liegt ein dunkelhäutiger Mann auf hellem Linnen, statt eines schwarzen Dieners reicht eine barbusige Weiße ein Blumenbukett ans Bett.

Ursprünglich gedachte die Tate Gallery das Coon-Werk in den Begleitkatalog aufzunehmen zu einer Ausstellung mit dem Titel »Venus Redefined«. Dort werden Skulpturen nackter Frauen von Rodin, Matisse und Renoir zu sehen sein. Coons Nackter, so war die Überlegung, könnte eine Debatte anregen über die Darstellung der Nacktheit in der Kunst. Doch dann kam alles anders.

Die »Abbildung eines erigierten Penis«, schrieb nun die Ausstellungsleitung der überraschten Künstlerin, »paßt nicht in unser Konzept«. Der inkriminierte »Mr Olympia« wurde nicht in das Begleitmaterial aufgenommen.

Caroline Coon diagnostiziert nun eine Art Schizophrenie bei den Liverpooler Ausstellungsmachern: »Frauen sind an Abbildungen nackter Frauen seit Menschengedenken gewöhnt. Für die Lust der Frauen an dem Anblick von männlichem Fleisch gibt es keinen Raum.«

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