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»Die Masse ist schwach, faul und feige«

Joseph Goebbels - Chef der nationalsozialistischen Propaganda *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Zwei Stunden redete Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 auf 15000 geladene Volksgenossen im Berliner Sportpalast ein. Es war höchste Zeit: Stalingrad war gefallen: Rommels Afrika-Korps hatte sich festgerannt: die Alliierten waren in Nordafrika gelandet.

»Der Ansturm der Steppe ist losgebrochen«, rief er, aber: »Eine erkannte Gefahr ist ... eine gebannte Gefahr.« Sakrales ("heiligste Güter«, »gläubiges Vertrauen") mischte er mit Banalem: »Wenn der Papi nach Hause kommt, hat die Mutti nicht immer das Abendessen fertig.«

Goebbels lockte mit Visionen vom Endsieg und malte düster die Folgen eines verlorenen Krieges aus: »Zwangsarbeiterbataillone für die sibirischen Tundren«, »jüdische Liquidationskommandos«.

Zweihundertmal unterbrach ihn tosender Beifall. Frauen brachen stöhnend zusammen. Männer schrien: »Ja«, »niemals«, »pfui«.

Da fragte der Minister die Versammlung - Eichenlaubträger, Krankenschwestern, Wissenschaftler, Rüstungsarbeiter, Fronturlauber: »Wollt ihr den totalen Krieg?«, und die 15000 schrien: »Ja«.

Goebbels: »Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?« - 15000fach »Ja«.

»Seid ihr damit einverstanden, daß, wer sich am Krieg vergeht, den Kopf verliert?«- 15000fach »Ja«.

Es war, wie Goebbels später sagte, »die Stunde der Idiotie«. Der größte Agitator der modernen Geschichte hatte den größten Auftritt seiner Laufbahn. Aber die Ekstase im Sportpalast ließ ihn kalt.

Während Hitler, der Lehrmeister nationalsozialistischer Propaganda, außer sich geriet, wenn die Masse taumelte, meditierte Goebbels mit dem Geist der Masse - diese »schwache, faule und feige Mehrheit« -, aber er hielt sie sich vom Leibe. Hitler spielte Hitler. Goebbels spielte stets eine Rolle.

Die intellektuell schillerndste Figur des Hitler-Reiches setzte das Reich in Szene und veränderte das Bewußtsein eines freilich höchst anfälligen Volkes.

»Es ist nicht so sehr von Belang, woran wir glauben, nur daß wir glauben, philosophierte der junge Goebbels, Jahrgang 1897. Aber woran er selber glauben sollte, wußte er lange nicht: an seine Kirche, er war streng katholisch erzogen; an Hitler, Goebbels war Parteigenosse seit 1924, stand aber ganz weit links ("Ich bin der radikalste"); oder an Lenin, den er bewunderte?

Schließlich glaubte er an nichts, nicht einmal unbeirrt an die Weltanschauung, die er fast einem ganzen Volk einhämmern wird. Aber der schmächtige, schwache Dr. phil, brauchte eine Glaubensgemeinschaft, Rückhalt für sein zwischen tiefer Depression und schwülstigem Überschwang schwankendes Ego. Zeitlebens wollte er es der »Canaille Mensch« (Goebbels) heimzahlen.

Warum? Vielleicht auch, weil sein linker Fuß (Klumpfuß) verkrüppelt, das Bein zehn Zentimeter kürzer war? »Mein Fuß macht mir viel zu schaffen«, schrieb er in sein Tagebuch. Später wollte der Ungediente glauben machen, er sei 14/18 verwundet worden: »Wir Zerschossenen des Weltkrieges.«

»Sozial oder sozialistisch, für uns ist die Wahl nicht schwer«, schrieb der junge Nationalsozialist 1925: »Lieber mit dem Bolschewismus den Untergang, als mit dem Kapitalismus ewige Sklaverei.« Den »kleinen Bourgeois Adolf Hitler« hätte er am liebsten aus der Partei ausgeschlossen.

Als Goebbels im Februar 1926 mit dem kleinen Bourgeois zusammentraf, war er »wie vor den Kopf geschlagen: ... Mir ist der innere Halt genommen«. Aber schon zwei Monate später beugte er sich Hitler, dem »Genie": »Aus tiefster Bedrängnis leuchtet ein Stern«.

Fortan kreierte der Propagandist den Führer-Kult, der noch strahlte, als es ringsum finster wurde. Er nannte Hitler »Umgestalter der Menschheit«, »auserwählter Führer eines auserwählten Volkes«. Auf diese Weise festigte er, weit wichtiger als die kitschige Imagepflege, die Herrschaftsstruktur der Diktatur.

Ende 1926 schickte Hitler seinen neuen Gefolgsmann als Gauleiter nach Berlin, auf verlorenen Posten, wie es schien. In der Reichshauptstadt waren die Nazis damals ein kleiner, zerstrittener Haufen rund tausend Mann. Aber gerade da setzte Goebbels um, was er von Nietzsche, Le Bon ("Psychologie der Massen") und vor allem von Hitler ("Mein Kampf") gelernt hatte:

Propaganda, lehrte Hitler, »bearbeitet« die »Gesamtheit«, »zersetzt den bestehenden Zustand«, richtet sich »ewig nur an die Masse«, schraubt das »Niveau um so tiefer«, je größer »die zu erfassende Masse der Menschen sein soll«.

Propaganda hat sich, »schlagwortartig«, auf »wenig zu beschränken und dieses ewig zu wiederholen«; Beharrlichkeit führe zu »ungeheuren, kaum verständlichen Ergebnissen«.

Die Seele der Propaganda sei die Rede. Das geschriebene Wort hingegen gleite »an den Millionen der unteren Schichten ab, wie Wasser vom geölten Leder«.

Massenaufmärsche gäben »den kleinen armseligen Menschen die stolze Überzeugung ... als kleiner Wurm dennoch Glied eines großen Drachens zu sein«, da unterliege er dem »zauberhaften Einfluß dessen, was wir mit dem Wort Massensuggestion bezeichnen«.

Der Appell an Instinkte sei wichtiger als jegliche intellektuelle Aufklärung: »Der Glaube ist schwerer zu erschüttern als Wissen, die Liebe unterliegt weniger dem Wechsel der Achtung, Haß ist dauerhafter als Abneigung.«

Goebbels' Propaganda-Maxime lautete: _____« Hat die Art einer Propaganda den Kreis der Menschen » _____« für sich gewonnen, den sie gewinnen wollte, dann war sie » _____« vermutlich gut. Es kann also keiner sagen, eure » _____« Propaganda ist zu roh, zu gemein oder zu brutal, oder sie » _____« ist nicht anständig genug, sie soll auch nicht sanft oder » _____« weich oder demütig sein; sie soll zu einem Erfolg führen. »

Nach der Machtübernahme wurde die Propaganda durch staatliche Macht abgestützt. Propaganda im nationalsozialistischen Sinne konnte, wie Goebbels zugab, in dem gewollten Maße überhaupt nur durchschlagen, wenn »ein scharfes Schwert« dahinterstünde. NS-Propaganda im Dritten Reich war Gestapo mit anderen Mitteln. Mit einem inquisitorischen Apparat wurde nahezu jedes öffentlich geschriebene oder gesprochene Wort überwacht, tägliche Sprachregelung ("Presselenkung"), bis in das letzte Lokalblatt lanciert.

Unter die Haut und ins Gehirn jedoch sickerte das unablässig versprühte Gift nationalsozialistischer Indoktrination. Es war ein Wechselbad von kreischendem Pathos und sakraler Andacht, von rohen Drohungen und lockender Verheißung - Gehirnwäsche für Abermillionen.

Endlos marschierende Kolonnen und Weihestunden in Lichtdomen, Sprechchöre vom Sieg und Lieder vom Tod, rasselnde Militärparaden und Massenaufmärsche im Fahnenwald. »Glaube und Schönheit« und »Kraft durch Freude« - Berieselung ohne Ende, draußen oder drinnen - über Volksempfänger ("Goebbels-Schnauze"), im Kino ("Jud Süß"), im Theater, bei der Lektüre von Zeitungen und Büchern.

Große Augenblicke im Leben der Nation wurden kalt inszeniert: Der »Tag von Potsdam«, 1933, gaukelte Anknüpfung an preußische Traditionen vor; die Olympischen Spiele. 1936, stellten Friedfertigkeit zur Schau: die »Reichskristallnacht«, 1938, als die Synagogen brannten, deutete auf Holocaust: »Die Juden sind unser Unglück.«

Germanische Ungetüme mit hartem Kinn und blonde Mädel mit prallen Brüsten symbolisierten, auf Plakaten und in Öl, die Herrenrasse, »Stürmer«-Juden und zu Fratzen entstellte Mongolen-Gesichter den Untermenschen im Osten, dem »deutschen Lebensraum«.

Goebbels, seit März 1933 Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, behauptete: »Wenn die anderen ... Heere aufstellen, dann wollen wir das Heer der öffentlichen Meinung mobilisieren.« In Wahrheit schlug er sie mundtot. Als die anderen Heere aufstellten, wurde es ruhiger um ihn. Und als es soweit war, jene Kriegsbegeisterung zu schüren, mit der die Nation 1914 ins Feld gezogen war, machte die Propaganda kaum einen Stich. Erst als der Weg bei Stalingrad in die Katastrophe gabelte, stand der Propagandist wieder an vorderster Front. Jetzt sagte Goebbels der Nation, worum es wirklich ging: _____« Wenn wir in den Osten ... vorstoßen, so nicht aus » _____« rein theoretischen Erwägungen, nicht um Europa nur zu » _____« retten ... son dern ... um unseren Lebensraum auszu » _____« weiten. Denn wir sind der Überzeugung, das, was wir » _____« besitzen, wollen wir nicht mehr herausgeben... Jetzt » _____« wollen wir die Weizenfelder an Don und Kuban besit zen » _____« und wollen damit den Brotbeutel Europas haben. Wir wollen » _____« jetzt die Öl quellen und die Eisen-, Kohlen- und Man » _____« ganlager besitzen. »

Aber viel früher als der Kriegsherr und die meisten Generäle erkannte Goebbels, der nie eine Kugel hatte pfeifen hören, die kritische Frontlage. Am 4. Januar 1943, noch vor seiner Rede im Sportpalast, gestand er seinen engsten Mitarbeitern: »Natürlich können wir den Krieg verlieren.«

Der Propagandist aber tat weiter so, als könnten wir es nicht. Mit Durchhalteparolen und tröstendem Zuspruch versuchte er, Front und Heimatfront bei der Fahne zu halten. Die »Vergeltung« durch die »Wunderwaffen« würde noch alles, alles wenden.

»Wir schaudern ... etwas zurück, wenn wir daran denken, was die britische Hauptstadt vom Einsatz unserer weiteren, schweren Vergeltungswaffen zu erwarten hat«, log Goebbels, und weil er erkennbar log, schwand seine Glaubwürdigkeit. Im Reich wurden schon Witze gerissen: »Beim letzten Angriff auf Berlin haben die Engländer Heu für die Esel abgeworfen, die noch an Vergeltung glauben.«

Am Ende war der große Agitator ratlos: »Was fange ich noch mit einem Volk an, dessen Männer nicht einmal kämpfen, wenn ihre Frauen vergewaltigt werden?«

Am Ende zelebrierte er seinen eigenen Untergang. Er ließ seine sechs Kinder töten und beging mit seiner Frau Selbstmord. Als sie zögerte, tröstete er sie mit Friedrich dem Großen, der jetzt von einem fernen Stern herabblicke. Darauf Frau Goebbels: »Friedrich der Große hatte keine Kinder.«

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