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CHRUSCHTSCHEW-REDE Die Mitläufer

aus DER SPIEGEL 13/1956

Es war Montag, der 15. Juli 1946, und der 178. Tag des Prozesses gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. Rechtsanwalt Dr. Dix, der Verteidiger des ehemaligen Reichsbankpräsidenten Dr. Hjalmar Schacht, versuchte, dem Tribunal der Sieger das irrationale Wesen der Diktatur zu erklären und den schmalen Raum der Freiheit abzugrenzen, über den in einem solchen Staat der einzelne Bürger verfügt.

Verteidiger Dix bemühte Goethe, um sich verständlich zu machen. Unter dem Eindruck zweier Begegnungen mit Napoleon Bonaparte im Jahre 1808 hatte sich Goethe notiert: »Am furchtbarsten erscheint das Dämonische, wenn es in irgendeinem Menschen überwiegend hervortritt. Es sind nicht immer die vorzüglichsten Menschen, weder an Geist noch an Talenten, selten durch Herzensgüte sich empfehlend; aber eine ungeheure Kraft geht von ihnen aus, und sie üben eine unglaubliche Gewalt über alle Geschöpfe, ja sogar über die Elemente. Alle vereinten sittlichen Kräfte vermögen nichts gegen sie.«

Mehrere Angeklagte und Zeugen deuteten das Unfaßbare, Dämonische an Hitler einfacher. Sie erklärten rundweg, Hitler sei wahnsinnig gewesen. Der Zeuge Generalfeldmarschall Milch sagte vor dem Gericht aus, er habe den Eindruck gehabt, daß Hitler in den letzten Jahren geistig nicht normal gewesen sei. Selbst Göring gestand dem ehemaligen Reichskanzler von Papen im Nürnberger Gefängnis, »er - Göring habe Hitler während der letzten Kriegsjahre für unzurechnungsfähig gehalten, aber er habe ja nichts machen können«. Die unausgesprochene Frage, warum sie alle nichts gegen die Herrschaft des Wahnsinns unternommen hatten, erklärte der westfälische Katholik Franz von Papen in seinem Schlußwort vor Gericht: »Die Kraft des Bösen war stärker als die des Guten.«

Am 25. Februar, kurz vor Beendigung des 20. Kongresses der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union, richteten die Kreaturen Stalins ihren ehemaligen Führer Stalin, und es erschreckte die Weltöffentlichkeit, daß Parteisekretär Chruschtschew - seine bislang geheimgehaltene dreieinhalbstündige Rede wurde erst in der vorletzten Woche bekannt - Argumente gegen Stalin vorbrachte, deren Klang man noch von dem Nürnberger Prozeß im Ohre hat.

Die Züricher »Tat« schrieb am letzten Dienstag: »Die alte Einsicht, daß Rußlands Geschichte sich aus einer Folge von Unerhörtem und Unbegreiflichem zusammensetze, und daß in diesem Land, wenn in einem, alles möglich sei, ist durch die neueste Entwicklung in einer Weise bestätigt worden, die einen frieren machen könnte. Es ist nicht leicht, angesichts des Blitzes, der die Augen brennt und blendet, Umrisse und Nuancen zu erkennen. Nur Fragmente können im Augenblick erkannt und im Augenblick ihrer wirbelnden Bewegung identifiziert werden.«

Chruschtschew beschuldigte den Führer der Sowjet-Völker des Massenmordes, der Terrorherrschaft, des Antisemitismus, des Verfolgungswahns und der persönlichen Eitelkeit.

Und: »Stalin kontrollierte die militärischen Operationen des letzten Krieges auf einem Schulglobus. Er wußte nicht, was eine anständige Generalstabskarte war.«

Selbst die Mitglieder des Politbüros hätten um ihr Leben gezittert, wenn sie von Stalin gerufen wurden, stöhnte Chruschtschew. Einmal sei Marschall Bulganin in das Landhaus Stalins beordert worden. Bulganin habe seinem Freunde Chruschtschew später gestanden, daß er damals nicht wußte, ob er von Stalin wirklich empfangen werden sollte oder in einem Gefängnis enden würde.

Am Ende seines Lebens habe Stalin Marschall Woroschilow, den jetzigen Präsidenten des Obersten Sowjet, als einen britischen Spion verdächtigt und ihm verboten, an der Arbeit des Politbüros teilzunehmen. In derselben Zeit sei Außenminister Molotow unter Hausarrest gehalten worden.

Seine Besucher habe Stalin eingeschüchtert, indem er sie anschrie: »Warum sehen Sie mich so an? Warum blicken Sie mir nicht in die Augen? Fürchten Sie sich, mir in die Augen zu sehen?«

Stalins Charakter sei eine merkwürdige Mischung von Verfolgungs- und Größenwahn gewesen. Im Garten seiner Datscha sei er zwischen seinen eigenen Büsten umherspaziert.

Viermal während seiner Rede brach Chruschtschew in Tränen aus. 30 der 1350 Delegierten mußten ohnmächtig aus dem Saal getragen werden.

»Warum habt ihr ihn denn nicht getötet?« riefen einige Delegierte des Kongresses. Das war die Frage, die unausgesprochen auch den großen Sitzungssaal des Nürnberger Tribunals beherrscht hatte.

Und Chruschtschew antwortete wie der letzte Mitläufer der Nazi-Herrschaft vor der letzten Spruchkammer: »Was konnten wir tun! Das war damals eine Terrorherrschaft. Man brauchte ihn nur einmal falsch anzusehen, und am nächsten Tag konnte man einen Kopf kürzer gemacht werden.«

In den letzten Lebensjahren des Diktators, erklärte Chruschtschew, habe in den obersten Organen der Partei und des Staates Angst und Schrecken geherrscht. Moskau sei zu dieser Zeit ein Schauplatz von Anschlägen, Gegenanschlägen und Intrigen gewesen, und jeder habe fürchten müssen, das nächste Opfer zu werden.

Chruschtschew scheute sich sogar nicht, seinen Parteigenossen zu bekennen, daß Stalin ihn einmal gezwungen habe, einen Clown zu mimen. Bei einem Empfang für Ausländer, der kurz nach dem Kriege stattfand, habe ihn Stalin angeschrien: »He, Chacholl, tanze den Gopak!« (Chacholl ist ein russischer Spottname für einen Ukrainer, der Gopak ist ein ukrainischer Volkstanz.)

Chruschtschew: »Stalin sagte: Tanze! So tanzte ich.«

Der Parteisekretär endete: »Genossen, Sie werden verstehen, daß wir den ganzen Umfang dieser Informationen zunächst noch nicht unter der Bevölkerung verbreiten können. Das könnte plötzlich oder schrittweise geschehen, und ich denke, es ist besser, wenn wir es allmählich tun!«

In den letzten beiden, Wochen wurden 20 000 sowjetische Parteifunktionäre mit den notwendigen Informationen versorgt, um überall im Lande, in den Dörfern und Städten, in Schulen und Fabriken, an die Türen zu klopfen.

Sie werden verkünden, daß 30 Jahre in der vierzigjährigen Geschichte der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ein grausamer Irrtum waren, daß der »allmächtige und allwissende« georgische Schustersohn Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin - der Stählerne -, auch genannt Koba - der Unbezähmbare -, den die Dichter der Sowjet-Union einst als den »Herrn des Volkes, der die Menschheit zum Leben rief und die Erde erweckte«, gefeiert hatten, ein Götze war und daß jenes Heil, das er gebracht hat, ein grausamer Fluch ist.

... aber was konnten wir tun?: Chruschtschew vor dem 2. Parteikongreß

Stalin mit seinen engsten Mitarbeitern (1945)*: Es war Terror...

* Von links nach rechts: Mikojan, Chruschtschew, Stalin, Malenkow, Berija, Molotow.

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