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»Die meisten Opfer sind ahnungslos«

Allzweckstoff Asbest: unauslöschlich und krebserzeugend *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Der Stoff steckt in Blumenkästen, Bremsbelägen und Theaterdekorationen. Das Material schützt vor Lärm, Hitze und Kälte gleichermaßen, wehrt Nässe ab, trotzt Säuren ebenso wie Feuer. Es ist einfach unauslöschlich, unvergänglich, das besagt auch sein griechischer Name: Asbestos.

Die alten Griechen kannten bereits den Allzweckstoff Asbest. Doch erst mit Beginn des Industriezeitalters wurde das faserige Mineral in großem Stil abgebaut. Um die Jahrhundertwende entdeckte ein Österreicher, daß sich der Stoff wegen seiner Elastizität auch als Baumaterial eignet. Er mischte den Fasern Kalk und Ton bei, der Asbestzement war erfunden.

Mittlerweile wird Asbest für rund 3000 Verwendungszwecke genutzt. Allein 1986 bauten die Hauptförderländer Kanada, Sowjet-Union und Südafrika gut vier Millionen Tonnen Asbest im Tagebau ab.

Mit der zunehmenden industriellen Nutzung des Silikatminerals wuchs die Erkenntnis, daß Asbest lebensgefährlich ist. Als erster erkannte der englische Arzt Montague Murray um 1900 den tödlichen Zusammenhang zwischen Asbestverarbeitung und Siechtum. Der Mediziner wies nach, daß ein 35jähriger Arbeiter an nichts anderem gestorben sein konnte - seine Lunge war, wie die Obduktion ergeben hatte, vollgestopft mit »nadelförmigen Asbestfasern«.

Doch erst 1936 wurde die Asbestose als Berufskrankheit anerkannt. Asbeststaub versteift, wie Kohlenstaub bei der Bergmannslunge, die Lungenflügel so stark, daß sie keinen Sauerstoff mehr aufnehmen. Deutsche Ärzte fanden 1938 heraus, daß Lungenkrebs in vielen Fällen von der Asbestose herrührte - 1943 wurde Lungenkrebs in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen.

Auch Rippen- und Bauchfellkrebs kann, so stellten 1977 die Berufsgenossenschaften fest, durch Asbest verursacht werden. Asbestsachverständige der Kölner »Katalyse-Umweltgruppe« schätzen, daß »20 Prozent aller Krebserkrankungen einschließlich Lungenkrebs auf Asbest zurückzuführen sind«.

Ausgelöst werden die Lungenvernarbungen und Tumore durch kleinste Fasern, drei tausendstel Millimeter dick und etwa fünf tausendstel Millimeter lang. Bei der Verarbeitung von Asbest gelangen sie in die Luft. Sie lassen sich, einmal eingeatmet, kaum mehr abhusten: Einerseits sind die Fasern zu winzig, um von den Flimmerhärchen der Bronchien restlos abgefangen zu werden; andererseits sind sie zu groß, um von den Freßzellen des Körpers, den Makrophagen, unschädlich gemacht zu werden.

In den USA wird Asbest zu den zehn gefährlichsten Industriegiften gerechnet. Schweden und Dänemark haben die Verwendung von Asbest vor Jahren weitgehend verboten. In der Bundesrepublik ist seit 1979 die Anwendung von Spritzasbest, einem Gemisch von 90 Prozent Asbest und 10 Prozent Zement, untersagt. Asbestzement, in dem die Fasern nur einen Anteil von zehn Prozent haben, darf weiter verbaut werden.

Ausgesetzt ist dem verhängnisvollen Staub nach Schätzungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) »bundesweit etwa eine Million Arbeitnehmer«, vom Installateur, der Asbestrohre verlegt, bis zum Kesselbauer, der Asbestverkleidungen flicken muß.

Allein im vorletzten Jahr registrierten Arbeitsschützer 1326 nachweislich durch Asbest verursachte Lungen- oder Krebserkrankungen und 219 Krebstote. Der DGB-Asbestexperte Reinhold Konstanty jedoch hält »10 000 Asbesttote jährlich« für eine »vorsichtige und zurückhaltende Schätzung«, Tendenz steigend.

Wegen der langen Latenzzeit bei Erkrankungen lassen sich die Folgen des Asbestbooms nicht absehen. Konstanty: »Die meisten Opfer sind noch ahnungslos.«

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