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Die neue gemäßigte Linie

aus DER SPIEGEL 6/1949

Die interne Parteikonferenz der Einheitssozialisten hinter den verschlossenen Türen des Wiko-Hauptquartiers in Berlins Leipziger Straße hatte eine Vorgeschichte: Eigentlich war im Herbst 1948 ein SED-Parteitag fällig. Er wurde verschoben. Dann sprach man nur noch von einer Parteikonferenz. »Auf einem Parteitag wird der Vorsitzende neu gewählt, auf einer Parteikonferenz gibt der bisherige Vorstand nur den Arbeitsbericht und neue Richtlinien«, definierte Otto Grotewohl unter vier Augen.

In einem detaillierten Rundbrief hatte die SED-Organisation lange vorher zentralgelenkte Anweisungen darüber bekommen, welche Themen verwertet werden müßten.

»Worin zeigt sich die Verschärfung im Klassenkampf?« und »Entwicklung der Fartei zu einer Partei neuen Typus« waren die Kernpunkte.

Wieweit wurden die marxistisch-leninistischen Theorien durchgearbeitet? Kontrollieren die Parteileitungen tatsächlich die großen Aufgaben des neuen Aufbaues? Wie führen die Wohngruppen die Arbeit zur politischen Ueberzeugung der Bevölkerung durch? Sind überall Parteiaktivs gebildet? Das wollte das Zentralhaus der Einheit in der Lothringer Straße neben 31 anderen Fragen beantwortet wissen. Sie sind die wichtigsten auf dem Wege zur Partei neuen Typus. Es wird eine »Massen-Partei mit Kaderkern sein«.

550 Parteiaktivisten hörten zu. Neben ihnen ein beachtliches Aufgebot fortschrittlicher Demokraten aus siebzehn Ländern, plus einem offiziellen Vertreter der SMAD, Oberst Sergej Tulpanow, zuständig für die politische Linie zwischen Elbe und Oder. Er hielt eine kurz gefaßte anti-angloamerikanische Westentaschenbrandrede. Forsches Auftreten und temperamentvolle Elogen wiesen jeden Verdacht zurück, daß der massige Renommieroberst einer taktischen Schwenkung Moskaus geopfert werde. Einige West-Berliner Zeitungen hatten das kurz vorher behauptet.

Am frühen Nachmittag entstand ein anderer Eindruck. Eine blanke, dunkelblaue Limousine rollte vor das Wilhelmstraßenportal der Wiko. Eine hohe Gestalt, eskortiert von zwei lederbemäntelten Begleitern, stieg aus. Der Offizier des Volkspolizeikordons nahm Haltung an, salutierte und geleitete den avisierten Gast in den Kongreß-Saal. Lauter Jubel, Shakehands mit den Prominenten auf der Tribüne. Dann wurde der Gast dem Kongreß vorgestellt: M. A. Suslow, Sekretär der kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki).

Sergej Tulpanow wurde nach kurzem Rencontre unsichtbar. Er durfte nicht mit Suslow die Konferenz-Partitur vierhändig spielen. Was er vorher aggressiv geredet hatte, wurde noch mitternächtlich in den Rotationen der Ostzeitungen gestoppt. Dem Sprecher des Berliner Masurenalleesenders schaltete man das Mikrophon ab: Tulpanows radikal antiamerikanischer Zungenschlag disharmonierte mit den just angestimmten Moskauer Friedens-Chorälen. Nur auf der langen Welle konnte nicht ganz verhindert werden, daß einige Tulpanow-Bonmots gesendet wurden.

Schon einmal im vergangenen Sommer hat Tulpanow einen kaum verzeihlichen Fauxpas begangen. Damals schrieb er in der deutschsprachigen Berliner Russen-Zeitschrift »Neue Welt«, Jugoslawien sei von allen volksdemokratischen Ländern der Verwirklichung des Sozialismus am nächsten gekommen. Acht Tage später wurde Tito exkommuniziert. Doch der Leiter der politischen Abteilung blieb in Karlshorst.

»Ist der Unfall diesmal wirklich ernst«? Diese Frage wurde von wißbegierigen Provinzdelegierten am Biertisch im Erfrischungsraum einem prominenten SED-Genossen vorgelegt. Der summte nur vielsagend den Gassenhauer: »Wenn Du denkst, der Mond geht unter - der geht nicht unter - das scheint nur so«.

Von Suslow war kein Wort zur Deutung des »Falles« Tulpanow zu erhaschen. Nach kurzer Begrüßungsadresse hatte er unauffällig in der ersten Delegiertenreihe Platz genommen, gepflegt im dunkelblauen Dreß.

Bourgeois und zahm wirkte KPdSU-Sekretär Suslow. Zufall oder Absicht? Auch darüber wurde während der viertägigen Konferenz mehrmals sporadisch diskutiert. Zum Beispiel, als Wilhelm Pieck im weitschweifigen Schlußreferat auf die wesentlichen Unterschiede zwischen der volksdemokratischen Ordnung und der gegenwärtigen Situation in der russischen Zone Deutschlands hinwies. Was er schon vor einigen Wochen einem Genossen-Interviewer seines Parteiblattes »Neues Deutschland« in die Feder diktiert habe, sei die wahre Analyse. Er wärmte sie wieder auf:

Die Ostzone sei keineswegs auf dem Weg zu einer separaten Volksdemokratie. Das kam mit Betonung. Sie habe eine gesamtdeutsche Mission. Man würde im Osten lieber die fortschrittliche Entwicklung stoppen als auf den Westen verzichten. Hellhörige, die zwei Tage vorher Walter Ulbrichts 3S-Stunden Referat über die wirtschaftliche Situation der Ostzone und in der Diskussion die Anlaufschwierigkeiten des Zweijahrplanes zur Kenntnis genommen hatten, flüsterten sich die Motive dieser Westliebe zu: Walzenstraßen für das Stahlwerk Hennigsdorf, fehlende bergmännische Ausrüstung, Grubenloks, Schrammhämmer, Ersatzteile und eine Menge anderer technischer Mittel und Rohstoffe, ohne die der Zweijahrplan eine Farce ist, seien der Grund. Um an der Ruhr mitzuspielen, ist man zu politischen Verzichten bereit.

Die neue gemäßigte Linie des Berliner Polit-Büros soll die produktionswirtschaftlichen Lücken schließen, erläuterten Optimisten aus dem Wiko-Stab Heinrich Raus während der diversen Stehkonvente in Konferenz-Pausen. Man müsse versuchen, mit dem Westen wieder stärker ins Geschäft zu kommen. Stalins Anti-Marshallplan, die Bildung des Osteuropa-Wirtschaftrates, wirke sich für die Ostzone nicht ad hoc aus.

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