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»Die Nato - höchste Form der Bourgeoisie«

Die Verflechtung der internationalen Terrorszene in Frankreich, Belgien und der Bundesrepublik *
aus DER SPIEGEL 6/1985

Der Bekenner-Brief der Mörder traf wenige Stunden vor dem Staatsbegräbnis für das Opfer ein. In einem drei Seiten langen Text an das Pariser Büro der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erklärte die französische Terrorgruppe »Action directe« am Donnerstag vergangener Woche, warum sie sechs Tage zuvor den General Rene Audran vor seinem Haus in La Celle-Saint-Cloud bei Paris erschossen hatte.

Im verquasten Rechtfertigungsjargon der linken Terroristen hieß es auf deutsch und französisch, man habe Audran »hingerichtet«, weil er »im Zentrum des strategischen imperialistischen Projektes: Homogenisierung der europäischen Staaten unter Kontrolle der Nato« gestanden habe.

Unterzeichnet war der Schrieb mit »Kommando Elisabeth von Dyck« - eine als Terroristin verdächtigte Deutsche, die 1979 von der Polizei in Nürnberg erschossen worden war. Der Anschlag auf den General Audran, als Direktor für internationale Angelegenheiten im Pariser Verteidigungsministerium vor allem für Frankreichs staatliche Waffenexporte zuständig, war der erste Mord an einem französischen Spitzenmilitär seit dem Algerienkrieg.

Es war zugleich die Tat, die beweisen sollte, daß der am 15. Januar großspurig verkündete Zusammenschluß deutscher und französischer Terroristen zu einer »kommunistischen Guerilla in Westeuropa« keine Propaganda-Erfindung sei.

Hinter der Welle von Attentaten, die in den letzten Wochen in Frankreich, Belgien und der Bundesrepublik verübt wurden, stecke »wahrscheinlich ein Gehirn«, befand bereits Italiens Innenminister Oscar Luigi Scalfaro.

Und der römische Verteidigungsminister Giovanni Spadolini befand, Frankreich beherberge »eine Multinationale des Terrorismus, die überall in Europa zuschlagen kann und es vor allem auf Personen und Institutionen der Nato abgesehen hat«.

Das ist wohl richtig: Vergangenen Freitag zündeten Terroristen in der südportugiesischen Stadt Beja innerhalb weniger Minuten acht Sprengsätze. Die Bomben zerstörten 18 Autos, die allesamt deutschen Luftwaffenangehörigen gehörten. Beja ist Nato-Stützpunkt.

Tatsächlich gibt es schon seit Monaten Anzeichen dafür, daß sich die Reste mehrerer linker Untergrundorganisationen aus verschiedenen Ländern zusammengetan haben. Beteiligt sind vor allem, neben der deutschen »Rote Armee Fraktion« (RAF), die französische »Action directe«, Belgiens »Kämpfende Kommunistische Zellen« und die Überbleibsel der italienischen »Roten Brigaden«.

Vorrangiges Ziel: Alles, was mit Nato und Rüstung zu tun hat. »Krieg gegen die Nato«, kündigten die belgischen »Cellules Communistes Combattantes« (CCC) im vergangenen Jahr an, denn »die Nato ist die am höchsten entwickelte Form der imperialistischen Bourgeoisie«.

Ob nun »ein supranationaler Kopf, eine politische Linie und eine moderne Kriegsmethode« hinter der jüngsten Gewaltwelle stecken, wie der Italiener Scalfaro meint, oder ob die verschiedenen Terrororganisationen einander nur sporadisch mit Waffen und Manpower aushelfen - offenbar ist die Verflechtung der europäischen Terrorszene enger geworden.

Als eine Art Drehscheibe für den Aufbau der deutsch-französischen Terrorachse dient dabei nach Ansicht der Sicherheitsbehörden ein Land, das bisher vom bewaffneten Untergrundkampf weitgehend verschont blieb: Belgien.

Das kleine Königreich an der Nahtstelle zwischen Frankreich und der Bundesrepublik mit seiner liberalen Tradition, einer schlecht gerüsteten Polizei und 363 ziemlich offenen Grenzübergängen entwickelte sich im vergangenen Jahr offenbar immer mehr zu einer logistischen Etappe und einem weitgehend gefahrlosen Treffpunkt für RAF und »Action directe«.

So wurden im Juni 1984 aus einem Steinbruch bei Ecaussinnes über 800 Kilo Sprengstoff gestohlen. Zwei Monate später tauchten davon 23 Kilo bei einem Anschlag auf das Gebäude der Westeuropäischen Union in Paris auf. Das Attentat, hinter dem nach eigenem Bekunden die »Action directe« steckte, mißlang.

Der Sprengstoff, mit dem die RAF im vergangenen Dezember eine Nato-Schule in Oberammergau in die Luft jagen wollte, stammte aus derselben Quelle.

Jean-Marc Rouillan, der 32 Jahre alte Chef der »Action directe«, hielt sich letztes Jahr mit seiner Freundin Nathalie Menigon und einem anderen Komplizen, Regis Schleicher, zeitweilig in Brüssel auf - und in Mons, dem Sitz des Nato-Hauptquartiers. Das Trio konnte sich aus einer Falle der belgischen Polizei retten, indem es einen Polizisten als Geisel nahm.

Vom Januar 1984 an hatte die »Action directe«, erstmals fünf Jahre zuvor mit relativ harmlosen Anschlägen auf Regierungsgebäude in Paris in Erscheinung getreten, Anschläge gegen Rüstungsfirmen (wie Panhard-Levassor und Dassault) und gegen die Europäische Weltraumbehörde ausgeübt.

Im Oktober dann erlebte Belgien seine hausgemachte Terror-Premiere: Die CCC sprengten binnen weniger Tage die Gebäude von Firmen wie Litton, MAN und Honeywell, weil sie, so die Begründung, »wichtige Waffenlieferanten für die Nato« seien.

Mitte Dezember jagten CCC-Attentäter in einer nächtlichen Aktion an sechs verschiedenen Stellen die Pumpstationen von Nato-Pipelines in die Luft. Durch die unterirdisch verlegten Leitungen beziehen die Armeen des Bündnisses Dieseltreibstoff für ihre Panzer und Kerosin für die Kampfflugzeuge.

Die Aktion war ein Meisterstück an Planung und bewies zudem, daß die Terrorkommandos sich Zugang zu Informationen der Nato beschaffen konnten. Pläne über die Trassenführung der Pipelines waren zuvor schon bei sechs in Frankfurt festgenommenen mutmaßlichen RAF-Angehörigen entdeckt worden.

Belgiens Polizei reagierte nervös auf die für sie neue Herausforderung. Unter dem Decknamen »Operation Mammut« durchstöberte sie Ende Oktober die linke Anarcho-Szene: 150 Hausdurchsuchungen.

Bislang konnte nur ein einziger mutmaßlicher CCC-Mann identifiziert werden: Pierre Carette, 28, ein Drucker aus Brüssel, der als Verbindungsmann zwischen den belgischen Terroristen und dem Franzosen Rouillan gilt.

Ihr vorerst letztes Attentat - auf ein Nato-Erholungsheim in Brüssel - widmeten die CCC-Bombenleger dem Hungerstreik ihrer RAF-Genossen in deutschen Gefängnissen.

Francis Burstin, Mitarbeiter des Brüsseler Justizministers Gol, glaubt, daß in den CCC »vermutlich nur zehn bis 20 Belgier operieren«. Bei größeren Aktionen wie dem Pipeline-Anschlag, so spekuliert er, könne durchaus »Verstärkung aus Paris oder Deutschland« anreisen.

Ende vorletzter Woche hatten die belgischen Anti-Terrorspezialisten des »Groupe interforces antiterroriste« (GIA) wieder mal Hinweise bekommen, daß ein großes Ding bevorstehe. Die Gendarmerie verstärkte ihre Überwachung gefährdeter Objekte; die Zugänge zu einigen politisch besonders exponierten Botschaften, darunter auch der bundesdeutschen, wurden eilends verbarrikadiert.

Die Belgier fürchten, ein mit Sprengstoff vollgepackter Lastwagen könne nach Beiruter Vorbild eine diplomatische Vertretung verwüsten. Aus dem Diebstahl von Ecaussinnes stehen schließlich noch über 700 Kilo TNT zur Verfügung.

Doch an dem Tag, den die belgischen Behörden für besonders kritisch hielten, blieb in Brüssel alles ruhig, statt dessen starb an jenem Freitag, 25. Januar, General Audran in Paris - getroffen von vier Kugeln des Kalibers 11,43.

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