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FRANKREICH / ABWERTUNG Die Nullen-Reform

aus DER SPIEGEL 2/1959

»Frankreich wird«, so sprach Finanzminister Antoine Pinay, »nicht länger eine starre Insel der Vergangenheit in einem Europa sein, das in die Zukunft aufgebrochen ist.« Mit diesem historischen Vorwort verkündete der Minister am dritten Weihnachtstag den Rundfunkhörern eine Reihe wirtschaftlicher Sanierungsmaßnahmen, mit denen die Regierung General de Gaulles »Frankreich wieder in den Rang der wirtschaftlichen Großmächte zurückfuhren« will.

Der Botschaft Pinays waren drei spannungsgeladene Kabinettssitzungen voraufgegangen. Erst danach hatte der Liberale Pinay ein Programm durchgesetzt, das die französische Wirtschaft von der vierzehn Jahre andauernden inflationistischen Auszehrung kurieren soll:

Statt Pflästerchen, mit denen man bisher von Zeit zu Zeit der Franc-Krise zuleibe gerückt war, setzte de Gaulles Finanzminister das Operationsmesser an:

- Der Außenwert des Franc wurde um 14,9 Prozent abgewertet.

- Die staatlichen Subventionen, mit deren Hilfe die Preise vieler Güter und Dienstleistungen bisher künstlich niedrig gehalten worden waren, wurden um 1,45 Milliarden Mark gekürzt.

- Die Körperschaftssteuer sowie die Verbrauchssteuern für Kaffee, Tee, Tabak und Wein wurden erhöht, so daß künftig pro Jahr etwa 2,5 Milliarden Mark mehr Steuern erlöst werden.

- Die Steuervergünstigungen für die Landwirtschaft wurden eingeschränkt.

- Die Einfuhr aus den 16 Staaten des Europäischen Wirtschaftsrates (OEEC) wurde zu 90 Prozent freigegeben.

- Die gleitende Lohnskala, nach der viele Löhne mit den Lebenshaltungskosten automatisch steigen, ist aufgehoben worden.

Die neue Abwertung ist die siebte seit 1945 und die vierzehnte seit 1914. Der Feingoldwert des Franc ist während dieser Zeit von 322 Milligramm auf 1,8 Milligramm gesunken. Wenn es trotz der häufigen Änderungen des Wechselkurses seit dem Zweiten Weltkrieg niemals gelungen war, die französische Wirtschaft zu stabilisieren, so deswegen, weil keine der 21 Regierungen der Vierten Republik es gewagt hatte, die Inflationswogen im Inland einzudämmen, die vorwiegend aus drei Quellen sprudelten, aus:

- den Militärausgaben, vorwiegend für Indochina oder Algerien, die alljährlich 10 bis 13 Milliarden Mark verschlangen,

- den ehrgeizigen Entwicklungsprogrammen für Frankreich und Übersee, die über die finanziellen Möglichkeiten des Staatshaushalts hinausgingen, und

- der großzügigen Sozialpolitik in Form von Familienbeihilfen, Ausgleichszahlungen und Subventionen aller Art.

Unter diesen Lasten waren der französische Staatshaushalt im Verlauf der Jahre immer brüchiger geworden und die Etat -Fehlbeträge seit 1953 mit 5,6 Milliarden Mark auf gut 10,2 Milliarden Mark im vergangenen Jahr gestiegen. Mangels anderer Mittel mußte das Defizit durch Vorschüsse der Banque de France gedeckt werden. Die aufgeblähten Kredite und die Aufzehrung aller finanziellen Reserven durch den Staat beschleunigten die Inflation: Seit 1950 stieg Frankreichs Preisniveau um über 50 Prozent.

Angesichts der steigenden Inlandpreise, die ihrerseits durch den Index-Automatismus sofort wieder Lohnerhöhungen auslösten, erwiesen sich alle bisherigen Abwertungen in kurzer Zeit als wirkungslos. Da sich die Preisverhältnisse schnell wieder zugunsten des Auslandes verschoben, schwollen die Importe erneut an, während andererseits französische Produzenten das Interesse am Exportgeschäft verloren. Sie konnten ihre Erzeugnisse im Inland zu Inflations-Höchstpreisen absetzen, die in den Nachbarländern niemand zahlte. So wurde die Devisenlücke immer wieder aufgerissen, und eine weitere Abwertung war erforderlich (siehe Graphik).

Unter dem machtvollen Arm des Generals de Gaulle konnte sich jetzt Antoine Pinay weiter vorwagen als seine Amtsvorgänger, die jeweils nur den Wechselkurs geändert hatten. Antoine Pinay vermindert durch Streichung der Subventionen und Erhöhung der Steuern zumindest das Staatsdefizit - eine Hauptquelle der Inflation. Der Fehlbetrag soll im kommenden Jahr von 10,2 Milliarden Mark auf fünf Milliarden sinken.

Zu einer echten Währungsreform jedoch, wie sie 1948 etwa von Westdeutschland vorexerziert worden ist, konnte sich die Regierung de Gaulle nicht entschließen, obwohl der General sich bei Bundeswirtschaftsminister Erhard in Bad Kreuznach interessiert nach Einzelheiten der deutschen Währungsumstellung erkundigt hatte. In Frankreich werden die Ersparnisse nicht abgewertet, und die überschüssige Kaufkraft, die auf den Märkten die Preise hochtreibt, wird nicht abgeschöpft. Lediglich aus optischen Grüniden strich Pinay von jeder Banknote zwei Nullen ab. Die Preise schrumpften ebenfalls auf ein Hundertstel.

Der starke General rührte auch nicht an alle Privilegien der großen und kleinen Feudalherren der französischen Wirtschaft, die wie mittelalterliche Raubritter auf ihren Châteaus im Lande sitzen und ihre Gewinne vor dem Fiskus hüten: die Weinbauern, die Zuckerrüben- und Getreidebauern, deren riesige, aber minderwertige und daher unverkäufliche Anbauüberschüsse der Staat Jahr für Jahr zu Festpreisen abnimmt. Ei rührte nicht an die antiquierten Vorrechte etwa der Schnapsbrenner, die aus unverkäuflicher Obsternte mit selbstgebastelten Brennöfen einen Fusel destillieren, den der Staat aufkauft und dann in kostspieligen Verfahren verdunstet oder ins Meer schüttet. Ungeschoren blieb das hoffnungslos übersetzte Gewerbe der Groß- und Einzelhändler, die etwa Gemüse und Obst über 100 bis 200 Kilometer zehn-, bis zwanzigmal umschlagen, so daß der Preis einer Tonne Gemüse in der Hochsaison auf dem Weg von der Normandie bis in die Pariser Zentralhallen um 300 Prozent steigt.

Trotz dieser Milde gegenüber dem zünftlerischen Wirtschaftssystem mobilisierten die Verbandsgewaltigen bereits in der vergangenen Woche ihre Klienten: »Äußerste Wachsamkeit und Entschlossenheit«, so hieß es zum Beispiel in Telegrammen des Landwirtschaftsverbandes an seine Bezirksvertretungen; sei von nun an geboten, um »unsere Interessen gegen die übergriffe der Staatsgewalt zu verteidigen«.

Die Aktion »Ehrlichkeit und Stärke« (so nannte sie General de Gaulle) bringt auch noch keine Entscheidung über den kostspieligen Algerien-Krieg, der den Inflationsmotor im Staatshaushalt antreibt. Neben dem guten Willen der Bevölkerung und der Unternehmer hängt deshalb der Erfolg des Programms nicht zuletzt von den finanziellen Stärkungsmitteln ab, die das Ausland aus seinen Devisenbeständen beisteuern soll (siehe Seite 14).

Die Finanz- und Wirtschaftsexperten hatten den General und seinen Finanzminister schon im Sommer darauf hingewiesen, daß eine neue Franc-Abwertung und eine tatkräftige Bekämpfung der Preisinflation im Inland auch neue und hohe Auslandskredite erforderlich machen. Washington, Bonn und die Weltbank stellten jedoch neue Devisenkredite nur für den Fall in Aussicht, daß die Franc-Sanierung diesmal tatsächlich ernsthaft betrieben und durch eine Austerity-Politik im Inland unterstützt würde.

Der Ablauf der Frist bis zum Beginn der ersten Integrationsphase für die sechs Länder des Gemeinsamen Marktes am 1. Januar 1959 und die damit verbundene Vertrauenskrise zwangen schließlich die Regierung in Paris zu einer schnellen Entscheidung.

Den letzten Anstoß gab der kurz vor Weihnachten veröffentlichte Entschluß Englands, künftig allen Ausländern den unbegrenzten An- und Verkauf von Pfunden zu gestatten. Da es in Paris nicht verborgen geblieben war, daß sowohl Westdeutschland als auch die Benelux-Staaten, Italien und die skandinavischen Länder diese sogenannte Konvertierbarkeit (Austauschbarkeit) sofort auch für ihre Währungen einführen würden, sah sich die französische Regierung vor die Alternative gestellt:

- entweder auf die Konvertierbarkeit des Franc zu verzichten, wodurch die französische Währung im internationalen Handel endgültig zu einer Devise zweitrangiger Qualität absinken würde, oder - ebenfalls die Konvertierbarkeit einzuführen, dann jedoch eine Stabilisierung des Franc durchzuführen, ohne die sonst eine unbegrenzte Flucht aus dem Franc in andere Währungen einsetzen würde.

Um nicht die eigene Währung zu disqualifizieren, mußte Frankreich mithin die Konvertierbarkeit wählen und konsequenterweise versuchen, den Franc auch im Inland zu sanieren. Ein weiteres Absinken der französischen Kaufkraft bei freiem internationalem Devisenaustausch nämlich würde eine Katastrophe auslösen: Frankreichs Exporte würden zusammenbrechen, und der Franc wäre erneut abwertungsreif. Jede nochmalige Währungskorrektur aber wäre - nachdem sich auch der Nimbus de Gaulles verbraucht hätte dann zum Scheitern verurteilt.

So eindeutig diese Konstellation war, so wenig konnten es Frankreichs Sozialisten und Kapitalisten begreifen, daß plötzlich der gewohnte Geldschleier der Inflation weggerissen werden und Frankreichs Lebensstil preußische Züge annehmen sollte. Pinays sozialistische Ministerkollegen brachten in der Weihnachtswoche sofort das für solche Fälle bereitgehaltene Argument vor, die Franc-Sanierung sei geeignet, den Lebensstandard des kleinen Mannes erheblich zu schmälern.

Tatsächlich folgen sowohl aus der Abwertung als auch aus den inneren Sparmaßnahmen Preiserhöhungen für die Verbraucher. Durch die Tatsache, daß mit der Abwertung ausländische Erzeugnisse in Frankreich teurer werden, entfällt überdies ein wichtiges Regulativ für das inländische Preisniveau. Und schließlich wirkt jede Abwertung schon aus psychologischen Gründen preissteigernd.

Nicht anders verhält es sich mit dem Wegfall der Subventionen sowie den Steuererhöhungen. Durch die Subventionen auf nahezu alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse, auf Gas, Elektrizität und Kohle wurden bisher die Verbraucherpreise künstlich gedrosselt. Diese unechten Preise werden in Zukunft durch Marktpreise abgelöst. Preissteigernd werden sich auch die Steuererhöhungen auswirken. Denn wie in allen westlichen Ländern kalkulieren die französischen Unternehmer, soweit es irgend geht, alle Steuern in die Preise hinein.

Zum Ausgleich der erwarteten Härten boten der General und sein Minister zwar viereinhalbprozentige Erhöhung des Mindestlohnes sowie höhere Invaliden- und Altersrenten an. Sie sollen aber durch höhere Sozialversicherungsbeiträge und Rentenverzichte der besser gestellten Arbeitnehmer und freien Berufe aufgebracht werden. (De Gaulle an die Kriegsverletzten: »Kamerad, wenn du auch ohne, deinen Ehrensold auskommst, verzichte!") Über die unvermeidlichen Preiserhöhungen sagte Pinay lakonisch: »Die Leute müssen lernen, daß sie selber bezahlen müssen, was sie verbrauchen. Die Wahrheit kann nicht kaschiert weiden.«

Obwohl kein Finanzminister Frankreichs während der letzten Jahre so deutlich gesprochen hatte, verzichteten die sozialistischen Minister darauf, den General mit Rücktrittsdrohungen zu konfrontieren. Sie kündigten allerdings an, daß ihnen der neue finanz- und wirtschaftspolitische Kurs und das neue Budget nicht erlauben würden an der noch im Januar zu bildenden neuen Regierung teilzunehmen.

Die von Kennern der französischen Mentalität vorausgesagte Offensive gegen die Politik der enggeschnallten Gürtel beginnt vermutlich mit dem 8. Januar, dieses Jahres. An diesem Tage zieht sich der legendäre und unangreifbare Souverän de Gaulle aus seiner politischen Frontstellung als Regierungschef in die Etappenresidenz des Staatspräsidenten zurück. Man rechnet in Paris damit, der Staatschef de Gaulle werde dann nicht mehr in die Innen- und Wirtschaftspolitik eingreifen. Unternehmer und Sozialisten hoffen zuversichtlich, daß die Minister der neuen Regierung - nach dem Muster ihrer Vorgänger in der Vierten Republik - den konzentrierten Pressionen der Partikularinteressenten weichens und zu Kompromissen über das harte Sparprogramm bereit sein werden.

Frankreichs General de Gaulle, der Pinays Aktion seine Autorität geliehen hat, um auch der Retter des Vaterlandes aus den Wirtschaftsnöten zu werden, baut dagegen hoffnungsvoll auf die nationale Moral der Franzosen. Er kopiert deutlich das Rezept Winston Churchills, der Großbritannien im Zweiten Weltkrieg »Blut, Schweiß und Tränen« abverlangte.

Franc-Stabilisator Pinay

Die Zukunft...

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