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Rudolf Augstein DIE MORAL DES SCHRECKENS

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 38/1966

Unsere amerikanischen Freunde meiden uns, und wir sie. Wir begegnen ihrem Blick in der leisen Hoffnung, nicht über Politik sprechen zu müssen. Es gibt keine Übereinstimmung mehr zwischen ihnen und uns. Der Krieg in Vietnam trennt uns von ihnen, wahrscheinlich dauernder, als selbst Kulturpessimisten vorauswissen.

Der Krieg in Vietnam verändert eine ganze Nation und unser Verhältnis zu ihr, er spaltet den Westen in zwei Lager. Europa und Asien, de Gaulle und U Thant treffen sich in ihrer Abneigung gegen das Vorgehen der Vereinigten Staaten.

Wir sehen im Fernsehen, wie ganze Regionen Südvietnams unter Zwang evakuiert und ganze Dörfer in die Luft gesprengt werden. Erstarrt vor verständnisloser Abwehr lassen Frauen und alte Männer sich fortführen, ihre Habseligkeiten, von den im Galopp davonholpernden Karren gefallen, liegen verstreut im Gelände.

Die Ernten werden durch ein spezielles Erntenvertilgungsmittel vernichtet. Napalm verbrennt zehn Nichtkämpfer, darunter immer ein Kind, ehe ein Vietcong-Partisan erledigt ist. Die Strecke der getöteten Feinde wird tagtäglich gezählt.

Schwerverletzte, halbtote Gefangene werden von amerikanischen Offizieren vernommen. Waffen, die von der Genfer Konvention keinesfalls gedeckt wären, werden mit gutem Erfolg ausprobiert. Kein Zweifel mehr, daß Kriegsverbrechen begangen werden, nicht von deutschen Barbaren, nicht von asiatischen Kommunisten (von denen auch), sondern von der reichsten und mächtigsten und demokratischsten Republik der Erde.

In Nordvietnam sind bereits Deich- und Bewässerungsanlagen des dichtbevölkerten Küstendeltas bombardiert worden. General Maxwell Taylor hat ausgesprochen, daß der Ring um die Hauptstadt Hanoi immer enger gezogen werde und daß die Luftangriffe »alles verwüsten, was Nordvietnam in den letzten zehn Jahren aufgebaut hat«.

Beide Vietnam, in denen nur ein Volk wohnt, werden von den Amerikanern behandelt wie in einem Bürgerkrieg, nicht aber mit den vergleichsweise altbackenen Mitteln, wie sie bislang den Partnern der uns bekannten Bürgerkriege zu Gebote standen, sondern mit der technischen Wucht und Perfektion der leistungskräftigsten Industriemacht. Der Grundsatz »Lieber tot als rot« wird den Vietnamesen von außen, von den Amerikanern auf den Leib geschrieben und, unter relativ geringen eigenen Verlusten, vollstreckt. Asiaten, Gelbe müssen erdulden, was Europäern und Nordamerikanern schwerlich zugemutet würde. Wenn Kommunismus keine Attrappe sein soll, können die Kommunisten in Vietnam nicht nachgeben.

Fast so schlimm wie die physische Verwüstung wiegt die moralische Verheerung. Es war bisher die kommunistische These, daß die Kapitalisten sich den Luxus ihrer demokratischen und philanthropischen Moral nur so lange gestatteten, wie ihre materielle Überlegenheit nicht bedroht sei. Die materiell schwächeren Revolutionäre sollten demnach nicht auf eine Moral hereinfallen, die von den Kapitalisten im Bedarfsfall ohne Anstände preisgegeben würde.

Tatsächlich haben die Amerikaner bisher nur wenige und nicht sehr bedeutende Raubkriege geführt. Sie haben Folterungen bisher nicht sanktioniert. Kriegerischen Einsatz für eine von ihnen selbst, und nur von ihnen, am Leben gehaltene Puppen-Regierung haben sie bisher nicht auf sich genommen. Heute tun sie es.

Wenn sie durch die Tat das Recht beanspruchen, jedes feudale Ausbeuterregime gegen eine von Kommunisten angeleitete Erhebung am Ruder zu halten; wenn es keine gewaltsame Veränderung in der Welt mehr geben darf, an der Kommunisten beteiligt sind, sondern nur noch Gewalttaten kapitalistischer Militärs, und wenn dieser Grundsatz nicht bloß in der Theorie behauptet, sondern mit ganzer Macht und kriegerischer Konsequenz durchgesetzt wird: Dann hat die kommunistische Moral recht, der zufolge es keine Moral gibt, es sei denn, die revolutionäre Moral, den Kapitalismus mit allen nützlichen Mitteln zu bekämpfen, und die kapitalistische Moral, sich mit allen nützlichen Mitteln gegen die Revolution zu behaupten. Dann ist der große Krieg allerdings auch unvermeidbar, denn die Amerikaner werden als Schiedsrichter darüber, welche Revolutionen sein dürfen und welche nicht, von den kommunistischen Mächten auf Dauer nicht anerkannt werden.

Jeder moralische Appell, jede Berufung auf Menschenrecht und Humanität wird lächerlich, solange man gutheißt, was in Vietnam geschieht. Was sind die 59 Toten an der Berliner Mauer gegen die hunderttausend Frauen und Kinder, die in Vietnam kraft der Überheblichkeit des weißen Mannes verbrannt worden sind und denen weitere hunderttausend folgen werden? Und welche Anmaßung liegt darin, ein ganzes Land zu verwüsten, nur weil man es nicht kennt und nicht beherrschen kann? Wenn die Amerikaner kein Rezept wissen, wie Asien zu regieren sei, und wenn die von ihnen gestützten Regierungen sich nicht behaupten können, werden sie Asien sich selbst überlassen müssen.

Unsere amerikanischen Freunde wissen all das oder doch einen Teil davon. Aber sie wollen es nicht wissen. Nicht nur das von Präsident Johnson zum Aggressor ernannte Nordvietnam, die gesamte nichtkommunistische Welt zahlt einen hohen Preis.

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