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Bundeswehr Die neuen Kameraden

Von Peter Schneider
aus DER SPIEGEL 24/1994

Im Oktober 1991, während des 13. Verhandlungstages im sogenannten Mauerschützenprozeß, brachen die Zuhörer im Gerichtssaal erst in ungläubiges Gemurmel, dann in schallendes Gelächter aus. Ausgelöst wurde es durch den Auftritt des ehemaligen Generalleutnants Dr. Gerhard Neiber, 65, vormals Vizeminister für Staatssicherheit in der DDR.

In den Zeugenstand gerufen, erklärte der Ex-General, er sehe sich nicht in der Lage, vor dem Gericht auszusagen: Er habe »keine Aussagegenehmigung«; er habe einen Eid auf einen Staat namens DDR geschworen und sei von seiner Schweigepflicht bisher nicht entbunden worden.

Vergebens belehrte der Vorsitzende Richter den störrischen Zeugen, der Staat sei mit all seinen Ministerien verschwunden. Der Stasi-General blieb von diesen Vorhaltungen unbeeindruckt und ließ sich auch durch die Androhung eines Ordnungsgeldes oder einer Beugehaft nicht zur Aussage bewegen.

Die Szene im Moabiter Gerichtssaal erhellte für einen kurzen Augenblick ein kollektives Seelendrama, das sonst arm an dramatischen Auftritten war. Dabei traf der plötzliche Verlust, der den Stasi-General verwirrte, die Befehlshaber der Nationalen Volksarmee (NVA) noch ärger. Was ihnen die Geschichte zugemutet hatte, war ohne Beispiel.

Ihre ganze Truppe war ihnen kampflos abhanden gekommen - 175 000 Soldaten und, was womöglich am schlimmsten war, ihr liebster Feind. Nie zuvor verschwand eine so mächtige Armee so unauffällig von der Militär-Bühne.

Ohne daß ein Schuß gefallen wäre, ging die Befehlsgewalt an den ehemaligen Gegner, an die Bundeswehr, über. Die Übergabe von Menschen, Munition und Überzeugungen vollzog sich nahezu geräuschlos. Menschliche Tragödien blieben aus oder wurden nicht bemerkt. Keiner der rund 200 NVA-Generale hat sich selbst entleibt, man hat auch nicht gehört, daß irgendeiner von ihnen im Irrenhaus gelandet wäre.

Wohl träumten einige von ihnen bis in den Herbst 1990 davon, in die Bundeswehr übernommen zu werden; viele zeigten Gesprächsbereitschaft mit dem ehemaligen Feind. Als sich die Hoffnung auf eine »Vereinigung« der beiden Armeen am Tag des formellen Beitritts der DDR, dem 3. Oktober 1990, endgültig zerschlug, hängten sie ihre Uniformen in den Schrank und warteten auf die Berechnung ihrer Rente. Ein Jahr nach dem Fall der Mauer, so schien es, hatte sich die Nationale Volksarmee mit all ihren Generalen, Offizieren und Wehrpflichtigen in Luft aufgelöst. Der Eindruck täuschte. Er war nicht zuletzt der geschickten Regie der Abwickler aus der Bundeswehr zu verdanken.

Die Aufgabe, die andere deutsche Armee aufzulösen und einen Restbestand in die Bundeswehr zu übernehmen, war nicht nur psychologisch heikel, sie barg auch ganz handfeste Risiken. Der mit der Auflösung der NVA betraute Bundeswehr-Offizier, Generalleutnant Jörg Schönbohm, erfuhr aus Kreisen der NVA-Marine, man sei aus Verzweiflung über die berufliche Zukunft entschlossen, aus Protest ein paar Schiffe zu versenken; einige Regimentskommandeure drohten offen, sie würden mit ihren Verbänden noch über genug Waffen und Munition verfügen, um sich wehren zu können.

Nicht nur die Tanks der Panzer waren gefüllt bis auf den letzten Millimeter, auch die Kanonen und die Maschinengewehre der NVA waren ständig aufmunitioniert; erst später entdeckten die Abwickler von der Bundeswehr, daß die NVA sogar mit 24 Mittelstreckenraketen vom Typ SS-23 ausgerüstet war, die man bis zum März 1990 vor der Vernichtung bewahrt und in einem Depot in Brück gebunkert hatte.

Im Chaos des Übergangsjahres 1990 erschien es fast als ein Segen, daß die Regierung de Maiziere, die letzte der DDR, den ehemaligen Pfarrer Rainer Eppelmann zum Verteidigungsminister kürte. Eppelmann war in der DDR ein mutiger Dissident gewesen, vom Militärischen verstand er wenig. Seine Reden von zwei deutschen Armeen auch nach der Wiedervereinigung standen zwar in krassem Widerspruch zu westlichen Plänen, sie dienten aber der Beruhigung. In Wirklichkeit hatte die Bundeswehr, wie der Kommandierende General des Territorialkommandos Ost, Werner von Scheven, betont, niemals eine »Vereinigung« oder »Zusammenführung« im Sinn. Das Ziel hieß Auflösung und Integration eines kleinen Restbestandes von Berufsoffizieren.

Bundeskanzler Helmut Kohl hatte die rasche Einheit nicht zuletzt durch das - in dem Zwei-plus-Vier-Vertrag festgelegte - Versprechen erkauft, die Endstärke der neuen Bundeswehr bis Ende 1994 auf 370 000 Mann zu reduzieren. Von Anfang an war es für die Abwickler klar, daß der Löwenanteil der Reduktion auf die friedlich besiegte DDR-Armee entfallen mußte - sie ging zu 92 Prozent zu Lasten der NVA.

Eine Gruppe der Berufsoffiziere schied von vornherein für eine Übernahme aus: NVA-Generale und Admirale sowie Politoffiziere und Offiziere, die als Inoffizielle Mitarbeiter für die Staatssicherheit gearbeitet hatten. Von den rund 50 000 Berufssoldaten der NVA wurden 35 600 entlassen, darunter 24 000 auf eigenen Wunsch. Von den restlichen, die sich als »Soldaten auf Zeit« bei der Bundeswehr bewerben konnten, übernahm die Bundeswehr - nach Stasi-Abklärung und Eignungsprüfung - bis September 1993 insgesamt 11 800 Mann, darunter 3000 Offiziere.

In den Depots der NVA fanden die Westoffiziere mehr Munition vor, als die alte Bundeswehr für ihre 495 000 Soldaten zur Verfügung hatte. Die NVA verfügte über 15 000 Waffensysteme, darunter 10 100 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, 2500 Artilleriegeschütze, ferner 90 000 Lkw und Anhänger, 8000 Pkw und 3000 Kräder. Niemand hatte anfangs klare Vorstellungen, wie all dieses Kriegsgerät - einschließlich der MiGs, der Schnellboote und Kriegsschiffe _(* Auf der Karte, 13 mal 21 Meter groß, ) _(ist der Raum von den Alpen bis ) _(Südschweden nachgebildet. ) - erfaßt, zusammengeführt, bewacht und vernichtet werden sollte.

In Löbau, einem Nest nahe der polnischen Grenze, wird der Besucher durch einen surrealen Anblick verwirrt. Hinter einer Mauer in der Nähe des Kreisamts sieht er Hunderte von Kanonenrohren, jeweils paarweise wie gekreuzte Schwerter gegeneinandergestellt, in den Himmel ragen. Hin und wieder hört er, wie eine böse Ankündigung, das schwere Motorengeräusch eines anfahrenden Panzers, das erderschütternde Rasseln der Ketten, das Quietschen beim Drehen auf engem Raum, dann das Auslaufen des Motors. Die Geräuschfolge beschreibt die letzte Fahrt eines NVA-Panzers: den Weg vom Parkplatz auf den Tieflader.

Das ummauerte weiträumige Gelände beherbergte früher eine Offiziershochschule der NVA. Seit Dezember 1990 werden dort die zur Verschrottung bestimmten Panzer zusammengezogen. Vom Sammelplatz werden sie dann auf Tiefladern 50 Kilometer weiter nach Charlottenhof, einem ehemaligen Panzer-Ersatzteillager, transportiert und in handliche Stücke zerschnitten.

Henning Kersten, der einst in der NVA als Depot-Kommandeur für die Gefechtsbereitschaft der Panzer zu sorgen hatte, wacht heute als Niederlassungsleiter der Metall Rohstoffe Thüringen (MRT) über die friedliche Zerstörung des schweren Kriegsgeräts. Kersten gesteht: »Die ersten 10 oder 20 Stück, das tat weh, zumal es die eigenen waren, die man selber geführt hat. Aber danach . . .« Mit einer abgeklärten Geste deutet er über die zahlreichen Endhaufen zerschnittener Panzer, die über das Gelände verteilt sind.

Die Zerstörung erfolgt in zwei Schritten. Zuerst werden die Panzer gefechtsuntauglich gemacht. Möglichst noch mit eigener Kraft fährt der Panzer an eine Rampe, wo ihm mit Schweißbrennern das Rohr abgeschnitten wird. Dann, nächste Station, werden die Ketten weggezogen und die Seitenvorleger herausgebrannt. Aus dem nun manövrierunfähigen Stahlkoloß werden zunächst der Turm, dann die Steuerteile und die Elektronik herausgetrennt, das Innere des Panzers wird ausgeweidet.

Der zweite Schritt sieht die vollständige Zerstörung des Rumpfpanzers in all seinen Komponenten vor. Die Einzelteile werden mit Schweißbrennern in Stücke von maximal 1,50 mal 0,50 Meter zerlegt, damit sie in den Hochofen passen. Panzer, so erfahre ich von Henning Kersten, sind für das Recycling wie geschaffen. Im Hochofen zerschmolzen, kehren sie als Brückenpfeiler, Moniereisen, Stahlträger in den Wirtschaftskreislauf zurück. »Macht Schwerter zu Pflugscharen« - wohl noch nie, bestätigt Kersten, sei diese Losung der Friedensbewegung wörtlicher genommen worden als in Charlottenhof.

Der ehemalige NVA-Major Günter Jehmlich, jetzt S3-Stabsoffizier der Bundeswehr, erzählt, wie er die Übernahme seiner Einheit im sächsischen Marienberg durch die Bundeswehr 1990 erlebte. Anfang Oktober 1990 erhielt er in seinem Standort Marienberg den Befehl, im übergeordneten Stab in Dresden 19 Westoffiziere abzuholen, die vom 3. Oktober an die Führung übernehmen würden. Als er mit seinem NVA-Bus am Treffpunkt in Dresden eintraf, stellte er fest, daß die neuen Vorgesetzten alle mit eigenen Autos gekommen waren.

So fuhr die Fahrzeugkolonne, er im leeren Bus vorneweg und immer in der Angst, zu langsam für die großzylindrigen Westautos zu sein, die 100 Kilometer von Dresden nach Marienberg.

Dort warteten bereits der alte Stabschef, der alte Regimentskommandeur und die anderen NVA-Offiziere, alle noch in ihrer alten Uniform. Zögernd stellte man sich einander vor, die Ordonnanz brachte Sekt, die Offiziere der beiden Armeen prosteten sich zu, und »wie das so ist, wenn 25 Leute sich vorstellen«, wurde es Mitternacht. Die Westoffiziere stimmten ihre Nationalhymne an, einige NVA-Offiziere summten Bruchstücke des fremden Liedes mit, meist mußte ein Lalala den Text ersetzen, andere blieben still.

Punkt 24.00 Uhr nahmen die Wachen in der neuen Uniform am Kasernentor Aufstellung. Am nächsten Tag ließ der Kommandeur aus dem Westen die 1400 Soldaten in der neuen Uniform zum Appell antreten und stellte sich als neuer Kommandeur vor. So ähnlich hat es sich am 3. und 4. Oktober in Dutzenden von Standorten abgespielt. »Wegtreten zum Umziehen - in neuer Uniform melden in 20 Minuten«, hieß der Tagesbefehl.

Das Zeremoniell bot wenig Raum für die Seelenschmerzen der neu eingekleideten Offiziere. Die Soldaten hatten ein oder zwei Tage zuvor mitansehen müssen, wie das alte Regime unter dem Appell »Fahne einholen, Fahne verpacken« begraben wurde. Gerade die jüngeren Offiziere wollten sich mit diesem Ende nicht abfinden. Viele hatten im Anschluß an den Appell im Zorn ihre Mützen und Uniformjacken in den Müll geworfen, sie in den Gängen der Kasernen liegengelassen, den Standort verlassen, um nicht zum »Maskenball« antreten zu müssen.

Aber auch die Umkleidewilligen hatten ihre Schwierigkeiten. Zwar war die »Trageweise« der neuen Nato-Uniform in Vorführungen, teilweise in Kinosälen, demonstriert worden. Trotzdem wußten viele nicht, ob man die Nato-Hosen in oder über den Schaftstiefeln trägt.

An Gradlinigkeit gewöhnt, setzten sie das Barett sturzgerade auf den Kopf, statt es schräg in die Stirn zu ziehen. Auch war ihnen der leichte, knittrige Stoff verdächtig; viele hatten die neue Uniform extra stark gewaschen, sie hingebungsvoll gebügelt und wurden dann an ihrer Tadellosigkeit als Ossis erkannt. Sie wußten nicht, daß ein Kampfanzug im Westen gebraucht, gleichsam wie in der Schlacht vernutzt, aussehen muß, um modisch zu überzeugen.

Hinzu kam eine moralische Anforderung, die dem zivilen Teil der DDR-Bevölkerung erspart blieb. Für die NVA-Offiziere war es nicht damit getan, die dritte Strophe des Deutschlandliedes zu singen. Wer in die Bundeswehr übernommen wurde, mußte den Eid auf den neuen Staat schwören: _____« Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu » _____« dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen » _____« Volkes tapfer zu verteidigen. »

Nur den Nachsatz »So wahr mir Gott helfe« durfte man weglassen. Es war, wenn man die Geschichte deutscher Eide berücksichtigt, ein vergleichsweise harmloser und ziviler Eid, ein Minimaleid sozusagen. Für die ehemaligen NVA-Offiziere jedoch kam dieser Schwur einem Verrat nahe. Sie gelobten einem Staat ihre Treue, den zu fürchten und zu hassen sie in jahrelangen Schulungen gelernt hatten. Und sie zogen mit dem neuen Eid einen Fluch auf sich, den der alte Eid für den Fall des Verrats ausdrücklich androhte: _____« Ich schwöre, an der Seite der Sowjetarmee und der » _____« Armeen der mit uns verbündeten sozialistischen Länder als » _____« Soldat der Nationalen Volksarmee jederzeit bereit zu » _____« sein, den Sozialismus gegen alle Feinde zu verteidigen » _____« und mein Leben zur Erringung des Sieges einzusetzen . . . » _____« Sollte ich jemals diesen meinen feierlichen Fahneneid » _____« verletzen, so möge mich die harte Strafe der Gesetze » _____« unserer Republik und die Verachtung des werktätigen » _____« Volkes treffen. »

Von den Gesetzen der Republik und der Verachtung des werktätigen Volkes war im Herbst 1990 nicht mehr viel zu fürchten. Doch viele, die ich nach ihren Empfindungen während des neuen Schwurs befragte, berichteten von einem »eigenartigen Gefühl«, von »schlaflosen Nächten«. Ein ehemaliger NVA-Oberst, jetzt Bundeswehr-Leutnant, dachte während des neuen Eides an einen Comic strip aus der politischen Schulung der NVA-Zeit. Da war ein Nato-Helm abgebildet mit der Aufschrift: »Was geht unter diesem Helm vor?« »Jetzt«, so fuhr der Offizier fort, »hatte ich selber so einen Helm auf. Und ich fragte mich: Ja, was geht unter diesem Helm eigentlich vor?« _(* Erstes öffentliches Gelöbnis für 250 ) _(Rekruten der früheren NVA am 19. Oktober ) _(1990 in Bad Salzungen. )

Über 30 Jahre hatten sich die beiden Armeen gegenübergestanden, bereit, im Ernstfall aufeinander zu schießen. Beide sprachen sie Deutsch, beide waren sie aus den Resten der besiegten Wehrmacht hervorgegangen. In beiden Militärblöcken galten sie bis zuletzt als besonders gut ausgerüstet und zuverlässig. Und beide waren nach Auftrag und Ausbildung so unterschiedlich, wie zwei Armeen in der Mitte Europas nur sein können.

Die Aufklärer der Nato hatten immer wieder über Offensivstrategien des Warschauer Paktes berichtet, aber ein guter Teil der Öffentlichkeit glaubte ihnen nicht. Bei einem »Friedenstreffen« der ost- und westdeutschen Schriftsteller 1981 in Berlin hielten viele Teilnehmer es für undenkbar, daß in der DDR überhaupt Basen für Atomraketen und atomare Sprengköpfe existierten. Aber selbst westliche Militärexperten fielen aus allen Wolken, als ihnen die Planspiele des Warschauer Paktes in die Hände fielen. Nun zeigte es sich, daß die schlimmsten Schwarzseher im Westen die realistischste Sicht der Dinge gehabt hatten.

Als die Experten der Bundeswehr diese Unterlagen analysierten, stellten sie fest, daß ihr virtueller Feind von den drei Gefechtsarten »Verteidigung, Verzögerung, Angriff« vor allem den Angriff geübt hatte: Am Tag des Ernstfalls sollten die NVA-Truppen an der Seite ihrer Verbündeten sofort über die Grenzen vorrücken, um den Feind auf seinem Territorium zu vernichten.

Die NVA sollte bis nach Jütland und mit einem Westkeil gegen das Ruhrgebiet und Luxemburg vorrücken. Ganz im Widerspruch zur offiziellen Militärdoktrin sollten dabei vom ersten Tag an chemische Waffen und taktische Nuklearwaffen eingesetzt werden; ein Planspiel für einen Vorstoß in jütländischer Richtung sah am ersten Tag 20 und am zweiten Tag 27 taktische Nuklearschläge vor.

32 000 Mann sollten West-Berlin angreifen, wo nur 12 000 Mann der alliierten Truppen stationiert waren; die Stadt wäre vollständig überrollt worden. Jeder der dafür ausgebildeten Kommandeure kannte bis ins Detail die Telefonzentralen, Polizeireviere, Wasserwerke, Feuerwehren, die er zu übernehmen hatte, auch die Personen, die von der Stasi sofort zu verhaften oder zu erschießen waren.

Man entdeckte Brückenbausätze, die für die Überquerung von Rhein und Donau geeignet waren, Eisenbahnwaggons, die für den Verkehr auf westlichen Gleisen umgerüstet waren. Man fand Straßen-, Verkehrs- und Verbotsschilder, die im Zug eines Durchstoßes zum Rhein aufzustellen waren. So sollte etwa die Düsseldorfer Königsallee in Karl-Marx-Allee umbenannt werden, aber auch flämische Straßenschilder waren bereits ausgestanzt. Besatzungsgeld und Coupons für Kriegerwitwen waren gedruckt, »Blücherorden« in Bronze, Silber und Gold für die zukünftigen Kriegshelden lagen bereit.

Das Prunkstück der NVA-Generale aber fand sich in einem eigens gesicherten Nebengebäude des Verteidigungsministeriums in Strausberg. Dort entdeckten die Nachlaßverwalter eine 13 mal 21 Meter große Reliefkarte, die den Raum von den Alpen bis Holland und Südschweden detailgenau nachbildete. Über dieser Karte war auf seitlich eingelassenen Schienen eine fahrbare 20-Personen-Bühne montiert, mit der sich die versammelten Generale an all die Zielorte rollen lassen konnten, in die sie im zivilen Leben nicht gelangten.

Auch nach diesen Funden behauptet kaum einer von den westlichen Experten, der Warschauer Pakt habe einen Angriffskrieg geplant. Der bis ins Detail vorbereitete Vorstoß auf gegnerisches Gebiet war im Weltbild der NVA-Generale nur als Reaktion auf »eine imperialistische Provokation« denkbar. Bei einem Gegner jedoch, dessen »Aggressivität« für jeden DDR-Soldaten von Kindesbeinen an feststand und dessen Stärke von der Aufklärung bewußt übertrieben wurde - nur Honecker, Mielke und Spitzenmilitärs hatten Zugang zu den korrekten Informationen -, erschien dieser Fall stündlich möglich.

Es bleibt die Frage, ob die Nato nicht vergleichbare Offensivpläne in der Schublade hatte oder hat - schließlich liegen nur die Panzerschränke und Depots des ehemaligen Gegners offen, nicht die der Nato. Oberstleutnant Hans P. Ahlers, Pressestabsoffizier bei der Führungsakademie der Bundeswehr, antwortet darauf mit der Bedächtigkeit eines Mannes, der weiß, daß es mit einem Appell an den guten Glauben nicht getan ist.

Es gebe klare Indizien, die gegen eine solche Annahme sprächen, meint er. »Unsere Übungen endeten an der Grenze, zwar nicht mit der Luftwaffe - hier war man bereit zu drohen, zu eskalieren -, aber es gab keine Bodenübungen, die jemals über die Grenze hinausgingen.« Nicht nur Offensivoperationen, auch Übungen des sogenannten hot pursuit, der »Nacheile« auf gegnerisches Gebiet im Fall der Flucht des Gegners, seien verboten gewesen. Jede Logistik für derartige Operationen fehle: Brückengerät, Fahrzeuge für die militärische und medizinische Truppenversorgung im feindlichen Gebiet, Transportkapazitäten für den Betriebsstoff. _(* Auf dem Truppenübungsplatz Haide bei ) _(Cottbus im Juli 1990. )

Den wichtigsten Hinweis geben die ehemaligen NVA-Offiziere selber. Übereinstimmend berichten sie, daß sie ihren größten ideologischen Schock nicht beim Fall der Berliner Mauer, sondern Monate später erlitten: vor den Toren der Bundeswehr-Kasernen. Als sie mit eigenen Augen sahen, daß am Freitag, Punkt 13.00 Uhr, Tausende von Soldaten aller Ränge in ihren Privatfahrzeugen die Kasernen verließen, um zu ihren Familien zu fahren - »da brach eine Welt zusammen«, formuliert ein ehemaliger Major.

Günter Jehmlich, von Hause aus Aufklärer bei einer NVA-Panzerdivision, sagt, daß er über die Feindarmee mehr wußte als über die eigene. »Aber diesen Fakt, Herr Schneider, kannte ich nicht . . . Ich war mehr als schockiert.« Der Anblick der leeren Kasernen am Wochenende, das Bild eines Feindes, der jeden Freitag um 13.00 Uhr die Kelle hinwirft und nach Hause fährt, erklärte Hunderte von durchwachten Wochenenden für null und nichtig, schrieb jahrelange Schulungen um, zerstörte ein Welt- und Feindbild bis auf die Grundmauern.

Unter Berufung auf die jederzeit drohende Aggression aus dem Westen hatte die NVA eine 85prozentige Einsatzbereitschaft ihrer Truppen aufrechterhalten. Die Offiziere hatten nur an einem Abend in der Woche Ausgang, konnten meist nicht einmal Weihnachten ihre Frauen und Kinder sehen, mußten selbst im Urlaub jederzeit erreichbar sein - ein Offizier, der an der Ostsee wohnte, berichtet, daß er sogar die Skizze seines Strandkorbs hinterlassen mußte, wenn er am Wochenende an den Strand fuhr.

Die Truppen waren darauf gedrillt, die Zeit vom Pfiff bis zum feldmarschmäßigen Ausrücken in Weltrekordzeit zu bewältigen. In 28 Minuten - die Zeit errechnete sich aus der angenommenen Flugzeit feindlicher Raketen -, höchstenfalls in zwei Stunden wären die Kasernen leer gewesen. »Dazu«, so Oberstleutnant Wedigo von Wedel vom Bundeswehr-Territorialkommando Ost, »hätten wir im Westen Tage gebraucht.«

Man meint, die Konstellation aus einer der phantastischen Geschichten von Jorge Luis Borges zu kennen. 30 Jahre lang warteten die Generale und ihre Offiziere stündlich und rund um die Uhr auf einen Feind, der all ihre Tätigkeiten und selbst ihre Träume bestimmte. Sie kannten ihn beim Namen, hatten seine Gewohnheiten studiert, wußten, in welchem Zimmer er schlief und welche Pistole er im Halfter trug; am Ende kannten sie ihn besser als sich selber. Aber der Feind, der diesen ungeheuren Anstrengungen und Entbehrungen Sinn verlieh und den sie im Ernstfall wohl besiegt hätten, kam nicht. Und als sie eines Wochenendes hingingen, um ihn mit eigenen Augen zu betrachten, waren die Kasernen leer.

Tatsächlich lagen die Soldaten der alten Bundeswehr nicht nur um Tage hinter den Bereitschaften ihrer Kollegen aus der NVA zurück, sie unterschieden sich im wichtigsten Punkt. »Die Bundeswehr«, erklärt Oberstleutnant von Wedel, »hatte nie ein Feindbild. Ich habe es, auch innerlich, schlicht und ergreifend abgelehnt, mir einen Feind auszumalen, der NVA-Uniform trägt. In meiner Vorstellung gab es einen Gegner, der selbstverständlich ,Ostblock'' hieß, auf den ich, wenn er angegriffen hätte, auch ohne mit der Wimper zu zucken geschossen hätte. Aber daß ich je Haß empfunden hätte . . . Die NVA-Soldaten, das waren für mich die Kameraden mit der anderen Feldpostnummer.«

Man muß das ja nicht glauben. Aber die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, daß sich diese Auskunft nicht einfach als eine brave Wiederholung des offiziellen Auftrags der Bundeswehr abtun läßt. Spätestens in der Golfkrise wurde klar, daß die bundesdeutsche Armee sich weit - manche Bündnispartner fanden nun: viel zu weit - von ihren militaristischen Traditionen entfernt hatte.

Die merkwürdigen Dinge, die sich am Rand der Entsendung einer symbolischen Nato-Truppe in die Türkei ereigneten, machten die Welt auf eine historisch neue Eigenart deutscher Soldaten aufmerksam: mangelnde Motivation. Als das Jagdbombergeschwader 43 mit seinen Alpha-Jets auf dem türkischen Stützpunkt Erhac ankam, setzte es eine Diskussion in Gang.

Berufssoldaten machten sich zum erstenmal klar, daß ihr Beruf das Risiko mit sich bringt, vorzeitig zu sterben - Hunderte von ihnen entschlossen sich zur Verweigerung, Tausende von Wehrpflichtigen folgten ihrem Beispiel. Offiziere meldeten, daß sie in den Kasernen immer häufiger in »ängstliche Gesichter« blickten. Wehrexperten kritisierten das Verteidigungsministerium: Auf die Möglichkeit, daß Bundeswehr-Soldaten tatsächlich in einem Krieg töten müßten und sterben könnten, sei in den Lehrgängen nie hingewiesen worden.

Zu ähnlichen Beobachtungen bot der Somalia-Einsatz von 1700 Bundeswehr-Soldaten Anlaß. Die eigentlich erfreuliche Entdeckung, daß die ehemals gefürchtetste Armee der jüngeren Geschichte sich inzwischen eher an den Idealen des Soldaten Schweijk als an denen des Generals Blücher ausrichtete, wurde von den Nachbarvölkern, vor allem von den Engländern, erst mit Staunen und dann mit zunehmendem Hohn vermerkt. Das Wort von den deutschen »chocolate soldiers« machte die Runde.

Kulturschocks beim Zusammentreffen der NVA-Offiziere mit den westdeutschen »chocolate soldiers« waren programmiert. »Für mich war es schlimm«, so beschreibt ein ehemaliger NVA-Major, jetzt Bundeswehr-Hauptmann, die ersten Monate in der Bundeswehr. »Wenn ich die Wehrpflichtigen sehe, in Halbzivil, da wird nicht gegrüßt, man kriegt zu hören: ,Wir streiken, wir fahren nicht zum Schießen'' - für Militärs ist das eine unerträgliche Sache.«

In den Lehrgängen der Bundeswehr hörte er zum erstenmal vom »Bürger in Uniform«, von den Idealen der »Inneren Führung«, die den Soldaten dazu befähigen sollen, die Pflichten des soldatischen Gehorsams mit den Prinzipien der Demokratie zu vereinbaren. Eine gute Sache, meint der ehemalige NVA-Major, aber »wenn diese Armee einmal wirklich gefordert würde, einen Krieg führen müßte, dann könnte sie sich solche Scherze nicht mehr erlauben«. Andere, die nicht genannt werden wollen, drücken sich drastischer aus: »Wenn man gewußt hätte, was das für ein lascher Haufen ist . . . In zwei Wochen hätte man die überrannt.«

Auch der ehemalige Panzer-Depot-Kommandeur Henning Kersten hatte sich alles »ein bißchen militärischer vorgestellt, exakter, präziser, vom Auftreten bis ins militärische I-Tüpfelchen«. Von den Umschulungen in Koblenz war er nicht sonderlich beeindruckt. Sicher, er sei dort zum erstenmal in einen Leopard gestiegen, aber die technischen Unterweisungen seien völlig überflüssig gewesen. Denn selbstverständlich habe er aus den geheimen Unterlagen der NVA jeden Bedienungshebel, jeden Griff in- und auswendig gekannt, er hätte den Panzer sofort starten und führen können.

Umgekehrt habe er hohe Panzeroffiziere aus der alten Bundeswehr durch die »Reduzierungsstätte« in Charlottenhof geführt und feststellen müssen, daß sie einen T-55 nicht von einem T-34 oder T-72 unterscheiden konnten: »Bis heute vermengen sie das.« Er hingegen habe nicht nur die Panzer der gegnerischen Brigade, sondern auch deren Kommandeur von Gesicht und mit Namen gekannt. Mit einem gewissen Erschrecken habe er festgestellt, daß sich der imperialistische Feind offenbar nie recht für seinen Gegner interessiert habe.

Das Befremden war beidseitig. Im Spätherbst 1990, so erinnert sich der Bundeswehr-Kapitän zur See Friedrich Wilhelm Müller-Meinhard, der neben seinen Grundlehrgängen über 800 ehemalige NVA-Offiziere betreut hat, traf eine Gruppe von Neuankömmlingen aus der NVA in der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr ein.

Einer Fehlinformation wegen mußten die Neuen zu einer anderen Kaserne umdirigiert werden. Der zuständige Offizier der Bundeswehr-Akademie hatte einen wehrpflichtigen Soldaten vor das Tor postiert, zur Wegweisung. Die NVA-Offiziere fühlten sich prompt diskriminiert: In der NVA sei es einfach undenkbar gewesen, daß ein Mannschaftsdienstgrad einem Stabsoffizier eine Weisung weitergibt; für diese Aufgabe hätte mindestens ein Hauptmann vor dem Tor stehen müssen.

Im Hörsaal ergaben sich Irritationen, die wie ein Zitat aus Billy Wilders Filmkomödie »Eins, zwei, drei« anmuten. Bei Fragen und Antworten standen die NVA-Offiziere auf und nahmen militärische Haltung an. Sie mußten, wiederum in militärischem Ton, darüber belehrt werden, daß man in der Bundeswehr während des Unterrichts sitzen bleibt. Kaum hatten sie sich an die neuen Freiheiten gewöhnt, hörten sie mit Erstaunen, daß ein ziviler Umgangston in der Kaserne nicht mit Laxheit zu verwechseln ist. »Wenn ich sage, ,Ich bitte Sie'', ist das bei uns ein Befehl!« erläuterte der Kapitän die westlichen Umgangsformen.

Als weit anstrengender erwies sich die psychologische Betreuung der Novizen. Noch nie in seinem Leben habe er abends, nach dem Unterricht, so stundenlange Gespräche geführt: »Erwachsene Männer haben hier geheult.« Immer wieder sei er auf die gleichen Fragen gestoßen: Haben wir die ganzen Jahre vergebens gedient, waren wir nicht auch eine Friedensarmee, gute Soldaten, die Waffenstolz und Offiziersehre hochgehalten haben? Gut, der Sozialismus funktioniert nicht, habe ihm eines Abends ein ehemaliger NVA-Kommandeur eingeräumt, aber »was ist denn jetzt das Leitbild meines Lebens?« - »Das müssen Sie selbst herausfinden, zusammen mit Ihrer Frau, wenn Sie eine haben«, habe der Kapitän erwidert. »Das war schlimm für die.«

Die Westoffiziere, die mit den Ostoffizieren dieselbe Hörsaalbank drückten, machen kein Geheimnis aus ihrem anfänglichen Mißtrauen gegenüber den neuen »Kameraden«. Doch alle, die ich fragte, versichern übereinstimmend, daß die Ressentiments im täglichen Umgang rasch abgebaut wurden. Am meisten habe der durch tägliche Nähe gegebene Zwang dazu beigetragen, einander zuzuhören, sich in die Rolle des anderen hineinzuversetzen - die Tatsache, daß die Ost- und Westoffiziere in den Unterkünften einander »ausgeliefert sind«.

Je länger ich zuhöre, desto weniger abwegig erscheint der Schluß, daß die Einbindung der NVA-Offiziere in die Bundeswehr den bisher glücklichsten Fall der Wiedervereinigung darstellt. Was die ehemaligen Waffenfeinde offenbar verbindet, ist das Wissen, daß sie Befehlen zu gehorchen haben und daß der Auftrag einer Armee vom einzelnen Soldaten nicht abhängt. Wichtiger als geschworene Feindschaften sind die Gemeinsamkeiten des Handwerks.

Als segensreichen Unterschied zwischen den ehemaligen Feinden verzeichnen die Ausbilder die »Leidensfähigkeit« der ehemaligen NVA-Offiziere und rühmen die Rückwirkung dieser Eigenschaft auf die Westoffiziere. Der Westoffizier schäme sich jetzt, wenn ihm der Ostkamerad erzähle, wie gut er es habe. Gewisse Probleme, die es vorher gegeben habe, Klagen über die Unterbringung etwa, »gewisse Übersensibilitäten - alles weg. Der Kamerad erzieht ja den Kameraden am besten«.

Oberst Reisch zögert nicht, das Muster auch für die zivile Vereinigung zu empfehlen: »Beinhart hätte man der Bevölkerung sagen müssen: Das sind die Kautelen, unter denen das läuft.« Und er verrät das Geheimnis des Erfolges: daß man in den Kasernen, in der Kantine wie in den Unterkünften, buchstäblich habe »zusammenrücken müssen«.

Der Wunsch, alle Deutschen hätten aus Anlaß der Wiedervereinigung für eine Weile in einer Kaserne Platz nehmen sollen, bleibt unausgesprochen und ist dennoch schwer zu überhören.

Genau einen Monat vor dem Fall der Mauer war Peter Miethe mit damals 45 Jahren zum Konteradmiral ernannt worden; er war der jüngste General in der Geschichte der NVA. In der Hierarchie der Marine gab es nur noch drei Dienstränge über ihm, den Vizeadmiral, den Admiral und den Flottenadmiral. Heute verkauft der Admiral a. D. unter dem Kommando eines meiner Bekannten, mit dem ich hin und wieder Tennis spiele, Kücheneinrichtungen der Firma Topla.

»Hoppla, jetzt kommt Topla« - mit diesem Spruch empfiehlt sich der ehemalige Admiral einer wachsenden Ost-Berliner Kundschaft. Die 20 Mitarbeiter starke Firma wurde nach der Wende in Ost-Berlin gegründet und macht im Jahr rund fünf Millionen Mark Umsatz. Ihr Chef, mein Tennisfreund, lobt den Admiral a. D. als seinen besten Mann. Ihm imponiert die Standfestigkeit des neuen Mitarbeiters ("geradeaus, immer noch ein Kommunist"), seine Bescheidenheit und sein unverändertes Pflichtbewußtsein.

Auch mir macht Miethe gleich bei unserer ersten Begegnung deutlich, daß von ihm Geständnisse und Selbstzerknirschung nicht zu erwarten sind. »Ich bin ein Überzeugungstäter«, sagt er, »in meinen Grundauffassungen hat sich nichts geändert.« - Berührung mit der Staatssicherheit? - »Aber jeden Tag, Herr Schneider. Das Ministerium für Staatssicherheit war doch ein ganz legales Staatsorgan!« Er wundert sich über die Distanzierungsversuche so vieler ehemals geachteter Kollegen. Er, als stellvertretender Leiter der Sicherheitsabteilung im ZK der SED, sei auf die Zusammenarbeit mit der Stasi dringend angewiesen gewesen. Das eben sei der Vorteil seiner neuen Tätigkeit: »Wenn ich Küchen verkaufe, muß ich nicht meine Gesinnung wechseln.«

Der ehemalige Konteradmiral hält denn auch die meisten der übernommenen NVA-Offiziere für unsichere Kantonisten und glaubt, daß die Bundeswehr sich nicht lange mit ihnen aufhalten werde. Das hofft er sogar. Man könne die Tatsachen nicht umlügen. Die Nationale Volksarmee sei praktisch eine Partei-Armee gewesen; weit über 90 Prozent der Offiziere waren Mitglieder der SED. »Entweder haben sie uns damals über ihre Gesinnung etwas vorgemacht, oder sie machen heute ihren neuen Befehlshabern etwas vor.«

Für ihn wäre eine Übernahme in die Bundeswehr nie in Frage gekommen, selbst wenn sie möglich gewesen wäre. »Ich habe mich immer als Soldat der gegnerischen Armee zur Bundeswehr verstanden, zu der hätte ich nie überlaufen können.« Miethe demissionierte aus eigenem Entschluß nach der Märzwahl 1990 und nahm mit einer einmaligen Abfindung von 2500 Mark seinen Abschied von 28 Dienstjahren. Was auf ihn zukam, wußte er: Warten in der Schlange vor dem Arbeitsamt.

In dieser Zeit lernte der Admiral a. D. aus dem Osten den Küchenverkäufer aus dem Westen kennen, beim Angeln. Beim langen Warten auf den Biß kam man sich näher, und dem Geschäftsmann dämmerte, daß der arbeitslose Admiral ein idealer Mitarbeiter sein könnte. In jedem denkbaren Fotowettbewerb über die Frage: »Würden Sie von diesem Mann eine Küche kaufen?« würde er als Sieger hervorgehen.

Aber auch für Peter Miethe war die neue Tätigkeit, über die man sich rasch einig wurde, nicht ohne Reize. Als Admiral hatte er zuletzt 3400 Ostmark verdient, als Küchenverkäufer brachte er es in seinem ersten Jahr auf 8000, im zweiten auf 12 000 Mark Provision.

»Aus alten Küchen werden neue«, zitiert der Admiral a. D. den Tagesbefehl seiner Anfangszeit. Er staunte nicht schlecht darüber, wie viele Kunden in Ost-Berlin sich den Küchenumbau leisten konnten. Das Geschäft war um so erstaunlicher, weil auf Kredit nichts ging.

Nach der Pionierzeit als Verkäufer zog es ihn auf den Posten des Vertriebschefs. »Eine grundlegende soziale Hemmschwelle«, so Miethe, habe ihn daran gehindert, die Spitzenleistungen eines Verkäufers zu erreichen. Während die besten Verkäufer zwei Kunden für einen Auftrag brauchten, mußte Miethe für eine Unterschrift durchschnittlich vier bis sechs Adressen ablaufen. In seiner neuen Position als Vertriebschef verdiente er, mit 3400 Mark netto, erheblich weniger als vorher, aber wunderbarerweise genausoviel wie ehedem als Admiral.

Im übrigen war dieser neue Posten für einen Mann, der gewohnt war, »in komplexeren gesellschaftlichen Zusammenhängen« zu denken, weitaus angemessener und ließ ihm Zeit für seine politischen Hobbys. Denn schon im letzten Jahr des Honecker-Regimes war Peter Miethe zu der Überzeugung gelangt, daß »der Frieden durch Militär nicht mehr zu sichern ist«. Die martialischen Militärparaden der Volksarmee zu den Jahrestagen der Republik waren ihm nur noch als gefährliche Drohgebärden erschienen. Seine Anregungen, aus Kostengründen auf die Paraden zu verzichten, stießen bei der Partei nicht auf Gegenliebe.

Erst in einer Arbeitsgruppe der SED-Nachfolgepartei PDS namens »EntRüstung« fand der Admiral a. D. Zuspruch und endlich zu sich selbst. Dort gelang ihm das Kunststück, seine neue Abneigung gegen alles Militärische mit seinem alten Haß auf die Bundeswehr zu verschmelzen. Wer auf Entmilitarisierung setze, so Peter Miethe heute, »der muß raus aus der Uniform statt rein«. Folglich sei jeder neue Soldat in der Bundeswehr »einer zuviel«. Das neue Motto, dem er sich verschrieb, hieß: »Überlaufen nein, desertieren ja!«

Am 17. November 1990 ergab sich die Gelegenheit für einen spektakulären Auftritt. Für diesen Tag hatten verschiedene linke Gruppen aus Ost- und West-Berlin eine Demonstration gegen die Wehrpflicht organisiert. Die Veranstalter wollten die vielen, niemals rehabilitierten Deserteure aus Hitlers Wehrmacht ehren, aber auch die amerikanischen Deserteure während des Vietnamkrieges, vor allem wollten sie ein Zeichen für potentielle Deserteure aus der Bundeswehr setzen.

Etwa 10 000 Teilnehmer trafen sich am Mahnmal Unter den Linden (Ost-Berlin) und zogen zum Wittenbergplatz (West-Berlin). Mit dabei in seiner alten Uniform: Miethe. Einige der Demonstranten hatten sich aus Jux in den Thriftshops der U. S. Army, bei den Händlern am Brandenburger Tor oder im Kostümverleih mit Uniformteilen ihrer jeweiligen Lieblingsfeinde eingedeckt - der Nato, der Bundeswehr, der GSG 9; andere hatten sich Phantasiekostüme geschneidert. Niemand bemerkte, daß unter all den falschen Soldaten ein echter Admiral mitlief, niemand wäre imstande gewesen, die Admiralsmütze, die Orden, die Schulterstücke von anderen Diensträngen zu unterscheiden; bestenfalls wunderte man sich über das perfekte Kostüm.

Die ganze Zeit auf dem langen Marsch im Regen schliff der Admiral a. D. im Geist an einer Rede, an einer Ansprache, an einer Formel, die die Summe eines langen Soldatenlebens ziehen würde. Doch die Rede wurde nicht gehalten. Irgendein Organisator hatte seinen Namen von der Rednerliste gestrichen, und in seinen 28 Dienstjahren hatte der Admiral nicht gelernt, ohne Befehl ein Podium zu erstürmen und das Mikrofon an sich zu reißen. Y

* Auf der Karte, 13 mal 21 Meter groß, ist der Raum von den Alpenbis Südschweden nachgebildet.* Erstes öffentliches Gelöbnis für 250 Rekruten der früheren NVA am19. Oktober 1990 in Bad Salzungen.* Auf dem Truppenübungsplatz Haide bei Cottbus im Juli 1990.

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