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Die Macht der Oberarme

Arnold Schwarzenegger arbeitet sein Leben ab wie einen Fitnessplan. Er war der stärkste Mann des Universums, dann der höchstbezahlte Schauspieler der Welt. Jetzt will er Gouverneur von Kalifornien werden. Erst mal. Von Alexander Osang
aus DER SPIEGEL 41/2003

Genau zwanzig Jahre nachdem er Amerikaner wurde, betritt Arnold Schwarzenegger eine dunkle Turnhalle in East Los Angeles. Er ist pünktlich, kann man sagen. Zwanzig Jahre. Es war ein langer Weg bis hierher, und er ist noch nicht am Ziel. Schwarzenegger trägt ein blütenweißes, offenes Hemd, seine Haut ist eher orangefarben als braun, und seine Haare, die kunstvoll über seinen Hinterkopf geföhnt sind, schimmern in den Farben eines süßen Cocktails. Seine Schritte wippen, als überquerte er eine Hängebrücke, sein kräftiger Oberkörper aber bewegt sich nicht. Arnold Schwarzenegger geht wie auf einer markierten Linie durch die Halle, er bleibt genau in der Mitte stehen, in einem Quadrat von Bänken, auf denen etwa 200 Menschen Platz genommen haben. Die Menschen halten Schilder mit seinem Vornamen in der Hand, tragen Buttons mit seinem Vornamen am Revers und schreien - nun, da er endlich da ist - seinen Vornamen heraus: Arnold!

Schwarzenegger lacht und nickt und hört gar nicht auf damit, bis hierher könnte man denken, er sei ferngesteuert. Seine Schultern sind fest von all den Gewichten, die er stemmte, aber seine Augen leben. Sein Blick hüpft durch die Halle, streift die Fernsehkameras im Hintergrund. Es sind 38, so viel kommen sonst nur zum Präsidenten, und das weiß er. Zwanzig Jahre, er ist keinen Tag zu spät. Arnold Schwarzenegger arbeitet einen detaillierten Plan ab, an dem nichts zufällig ist, kein Schritt. Deshalb wirkt er mitunter ein bisschen steif.

East Los Angeles ist keine gute Gegend. Es gibt eine Menge Verbrechen hier, die von jugendlichen Gangs begangen werden. Man muss also was machen. Dort hinten im Publikum sitzt zum Beispiel Danny Hernandez, mit dem Schwarzenegger vor 13 Jahren genau hier in dieser Halle die »Inner City Games« gründete, einen Wettbewerb für Kinder, die ziellos in den verwahrlosten amerikanischen Innenstädten herumstreichen. Danny Hernandez wuchs hier auf, wurde als Soldat in Vietnam dreimal verwundet und kümmert sich seitdem um Straßenkinder in Amerika. Schwarzenegger winkt ihm zu. Hernandez ist ein guter, ehrlicher Mann. Er ist einer von vielen vorzeigbaren Menschen, die Arnold Schwarzeneggers Biografie zieren wie Edelsteine.

Schwarzenegger hält eine kurze Rede, in der die vergangenen goldenen Zeiten Kaliforniens vorkommen sowie ein Mann namens Frank, den er neulich traf. Frank sitze im Rollstuhl, nachdem er in einen Fahrstuhlschacht gefallen sei, und bekomme nur 800 Dollar Rente im Monat. Das müsse natürlich anders werden. Frank kommt in jeder Schwarzenegger-Rede vor, genau wie Gray Davis, der kalifornische Gouverneur, der mehr Geld ausgab, als er zur Verfügung hatte, und deswegen gehen muss.

Aber im Wesentlichen erzählt Schwarzenegger heute seine eigene Biografie.

Ein Leben huscht vorbei wie ein amerikanischer Traum. Es beginnt in den Bergen der Steiermark, wo ein Junge aufwächst, umzingelt von kommunistischen Regimes. Im Osten lag Ungarn, sagt Schwarzenegger und skizziert eine unscharfe Szene des Volksaufstands von '56. Im Süden war Jugoslawien, im Norden die CSSR, so wusste er schon als Kind die Freiheit zu schätzen, sagt er. Er habe kein Geld gehabt, als er anfing. Aber Kalifornien habe ihm die Chance gegeben, reich und weltberühmt zu werden. Er wurde der stärkste Mann und bestbezahlte Schauspieler der Welt, und bald will er Gouverneur sein. Denn anders als im Kommunismus dürfen wir wählen, ruft er. Zeit und Raum verschwimmen, die Welt dreht sich um ihn.

Schwarzenegger ist in diese Sporthalle im schäbigen Teil der Stadt gekommen, um einen Aufstieg zu demonstrieren. Seinen Aufstieg. Er selbst ist das Programm. Die Leute, die ihm zuhören, lächeln. Sie wissen, dass alles, was ihr Held anfasst, zu Gold wird. Auch Kalifornien werde wieder golden werden, glauben sie.

Zwei Wochen später steht Schwarzenegger in San Diego wieder vor Leuten, die Schilder mit seinem Namen hochhalten, und erzählt von sich. Aber diesmal scheint er aus einem anderen Leben zu berichten, aus einem rumpeligen, verschwitzten, weniger makellosen. Sechs Frauen behaupten in der »Los Angeles Times«, er habe sie in den letzten 30 Jahren sexuell belästigt. Arnold Schwarzenegger entschuldigt sich für sein raues, unangemessenes Benehmen. Gerade ist er damit fertig, da tauchen aus der Dunkelheit der siebziger Jahre angebliche Zitate auf, in denen er Adolf Hitler für seine Fähigkeit zu reden bewunderte. Schwarzenegger sagt, er könne sich daran nicht erinnern. Er verachte Hitler.

Busengrapscher und Hitler-Fan, das ist das Schlimmste, was einem in Amerika vorgeworfen werden kann. Es sind noch fünf Tage bis zur Wahl. Schwarzenegger trägt eine Windjacke und schaut gehetzt. Er scheint aus einem tiefen amerikanischen Traum aufzuwachen.

Arthur Allen Seidelman war einer der Ersten, die Schwarzenegger traf, als er vor über 30 Jahren nach Amerika kam. Seidelman ist ein Jude aus der Bronx, der Anfang der siebziger Jahre ein paar halbwegs erfolgreiche Broadway-Stücke inszeniert hatte. 1970 fragte ihn jemand, ob er Lust habe, bei einem Action-Film Regie zu führen. Der Film sollte »Herkules in New York« heißen, der Hauptdarsteller hieß Arnold Schwarzenegger. Das klang alles nicht gerade Erfolg versprechend, aber weil sie ihm das Doppelte seines Broadway-Honorars boten, sagte Seidelman zu. Er traf Schwarzenegger am Tag, nachdem der in New York angekommen war. Seidelman erinnert sich an einen jungen, gut gelaunten Mann, der kein Englisch sprach, aber der bereit war, die Welt einzureißen. Er kam immer pünktlich zum Dreh, beschwerte sich nicht über das eingeschweißte Automatenessen und flirtete mit jeder Frau, die in seine Nähe geriet, sagt Seidelman. Sie hatten den Österreicher wohl wegen seiner Oberarme genommen. Seidelman hatte noch nie solche Oberarme gesehen.

Seit seinem 15. Lebensjahr arbeitete Arnold an diesen Oberarmen. Bodybuilding war eine Sportart, die in seiner Heimat Österreich so gut wie unbekannt gewesen war. Seine Eltern mochten das nicht, sie hielten es für unseriös. Schwarzenegger hörte nicht auf sie. »Was immer mich aufhielt, ignorierte ich. Ich strich Mädchen von meiner Liste, wenn ich sie nicht gerade brauchte, um meine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Und meine Eltern eliminierte ich auch«, schrieb er in seiner Biografie »Arnold - The Education of a Bodybuilder«.

Er schluckte Steroide, las amerikanische Muskelmagazine, trainierte, bis er sich übergab. Er wurde so groß und stark, dass er an Grenzen stieß. Schwarzenegger gewann alle Bodybuilder-Pokale, die man gewinnen kann. Er wurde sechsmal in Folge »Mister Olympia« und erreichte Amerika, das Land seiner Träume.

»Arnold gehörte mit zum Filmpaket, das ich unterschrieb«, sagt Seidelman. »Das war in seinem ganzen Leben so. Der war nie bei einem Casting, wo er sich, sagen wir mal mit Alec Baldwin um eine Rolle streiten musste. Die Filme sind für ihn geschrieben worden. Er hatte immer die Kontrolle. Er lebte in einer Welt, die er sich selbst kreierte.«

Seidelman hat mit Liz Taylor, Faye Dunaway und Harvey Keitel gearbeitet. Er hat über 50 Filme gemacht, im Moment sieht es so aus, als sei »Herkules in New York« derjenige, mit dem er in die Geschichte eingeht. Sein erster und wahrscheinlich schlechtester Film. Er wird immer nur danach gefragt, sagt er und lächelt schief. Er ist in den Sog von Arnold Schwarzenegger geraten.

Die Filmbosse legten Schwarzenegger nahe, sich Arnold Strong zu nennen. Sie dachten, mit dem unaussprechlichen Namen wird das nie was in Amerika. Sie haben ihn alle unterschätzt. Arnold Schwarzenegger hat beschrieben, wie er sich um jeden einzelnen Muskel in seinem Körper kümmert. Mit der gleichen Sorgfalt kümmert er sich um seine Karriere. Er arbeitet sie ab. Nach und nach.

»Normale Menschen sind mit einem einfachen Leben zufrieden. Ich war immer beeindruckt von Größe und Macht«, schreibt er in seinen Erinnerungen.

Seit fünf Wochen tourt Schwarzenegger durch Kalifornien. Manchmal, wenn er unter diesem hellblauen kalifornischen Himmel zwischen all den blau-weiß-roten Plakaten auftauchte, die seinen Namen tragen, wenn er mit seinem schneeweißen Lächeln und dieser glatten Haut, die wie eine Maske über seinem Gesicht liegt, unter die Menschen trat, wirkte er so unwirklich und unverwundbar wie die Helden, die er spielte. Als ihm ein Student ein rohes Ei an die Schulter warf, zuckte er nicht mal zusammen. Arnold Schwarzenegger stieg Tag für Tag aus seinem schwarzen Geländewagen und ging für einen Moment unter die Menschen. Man erkennt die buschigen Augenbrauen und die hohen Wangenknochen. Irgendwann auf diesem langen Weg an die Spitze verlor er seine Zahnlücke und auch den großen Leberfleck an seiner rechten Wange.

Arnold, schreien die Leute. Arnold nennen ihn sogar seine politischen Konkurrenten. Er ist auf seinen Vornamen reduziert. Ein Markenprodukt, das man auf der ganzen Welt erkennt.

Schwarzenegger hat es geschaffen, indem er sich zurückzog. Er machte seinen Körper und seine Herkunft zur Ware und schottete sein Privatleben ab. Bei öffentlichen Auftritten spielte er mit seinem Terminator-Image wie mit seinem schweren Akzent. Die Grenzen zwischen Filmfigur und Mensch zerflossen.

Bei einem seiner »Frag Arnold«-Treffen in Los Angeles wollte eine aufgeregte, erschütterte NBC-Reporterin von Schwarzenegger wissen, ob er es im »Terminator 3« wirklich genossen habe, eine Frau kopfüber in ein Toilettenbecken zu stecken.

Schwarzenegger sah sie traurig an.

»Es war ein Film. Es war nicht wirklich. Wir waren Maschinen. Ich war eine Maschine, sie war eine Maschine. Verstehen Sie das? Zwei Maschinen. Ich liebe Frauen, das können Sie mir glauben.«

Er fuhr mit den Händen durch die Luft, als ringe er mit seinem Filmcharakter. Aber er wusste auch schon, dass die »Los Angeles Times« an seinen Frauengeschichten aus dem wirklichen Leben recherchierte.

Die letzten persönlichen, privaten Aussagen von Schwarzenegger findet man in seinen frühen Interviews, in denen er um Aufmerksamkeit kämpfte. Im viel zitierten »Oui!«-Magazin redet er offen über Sex und seine Anziehung auf Homosexuelle, im Dokumentarfilm »Pumping Iron« sieht man ihn einen Joint rauchen. Er redet über die psychologischen Tricks, mit denen er seine Bodybuilding-Konkurrenten zerstört. Er gibt an, er flirtet, man sieht seine Angst vor Wettkämpfen. Er redet von Gewinnen, nicht von Zurückzahlen. Er redet von sich, nicht von Kalifornien.

»Wenn ich gewusst hätte, dass ich mal Gouverneur von Kalifornien werden kann, hätte ich damals natürlich meine Klappe gehalten«, sagt Schwarzenegger heute. Die Frage ist, seit wann er das weiß. Manchmal scheint es, als habe er sein Leben lang darauf hingearbeitet.

»Ich habe immer von sehr mächtigen Männern geträumt. Von Diktatoren und solchen Dingen. Ich war auch beeindruckt von Menschen, an die man sich Hunderte von Jahren erinnerte, oder sogar Tausende Jahre. Wie Jesus«, sagt er im Dokumentarfilm »Pumping Iron«. Das war 1977.

Schwarzeneggers Suche nach politischen Kontakten war lange Zeit etwas ziellos. Er verspürte den Drang mitzumachen, wusste allerdings nicht, wobei. Er bewunderte Ronald Reagan, der wie er aus einfachen Verhältnissen kam. 1980 traf er Reagans Assistenten Dana Rohrabacher, um ihm anzukündigen, »irgendwann werde ich mal Gouverneur von Kalifornien«. Andy Warhol führte ihn in die New Yorker Szene ein, er bekam es irgendwie fertig, mit Jacqueline Kennedy Onassis in Manhattan essen zu gehen, und eroberte schließlich das Herz ihrer Nichte Maria Shriver. Sie heirateten in der katholischen Kirche, in der Robert Kennedy Ministrant gewesen war. Edward Kennedy begleitete Schwarzeneggers Mutter Aurelia. Sein Vater war 14 Jahre vorher gestorben. Schwarzenegger lud Kurt Waldheim zu seiner Hochzeit ein, obwohl dessen angebliche Nazi-Vergangenheit gerade öffentlich diskutiert wurde. Waldheim kam nicht, aber Schwarzenegger sprach einen herzlichen Toast auf ihn aus. Das war 1986.

Vier Jahre später rief Schwarzenegger bei Rabbi Hier im Simon Wiesenthal Center in Los Angeles an, um die Vergangenheit seines Vaters Gustav klären zu lassen.

»Arnold hatte schon in den Jahren zuvor unsere Nähe gesucht. Er hat viel Geld für unser Zentrum gesammelt. Er sagte mir, dass in seiner Familie nie über die Nazi-Zeit gesprochen wurde. Er wollte einfach mehr wissen. Wir fanden heraus, dass sein Vater Mitglied der NSDAP war, aber soweit wir das einschätzen konnten, keine Verbrechen beging. Arnold hat wirklich versucht zu lernen. Er hat begriffen, dass der Waldheim-Toast ein Fehler war«, sagt Rabbi Hier. Er ist oft zu Gast bei den Schwarzeneggers, sie sind Freunde.

Anfang der neunziger Jahre traf Schwarzenegger Richard Riordan, den Bürgermeister von Los Angeles. Schwarzenegger fand sich in dem Mann wieder. Riordan ist Republikaner, aber mit einer Demokratin verheiratet wie er. Er hat Bilder in seinem Wohnzimmer stehen, die ihn mit Spielberg, Paul Newman und immer wieder mit Bill Clinton zeigen. Alles Demokraten. Schwarzenegger hatte während des Monica-Lewinsky-Verfahrens gegen Bill Clinton gesagt, dass er sich schäme, Republikaner zu sein. Er ist für schwule Ehen, Waffenkontrollen und das Recht auf Abtreibung. Wie Riordan ist er vor allem in finanziellen und juristischen Fragen konservativ. Richard Riordan wurde Schwarzeneggers bester politischer Freund. Und als Riordan ankündigte, als Spitzenkandidat in den Gouverneurswahlkampf zu gehen, versprach Schwarzenegger, ihn zu unterstützen. Im letzten Winter flogen die beiden zusammen mit ihren Frauen in Schwarzeneggers Gulfstream Jet zum Skifahren nach Kitzbühel.

»Ich hab Arnold im Flugzeug gesagt, dass ich eigentlich nicht mehr genug Feuer im Bauch habe, um so einen Wahlkampf durchzustehen«, sagt Riordan.

»,Ich schon', hat mir Arnold gesagt.«

Seitdem haben die beiden lange Gespräche darüber geführt. Riordan wollte, dass Schwarzenegger kandidiert, sagt er. Irgendwann Ende Juli hat ihm Schwarzenegger ein Fax nach Malibu geschickt, in dem er sagte: Ich mach es nicht. Wahrscheinlich hatte er Angst um seine Familie. All die alten Geschichten aus den wilden Tagen würden ans Licht kommen. Als Schwarzenegger vor zwei Jahren seine politischen Ambitionen signalisierte, veröffentlichte das »Premiere«-Magazin umgehend die erste ausführliche Busengrapscher-Geschichte. Schwarzenegger zog sich daraufhin sofort zurück. Er hatte Angst, die Kontrolle zu verlieren. Riordan bereitete sich auf seine Kandidatur vor. Schwarzenegger ging in die »Tonight Show« des berühmten kalifornischen Talkmasters Jay Leno, um zu sagen, dass er nicht mitmacht.

Das war der 6. August. Arnold Schwarzeneggers politische Laufbahn schien zu Ende zu sein.

»Ich saß mit Arnold und dem Gag-Schreiber von Leno in so einem Hinterzimmer und war total deprimiert. Ich hatte diesen wunderbaren Kandidaten, und der wollte nicht«, sagt George Gorton, der seit drei Jahren als eine Art politischer Berater für Schwarzenegger arbeitet. Gorton ist 56 Jahre alt, er hat einen Musketierbart und eine rote Nase. Er hat schon als junger Mann den Wahlkampf für Präsident Nixon gemacht, er hat für Reagan gearbeitet und sechs Monate lang die Wiederwahlkampagne von Boris Jelzin in Moskau gemanagt. Er ist ein erfahrener Politiksöldner. Er nahm die Presseerklärung, die er gleich verlesen würde, in die Hand und sah Schwarzenegger hinterher, der zu Leno in den Talkshow-Sessel stieg.

Jay Leno stellte seine Frage.

Machst du's, Arnold?

»Plötzlich fing Arnold an, von der Zukunft Kaliforniens zu reden, dann sagte er: ,Und deswegen werde ich als Gouverneur von Kalifornien kandidieren', und ich dachte, jetzt geht er definitiv zu weit«, sagt Gorton. »Leno war geschockt, ich wusste nicht, was los ist, und da fängt auch schon mein Telefon an zu klingeln. Ich habe schon einiges mitgemacht. Ich habe einen Mann wie Jelzin, einen schlechten Politiker mit einem Alkoholproblem, zum Präsidenten gemacht. Aber das hat mir total die Füße weggehauen.«

Keiner weiß, was in Schwarzenegger in diesem Moment vorging. Er muss gewusst haben, dass er gewinnen kann. Seine Konkurrenten sind schwach. Vielleicht war der Adrenalin-Schub so groß, dass er die Angst vor seiner Vergangenheit verlor. Es war eine instinktive Entscheidung, zumindest schien es so. So was ist selten im amerikanischen Fernsehen zu sehen, wo jede Träne geplant wird. Eine Kamera zeigte die Journalisten im Hinterzimmer der Show, die wie von einem Stromschlag getroffen schienen.

Vielleicht hat Schwarzenegger verstanden, dass es Zeit war. Dass er im Plan lag.

In den folgenden Tagen kaufte er die besten republikanischen Wahlkampfmanager zusammen, die es gab. In den flachen weißen Großräumen des gut bewachten Würfels neben Schwarzeneggers Restaurant »Schatzi« sitzen jetzt Strategen, Redenschreiber, Werbespotentwickler und Anwälte, die für Bush, Reagan, Ford und Nixon gearbeitet haben.

Ihre Strategie war einfach. Sie schickten ihren Star auf die Reise. Schwarzenegger tauchte mit seiner Frau Maria bei Oprah Winfrey auf, der Königin der amerikanischen Talkshow. Sie hielten sich an den Händen. Es war zu erfahren, dass Arnold Maria jeden Morgen den Kaffee ans Bett bringt. Maria Shriver erzählte, dass sie eigentlich gegen eine Kandidatur gewesen sei, weil sie aus einer Politiker-familie stamme. Aber letztlich gehe es in einer Ehe darum, jedem seine Freiräume zu lassen.

So ging das jeden Tag. Die Kameras waren da, wo Schwarzenegger ist. Die ganze Welt erfuhr von Frank, dem Mann, der in einen Fahrstuhlschacht fiel. Auf dem Höhepunkt des ungleichen Kampfes trafen sich seine Konkurrenten Cruz Bustamante, Tom McClintock und Arianna Huffington im schlecht besuchten Presseclub von Los Angeles zu einer Debatte, während Schwarzenegger zur gleichen Zeit auf der anderen Straßenseite ein Live-Interview für Larry King gab.

Die ratlosen Kandidaten holten einen Stuhl auf die Bühne, auf den sie das Namensschild von Arnold Schwarzenegger stellten. Das sollte komisch sein, zeigte aber nur, dass sie ohne ihn nicht leben können. Sie diskutierten die Hälfte der Veranstaltung über den abwesenden Kandidaten. Schwarzenegger war zur gleichen Zeit im Presseclub und bei Larry King. Er war überall.

Dies ist der erste Wahlkampf eines Weltstars.

»Die Karriere eines Filmstars ist wie eine lebenslange politische Kampagne«, sagt der Hollywood-Drehbuchschreiber Joe Eszterhas. Schwarzenegger war also gut vorbereitet. In der einzigen Debatte, an der er teilnahm, überrollte er seine Gegenkandidaten wie ein Zug. Er war nicht brillant, er war einfach nur da. Er zeigte sein Schwarzenegger-Lachen, seine Schwarzenegger-Augenbrauen. Er fiel ihnen ins Wort, er brummte, er rumpelte. Es ging nicht um Inhalte. Er war neu, voller Energie und berühmt. Seinetwegen waren vier japanische Fernsehteams da. Er versprach, das Defizit abzubauen, den Filz zu beseitigen und Unternehmen zurückzuholen. Während sich seine Konkurrenten in Details verloren, rief Schwarzenegger: »Ihr habt eure Chancen gehabt. Am 7. Oktober seid ihr weg.«

Irgendwann war der Moderator der Debatte so verwirrt, dass er ihn »Governor Schwarzenegger« nannte. Schwarzeneggers Umfragewerte kletterten am Morgen des nächsten Tages in den Himmel.

»Unsere Strategie ist einfach. Veränderung gegen Status quo«, sagt George Gorton.

Mehr nicht?

»Wir lieben Kinder«, sagt er.

Schwarzeneggers Strategie heißt siegen. Er hat das Bodybuilding verlassen, nachdem er es zu einem Welterfolg gemacht hatte. Und er verlässt auch Hollywood nicht, ohne es verändert zu haben. Er hat den Männerkörper zum Filmgenre gemacht. In einer Zeit nach Schwarzenegger wirkt Cary Grant in Badehose viel untrainierter als früher. Johnny Weissmuller würde mit seiner Figur nie wieder Tarzan spielen können. Schwarzenegger geht als Superstar. Auch das unterscheidet ihn von Ronald Reagan, mit dem er oft verglichen wird. Reagan war ein durchschnittlich bekannter Schauspieler, nie ein Star, und seine Karriere war lange vorbei, als er in die Politik ging. Reagans Charaktere bekamen am Ende das Mädchen, Schwarzeneggers müssen die Welt retten.

»Sie sind beide in der Lage, Menschenmassen zu erreichen und zu begeistern«, sagt Landon Parvin, der lange Jahre Redenschreiber für Ronald Reagan war und vor sechs Wochen nach Santa Monica kam, um Arnold Schwarzenegger bei seinen Reden zu helfen. »Sie haben beide ein sehr idealisiertes Amerikabild. Vielleicht, weil sie es aus einfachen Verhältnissen zu Wohlstand gebracht haben.«

Parvin ist ein kleiner, schmächtiger Mann mit einer spitzen Nase und einer feinen Brille. Er spricht leise und überlegt lange, bevor er antwortet. Er wohnt in der Nähe von Washington, seine Frau schickt ihm einmal in der Woche frische Sachen. Er sitzt in einem kleinen Raum in dem Backsteinbunker in Santa Monica und lauscht auf die Töne in seinem Kopf. Er beginnt Schwarzeneggers Stimme zu hören, so wie er damals Reagans Stimme hörte. Reagan war ein sehr poetischer Typ, sagt Parvin. Er liebte Sprachbilder und hatte oft irgendwelche Erinnerungen an Filme im Kopf, die er für die Wirklichkeit hielt. So etwas würde Schwarzenegger sicher nicht passieren.

»Schwarzeneggers Sätze sind kurz und aktionsbetont. Vielleicht liegt es daran, dass er ein Ausländer ist, vielleicht daran, dass er ein Action-Schauspieler ist«, sagt Parvin. Seine Wörter bewegen sich in schnellen Sprüngen nach vorn. Wie Pistolenkugeln.

Reagan war ein Romantiker, Schwarzenegger ist ein Realist. Seine politische Karriere gleicht einem seiner Bodybuilding-Wettkämpfe. Ein Konkurrent nach dem anderen scheidet aus. Die Zwangsläufigkeit und Geschwindigkeit, mit der Schwarzenegger an die Spitze der Umfragen schoss, hat Amerika verunsichert. Die Veröffentlichung der Sex- und Nazi-Geschichten so kurz vor den Wahlen erscheint nicht zufällig. Vielleicht sollten sie zeigen, dass der Aufstieg des Arnold Schwarzenegger aufhaltsam ist, sie versuchen, den Helden an der ungeschützten Stelle zwischen seinen Schultern zu treffen. Sie nehmen ihn jetzt ernst, das steht fest. »Ich werde nicht zulassen, dass man meinen Wahlkampf zum Scheitern bringt«, sagt Schwarzenegger. Er hat sich für die letzten Tage den ehemaligen New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani zur Verstärkung geholt, der auch durch schwere Zeiten ging.

Man weiß nicht genau, was Schwarzenegger will, außer gewinnen. Das macht ihn unheimlich. Er wird nicht aufhören, um den Sieg zu kämpfen, wenn er am 7. Oktober verliert. Die Frage ist, ob er aufhört, wenn er gewinnt. Die amerikanische Verfassung sagt, dass jemand, der nicht in den USA geboren wurde, kein Präsident werden darf. Aber am 10. Juli hat Schwarzeneggers Freund, Senator Orrin Hatch aus Utah, seinen Entwurf für eine Verfassungsergänzung vorgestellt. Darin heißt es, dass Präsident werden darf, wer mindestens zwanzig Jahre Bürger der USA ist.

Zwanzig Jahre. Das würde reichen.

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