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FRANKREICH / ALGERIEN-REBELLEN Die offene Tür

aus DER SPIEGEL 13/1958

Sieben Tage brauchte das Gericht der ostfranzösischen Stadt Besançon, um - wie die Zeitung »Paris-presse« formulierte - »einer von zwei Wahrheiten den Vorzug zu geben": der Staatsräson oder der Verpflichtung des einzelnen, seinem Gewissen zu gehorchen. Dann verurteilte es die katholische Studentin Francine Rapiné zu drei Jahren und den protestantischen Pfarrer Etienne Mathiot zu acht Monaten Gefängnis.

Die Angeklagten wurden für schuldig befunden, dem Nordafrikaner Si Ali Lahuedsch - angeblich Regionalchef der algerischen Freiheitsbewegung FLN (Front de Liberation Nationale) - Beistand geleistet und ihm schließlich zur Flucht in die Schweiz verholfen zu haben.

Der Prozeß erregte in der französischen Öffentlichkeit erhebliches Aufsehen und zog die Reporter fast aller großen Zeitungen des Landes nach Besançon. Schon in den ersten Tagen der Beweisaufnahme wurde nämlich deutlich, daß sich in diesem Prozeß der Gewissenskonflikt kristallisierte, den Frankreichs Algerienkrieg mit seinem Terror und Gegenterror, seinen diabolischen Grausamkeiten und Rechtsbrüchen auf beiden Seiten - bei einem großen Teil der Bevölkerung ausgelöst hat. Die 21jährige Studentin Francine Rapiné stand als Vertreterin jener akademischen Jugend vor Gericht, die das Vorgehen der Pariser Regierung in Algerien mit Abscheu betrachtet und für die algerischen Rebellen vielfach mehr Sympathie aufbringt als für die Soldaten des eigenen Landes. Pastor Mathiot, dekorierter Resistance-Held und Vater von vier Kindern, verkörperte das Gewissen des Christen gegenüber einer Staatsräson, die auch vor Terrormaßnahmen nicht zurückschreckt, wie man sie sonst nur in Diktaturen kennt.

Die Anklageschrift hatte dem Pastor Mathiot vorgeworfen, er habe den Si Ali Lahuedsch auf Bitten der Francine Rapine drei Tage lang in seinem Pfarrhaus versteckt und ihn dann hin Auto über die französisch-schweizerische Grenze nach Genf gefahren. Das war im November vergangenen Jahres.

Die Verteidiger des Pastors wiesen nach, daß damals kein Haftbefehl gegen den angeblichen FLN-Führer vorlag und daß er im Besitz eines französischen Passes gewesen war. Bei der Fahrt in die Schweiz hatte sich Si Ali bei der Grenzkontrolle ebenso ordnungsgemäß legitimiert wie Mathiot. Der Grund seiner Flucht war nach der Aussage des Angeklagten - die Furcht vor der politischen Polizei. Er glaubte, man wolle ihn verhaften und der französischen Sicherheitspolizei in Algerien ausliefern, über deren Verhörmethoden sich der Nordafrikaner keine Illusionen machte. »Mein Verhalten bedeutet nicht, daß ich die Politik der FLN in allem für richtig halte«, verteidigte sich Pastor Mathiot vor Gericht. »Aber ich werde stets die Menschen vor Leiden zu bewahren suchen. Ich bin gegen Grausamkeiten. Ich wollte Si Ali der polizeilichen Verfolgung entziehen, um ihm Torturen zu ersparen.« Einer der zwölf Zeugen, die von der Verteidigung aufgeboten wurden, um die Handlungsweise Mathiots moralisch und theologisch zu rechtfertigen, der Geistliche Cazalis, betonte: »Seine Pflicht als Pastor verlangt, daß sein Haus ohne Unterschied der Rasse und des Glaubensbekenntnisses allen offensteht, die an die Tür klopfen.«

Der ehemalige Minister Andre Philip der nach seiner scharfen Kritik am französischen Suez-Abenteuer aus der Sozialistischen Partei ausgeschlossen wurde - erinnerte daran, daß Mathiot dieser Pflicht zeit seines ganzen Lebens nachgekommen sei. Während der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen habe er in seinem Hause Juden und entflohene Kriegsgefangene beherbergt. Später, nach der Befreiung, hätten Anhänger des Vichy -Regimes in der Wohnung des Resistance -Helden Mathiot Schutz vor persönlichen Racheakten gefunden. Und als die Polizei den Pastor im Dezember verhaftete, habe man im Pfarrhaus außer dem Algerier auch einen ungarischen Flüchtling und einen Pariser Clochard angetroffen.

»In diesem Prozeß«, so erklärte Andre Philip, »kollidieren zwei Imperative miteinander. Für den Ankläger ist die Nation und im weiteren Sinne die soziologische Gruppe oberste Realität. Um sie zu sichern, sind alle Mittel recht. Für Mathiot aber ist der Mensch der Mittelpunkt freier Selbstbestimmung. Er gehorcht ethischen Werten, die stärker wiegen als die Forderung der Gruppe.«

Mit ähnlicher Vehemenz, wenn auch nicht so philosophisch-spitzfindig, setzten sich die zwölf Entlastungszeugen - unter ihnen sechs Universitäts-Professoren und drei Theologen - für die Angeklagte Francine Rapiné ein. Die Studentin hatte bei ihrer Vernehmung angegeben, sie habe während eines einjährigen Aufenthaltes in Marokko das Leben der mohammedanischen Bevölkerung eingehend studiert. Dabei habe sie die Überzeugung gewonnen, daß ein gesundes Verhältnis zwischen Frankreich und den nordafrikanischen Gebieten nur möglich sei, wenn man den Nordafrikanern Selbständigkeit gewähre. Aus dieser Überzeugung heraus habe sie sich nach der Rückkehr an die Universität Besançon dem algerischen Rebellen Si Ali als Sekretärin zur Verfügung gestellt.

»Der Fall dieses Mädchens ist symbolisch für die Gewissenskonflikte, denen sich unsere Jugend angesichts des Algerien-Krieges ausgesetzt sieht«, sagte Professor Lerat von der Universität Besançon. Und sein Kollege Ricoeur von der Pariser Sorbonne ergänzte: »Die Vertrauenskrise, in die der Algerienkonflikt unsere nach sittlichen Werten suchende Jugend stürzte, hat Francine Rapiné bewogen, im Sinne und an der Seite Si Alis eine Lösung zu suchen.«

Staatsanwalt Armand ließ sich durch solche Argumente nicht beeindrucken. Er erinnerte an die vielen tausend Menschenleben, die der Algerienkrieg bereits gekostet hat. Die Angeklagten, so argumentierte er, seien zu Komplicen des FLN-Führers Si Ali Lahuedsch geworden, eines der »gefährlichsten Feinde Frankreichs«, und müßten entsprechend streng bestraft werden. Das Gericht verurteilte die Angeklagten wegen Landesverrats und Beihilfe zum Landesverrat.

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