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»Die Mär vom Überraschungsangriff«

Christian Krause über Jonathan Deans Buch »Wasserscheide in Europa« Christian Krause, 69, ist Brigadegeneral außer Dienst. Der Sozialdemokrat berät die Friedrich-Ebert-Stiftung in sicherheitspolitischen Fragen. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Seit mehr als 30 Jahren klagt die Nato über die wachsende militärische Stärke des Warschauer Paktes und fordert die Mitgliedstaaten auf, in ihren Rüstungsanstrengungen nicht nachzulassen. Das ist fast schon zu einem Ritual geworden. Wer an der Bedrohung zweifelt, frevelt an einem vermeintlichen Glaubensgut.

Unbeirrt von solchen Überlegungen legt Jonathan Dean ein Buch vor, das die Nato schockieren muß: »Watershed in Europe«. Seine These lautet: Der Höhepunkt der militärischen Konfrontation in Europa sei überschritten. Im Laufe der kommenden 20 Jahre werde sie unter dem Einfluß von Rüstungskontrollmaßnahmen, politischen Entscheidungen und der Verknappung der Finanzmittel allmählich nachlassen.

Wo liegt nach Deans Ansicht die Ursache für diese Wende? Er sagt, der Fall, für den die Nato geschaffen worden ist, nämlich Abschreckung oder Abwehr eines Angriffs der Sowjet-Union gegen Westeuropa, sei im Laufe der Zeit immer unwahrscheinlicher geworden; heute liege er fernab der Wirklichkeit, man könne ihn vernachlässigen.

Dean ist kein junger Linker, sondern ein »old fellow« des amerikanischen Establishments. Vierzig Jahre seines Diplomatenlebens hat er an den Brennpunkten des Ost-West-Konflikts verbracht. In den fünfziger Jahren hat er als Beauftragter des US-Hochkommissars die Bundesregierung beim Aufbau der Bundeswehr beraten. 1968 kehrte er als erster politischer Botschaftsrat zur amerikanischen Botschaft in Bonn zurück und war zugleich stellvertretender Leiter der amerikanischen Delegation bei den Viermächteverhandlungen über Berlin. Von Anfang an hat er an den Truppenreduzierungsverhandlungen in Wien (MBFR) teilgenommen und war von 1978 bis 1981 Leiter der amerikanischen Delegation im Range eines Botschafters. In dieser Zeit war er auf seiten der Nato ein anerkannter Primus inter pares, dessen Umsicht und Geschick die westlichen Delegationen überzeugten. Heute genießt er als Abrüstungsberater der Union of Concerned Scientists in den USA hohes Ansehen. »Watershed in Europe« ist ein Ergebnis seiner Erfahrungen.

Wer Deans These für zu kühn hält mag sich daran erinnern, daß Konrad Adenauer auf dem Bundesparteitag der CDU im März 1966 erklärt hat, die Sowjet-Union sei in die Reihe der Völker eingetreten, »die den Frieden wollen«. Nur hat Adenauer aus dieser Einsicht weder politische noch militärische Folgerungen gezogen. Auch die Nato war schon einmal soweit, an »dauerhafte Beziehungen« mit dem Osten zu denken, mit denen die grundlegenden politischen Fragen in Europa gelöst werden könnten. Das war im Harmel-Bericht von 1967. Aber längst ist sie wieder in den alten Trott der Konfrontation zurückgefallen. Jetzt weht der Wind der Entspannung aus Osten.

»Watershed in Europe« enthält eine umfassende und kenntnisreiche Analyse der Sicherheitslage in Europa. Dean geht dabei von den nationalen Interessen der beteiligten Staaten aus, vor allem der USA, der Sowjet-Union und der beiden deutschen Staaten, in der Erwartung, daß sie aus freien Stücken nichts tun würden, was diesen Interessen zuwiderläuft. Diese Methode hebt sich wohltuend von den Bedrohungsanalysen der Nato ab, die aus den Zahlendifferenzen von Divisionen, Panzern und Geschützen auf die politischen Absichten der Sowjet-Union schließen, was dem Lesen aus dem Kaffeesatz nahekommt.

Dean ist gezwungen, sich mit diesen Kräftevergleichen auseinanderzusetzen, bevor er auf politische Fragen eingeht. Allerdings kennt er aus seinen Wiener Jahren alle Kniffe, mit denen Militärs ihre Zahlen manipulieren. Bei den Sowjets bestehen sie vor allem darin, den Einblick in Details zu verweigern. Sie liefern Globalzahlen, wo nur der Einblick in Einzelheiten Aufschluß geben könnte. Letztlich schaden sie sich damit selbst, weil sie der Nato Anlaß zu Mißtrauen liefern. Dagegen arbeitet die Nato so offenkundig mit Manipulationen, daß es beinahe peinlich wirkt.

So zählt die Nato auf der eigenen Seite den größten Teil der französischen Landstreitkräfte nicht mit, als gehörte Frankreich dem westlichen Bündnis nicht mehr an. Auf der anderen Seite werden beim Warschauer Pakt Küchenpersonal und anderes Heeresgefolge der Kampfkraft zugerechnet, als seien sie der Kern des militärischen Angriffspotentials. Eine Spezialität der Nato ist es, auch solche sowjetischen Divisionen in den Kräftevergleich einzubeziehen, die im Frieden nur als Kader vorhanden sind und erst durch eine umfangreiche Mobilmachung zum Leben erweckt werden könnten, während bei der Nato nur die aktiven Divisionen gezählt werden.

Dean bringt in seinem Buch insofern Klarheit in das Zahlendickicht, als er darlegt, wieviel Divisionen dem Warschauer Pakt tatsächlich für einen Überraschungsangriff zur Verfügung stehen. Die Nato geht von insgesamt 253 Divisionen des Warschauer Paktes aus.

Tatsächlich aber stehen allenfalls 33 Divisionen für einen Überraschungsangriff zur Verfügung, weil die _(1975 bei den Wiener MBFR-Verhandlungen ) _(mit dem sowjetischen Delegationsleiter ) _(Chlestow (l.). )

anderen erst mobilisiert oder aus dem Hinterland herangefahrt werden müssen. 33 Divisionen des Warschauer Paktes gegen 24 aktive Divisionen der Nato, die dazu noch stärker und kampfkräftiger sind, sind zu wenig. Den Überraschungsangriff kann man ad acta legen.

Der Überraschungsangriff ist aber der Trick, mit dem die Nato die Sicherheitslage in Europa vom politischen Gleichgewicht abkoppelt und ins Militärische projiziert. Stünden nämlich die Truppen des Warschauer Paktes am Rhein, bevor die Nato politisch reagieren kann, dann wären vollendete Tatsachen geschaffen, die eine neue politische Lage ergeben. Nur eben: Das ist ein Märchen. Dean führt die Mär vom Überraschungsangriff ad absurdum.

Damit wird der Blick auf die politischen Aspekte frei. Was veranlaßt die UdSSR, auf eine Ausdehnung ihres Einflusses auf Westeuropa durch Gewaltanwendung zu verzichten? Dean meint, sie wisse, daß ein Angriff auf Westeuropa einen selbstmörderischen Atomkrieg auslösen könne. Auch der Gedanke, sie könne die Industrie Westeuropas intakt übernehmen, so wie ein Käufer, der die Aktienmehrheit eines großen Unternehmens erwirbt, sei absurd.

Ein Angriffskrieg gegen Westeuropa würde der Sowjet-Union weniger wirtschaftlichen und politischen Nutzen bringen, als sie jetzt durch Handel und Kredite herausschlagen könne. Aus der Entspannungspolitik ergäben sich mehr Gewinn und weniger Risiko. Es besteht kein Zweifel, daß Dean die Interessenlage der Sowjet-Union mit dieser Analyse richtig trifft. Wer nicht ideologisch verblendet ist, muß einsehen, daß die Sowjet-Union schon seit der Mitte der sechziger Jahre sich vorsichtig nach Westen öffnet. Allerdings war es ein langer und mühsamer Weg, bis sie vom hohen Roß des historischen Materialismus herunterzusteigen bereit war. Heute ist das Tempo so schnell geworden, daß der Westen hinterherhechelt.

Wenn es aber nicht im nationalen Interesse der UdSSR liegt, Westeuropa für den Kommunismus zu erobern, dann muß sich die Nato zwangsläufig neu orientieren. Hat sie bisher eifrig am Aufbau der militärischen Konfrontation in Europa mitgearbeitet, so muß sie jetzt helfen, sie wieder abzubauen.

Dean geht davon aus, daß die ideologischen und machtpolitischen Spannungen in Europa noch lange fortdauern werden, auch wenn die Sowjet-Union militärisch gesehen eine Status-quo-Macht geworden ist. Auch ihr natürliches Übergewicht als Weltmacht auf dem europäischen Kontinent wird bestehenbleiben. Daher werden noch auf lange Sicht die Bündnisse notwendig sein um die Balance of power zu erhalten. Doch die militärische Konfrontation wird einer neuen Architektur bedürfen, die weniger riskant und aufwendig ist.

Die Zeit der nuklearen Überlegenheit der USA über die Sowjet-Union ist nach Deans Ansicht endgültig abgelaufen. Daran werde auch das SDI-Programm nichts ändern, das bestenfalls zu Teillösungen in der Raketenabwehr führen könne. Der Schwerpunkt der Verteidigung müsse künftig auf das konventionelle Gebiet wechseln. Dennoch werde die nukleare Abschreckung wirksam bleiben, solange ein strategisches Gleichgewicht zwischen den Supermächten herrsche, die politischen Beziehungen zwischen den USA und den europäischen Bündnispartnern eng und vertrauensvoll seien und amerikanische Landstreitkräfte auf europäischem Boden stünden. Diese drei Voraussetzungen seien allerdings unerläßlich.

Dean hält es für unwahrscheinlich, daß der Nato eine Stärkung der konventionellen Verteidigungsfähigkeit gelingt. Erstens wollten die Europäer keinen längeren konventionellen Krieg fahrbar machen, und zweitens hielten sie die Kriegsgefahr, eingestandenermaßen oder nicht, für zu niedrig, um größere politische oder wirtschaftliche Anstrengungen für Reformen zu rechtfertigen.

Gerade mit dem zweiten Hinweis dürfte Dean den neuralgischen Punkt der Nato getroffen haben. Während die Militärs der Nato bestrebt sind, jedes nur denkbare militärische Risiko durch entsprechende Verteidigungs- oder Vergeltungsvorbereitungen abzudecken, richten sich Politiker und Parlamente eher nach der tatsächlichen Kriegsgefahr, wenn sie Mittel bewilligen sollen. Die Diskrepanz wird mit Worten übertüncht.

Der frühere US-Diplomat bleibt auch skeptisch, was die Verhandlungen über Mittelstreckenwaffen, vertrauensbildende Maßnahmen und Truppenreduzierungen betrifft. Schon in der Vergangenheit wurden Fortschritte auch von westlicher Seite blockiert, oft aus innenpolitischen Gründen; aber im Grunde sei es das Mißtrauen zwischen den beiden Weltmächten, das Durchbrüche verhindert.

Als Dean seinen Text abschloß, konnte er noch nicht vorhersehen, mit welchem überraschenden Tempo Gorbatschow Hindernisse für Abrüstung und Entspannung aus dem Wege räumen

würde. Eine neue Ära der Ost-West-Beziehungen scheint anzubrechen, in der die alten Maßstäbe für das Verhalten der Sowjets nicht mehr gelten. Zu befürchten ist aber, daß der Westen sehr lange brauchen wird, bis er das verarbeitet und in angemessene Reaktionen umgesetzt hat.

Wenn Dean den europäischen Verbündeten der USA wenig Initiative für Reformen in Verteidigung und Abrüstung zutraut, so dehnt er seine Kritik in politischer Hinsicht auch auf die USA aus. Seinen Landsleuten wirft er vor, sie versteckten sich hinter einer politischen Lebenslüge: daß es dem Westen gelingen würde, das kommunistische System im östlichen Teil Europas durch äußeren Druck zu beseitigen. In Wirklichkeit sei es so, daß die Westeuropäer solche Hoffnungen langst begraben hätten. In den USA wolle das nur niemand hören.

Dean schätzt auch die Neigung der Europäer gering ein, den Status quo in Europa zu ändern. Andreotti habe wohl für alle Europäer in Ost und West gesprochen, als er sich 1984 dafür aussprach, daß Deutschland geteilt bliebe.

Doch sieht der Amerikaner in den deutsch-deutschen Beziehungen den einzigen Lichtblick. Die beiden deutschen Staaten hätten einen guten Weg eingeschlagen, um die militärische Konfrontation abzubauen. Einmal vermieden sie es, untereinander auf Konfliktkurs zu gehen, und trügen dadurch zur Beruhigung der Lage insgesamt bei. Zum anderen hätten sie begonnen, ihre gemeinsamen Sicherheitsinteressen auch innerhalb ihrer Bündnisse zu vertreten. Die USA und die anderen westlichen Verbündeten sollten begreifen, daß dies zu ihrem Vorteil gereicht.

Das Buch wendet sich in erster Linie an Amerikaner, versucht, bei ihnen um Verständnis für die Belange Europas zu werben. Das eigentlich Faszinierende aber ist, daß es uns vor Augen hält, wie groß die Chance ist, den Frieden in Mitteleuropa durch eine weitschauende Sicherheits- und Abrüstungspolitik endgültig zu festigen. Nur leider ist der Westen - bisher? - wenig bereit und fähig, diese Chance zu nutzen. Deans resignierende Prognose: Der Abbau der militärischen Konfrontation in Europa kommt so oder so; aber er wird nicht als planvoller Prozeß mit durchdachten politischen Zielen erfolgen, sondern unordentlich, stockend und unkoordiniert.

Deans Karriere begann im Kalten Krieg. Was mag ihn bewogen haben, den Warschauer Pakt heute als Status-quo-Macht einzuschätzen? Er erfuhr sein »Damaskus« bei den Viermächteverhandlungen über Berlin - Dean betrachtet sie als den Markstein für den Wandel der sowjetischen Westpolitik. Daß sich ein grundlegender außenpolitischer Wandel im Osten nur mühselig und unter Rückschlägen vollzieht, ist selbstverständlich. Wir im Westen haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Aber seit Reykjavik haben sich die Fronten verkehrt.

Der Westen hat 20 Jahre Geschichte nachzuholen, die er mit flotten ideologischen Sprüchen verdrängt hat. Deans Buch kommt gerade richtig, um uns daran zu gemahnen, daß es an uns ist, unsere Position zu korrigieren. Ladenhüter wie die angebliche konventionelle Überlegenheit des Warschauer Paktes werden allmählich unverkäuflich. Der Westen braucht eine neue Sicherheitspolitik, wenn er mit der Entwicklung in der Sowjet-Union Schritt halten will.

1975 bei den Wiener MBFR-Verhandlungen mit dem sowjetischenDelegationsleiter Chlestow (l.).

Christian Krause

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