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WELTAUSSTELLUNG Die Minister-Treppe

aus DER SPIEGEL 28/1958

Der Verwaltungsdirektor des Brüsseler Atomiums, Freddy Cartuyvels de Collart, mußte unlängst seinen wohldotierten Posten im Wahrzeichen der Weltausstellung räumen, weil er den bundesdeutschen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard zu einer zwar möglicherweise nützlichen, aber protokollwidrigen körperlichen Anstrengung genötigt hatte: Der schwergewichtige Wirtschaftswunderling mußte im Geröhre des stählernen Über-Atoms Not-Treppen benutzen, weil Freddy Cartuyvels dem Minister bequemere Transportmöglichkeiten nicht hatte zugestehen wollen. Kommentierte der Konstrukteur des Atomiums, Ingenieur Waterkeyn, das Verhalten des Verwaltungsdirektors: »Man kann es als normaler Mensch nicht verstehen.«

Des Freddy Cartuyvels spektakuläre Anti-Erhard-Aktion begann am 17. Juni vormittags. Am Nachmittag jenes Tages wurde in der Atomium-Kugel, wo die deutsche Eisen- und Stahlindustrie ihre Ausstellung untergebracht hat, Ludwig Erhard erwartet. Der Chef der deutschen Eisen- und Stahlschau, Helmut Voelkel, ließ deshalb am Morgen den Freddy Cartuyvels um eine kleine Gefälligkeit bitten: Er möge gestatten, daß der Atomium-Lift, der normalerweise zur obersten Kugel durchfährt, für den Minister in der Mittelkugel anhalte, weil von dort die deutsche Schau bequem über eine Treppe zu erreichen sei.

Voelkels Bitte war nicht ungewöhnlich. Schon mehrfach war für prominente Besucher und offizielle Gäste der Fahrstuhl in der Mittelkugel angehalten worden, um ihnen den Aufstieg über die Rolltreppen zu ersparen. So hatte zum Beispiel noch am Vortage der Stellvertreter des Atomium -Direktors den Aufzug für den Göttinger Kernphysiker Professor Hahn bereitwillig in der Mittelkugel anhalten lassen. Cartuyvels de Collart ließ jedoch dem Helmut Voelkel ausrichten, daß er nicht daran denke, diese Gefälligkeit für den Vertreter der Bundesrepublik zu wiederholen: »Ich täte es nicht einmal für den Prinzen Albert von Belgien.«

Der nur unzureichend des Französischen mächtige deutsche Eisen- und Stahlindustrie-Vertreter suchte auf diesen Bescheid hin mit seiner besten Dolmetscherin, der deutschen Atomium-Hostess Berkana von Winterfeld, unverzüglich Cartuyvels auf, um den Atomium-Direktor zum Einlenken zu bewegen. Die Berliner Theater -Studentin von Winterfeld versuchte mit diplomatischem Charme, den cholerischen Freddy Cartuyvels an die Verpflichtungen der protokollarischen Höflichkeit zu erinnern.

Der Belgier antwortete mit rotem Kopf in einem Jargon, den die Hostess ihrem Chef Voelkel nur in abgemilderter Form wiederzugeben wagte. Auf die Anregung, der Atomium-Direktor möge höheren Orts anfragen, ob man dort seine Ansicht teile, antwortete Freddy Cartuyvels de Collart, er und kein anderer sei der Bevollmächtigte, und von ihm hänge es ab, ob der Atomium-Lift in der Mittelkugel halten werde oder nicht: »Sie können sich von mir aus an alle anderen wenden. Die haben nichts zu sagen.«

Hostess von Winterfeld versuchte das. Sie wandte sich an das Informationsamt der belgisch-luxemburgischen Stahlindustrie und an die Firma Fabrimetal, in der Ingenieur André Waterkeyn einen Direktorposten bekleidet. Da jedoch weder Waterkeyn noch ein anderes verantwortliches Mitglied der Atomium-Gesellschaft - einer Vereinigung dreier belgischer Metall-Industriegruppen, die im Atomium die Hausrechte besitzt - erreichbar waren, verwies man die Hostess schließlich wieder an den störrischen Atomium-Direktor Cartuyvels.

Dieser gestattete den deutschen Ausstellern schließlich, für Erhard und seine Begleitung an der Kasse Vorzugskarten zu lösen, damit der Bundesminister sich nicht in die Besucher-Schlange einreihen müsse, die stets auf Beförderung mit der Rolltreppe wartet. Freddy Cartuyvels' bescheidene Konzession an das Protokoll und die Beflissenheit, mit der Erhard und seine Begleitung von dem Eisen- und Stahl -Bediensteten Voelkel sogleich zur Rolltreppe geschleust wurden, täuschten die Bonner Gäste in der Tat zunächst darüber hinweg, daß dem Empfang im Atomium ein peinlicher Affront vorausgegangen war.

Als Späher den Bundeswirtschaftsminister nahe der 35 Meter langen Rolltreppe signalisierten, die von der dritten Etage der untersten Kugel zu einer der mittleren Seiten-Kugeln führt, knallten im deutschen Ausstellungsraum die Champagner-Pfropfen. Dieses heitere Geräusch war um so deutlicher vernehmbar, als im gleichen Augenblick statt des gewohnten Rolltreppen-Rumorens eine beängstigende Stille eintrat: Die Treppen blieben mit der gewichtigen Besucher-Fracht plötzlich stehen.

Nach einigem Warten entschloß man sich in der deutschen Kugel, das Phlegma des Bundeswirtschaftsministers nicht unnötig zu strapazieren. Mit bläßlichen Gesichtern luden Hostessen die Erhard-Delegation zum Abstieg über die Nottreppen ein. Nach seinem Rolltreppen-Abenteuer im Atomium erwartete den Vertreter der Bundesrepublik im Weltausstellungsbesuchergewühl vor dem Kugelgerüst eine neue protokollarische Panne: Die Ministerwagenchauffeure hatten sich auf eine längere Rast eingestellt und waren spurlos verschwunden.

Der Atomium-Ingenieur Waterkeyn bestreitet heute energisch, daß zwischen dem Lift-Affront und der Rolltreppen-Panne ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Die Weigerung des Freddy Cartuyvels, den Professor Erhard mit dem Lift auf halbe Atomiumshöhe zu befördern, führt Waterkeyn auf die mangelnde Intelligenz des Atomium-Direktors zurück; die Rolltreppen-Panne auf ein zufälliges technisches Versagen und nicht etwa auf organisierte Sabotage.

Nach der Waterkeyn-Version soll jener Freddy, obschon er sich während des Krieges zeitweilig in einem Konzentrationslager befand, politischer Ressentiments kaum verdächtig sein. Dagegen will der Atomium-Ingenieur bei seinem Verwaltungsdirektor seit einigen Wochen eine geistige Verwirrung festgestellt haben, für die Andre Waterkeyn als besonders frappante Symptome nennt: Leichte Erregbarkeit, fortschreitende Neigung zur Indisziplin und pathologische Eitelkeit. Bezeichnend für die psychische Verfassung des Freddy Cartuyvels sei die Tatsache, daß er sich von seinen Untergebenen als »Baron« anreden ließ, weil er eine Baronesse des belgischen Kleinadels geehelicht hatte.

Vierundzwanzig Stunden nach dem Erhard-Zwischenfall erschien André Waterkeyn in der deutschen Eisen- und Stahl -Industrie-Kugel, um sich bei Helmut Voelkel für das Benehmen des Atomium -Direktors zu entschuldigen. Waterkeyn teilte mit, daß Cartuyvels noch am gleichen Tage von seinem Posten entfernt worden sei.

Und in der deutschen Botschaft zu Brüssel erschien der Vize-Präsident der belgischen Gesellschaft für Messe-Einrichtungen »Cobelexfo«, Prince de Ligne, um sich zu entschuldigen, weil der Generalsekretär dieser Gesellschaft, Freddy Cartuyvels de Collart, mit dem entlassenen Atomium-Direktor identisch ist.

Die Gesellschaft riet ihrem Sekretär, sich zu einem Erholungsurlaub auf sein Gut bei Mons zu begeben.

Atomium-Direktor Cartuyvels

»Ich täte es weder für Erhard ...

Atomium-Hostess von Winterfeld

... noch für den Prinzen Albert«

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