Zur Ausgabe
Artikel 42 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Die Männer müssen erwachsen werden

Frauen in der Dritten Welt (III): SPIEGEL-Redakteurin Swantje Strieder über die Vielweiberei in Afrika *
Von Swantje Strieder
aus DER SPIEGEL 29/1985

Marcelle, 34, schlägt mit der Faust auf den gestampften Lehmboden der Hütte. »Wie kann er mir das antun, wie kann er mir das nur antun?«, jammert sie.

Sie fährt sich mit beiden Händen über das dunkle Gesicht und die vielen eng am Kopf anliegenden Zöpfe. »Mein Mann hat sich eine zweite Frau genommen«, bricht es aus ihr heraus. »Noch hat er sie nicht in mein Haus gebracht, aber in zwei Monaten bekommt sie ihr erstes Kind - von ihm.«

Marcelle zupft nervös die Fäden aus ihrem dunkelblauen Gewand. Um die Brüste trägt die Senegalesin ein Lederband mit weißen Kaurimuscheln, ein Zeichen, daß sie unfruchtbar ist oder ihre Kinder gestorben sind, ein schlimmes Stigma für jede Afrikanerin.

»Ich gehe zum Zauberer. Er soll mir ein Heilmittel gegen Kinderlosigkeit geben - oder die Zweitfrau mit einem bösen Fluch belegen«, sagt Marcelle. Fast entschuldigend setzt sie hinzu: »Ich glaube natürlich nicht wirklich an Zauberer und Fetische. Aber das ist wie mit den Ärzten, manche helfen und heilen, manche nicht.«

Zwölf Jahre lang hat Marcelle auf die Ärzte gehofft und zu den Fetischen gebetet. Ihr Mann, Bauernpräsident in der Casamance, einer reichen Landschaft des südlichen Senegal, hat ihr drei Operationen bezahlt. »Ich war sogar in Frankreich, bei einem berühmten Gynäkologen in Tours«, sagt sie weinend, »aber jetzt hat mein Mann die Geduld mit mir verloren.«

Draußen vor dem Lehmhaus sitzen zwei Dutzend Bäuerinnen in ihren bunten Tüchern um kleine Kohleöfen. Sie essen mit den Händen aus großen Reisschüsseln und genießen den lauen Abend nach der Tageshitze auf den Feldern. Marcelles Schicksal berührt sie wenig. Wie kann die Frau des Präsidenten sich über etwas aufregen, was nicht zu ändern ist und obendrein noch vor einer »Toubab«, einer Weißen, ihr Herz ausschütten?

»Wir haben doch alle Mitehefrauen«, sagt Bintu, »und schon so lange Jahre, daß wir eine große Familie geworden sind!«

Haidera, Mutter von neun Kindern, pflichtet ihr bei: »Während ich hier zu Besuch bin, sorgen meine drei Mitehefrauen für unseren Mann und die ganze Kinderschar. Das ist sehr praktisch.«

Eine junge Frau steht auf aus der Runde, ihr Baby hockt eingebunden auf ihrem Rücken. »Will Marcelle denn wirklich ihren Mann ganz für sich allein?« fragt sie ungläubig.

Ein Mann mit zwei, drei, vier, vielen Frauen, die ihm treu ergeben sind und warten, bis sie mal an die Reihe kommen - Polygamie, Vielehe, die legalisierte und legitimierte Abwechslung für den Hausherrn, findet sich noch heute millionenfach

in Schwarzafrika. In Westafrika teilt jede zweite, in Ostafrika jede dritte Ehefrau ihren Ehemann mit anderen Frauen. Tendenz: steigend.

Die Freude an großen Familien und vielen Frauen speist sich hier nicht nur aus der moslemischen Tradition, sondern aus viel älteren, afrikanischen Quellen. Die arabischen Eroberer, die im 10. und 11. Jahrhundert den Koran bis nach Westafrika verbreiteten, brachten eher mäßigende Sitten mit.

Denn Mohammed befand in der 4. Sure, Vers 3: »Dann heiratet, was euch an Frauen gut ansteht, ein jeder zwei, drei oder vier. Und wenn ihr fürchtet, so viele nicht gerecht behandeln zu können, dann nur eine, oder was ihr an Sklavinnen besitzt. So könnt ihr am ehesten vermeiden, unrecht zu tun.«

Da kannten westafrikanische Fürstenhöfe ganz andere Dimensionen. Im 17. Jahrhundert etwa, als »Negerafrika noch in der vollen Schönheit harmonisch wohlgebildeter Kulturen blühte«, so später Leo Frobenius, der Begründer der deutschen Afrikawissenschaft, betrachtete der König von Dahome sämtliche Frauen seines Volkes als persönliches Eigentum.

Seine Nachfolger gaben sich bescheidener, dennoch hätte ihre Hofhaltung einen Zeitgenossen wie den Sonnenkönig Ludwig XIV. neidisch machen können. Afrikanische Könige hatten 700 bis 800 Frauen, die unaufhörlich darauf bedacht waren, sie zu unterhalten und zu erfreuen.

Und als man im Deutschland des 19. Jahrhunderts schon biedermeierliche Beschaulichkeit und Hausmoral pflegte, fand König Gezo (1818 bis 1848) von Dahome eine besondere Verwendung für seinen Harem: Er stellte ein Amazonenkorps im Krieg gegen die benachbarten Joruba auf. Die kämpferischen Königsfrauen setzten noch den französischen Kolonisatoren im Jahr 1894 starken Widerstand entgegen.

Was die Phantasie der christlichen Seefahrer und Sklavenhändler, die an den westafrikanischen Küsten landeten, noch beflügelte, wollten ihre Nachfolger, die christlichen Missionare, gerne unterdrücken: Vielehe, Beschneidungszeremonien, Tanzfeste.

Um 1680 setzte der italienische Pater da Sorrento ein gutes Beispiel und vermählte den König von Owerri nach katholischem Ritus mit einer portugiesischen Jungfrau. Er sah mit Freuden, wie viele Untertanen des Königs »ihre losen Sitten aufgaben und sich gleichermaßen züchtig verehelichten«, heißt es in den alten Quellen.

Doch diese christlichen Anstöße blieben ohne allzu große Resonanz, bis heute, wie etwa der Heilige Vater Johannes Paul II. auf seiner Afrikareise 1982 erleben mußte. Seine Predigt in Nigeria gegen Unkeuschheit, Abtreibung und Vielehe wurde von vielen Afrikanern als Einmischung in ihre ureigensten Angelegenheiten verstanden.

»Ihr Weißen seid auf diesem Gebiet ohnehin ganz große Heuchler«, wenden die schwarzen Verteidiger der Polygamie, ob islamischen, katholischen oder animistischen Glaubens, gerne ein, »bei euch hat doch jeder brave Ehemann seine Geliebte - heimlich.«

Und vielleicht sei da auch ein bißchen Sexualneid im Spiel. »Wenn die Vielehe in Europa erlaubt wäre und eure Männer nicht so geizig, dann hätten sie zehn Frauen«, glaubt Haluma Cisse, Frauenrechtlerin und Hausfrau in der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Sie ist Moslemin und im übrigen stolz darauf, für ihren Ehemann die einzige zu sein.

Das ist schon beinahe exotisch im Senegal, glauben doch die afrikanischen Männer seit jeher, gute Gründe für die Polygamie zu haben, vor allem auf dem Lande.

»Ganz ehrlich, wenn ich bei meiner jetzigen Frau die Gelegenheit gehabt hätte, eine halbe Frau zu nehmen, dann hätte ich eine halbe genommen«, flachst ein Mann aus dem benachbarten Guinea, »aber bei den heutigen Verhältnissen hätte ich 15 gebraucht. Denn ich

habe beobachtet, wie wenig die guineischen Frauen arbeiten. Sie sind sehr faul geworden. Sie haben sich ''emanzipiert''.«

Sind die Afrikanerinnen faul? »Die Behauptung ist eine Frechheit«, sagt die senegalesische Frauenrechtlerin und Sozialwissenschaftlerin Marie Angelique Savane. Denn hier schaffen die Frauen.

Nach ihren Statistiken produzieren die schwarzen Bäuerinnen 60 Prozent aller Nahrungsmittel und 80 Prozent der Erzeugnisse des verarbeitenden Gewerbes. Selbst in Ländern wie Kenia, wo die Landwirtschaft modernisiert wird, »besteht kein Zweifel«, so ein Report der Weltbank, »daß die Landarbeit für Frauen noch zunehmen wird«.

Auch Markt und Verteilung sind in Westafrika Frauensache, denn die gelten als die besseren Geschäftsmänner. Berühmt sind die Marktmammies in den Küstenstädten von Nigeria, Ghana und Togo, die in ihren Turbanen die Geldscheine horten und sich oft einen schweren Straßenkreuzer erspart haben.

Freilich ist das nur eine Minderheit. Das Leben der Bäuerinnen - in Schwarzafrika leben noch immer vier Fünftel der Menschen auf dem Lande - sieht anders aus: Vom frühen Morgen bis zum Nachmittag hacken sie auf den Feldern; sie sammeln Brennholz, stampfen Hirse, müssen weite Wege zum Wasserholen zurücklegen, auf dem Holzfeuer mühselig kochen: ein Arbeitstag von 17 Stunden. Bis die Kinder gewaschen sind und das Geschirr gespült ist, wird es späte Nacht. »Wenn die Frauen nicht so hart arbeiten würden, dann wäre Afrika während der jetzigen Dürre schon längst verhungert«, sagt Frau Savane.

Bei so vielen Pflichten und obendrein anspruchsvollen Ehemännern, die im Hause keinen Finger rühren, bietet die Polygamie durchaus eine gute Arbeitsteilung. »Es ist sonst so traurig, allein auf den Reisfeldern zu arbeiten«, sagt die Bäuerin Bintu, 42. Mit ihrem Mann und ihren zwei jüngeren Mitehefrauen bewohnt sie ein Neun-Zimmer-Lehmhaus im Casamance-Dorf Tionk Essil. Jede Frau hat ihren eigenen Hausflügel.

Im Turnus ist jede der Frauen zwei Tage lang an der Reihe - mit Kochen, Waschen und Verwöhnen des Hausherrn. Strenggenommen darf in dieser Zeit eine Mitehefrau dem Manne nicht einmal ein Glas Wasser reichen - sie muß unsichtbar sein.

Ihren Mann hat Bintu sich nicht ausgesucht, denn in Afrika heiraten nicht die Liebenden, sondern die Familien. Ehen sind Lebensversicherungen, welche die Sippen miteinander eingehen, Vielehen verschwägern noch mehr Familien miteinander. Tu felix Africa, nube!

Besonders bei der ersten Heirat wird wenig auf die Gefühle des Bräutigams, schon gar nicht auf die der Braut Rücksicht genommen, wenn nur das Familienoberhaupt die Verbindung gutheißt und der Brautpreis - auf dem Lande Ziegen oder Stoffe, in der Stadt Bargeld, Auto oder Videorecorder - hoch genug ist.

»Du warst immer ein braves, folgsames Kind« überraschte ein hoher senegalesischer _(Französisches Photo um die ) _(Jahrhundertwende. )

Marabut (islamischer Führer) seine Enkelin, Elftkläßlerin im Gymnasium, »ich möchte dich am nächsten Samstag deinem Vetter zur Frau geben, der in Saudi-Arabien studiert. Er wird dir ein ausgezeichneter Ehemann sein.« Gegen solch ein patriarchalisches Gebot begehren nicht viele junge Leute auf.

Die Zweitfrau sucht sich der Mann, inzwischen selbständig und wahrscheinlich Familienvater, schon eher nach Augenschein aus. »Er ging durchs Dorf und sah mich, wie ich zum Brunnen ging«, erzählt Djeneba, eine zierliche Senegalesin, »ehe ich zurück war, hatte er bei meinen Eltern schon um mich angehalten.« Damals war sie gerade 15. Djenebas Eltern waren einverstanden, die Erstfrau ihres Zukünftigen und sie selbst wurden nur der Form halber gefragt, ob sie die neue Verbindung auch billigten.

»Übrigens begleitete nicht meine Mutter, sondern ihre jüngere Mitehefrau mich zur Hochzeit«, erzählt Djeneba, ein alter Brauch, der die gegenseitige Verbundenheit in der Vielehe demonstrieren soll.

Manchmal rechtfertigen sogar die Frauen die Polygamie. »Ein Mann mit nur einer Ehegefährtin ist wie ein armer Bauer mit nur einer Kuh. Die hat so manchmal ihre Trockenphasen, und dann hat er keine Milch«, meint Fatuma, eine alte Äthiopierin, bildhaft. »Ist es nicht besser, der Mann hat vier Kühe, viele Kälbchen und viel Milch?«

Es geht jedoch bei der Vielweiberei nicht so sehr um die vielen Kinder, die früh in Haus und Hof mitarbeiten und später ihre Eltern versorgen sollen. Der wahre Grund ist Sex.

Eine alte afrikanische Sitte, eine Art vorausschauender Geburtenregelung, verlangt nämlich von den Paaren bis zu zwei Jahre nach Geburt ihres Kindes absolute Enthaltsamkeit, denn, so heißt es, durch eine verfrühte Schwangerschaft werde die Muttermilch der Stillenden verdorben und das Kleinkind krank. Falls die Frau tatsächlich vor dem Abstillen wieder schwanger wird, schickt der Mann sie in die Klinik oder zur Weisen Frau, um das »Ding der Schande« abzutreiben.

Wird von der jungen Frau strenge Abstinenz verlangt, so darf der Mann sehen, ob auch andere Mütter schöne Töchter haben, und sich eine Zweitfrau holen. »Wir sind halt eine sehr erotische Kultur, schauen Sie nur, wie unsere Frauen sich graziös bewegen, wie sie selbst am Ramadan in hübschen weißen Kleidern beten, in durchsichtigen«, sagt Marie Angelique Savane.

Erotik und Frauenverachtung schließen einander in dieser Gesellschaft nicht aus: »Für Lust und Pläsier des Mannes wird alles getan«, meint sie, »die Freuden der Frauen dagegen werden ständig beschnitten - sogar im Physischen.«

Die schlimmste Form der sexuellen Verstümmelung wird heute noch in 20 Ländern West- und Ostafrikas durchgeführt, rund 60 Millionen Afrikanerinnen ließen sie über sich ergehen: Frauen beschneiden Frauen am empfindlichsten Organ ihrer Sinnlichkeit. Sie entfernen die Klitoris oder Teile von ihr, mit Glasscherben oder Dosendeckeln, wenn kein Messer zur Hand ist.

Die grausame rituelle Genitaloperation junger Mädchen wird oft als Allahs Gebot verstanden. Dabei gibt es im Koran keine einzige Stelle, welche die Klitorisbeschneidung oder gar die Infibulation, die Radikalbeschneidung und das Zunähen der jungfräulichen Vagina bis zur Hochzeitsnacht, fordern oder billigen würde.

Dennoch hält sich diese blutige Tradition - ein Freudenfest für alle Angehörigen außer für das Opfer selbst. Denn durch die Beschneidung wird das junge Mädchen als Frau anerkannt: Das »Böse«, das »Männliche« wird aus ihrem Körper herausgerissen. Ihr »sinnlicher Stachel«, wie etwa die Bambara in Mali glauben, kann den Mann nun nicht mehr verletzen.

Im Grunde läuft die Prozedur nur auf eines hinaus: »Das sexuelle Verlangen ihrer Frauen wird abgeschwächt«, so die Ethnologin Benoite Groult, »das ist, wie sie sich einbilden, ein Garantieschein für Treue.«

»Ich würde es gerne erleben und sehen, wie beschnittene und infibulierte Frauen sich gegen diese Bräuche auflehnen«, so die Feministin Awa Thiam aus dem Senegal in ihrem Buch »Die Stimme der schwarzen Frau«, »das würde bei unseren schwarzafrikanischen Brüdern Entsetzen auslösen«. _(Awa Thiam: »Die Stimme der schwarzen ) _(Frau«. Rowohlt Verlag, Reinbek; 142 ) _(Seiten; 6,80 Mark. )

Das ist ein frommer, realitätsferner Wunsch. Denn je mehr sich der Schwarze Kontinent, der ohnehin seine koloniale Vergangenheit nur schwer verarbeitet, von westlichem Konsumverhalten und lockeren Sitten der Industriegesellschaft überrollt fühlt, um so hartnäckiger halten manche Afrikaner am Überkommenen fest. Und die patria potestas läßt sich kein Afrikaner nehmen.

»Aissata ist mir im Alter von drei Jahren anvertraut worden«, erzählt eine Senegalesin. Sie ließ das Ziehkind mit ihren eigenen Töchtern aufwachsen und zur Schule gehen, bis eines Tages der leibliche Vater vor der Tür stand und das Mädchen zurückforderte.

Er wollte die inzwischen Zwölfjährige in seinem Heimatdorf beschneiden und infibulieren lassen. »Wohlgemerkt, er

wußte, daß ich weder meine Töchter noch seine hatte beschneiden lassen und dies auch nicht vorhatte«, empört sich die Pflegemutter.

Zitternd vor Angst riß Aissata aus, doch ihr Vater machte der Gastfamilie schreckliche Szenen. »Laut schreiend warf er uns vor, seiner Tochter das Lesen und Schreiben beigebracht zu haben. ''Ich habe meine Tochter verloren'', wiederholte er. Die Leute unseres Viertels liefen von allen Seiten herbei und machten uns Schwierigkeiten.« Am Ende mußte sie Aissata ihrem Vater ausliefern, damit er sie nach alter Sitte verstümmeln lassen konnte.

Doch nicht nur die Männer, auch viele Frauen betrachten die am eigenen Körper erlittene Operation als ein unverzichtbares Stück kultureller Identität, als sei sie ein so harmloser Brauch wie die Beschneidung von Knaben bei Juden und Moslems oder wie Kommunion und Konfirmation bei den Christen.

Sie können die Aufregung europäischer Feministinnen, die 1980 auf der Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen schon bei der Vorführung eines Films über das heikle Thema scharenweise in Ohnmacht fielen, nicht teilen. »Es gibt sogar Afrikanerinnen, die im Ausland studiert haben und trotzdem nach ihrer Heimkehr ihre Töchter beschneiden ließen«, berichtet Haluma Cisse.

Und wenn sie sich weigern sollten, hilft die Familie nach. »Wir hatten drei Töchter«, erzählt eine Regierungsangestellte, 35, aus Mali, »sie sind in Frankreich geboren, während mein Mann und ich studierten.« Nach ihrer Rückkehr ließ die junge Frau ihre Kinder öfter in der Obhut ihrer Großeltern. Eines Tages kamen ihr die Töchter nicht, wie gewohnt, entgegengelaufen: _____« Ich ging in ihr Zimmer. Sie lagen auf dem Boden, auf » _____« Matten, mit Lendenschurzen bedeckt. Beim Anblick ihrer » _____« aufgedunsenen Gesichter und ihrer tränenglänzenden Augen » _____« stockte mir der Atem, mir entfuhr ein Schrei: »Was ist » _____« los? Was ist mit euch geschehen, Kinder?« Aber noch bevor » _____« sie antworten konnten, erreicht mich die Stimme meiner » _____« Mutter - »Störe meine Enkelinnen nicht. Sie sind heute » _____« morgen beschnitten und infibuliert worden.« »

In Bamako, der Hauptstadt Malis, wird die Klitorisbeschneidung heute in einem Krankenhaus hygienisch und unter Lokalanästhesie durchgeführt, ein Fortschritt, sagen die Hebammen und Befürworterinnen; es bleibt eine Barbarei, so die Gegnerinnen.

Die afrikanischen Regierungen halten sich aus dieser heiklen Diskussion heraus. »In Schwarzafrika haben die Männer es dahin gebracht, daß die Frauen ihre eigenen Scharfrichterinnen und Metzgerinnen werden«, klagt Awa Thiam.

Polygamie, Beschneidung, Unterdrückung, das alles sind für sie Folgen der »phallokratischen Gewalt«, wie sie sagt. Diese Macht »läßt euch glauben, daß ihr ohne den, dessen Hose wohlgefüllt ist, nichts geltet.«

Warum aber lassen sich die Frauen diese Herrschaft, wenn sie denn eine ist, überhaupt gefallen. Eine Frau wie die propere 30jährige Adele, Färberin, zwei Kinder, ledig, gilt in ihrem Casamance-Dorf als krasse Außenseiterin. Wenn sie trotzig verkündet: »Mit diesen Männern kann und will ich nicht mehr leben!«, wirkt das wie ein Sakrileg.

»Eine Frau kann nicht ohne Mann sein«, sagt Marie Angelique Savane, »ob sie Doktorin, Professorin oder Marktfrau ist, und wenn sie noch soviel Geld verdient, allein hat sie keine Daseinsberechtigung. Ihre Familie wird sie zwingen, sich zu verheiraten.« Oder auch die Lebensumstände des Alltags.

Frau Savane, verheiratet, zwei Kinder, weiß, wovon sie spricht. In ihrem Institut in Dakar gilt sie als Kapazität und Autorität. Ihre zwei männlichen Assistenten, die gelangweilt am Kugelschreiber kauen, verfallen in hektische Aktivität, wenn das energische Klappern _(In der Casamance. )

der Absätze ihnen das Nahen der Chefin ankündigt.

Doch kaum verläßt sie ihr Büro und geht auf die Straße, ohne den traditionellen Eheschmuck und den bunten Schal, Signum der Verheirateten, auf dem Kopf, wird sie von Männern belästigt, die ihre Zudringlichkeiten auch noch für ihr gutes Recht halten.

So wurden zwei junge Frauen, die nach einer Abendeinladung in der Innenstadt von Dakar zu Fuß nach Hause gingen, von einem Mann verfolgt, angepöbelt und schließlich auch noch für einige Tage hinter Gitter gebracht: Der Mann war ein Geheimpolizist, ihr angebliches Delikt: unerlaubte Prostitution und Erregung öffentlichen Ärgernisses.

»Vor ein paar Monaten hielten wir Frauen ein Seminar ab in einem guten Hotel«, erzählt Frau Savane, »zwei Tage lang mußte ich jeden Kellner abwimmeln und jedem Kofferträger erklären, daß wir keine Freudenmädchen sind und sie uns in Ruhe lassen sollten. Das sagt doch einiges aus über den Status der Frau.«

Wenn Marie Angelique ihre Vorträge im In- oder Ausland hält, sitzt ihr Mann, ein senegalesischer Politiker, meist im Publikum. »Das ist ganz wichtig für die Leute, denn ohne seinen Rückhalt hätte ich keine Existenzberechtigung mehr«, weiß sie.

In einer Gesellschaft, in der Ledige schutz- und würdelos sind, ist es nur natürlich, daß alle 45 Kinder, die Viertkläßler der Dorfschule von Tionk Essil, nur ein Ziel haben: heiraten, früh zu heiraten. Dabei haben die kleinen Bauernjungen, dreiviertel der Klasse, durchaus hochfliegende Berufswünsche wie »Patron«, Direktor, Botschafter, Minister oder Militär, aber in Familienangelegenheiten denken sie wie ihre Väter: *___Alle Knaben wollen mindestens drei Frauen heiraten. *___Alle Mädchen der Klasse senken zustimmend die Köpfe bei ____der Frage, ob sie Nebenfrauen in der Ehe akzeptieren, ____bis auf Khadja. »Die will ihren Mann bloß für sich ____haben«, sagt ihr Nachbar. Khadja schweigt, die Klasse ____grölt.

Sind auf dem Lande die wirtschaftlichen Vorteile der Polygamie noch erklärlich, so ist sie in den afrikanischen Städten ein Luxus, den sich eigentlich nur Superreiche wie die nigerianischen Ölherren leisten können. Die bestellten in Zeiten des Wirtschaftsbooms vor ein paar Jahren zum neuesten Mercedes-Modell auch gleich die passende Ehefrau.

Aber auch die weniger Reichen und selbst die Proletarier halten es für selbstverständlich, mit mehreren Frauen protzen zu können. Die alte Männer-Faustregel

»Eine Frau - ein Ärgernis, zwei Frauen - doppelt Ärger, drei Frauen - dreifach Ärger, vier Frauen - Herzinfarkt« wird zwar oft zitiert, hat aber noch keinen Afrikaner an seinen polygamen Eheplänen gehindert.

Das teure Leben in der Stadt, die hohen Mieten, die bedrückende Enge und der harte Überlebenskampf führen hier allerdings zu Reibereien und schaffen neuen Konfliktstoff, den sich viele Männer nicht träumen ließen. »Mein Nachbar hat links und rechts von uns zwei Häuser für seine vier Frauen gemietet. Jede Ehefrau hat auch noch einen Haufen Kinder von ihm«, erzählt Haluma Cisse, »ständig gibt es Zank und Streit, über die Wäsche auf der Leine oder das Huhn im Topf und auch noch zwischen beiden Häusern über unseren Zaun hinweg.«

Eigentlich sollte der Hausherr als Schlichter auftreten, »aber die Männer sind sowieso nicht da, wenn man sie braucht«, sagt Haluma. Die Vielehe bringt es mit sich, daß die Frauen mehr Zeit ihres Lebens miteinander verbringen müssen als mit ihrem Gatten. Der darf nämlich obendrein zu seinem legalen Harem sein Eigenleben außer Haus führen.

So findet man am Samstagnachmittag in Dakar oft die Mitehefrauen verdrossen vor dem Fernseher sitzen, während der Hausherr sich auswärts vergnügt. »Ich habe noch mehrere Kinder von Freundinnen«, erzählen senegalesische Männer nicht ohne Stolz, »ich weiß freilich nicht, wie viele es sind und was aus ihnen geworden ist.«

In der Theorie darf ein polygamer Ehemann seine Frauen nicht vernachlässigen, soll ihnen reihum seine Liebe und Zuneigung schenken, sie mit großzügigen Geschenken bedenken und ihnen neue Kleider kaufen. Doch die Verhältnisse sind nicht so.

»Ich hatte dreizehn Mitehefrauen, neun davon wurden geschieden«, erzählt Mouna, 43, »als erste Frau habe ich alles miterlebt, was in unserem Hause geschah.« Und das war allerhand. »Meine Mitehefrauen und ich wurden fast alle vernachlässigt zugunsten einer neuen Frau, die jünger war als mein ältester Sohn und meine älteste Tochter«, erzählt sie.

Sobald der Mann auf seine längeren Dienstreisen ging, nahmen sich die jüngeren Frauen Liebhaber - und wurden vom Alten davongejagt. »Ich verurteile weder die drei, die wegen Ehebruchs geschieden wurden, noch die sechs anderen, die sich scheiden ließen, weil sie dieses polygame Leben nicht mehr ertragen konnten. Sie sind jung. Sie wollen geliebt werden und sich lebendig fühlen.«

Dazu hat die Frau kein Recht. Die Senegalesin Yacine lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem winzigen Zimmer in Abidjan an der Elfenbeinküste, so erzählt sie in Awa Thiams Buch »Die Stimme der schwarzen Frau«. Sie war zum dritten Mal schwanger, als ihr Mann eines Abends von einer Reise eine Gefährtin mitbrachte: _____« »Dies ist meine neue Frau, sie heißt X«, sagte er » _____« mir, »du wirst uns das Bett überlassen müssen. Heute » _____« abend nimmst du die Matte, die dort in der Ecke liegt, » _____« für dich und die beiden Kinder«, fügte er hinzu. » _____« Ich war wie betäubt. Träume ich? fragte ich mich. Ich » _____« spürte, wie mir der Boden unter den Füßen wegglitt. Ich » _____« dachte, ich würde gleich ohnmächtig, und setzte mich aufs » _____« Bett. »

Yacine entscheidet sich für Schweigen und Unterwerfung, aus Angst, ihr Mann könnte sie schlagen und das Kind im Bauch gefährden: _____« Die Neuvermählte machte für unseren Mann die Küche » _____« und die Wäsche. Das sind Beschäftigungen, deren sich die » _____« meisten Mitfrauen rühmen und auf die sie stolz sind, wenn » _____« das, was dabei herauskommt, von ihrem Mann anerkannt » _____« wird. » _____« Es war schwer, sich gegenseitig zu ertragen: ein » _____« Haushalt zu dritt mit zwei Kindern » _____« in einem einzigen Raum. Jeden Abend mutete mein Mann » _____« mir die Schmach zu, seine Liebestollereien mit meiner » _____« Mitehefrau zu verfolgen. Nach einigen Tagen, als ich » _____« nicht mehr konnte, fragte ich meinen Mann - obgleich es » _____« nicht viel an der Situation änderte -, ob er damit » _____« einverstanden sei, wenn wir eine spanische Wand » _____« aufstellten, die das Zimmer zweiteilen würde ... Er fand » _____« meine Idee ausgezeichnet, aber ich mußte das Geld geben, » _____« um die Kosten für diese Einrichtung zu decken. »

Eifersucht in der Ehe? Angst vor Schmach und Liebesverlust? Viele Afrikaner brechen in Lachen aus, wenn man sie danach fragt. Das sei doch wohl eine europäische Untugend, in den afrikanischen Großfamilien weitgehend unbekannt. »Das meinen die Männer«, sagt Marie Angelique Savane, »Eifersucht gibt es hier wie überall. Nur wagen die meisten Frauen es nicht, ihre Gefühle nach außen zu zeigen.«

Nur selten durchbricht eine Afrikanerin dieses Tabu. Die Schriftstellerin Mariama Ba tat es in ihrem preisgekrönten Roman »Ein so langer Brief« mit großer Sensibilität. _(Mariama Ba: »Ein so langer Brief«. ) _(Ullstein Verlag, Frankfurt/Berlin/Wien ) _(1983; 144 Seiten; 6,80 Mark. )

Sie hat es stets bestritten, aber ihre Freundinnen wissen, daß es ihre eigene Lebensgeschichte war:

Leichenfest in Dakar. Der Politiker Modou ist gestorben. Ein Kissen im Rücken, die Beine ausgestreckt, verfolgt seine Witwe Ramatoulaye das Treiben der Trauergäste, das Beileidsgemurmel, das Feilschen der Sippen um die Beerdigungskosten und - das junge hohlwangige Ding an ihrer Seite: »Die Gegenwart meiner Mitehefrau geht mir auf die Nerven.«

Beide Frauen, die reife Ramatoulaye, Mutter von zwölf Kindern, engagierte Lehrerin, eine Frau »mit schweren Armreifen« und das Schulmädchen, so alt wie Ramatoulayes älteste Tochter, müssen vor den Gästen den Schein wahren. »Unsere Schwägerinnen behandeln mit absoluter Gleichheit 30 Jahre und fünf Jahre ehelichen Zusammenlebens, sie feiern mit der gleichen Selbstverständlichkeit zwölf und drei Mutterschaften«, empört sich Ramatoulaye.

Mariama Bas Romanheldin Ramatoulaye ist eine fromme Moslemin, aber wie viele Senegalesinnen der Oberschicht ist sie auch von französischen Fortschrittsvorstellungen und postkolonialen Gleichheitsidealen geprägt: »Wir Pioniere der geistigen Entwicklung der afrikanischen Frau waren wenig zahlreich«, schildert sie ihr Studentenleben an der jungen Universität Dakar, »manche Männer fanden uns töricht. Andere bezeichneten uns als Hexen. Aber viele wollten uns besitzen.«

In der berauschenden Aufbruchstimmung des neuen, unabhängigen Senegals, unter den Vorzeichen von Gleichheit und Partnerschaft, hat Ramatoulaye ihre Ehe mit Modou begonnen. Beide haben studiert, beide sind berufstätig. Ramatoulaye zieht zwölf Kinder groß und bleibt dennoch ihrer traditionellen Rolle in der afrikanischen Großfamilie treu.

»Ich erduldete seine Schwestern, die viel zu oft ihr Heim verließen, um sich bei mir breitzumachen.« Sie empfängt »Frau Schwiegermutter« mit »aller einer Königin zukommenden Aufmerksamkeit; die ging beglückt wieder weg, vor allem, wenn ihre Hand den von mir geschickt hineingeschobenen Geldschein umfaßte.«

Beiläufig erfährt Ramatoulaye, daß eine Schulfreundin ihrer ältesten Tochter von »einem alten Kerl« ausgehalten wird, daß ihr dieser Mann für ein Eheversprechen eine eigene Villa bietet, eine Mekka-Reise für die Eltern, Auto, monatliche Apanage und Schmuck dazu.

Ramatoulaye merkt nichts. Geduldig hebt sie die Kleidungsstücke auf, die ihr Mann Modou nervös zu Boden wirft, wenn er sich Abend für Abend zum Ausgehen feinmacht - bis er eines Sonntags verschwindet. Ein Imam klärt sie auf: Gott habe ihrem Mann eine zweite Frau bestimmt - das Schulmädchen.

Modou, der fortschrittsgläubige afrikanische Sozialist, fiel in seiner Midlife-Crisis

in die Tradition zurück, bemäntelte diesen Rückzug mit dem Koran. Für Ramatoulaye war es Verrat, zumal er auch noch das gemeinsame Ehekonto für die Extravaganzen seiner Zweitfrau und seiner neuen Schwiegermutter abräumte und auf Ramatoulayes Haus Schulden aufnahm.

»Du stellst Dir das Problem der Polygamie einfach vor«, schreibt Ramatoulaye einem Verehrer, der sie nach dem Tode ihres Mannes selbst zur Frau, zur Zweitfrau, möchte. »Die aber, die damit leben, kennen die Zwänge, die Lügen, die Ungerechtigkeiten, die das Gewissen belasten.«

Als der Bruder ihres Mannes, der nach dem Brauch die Witwe »erben« kann, ihr noch während der vorgeschriebenen Trauerzeit einen Heiratsantrag macht, fährt sie ihn an: »Und deine Frauen, Tamsir? Dein Einkommen reicht weder für ihre Bedürfnisse noch für die deiner zig Kinder.«

Eine ihrer Schwägerinnen macht Färbearbeiten, die andere verkauft Früchte, die dritte rattert unermüdlich auf der Nähmaschine. »Du machst es dir bequem als Pascha, dessen kleinster Wink befolgt wird«, fährt sie fort, »ich wäre niemals eine Ergänzung für deine Sammlung.«

Ramatoulaye alias Mariama Ba will kein Leben, wo sie mal »an der Reihe« ist. »Gekleidet in das einzig annehmbare Gewand der Würde« setzt sie ihr Leben allein fort - im Roman zumindest.

»Die Frauengeneration von Mariama Ba hat viel erreicht«, sagt Marie Angelique Savane anerkennend. »Seit 1973 haben wir ein Familiengesetz, das auch den Frauen mehr Rechte einräumt. Der Mann kann nicht mehr sagen: Ich verstoße dich, ich verstoße dich, ich verstoße dich.« Auch die Frauen können heute mit Leichtigkeit die Scheidung beantragen.

Hat es den Frauen wirklich etwas gebracht? Frau Savane zögert mit der Antwort. »Wir Afrikaner haben schreckliche Angst vor dem Alleinsein und dem Ausgestoßenen-Dasein«, sagt sie.

Deshalb heiraten die jungen Frauen noch genauso blind in die Vielehe hinein wie früher. »Aber auch die Heldinnen der Unabhängigkeitszeit, die die Polygamie bekämpften und ihren eigenen Weg suchten, sie alle sind heute wieder verheiratet, als Dritt- oder Viertfrau sogar.«

Eine Frau kann nicht ruhig sterben ohne das Band der Ehe, ohne die Fürsprache ihres Mannes, so sagen die Moslems, sonst kommt sie nicht ins Paradies.

Im nächsten Heft

Atatürk, der »revolutionärste Feminist des Vorderen Orients« - Wie weit reichen emanzipatorische Reformen in einem islamischen Land wie der Türkei?

Französisches Photo um die Jahrhundertwende.Awa Thiam: »Die Stimme der schwarzen Frau«. Rowohlt Verlag, Reinbek;142 Seiten; 6,80 Mark.In der Casamance.Mariama Ba: »Ein so langer Brief«. Ullstein Verlag,Frankfurt/Berlin/Wien 1983; 144 Seiten; 6,80 Mark.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 42 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.