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USA Die männliche Lolita

Der junge Geliebte vermarktet die Affäre, seine Ex-Lehrerin sitzt im Gefängnis und hat ihm das zweite Kind geboren. Jetzt gibt es ein Buch von Vili Fualaau, 15, und Mary Letourneau, 36, und das beweist vor allem eines: Die Inhaftierte braucht therapeutische Hilfe. Von Barbara Supp
aus DER SPIEGEL 47/1998

Natürlich will er kein Opfer sein. Er hat einen Ruf zu verlieren, schließlich war er es, Vili Fualaau aus Roxbury Heights in Seattle, den seine Freunde damals anriefen: »Hey«, fragten sie, »bist du derjenige, der die Lehrerin gevögelt hat?«

Gerade 13 war er zu der Zeit und sah aus wie 18, sie nannten ihn Buddha, weil er so groß und schwer war, und sie respektierten ihn, meistens jedenfalls. Jetzt ist er noch größer und schwerer, trägt die Haare gegelt als Pferdeschwanz, und was er sagen muß, wenn man ihn nach Mary fragt, das weiß er längst. Nein, sagt er, es sei nicht ihre Schuld: »Ich habe sie verführt.«

Es ist eine seltsame Affäre, und die ganze Welt hat sie verfolgt. Mary Kay Letourneau, heute 36, hat diesem Jungen zwei Babys geboren und sitzt dafür im Gefängnis, vermutlich bis zum Jahr 2004. »Vergewaltigung eines Minderjährigen« heißt das, was zwischen den beiden geschah; so sieht es das Gesetz des Staates Washington. Mary aber läßt die Welt wissen, daß das »nicht einfach eine Sex-Geschichte ist. Es ist heilig. Er ist der Mann meines Lebens«.

Der Fall Mary und Vili nährt Phantasien, schafft Assoziationen, hat für Aufregung gesorgt: Was ist das, ein weiblicher Humbert Humbert, der von einer männlichen Lolita verführt wird? Oder eine Erwachsene, die Erziehung wie im klassischen Griechenland betreiben will, die keine starren Grenzen zwischen Eros und Pädagogik kennt? Was hat sie dazu getrieben, diese hochgeschätzte Lehrerin und Mutter von vier Kindern, die für diesen Jungen ihre bürgerliche Existenz verliert? Ist das krank oder kriminell oder, was nur keiner begreifen will, zutiefst romantisch, eine tragische Verbindung, die an den Gesetzen der Welt gescheitert ist?

»Einziges Verbrechen: Liebe« heißt das nun in Frankreich erschienene Buch, das Mary, Vili und Vilis Mutter Soona gemeinsam verfaßt haben. Es hat Vilis Familie 250 000 Dollar eingebracht und Mary Letourneau die Chance, ihre Sicht der Welt zu propagieren, aber die Wirkung ist anders, als sie es wohl geplant hat. Es erzählt vor allem vom Absturz in eine Traumwelt, von einem Mädchen aus gutem Hause, das nicht loskommt von häßlichen alten Familiengeschichten und von fatalen Wiederholungen. Und das verzweifelt bemüht ist, so zu tun, als wäre das alles normal.

Genau ein Jahr ist es her, da stand in Washington eine schmale, fast magere, unglaublich jung aussehende blonde Frau vor Gericht und flehte: »Euer Ehren, ich habe etwas getan, wozu ich nicht das Recht hatte, vor dem Gesetz und der Moral. Es wird nie wieder geschehen, ich gebe Ihnen mein Wort. Bitte, bitte helfen Sie mir. Helfen Sie uns. Helfen Sie uns allen.«

Zu verhandeln war über eine Obsession, eine »Sucht«, so sagt Marys Jugendfreundin Michelle Jarvis, und die begann im Herbst 1995 an der Shorewood Elementary School. Seit acht Jahren hatte Mary Letourneau dort unterrichtet, eine geachtete Kollegin mit viel Sinn für Kunst und Literatur. Sie übernahm eine sechste Klasse, darin saß Vili, den sie schon als Zweitkläßler erlebt hatte: ein Junge aus samoanisch-amerikanischer Großfamilie, groß geworden am Rande eines Ghettos im Süden von Seattle. Ein Straßenjunge mit einer Matriarchin als Mutter und einem Vater, den niemand vermißte, wenn er wieder mal im Knast saß wegen Raub oder einer Rauferei. Daß man im Viertel was darstellen muß, daß man anderen notfalls handgreiflich die Meinung zeigt, das sah nicht nur der Vater so, sondern praktisch der ganze Clan.

Trotzdem: Er hatte eine andere Seite, dieser junge Bursche. Er konnte zeichnen. Er hatte Sinn für Lyrik, Stil und Rhythmus, und er hatte große dunkle Augen, die so abgeklärt blicken konnten, als ob er viel älter wäre als zwölf. Er wurde ihr Schützling. Sie fing an, sich um ihn zu kümmern, um ihn ganz speziell.

Nichts Besonderes, daß ein Junge in diesem Alter ins Phantasieren gerät, wenn er täglich eine hübsche Lehrerin vor sich sieht, und natürlich dachte er nicht nur an Poesie. Ziemlich normal wohl auch, wenn so einer mit seinem Cousin eine 20-Dollar-Wette abschließt: »Ich sag' dir, ich krieg' die Lehrerin ins Bett.«

Die Lehrerin nahm ihn mit nach Hause, für die Hausaufgaben und Sonderprojekte, und spürte »eine unglaubliche schöpferische gemeinsame Energie«. Sie schleppte ihn in Museen, ließ ihn bei sich daheim im Wohnzimmer schlafen, arbeitete nächtelang mit ihm an der Abschlußzeitung und zog sich nicht ins Schlafzimmer zum Ehemann zurück, wenn sie fertig waren. Sie schlief auf dem Sessel im Salon, nicht weit von Vili, der auf dem Diwan lag.

Der Ehemann Steve fand das merkwürdig, aber die Ehe lief gerade ohnehin nicht sehr gut; er schuftete in der Cargo-Abteilung von Alaska Airlines, hatte oft Nachtschicht und tagsüber kein Verständnis für ihre Lyrik und andere Spinnereien. Irgendwann um diese Zeit fing sie an, von dieser »inneren Verwandtschaft« zu faseln, die sie mit dem künstlerisch begabten Jungen verbinde. Sie sprach von einer »alten Seele, die in einem jungen Körper steckt«.

Im Unterricht schrieb Vili ihr Gedichte: »Ich werde den sexy Körper meiner Lehrerin küssen, von den Zehen bis zu den Fingerspitzen.« Sie lachte, erinnert sie sich, »ich glaube, ich wurde rot«. Sie sah »das Lächeln eines jungen Mannes, der sich und seines Charmes sehr sicher ist«. Einmal zeigte er auf die Statue einer nackten Frau: »Die hat denselben Körper wie Sie.« Wie tragisch, habe sie gedacht: »Er liebt mich.« Der arme Junge. In Vilis Worten klingt das so: »Ich war zwölf und hatte noch nie mit jemandem gevögelt. Ich wollte wissen, wie das ist.« In einer Juninacht, auf dem Diwan im Wohnzimmer der Familie Letourneau, fand er es heraus.

Und Mary? Flieht aus der Erwachsenenwelt, will wieder kleines Mädchen sein: »Es war«, so schreibt sie, »als hätte ich zum zweitenmal meine Jungfräulichkeit verloren.« Sie habe geweint nach diesem ersten Mal, weil sie sich ihm eigentlich »für später aufsparen wollte«. Bis dahin hatte sie ihm nur Küsse gestattet, »aber Vilis Verlangen hat gesiegt«. Was sie da erzählt in ihrem Buch, ist die Geschichte einer Regression: »Du bist ein Junge, ich bin ein Mädchen«, sinnierte sie, die Frau von Mitte 30, in einem ihrer Liebesbriefe. Auf manchen Bildern, mit Ponyfrisur und Kleinmädchen-Blick, sieht sie tatsächlich nicht viel älter aus als er.

Sie wirkte gut, wie sie vor Gericht stand im November 1997: zart und verzweifelt, gerade hatte sie ihrem jungen Liebhaber ein Kind geboren, und ihr Hilfeschrei klang echt. Es schien monströs, daß dieses Wesen einen Menschen vergewaltigt haben sollte, aber so lautet nun mal im Staat Washington das Gesetz: Vergewaltigung heißt jeder Geschlechtsverkehr mit einem Kind. Es gibt dort keine Chance für »Sexualverbrecher«, einem harten Urteil zu entgehen - es sei denn, der Delinquent ist psychisch gestört. Und sie? Was ist sie?

Sie ist die Tochter eines kalifornischen Kongreßabgeordneten, eines Präsidentschaftskandidaten der rechten »Amerika-Partei«. Eines katholischen, ultrakonservativen Patriarchen, der Mary und ihre Geschwister jedesmal aus der Schule nahm, wenn Sexualkunde drohte, und einer Mutter, die sie als kalt und hart erlebt. Sie ist ganz und gar Daddy's Girl. Sie himmelt ihn an, diesen Vater, ihr Leben lang.

Auch dann noch, als Daddys Welt in Stücke gefallen ist, seine Karriere zu Ende, sein Ruf ruiniert: 1982 wurde publik, daß John Schmitz, der Moralist, neben seiner legalen Familie noch eine weitere besaß - eine ehemalige Studentin hatte zwei Kinder von ihm. Aber was Daddy tat, konnte nicht falsch sein, dachte Mary, auch wenn es die ganze Welt anders sah.

Eine »fröhliche, unbeschwerte Kindheit« habe sie gehabt, schreibt sie trotzig in ihrem Buch, aber es ist eine Menge schiefgegangen in diesen frühen Jahren; Dinge, die diese Gerichtsgutachter übertrieben wichtig nehmen, so findet sie. Diese Geschichte mit ihrem kleinen Bruder zum Beispiel, den sie betreute und der als Dreijähriger im Swimmingpool ertrank; daß es ihr damals schlecht ging, gibt sie zu. Aber sie findet es nicht seltsam, daß sie dann dauernd von kleinen Kindern träumte, daß sie, die auf Daddys Liebling nicht richtig aufgepaßt hat, als Kind schon »Gott schwor, sie werde ihm viele Babys auf die Welt bringen« - das war halt so, das war ihre Bestimmung auf der Welt.

Ihren Ehemann Steve, den sie vom College her kennt, heiratete sie nur, weil sie von ihm schwanger war. Bei ihrer Hochzeit gefiel ihr am besten, »wie ich am Arm meines Vaters zum Altar geschritten bin. Da hatte ich ihn endlich mal für mich allein«. Im Herbst 1995, sie lebte jetzt in Seattle mit Steve und den Kindern, erfuhr sie das, was sie nach Ansicht der Gerichtsgutachterin Julie Moore »endgültig aus dem Gleichgewicht« warf: Ihr Vater hat Krebs, im Endstadium. Das hat sie dazu gebracht, glaubt Moore, »daß sie dieses problematische Verhalten mit diesem Jungen begann«.

Ja, sie sei krank, entschied das Gericht und ließ sie auf Bewährung frei; sie solle sich behandeln lassen. Es sah so aus, als habe sie Glück gehabt, aber das täuscht. Denn daß sie versagt hat, daß sie nicht fertig wurde mit ihrem kaputten Leben, ist nicht nur ihr eigener Fehler, sondern auch der von Gesetz und Justiz.

Die Logik der Paragraphen sagt: Sie ist Sexualverbrecherin, sie ist pädophil und eine Gefahr für jedes Kind. Es gibt nicht viele weibliche Kinderschänder, mühsam nur wurden zwei für ihre Gruppentherapie gefunden - zwei Frauen, die ihre Töchter grausam mißbraucht und mißhandelt haben. Was hat sie mit denen gemein? Natürlich darf sie nie wieder mit Kindern arbeiten oder Vili wiedertreffen. Und sie darf ihre eigenen Kinder nur unter fürchterlichen Auflagen sehen. »Was sie völlig fertiggemacht hat«, sagt ihr Anwalt David Gehrke, »ist, daß ein Teil ihrer Therapie die Pflicht war, zu ihren Kindern zu sagen: Eure Mammi ist eine Kinderschänderin. Ich werde versuchen, euch nichts zu tun. Aber ihr müßt euch vor Mammi hüten.«

Marys Störung haben diese Brachialmethoden nur verschärft. Sie kapselt sich ab. Sie traut niemandem mehr. Niemand versteht sie, nicht sie hat gefehlt, glaubt sie jetzt, sondern die falsche Moral der Welt. Es gibt nur noch Gut und Böse. Steve ist böse, er hält die Kinder von ihr fern, und Vili ist gut. Muß gut sein, muß sie lieben. Das glaubt sie immer noch, als sie im Januar 1998 aus dem Gefängnis kommt und die bellende Rapper-Stimme auf seinem Anrufbeantworter hört, »hey Motherfucker, was willst du«, einen Gangster-Ton, der nichts mehr gemeinsam hat mit dem Poeten, an den sie denkt. Egal, daß er mit anderen Frauen zusammen war? Ja, »er ist der Mann meines Lebens. Wir sind füreinander bestimmt«.

Am 3. Februar 1998, morgens um halb drei, zieht die Polizei das Paar Vili und Mary aus einem geparkten silbergrauen Volkswagen in einer Vorstadt von Seattle. Ihr Anwalt kämpft mit den Tränen, als er Mary Letourneau wieder vor Gericht vertreten muß, wieder schwanger, wieder von Vili, wieder völlig durch den Wind: »Geben Sie ihr noch mehr Hilfe, noch mehr Überwachung, noch mehr Therapie. Sie braucht es.«

Mary sagt jetzt, sie wolle das alles nicht mehr. Sie sitzt wieder in Haft, wohl noch jahrelang, »was mir immer noch lieber ist als die Psychiatrie«. Wer Therapeuten braucht, hat unrecht, denkt sie, aber wer im Knast sitzt, der kann wettern gegen die Ungerechtigkeit der Welt. Sie sei nicht krank. Sie müsse nicht geheilt werden. Im Oktober hat sie Vilis zweite Tochter geboren, Georgia, die jetzt wie Audrey in Vilis chaotischer Familie aufwachsen soll. Ist doch normal, findet sie, wenn man liebt, dann kriegt man Babys, oder nicht? Und sie liebt ihn ja, »ewig« sogar.

Er sagt in Interviews, daß er sie »nicht mehr so liebt wie früher« und daß er sich »verarscht fühlt: Sie hat mir nicht gesagt, daß sie ein Kind kriegen wird. Ich fühle mich nicht wie ein Vater. So ein Säugling, der rülpst und schläft und pißt doch nur«.

Zur Zeit ist er dabei, mit seiner Familie das für das Buch erhaltene Geld auszugeben. Gerade ist er mal wieder von der Schule geflogen, treibt sich meistens auf der Straße herum. Für Marys Jugendfreundin Michelle, die Patin der Tochter Audrey, ist Vili »ein kleiner Gangster, sonst nichts«. Nur für Mary ist er noch immer »der Poet«, die »Schwesterseele«.

Sie mag diese Wirklichkeit nicht mehr, wo man Verluste fürchten muß, sie ist vollends abgetaucht ins Phantasieland: dorthin, wo die Liebe stärker ist als der Tod. »Sie ist nicht mehr erreichbar«, sagt Michelle. »Sie will niemanden mehr sehen, der ihr widerspricht.«

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