Zur Ausgabe
Artikel 1 / 76
Nächster Artikel

BANKEN / UNIVERSALBANK-SYSTEM Die Omnipotenten

aus DER SPIEGEL 4/1971

Das Märchen von der zu großen Macht der Banken hat ein zähes Leben«, so klagt der Bundesverband deutscher Banken in einer Anzeigenserie, die seit Monaten in westdeutschen Zeitungen und Zeitschriften erscheint, »aber nur wer die Realität nicht kennt, glaubt noch an Märchen.«

In ihrer Selbstdarstellung zeichnen die Banken das Bild einer Branche, die sich zerreibt im Dienste des gesamtwirtschaftlichen Wohls, in der Pflichterfüllung für ihre Kunden und im Wettbewerb, der jede Machtausübung verhindert -- »härter und unerbittlicher, als es ein staatlicher Kommissar oder sonst jemand tun könnte«.

Die Bankiers betreiben ihre Geschäfte, so machen sie glauben, als wäre es kein Geschäft. Aktienpakete kaufen sie nur, um etwa Unternehmen zu sanieren. Ihre Aufsichtsratsmandate in großen Firmen nehmen sie wahr zum Nutzen der Belegschaften und der Aktionäre -- ohne jede Chance, mehr Einfluß auszuüben als zum gemeinen Wohl erforderlich. »Alle gegenteiligen Behauptungen«, so versichert der Bankenverband, »sind eine Karikatur der Wirklichkeit.«

Rembert van Delden hingegen, der als CDU-Bundestagsabgeordneter und Unternehmer gegen den Vorwurf gefeit ist, ein Sozialist zu sein, nannte die westdeutschen Banken »omnipotent": Sie könnten das »wirtschaftliche Geschehen weit mehr beeinflussen als der Wirtschaftsminister«.

Anders als ihre englischen, amerikanischen und französischen Konkurrenten sind die Kreditinstitute der Bundesrepublik nicht einfach nur eine Wirtschaftsbranche unter vielen anderen. Sie sind die Oberaufseher der gesamten Industrie. Die Banker verwalten 70 Prozent des gesamten Kapitals aller deutschen Aktiengesellschaften.

Sie kontrollieren fast alle Schlüsselindustrien zwischen Rhein und Elbe. Nahezu die gesamten Chemiekonzerne sind fest in ihrer Hand, obwohl sie ihnen nicht gehören. Sie bestimmen mit, was in den Montanunternehmen geschieht, und sie haben ein gewichtiges Wort bei den meisten großen Kaufhaus-Konzernen und fast allen überregionalen Bierbrauereien.

Auf ihren Reichtum angesprochen, stapeln die größten Geldmanager am tiefsten. Gut und Macht werden -- gemäß den Regeln der Bilanzierung -- nach dem Niederstwert-Prinzip aktiviert. So weisen die Deutsche und die Dresdner Bank ein Wertpapierportefeuille von jeweils rund 1,5 Milliarden Mark aus -- aber allein ein einziger Aktienposten der Deutschen Bank, ihr 27prozentiger Anteil an der Daimler-Benz AG, hat einen Kurswert von rund 1,35 Milliarden Mark. Die kleinste der Großen Drei, die Commerzbank, bilanziert ihren Wertpapierbesitz mit rund 770 Millionen Mark -- aber allein die beiden Viertel-Beteiligungen an den Warenhäusern Kaufhof und Karstadt sind derzeit soviel wert.

»In keinem Land der Welt«, urteilt Walter Koch, Präsident des Bundesverbandes Investmentvertrieb Deutschland (BID), »reicht das Regiment der Banken so tief in die Wirtschaft wie in der Bundesrepublik.«

Denn Westdeutschlands Bankiers müssen sich nicht wie ihre Kollegen in fast allen westlichen Industrieländern auf das reine Kreditgeschäft beschränken. Das sogenannte Universalbank-System, das im 19. Jahrhundert entstand und das die Bonner Nachkriegs-Regierungen unbesehen übernahmen, erlaubt ihnen, was anderswo meist verboten ist: gleichzeitig Finanzier, Eigentümer von Produktionsfirmen und Spekulant zu sein. Sie dürfen als Berater und Vertreter ihrer Kunden auftreten und zugleich mit ihnen um gewinnträchtige Anlagemöglichkeiten konkurrieren.

Von den mächtigen Männern im Hintergrund sind der breiten Öffentlichkeit freilich nur wenige bekannt. Lediglich der Name des Hermann Josef Abs, einst Vorstandssprecher und seit 1967 Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, dessen Aphorismen ("Mein Name ist Abs: A wie Abs, B wie Abs, S wie Abs") Westdeutschlands Wirtschafts-Journalisten akribisch sammelten, drang über den Kreis der Eingeweihten hinaus. Seine Kollegen in der Deutschen Bank haben nie eine derart denkmalähnliche Statur erreichen können -- und wohl auch nicht sollen. Gemessen an Abs, blieben seine Nachfolger im Amt blaß. Karl Klasen etwa, neben Franz Heinrich Ulrich zunächst Abs-Nachfolger als Sprecher der Deutschen Bank, kam erst zu Popularität, als er zum Bundesbankpräsidenten berufen wurde. Die Vorstandssprecher der anderen beiden Großbanken, Jürgen Ponto (Dresdner) und Paul Lichtenberg (Commerzbank), sind nur den Abnehmern von Großkrediten und Besuchern von Hauptversammlungen bekannt.

Lediglich die Außenseiter der Branche, Walter Hesselbach, Chef der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft, und Ludwig Poullain von der Westdeutschen Landesbank in Düsseldorf, veranstalten gelegentlich ein sonst in der Branche verpöntes Spektakel.

In den großen Kreditinstituten Westdeutschlands herrscht eine Oligarchie der Senioren. Nur elf von den insgesamt 33 Vorstandsmitgliedern der drei Großbanken sind jünger als 50. Sie sind entweder Juristen oder Bankkaufleute (meist Abitur und danach abgeschlossene Lehre im Bankfach) -- nur acht haben ein wirtschaftswissenschaftliches Studium absolviert.

Die Inhaber der Vorstandssitze, von denen jeder automatisch auch noch mit mehreren Aufsichtsmandaten in der Industrie belehnt wird, sind leise und vornehm und stets noch ein Stückchen konservativer als notwendig, um als konservativ zu gelten. Ihre Büros sind meist kaum voneinander zu unterscheiden -- gediegene farblose Eleganz in jenem Besitzbürger-Stil, der auf dem Elbe-Hochufer aussieht wie auf den Taunushöhen um Kronberg und im rheinischen Büderich.

Das »Handelsblatt«, das immer schreibt, was Unternehmer über sich gern lesen möchten, notiert über die Herren aus den Chef-Etagen des vornehmsten aller Dienstleistungs-Gewerbe, sie seien »gediegen« (so über den Aufsichtsratsvorsitzenden der Commerzbank Hanns Deuss), »dynamisch und mit dem Blick für das Wesentliche« (so über Dresdner-Bank-Sprecher Ponto) oder schlicht »überzeugend« (so über den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Franz Heinrich Ulrich).

Die Bankiers pflegen gern ein englisches Understatement: So sagte etwa Jürgen Ponto, über 18 Dienstjahre bei der Dresdner Bank, er habe in dieser Zeit »keine signifikanten Leistungen« vollbracht.

Ihre Freizeit nutzen die Bankherren zu feinen Hobbys: Sie spielen Golf -- wie Ernst Matthiensen und Cai Graf zu Rantzau von der Dresdner Bank oder Wilhelm Vallenthin sowie Alfred Herrhausen von der Deutschen Bank. Sie hören oder treiben Musik -- wie Hermann Josef Abs und Wilhelm Vallenthin. Reiten oder jagen gehen Karl Friedrich Hagenmüller und Herbert Henzel von der Dresdner Bank. Hans Rinn von der Dresdner Bank züchtet Pferde, Karl Klasen von der Bundesbank hingegen Orchideen.

Das Geldverleiher-Gewerbe, das im Mittelalter einem rechten Christen-Menschen verboten war und dessen Vertreter Mitte des vergangenen Jahrhunderts von dem Bankkritiker Daniel Hardcastle noch als »eine schlimme Gesellschaft von steinherzigen Aussaugern« beschimpft wurden, kam mit zunehmender Ausbreitung der Geldwirtschaft zu immer mehr Ansehen und Einfluß.

Die Omnipotenz der Universalbanken, die der westdeutsche Gesetzgeber gestattet, kommt freilich nur wenigen Banken und bestenfalls einigen hundert Bankiers zustatten. Von den 9536 Kreditinstituten der Bundesrepublik sind mehr als 8000 Genossenschaften, meist ländliche Spar- und Darlehnskassen, Raiffeisenkassen und Volksbanken. Ihre Kapitaldecke ist durchweg zu kurz, als daß sie damit Wirtschaftsmacht erzielen könnten.

Auch die 172 Privatbankiers haben -- gemessen an den Großbanken -- für die ganz großen Geschäfte zuwenig Masse. Insgesamt beträgt ihre Bilanzsumme 17 Milliarden Mark -- nicht einmal soviel wie die der Commerzbank, die kleinste der Großen Drei. Private Bankhäuser wie die des Hanseaten Alwin Münchmeyer oder des Münchners August von Finck sowie die feine Oppenheim-Bank zu Köln und das Düsseldorfer Bankhaus C. G. Trinkaus haben eher kraft der ganz persönlichen Beziehungen ihrer Eigentümer wirtschaftlichen Einfluß denn durch Kapitalgewicht.

Selbst große Regionalbanken mit Zweigstellen außerhalb ihres angestammten Geschäftsgebietes wie die Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank, die sich jüngst die Bochumer Westfalenbank angliederte, und die Bayerische Vereinsbank, die schon drei außerbayrische Stützpunkte hat (Vereinsbank in Hamburg, Handels- und Gewerbebank Heilbronn und das Düsseldorfer Bankhaus Simon), fühlen sich »in mancher Hinsicht eher noch auf der Seite der Habenichtse«, so der Vereinsbank-Sprecher Werner Premauer. Obwohl das Institut bereits an 13 branchenfremden Unternehmen, darunter sechs Bierbrauereien, maßgeblich beteiligt ist, meint der Münchner Bankier, »es wäre hochstaplerisch zu behaupten, wir seien schon auf dem Wege, eine mächtige Großbank zu werden«.

Die 851 Sparkassen verfügen zwar über rund 185 Milliarden Mark Geschäftsvolumen. Sie bestreiten etwa 23 Prozent des gesamten Bankgeschäfts, aber diesen öffentlich-rechtlichen Instituten ist durch Gesetz und Satzung verboten, auf eigene Rechnung zu spekulieren.

Lediglich die 13 kapitalkräftigen Girozentralen, die für ihre Anteilseigner, die Sparkassen, den überörtlichen Zahlungsverkehr durchführen und ihre Reserven verwalten, könnten als Universalbank fungieren. Doch von diesen ebenfalls öffentlich-rechtlichen Zentralbanken der Sparkassen haben erst in den letzten Jahren einige, beispielsweise die Westdeutsche Landesbank des Ludwig Poullain, damit begonnen, Beteiligungen an branchenfremden Unternehmen zu akquirieren. Nur die drei (privaten) Großen der Branche, die Deutsche Bank (Bilanzsumme: 27,7 Milliarden Mark), Dresdner Bank (21,1 Milliarden Mark) und die Commerzbank (17,4 Milliarden Mark), profitierten bislang uneingeschränkt vom Universalbanken-System und wurden dabei außer reich und rentabel auch mächtig.

Dank ihrer jahrelang wachsenden Gewinne -- das Kreditgewerbe gehört mit rund 13 Prozent jährlicher Umsatzsteigerung zu den expansiven Branchen der deutschen Wirtschaft -- konnten die drei Banken in den vergangenen Jahrzehnten Wertpapier-Pakete im Bilanzwert von 3,8 Milliarden Mark zusammenkaufen. Bei insgesamt 156 deutschen Firmen hält mindestens eine der Großbanken mehr als 25 Prozent des Kapitals und kann kraft dieser sogenannten Schachtelbeteiligung die Geschäftspolitik mit- und oft sogar allein bestimmen, wenn der Rest der Aktien breit gestreut ist.

So gehören etwa der Deutschen Bank Beteiligungspakete, die sie zur Mitherrschaft über 55 Firmen legitimieren, darunter das Frankfurter Bauunternehmen Philipp Holzmann AG, die Wiesbadener Chemiefirma Didier, die Kölner Schokoladenküche Gebrüder Stollwerck und Westdeutschlands feinstes Automobilwerk Daimler-Benz. Die Dresdner Bank, die im Ruf besonders aggressiver Geschäftsmethoden steht, hat sogar an 62 Firmen Schachtelbesitz von mindestens 25 Prozent des Grundkapitals.

Selbst die kleinste unter den großen, die Commerzbank, kann dank der Aktienpakete in ihren Tresoren noch in die Geschäftspolitik von 39 Unternehmen hineinreden. Zusammen mit der Dresdner gehören ihr eine Reihe von Westdeutschlands Nobel-Hotels wie das Hamburger Atlantic und das Kempinski in Berlin, außerdem die Kapitalmehrheit bei der Warenhaus-Kette Kaufhof AG. Und da doppelt genäht besser hält, hat sich die Commerzbank auch bei der Kaufhof-Konkurrenz Karstadt AG den stärksten Einfluß gesichert. Denn zusammen mit der Deutschen Bank hält sie die absolute Mehrheit des Karstadt-Kapitals. Auch die Deutsche Bank hat Ihre Kaufhaus-Interessen gebündelt. Denn sie ist außerdem mit zehn Prozent beim Kaufhof drittgrößter Aktionär -- nach Dresdner und Commerzbank. In einer gemeinsamen Holding halten die Deutsche und die Commerzbank auch noch die Sperrminorität an dem dritten großen Kaufhaus-Konzern, der Horten AG.

Neben diesen Großpaketen, die sie in ihren Geschäftsberichten ausweisen müssen, besitzen die drei Kreditkonzerne noch zahllose kleinere Beteiligungen, die sie in ihren Bilanzen unter den Sammelposten »Wertpapiere« und »Beteiligungen« verstecken. So gehören etwa der Deutschen Bank knapp 20 Prozent der Continental Gummi-Werke. Die Dresdner und die Commerzbank sind gemeinsam mit der Deutschen und der Westdeutschen Landesbank zu je 7,8 Prozent am Kernkraftwerk Lingen beteiligt.

Nur ihr Verantwortungsbewußtsein, das ist die offizielle Sprachregelung der Branche, habe die Bankiers zu ihrer massiven Industriebeteiligung gezwungen. Meistens sei das Institut eingesprungen, um ein leckgeschlagenes Unternehmen finanziell abzudichten. So weist etwa die Commerzbank immer noch darauf hin, daß sie ihre Viertelbeteiligung am heute florierenden Karstadt-Konzern in den frühen dreißiger Jahren bei einer Sanierungsaktion erworben habe.

Obwohl die Großen Drei in vielen Branchen einen Stützpunkt haben (siehe Graphik Seite 42), behauptet die »Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen«, es sei »eine Klein-Moritz-Vorstellung, daß die Banken über ihren Beteiligungsbesitz wirtschaftliche Macht ausübten«. Der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Ulrich, legt Wert auf die Feststellung, daß nach seinen Berechnungen die Banken nur etwa vier Prozent aller deutschen Aktien besitzen. Das sei, so Ulrich, »gesamtwirtschaftlich nicht bedeutend«.

Doch auch in Unternehmen, von denen ihnen noch nicht ein winziger Anteil gehört, können die Bankiers die Geschäftspolitik kontrollieren. Denn sie sind die einzigen westdeutschen Kapitalisten, deren Macht sich nicht allein auf Eigentum gründet. Ihnen sichert außerdem auch noch das Aktiengesetz eine Art von überbetrieblicher Mitbestimmung, die Deutschlands Unternehmer den Gewerkschaften nicht zubilligen möchten. Durch das sogenannte Vollmacht-Stimmrecht, das vom deutschen Reichsgericht 1892 zum erstenmal für legitim erklärt wurde und das auch im heutigen Aktiengesetz noch verankert ist, dürfen Banken die Hauptversammlungen großer Aktiengesellschaften auch ohne eigenen Kapitalanteil majorisieren.

Das Verfahren ist einfach: Die Banken bitten alle Kunden, die bei ihnen ein Aktien-Depot unterhalten, dem Institut das Stimmrecht abzutreten. Früher durften die Banken ihre Vertretungsvollmacht in die Geschäftsbedingungen drucken. Heute müssen sie ihre Depot-Kunden immerhin über die Lage der Firma, deren Hauptversammlung ansteht, informieren und auf Wunsch auch von ihren eigenen Empfehlungen abweichende Meinungen der Aktionärsversammlung vortragen. Die meisten Depot-Kunden freilich geben der Bank dennoch, was den Bankiers am liebsten ist: die Ermächtigung, für die Dauer von 15 Monaten alle Stimmrechte nach eigenem Gutdünken auszuüben.

Nach der Konzentrations-Enquete (Bundestags-Drucksache IV/2320) hatten die Banken Im Jähre 1961 durch derartige Vollmachtstimmrechte 60 Prozent des gesamten Kapitals der börsennotierten Aktiengesellschaften in ihren Händen. 70 Prozent davon entfielen allein auf die drei Großbanken. Bei 63 Aktiengesellschaften hatten die Banker damals aufgrund der fremden Papiere, deren Inhabern die Anfahrt zur Stimmabgabe zu teuer ist, die absolute Mehrheit in der Hauptversammlung.

Die von Kleinaktionären geliehene Macht sichert den Großbanken auch heute noch die Herrschaft über die meisten Publikumsgesellschaften, deren Anteilsscheine breit gestreut sind. So können die drei Banken regelmäßig auf den Hauptversammlungen der Chemie-Riesen Hoechst und BASF, der Ruhrunternehmen Rheinstahl und Hoesch und der Groß-Konzerne AEG und Demag mit der Majorität der Aktionärsstimmen aufwarten.

Die Opposition gegen die Vorschläge der Banken gleicht angesichts solcher von vornherein gesicherter Mehrheitsverhältnisse einem närrischen Spiel. Solange sich die Depotbanken einig sind -- und das sind sie praktisch immer -, kann niemand die vor Tisch gefaßten Beschlüsse in der Hauptversammlung revidieren. Die demokratische Abstimmung, laut Aktiengesetz vorgeschrieben, könnte schadlos eingespart werden. Ebensogut könnten Management und Depotbanken ihr Votum in Zeitungsinseraten zur Kenntnis bringen.

Mit Hilfe des Depot-Stimmrechts und des eigenen Aktienbesitzes wählten sich die Vorstandsherren und Direktoren der Großbanken in insgesamt 650 Aufsichtsrats-Sessel. Nur vier der zwanzig umsatzstärksten deutschen Industriekonzerne sind der Kontrolle der Bankiers bisher entgangen: die schwäbische Familienstiftung Robert Bosch, Deutschlands drittgrößter Elektrokonzern, die Ruhrkohle AG, die US-Tochter Opel und die Konzerngruppe des Milliardärs Friedrich Flick.

Die Abhängigkeit aller Institutionen von den Großbanken wird dadurch deutlich, daß selbst der Bund, den kein Depot-Stimmrecht dazu zwingt, sich Bankiers in Aufsichtsräte seiner Unternehmen holte. So baten die Deutsche Lufthansa AG (zu über 75 Prozent im Eigentum des Bundes) und die Deutsche Bundesbahn (Körperschaft des öffentlichen Rechts) den Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, in ihre Kontrollorgane.

Im Zenit seiner Karriere besaß der große Mandarin unter Westdeutschlands Bankern 24 Aufsichtsrats-Mandate. Er saß in den größten Unternehmen wichtiger Branchen, dazu auch noch im Verwaltungsrat der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die ehedem Kreditsubventionen an die Wirtschaft verteilte und heute vorwiegend Kapitalhilfe für Entwicklungsländer leistet. Auf Vorschlag von SPD-Wirtschaftsminister Karl Schiller wurde die KfW-Amtszeit des heute 69jährigen Bankiers, der Schillers Aufwertungspolitik stets energisch bekämpft hatte, 1969 noch einmal um sechs Jahre verlängert.

In Westdeutschland, so schreibt der englische Bank-Kritiker Andrew Shonfield, haben die Banken eine »fast parastaatliche Stellung«. Denn die 33 Vorstandsmitglieder der drei Großbanken wissen über die Bilanzen und die Märkte, über das Management und die Verflechtungen der Industrie mehr als alle übrigen 61 Millionen Einwohner der Bundesrepublik zusammen. »Mehr nationale Macht« behauptet Walter Koch, Präsident des Investment-Verbandes, »ist überhaupt nicht denkbar.«

Die Großen Drei, laut Shonfield »vielleicht der machtvollste Faktor für die Zentralisierung der wirtschaftlichen Entscheidungen«, beherrschen in der Tat dank ihrer Kenntnisse und ihrer durch Besitz und Depot-Stimmrecht abgestützten Entscheidungsgewalt den gesamten Wirtschaftsbereich wie eine heimliche Holding, die über feingeknüpfte Netze persönlicher Beziehungen teilt und herrscht.

In ihren getäfelten Vorstandsetagen in der Frankfurter und Düsseldorfer City arrangieren die Banker in aller Stille Fusionen und arrondieren als eine Art selbstbestalltes Plankommissariat ganze Wirtschaftsbranchen. Denn die »Aufseher und Überbringer von Ideen von einer Firma zur anderen«, so fand der Engländer Shonfield heraus, brachten schon im ersten Nachkriegsjahrzehnt praktisch das zuwege, was sie politisch immer als Weg in die Knechtschaft verteufelt hatten: eine Art von zentraler Wirtschaftsplanung.

Das Regiment der Bankiers bekam vielen ihrer Schützlinge nicht schlecht. Die Reederei Hamburg-Amerika Linie (Hapag) etwa, an der die Deutsche Bank nach Kriegsende zunächst eine Minderheitsbeteiligung erworben hatte, verdankt der Hilfe der Bankiers ihr Überleben.

Die Kreditfürsten päppelten das Unternehmen, das jahrelang keine und dann nur eine schmale Dividende (1969: zehn Prozent) zahlen konnte, teilweise mit Wechselkrediten hoch. Und sie verhinderten überdies, daß die Reederei dem Hamburger Bergungsreeder Behrend Schuchmann in die Hände fiel. Als Schuchmann 1958, damals mit 55 Prozent der Hapag-Anteile Mehrheitsaktionär, den Sessel des Vorstandsvorsitzenden erklimmen wollte, blockte die Deutsche Bank das Vorhaben mit Ihrem Vetorecht als Vierteleigner ab.

Gemeinsam mit der Dresdner Bank, die 40 Prozent an Bremens Norddeutschem Lloyd hielt, schweißten die Deutschbankiers schließlich im April letzten Jahres die zweitgrößte Linien-Reederei der Welt zusammen, »den Hapag-Lloyd, ein leistungsfähiges Unternehmen, das mit insgesamt 114 Schiffen das gesamte Sortiment der Schiffahrt vom Container-Transport bis zur Schickeria-Kreuzfahrt anbieten kann.

»Die schlauen Finanziers von jenseits des Rheins«. urteilt der französische Bankfachmann Roger Orsingher, »sind auch nicht talentierter als der Rest der menschlichen Rasse, aber sie haben die Phantasie und das Selbstvertrauen, mit hohem Einsatz zu spielen.«

Nicht immer freilich verdient außer den Bankiers auch noch die übrige Wirtschaft bei diesen Planspielen. So boten die Dresdner Bank und die Deutsche Bank Anfang vorletzten Jahres je ein Aktienpaket der Energiefirma Gelsenberg feil. Die Gelsenberg-Anteile, insgesamt 43 Prozent des Gesamtkapitals der Firma, wurden den beiden Kreditinstituten schließlich Ende Januar 1969 zum Kurs von 240 Mark je Aktie, zehn Mark über dem offiziellen Börsenkurs, von dem Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk abgekauft.

Dabei traten Großbankiers nicht nur als Verkäufer, sondern auch als Käufer auf. Denn im Aufsichtsrat des Essener Versorgungsunternehmens sitzt ein Vertreter der Dresdner Bank (Verkäufer von 35 Prozent Gelsenberg-Anteilen) und der allgegenwärtige Hermann Josef Abs (Verkäufer von acht Prozent Gelsenberg-Anteilen). Bald nach dem Handel fiel der Gelsenberg-Kurs um 60 Punkte auf 180, später rutschte das Papier sogar auf 150. RWE, im Besitz der öffentlichen Hand und von rund 100 000 Kleinaktionären, mußte 60 Millionen Mark als Verlust verbuchen.

In der letzten RWE-Hauptversammlung im Februar 1970 warf Walter Martius von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre dem Hermann Josef Abs vor, er trage »auf zwei Schultern, nämlich als Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank und als Aufsichtsratsvorsitzender von RWE«. Und der Aktionär Kurt Fiebich, Opponent auf allen Hauptversammlungen der großen Gesellschaften, trug vor: »Die Großbanken haben gut lachen, haben schwer kassiert.«

Zuweilen unterlaufen den Oberaufsehern der westdeutschen Wirtschaft auch Pannen -- wie kürzlich bei Schiess: Andreas Kleffel, 54, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und in dieser Eigenschaft Vorsitzender des Aufsichtsrates der Düsseldorfer Maschinenfabrik Schiess AG, verpaßte seine Aufsichtspflicht.

Das Unternehmen verwirtschaftete im Geschäftsjahr 1969 rund 12,6 Millionen Mark, und Kleffel, der noch in elf weiteren Aufsichtsgremien wirkt, bekam es gar nicht mit. In der Hauptversammlung (HV) des Unternehmens im letzten August bekannte der überlastete Vertreter der Deutschen Bank, er habe überhaupt erst im Februar die roten Zahlen bemerkt.

Die Aktionäre, die ihre Stimmrechte der Deutschen Bank abgetreten hatten, mußten mit 40 Prozent ihres Vermögens büßen. Denn die Schiess AG deckte die Verluste durch eine Herabsetzung des Eigenkapitals. Wer zuvor fünf Anteilscheine hatte, besitzt nun nur noch drei.

»Es können«, so erklärte Schiess-Kleinaktionär Höppner auf der HV, »weder der Vorstand noch der Aufsichtsrat, noch die Depotbanken entlastet werden.« Doch Aufsichtsrat und Depotbank-Vertreter Kleffel erwiderte kühl: »Das Verschulden zu beweisen ist eine schwierige Sache.« Jedenfalls wurde Kleffel mit den Depotstimmen seiner eigenen Bank, insgesamt mit 86,9 Prozent der abgegebenen Stimmen, entlastet -- eine Sternstunde der Aktionärs-Demokratie.

Der juristische Beweis für schuldhaftes Verhalten einer Depotbank oder eines Großbankiers ist in der Nachkriegszeit keinem der Pleitiers, Fast-Bankrotteure und Spekulanten, die sich als Opfer der Institute fühlten, gelungen.

Krupp etwa geriet 1967 in die Krise, weil seiner Firma auf Betreiben der Deutschen Bank Kredite nicht verlängert wurden, »Es ist das vornehmste Recht des Bankiers«, so rechtfertigte sich damals Hermann Josef Abs, »Kredite zu kündigen, wenn der Fälligkeitstermin abgelaufen ist.«

Die Firma, deren allzu traditionelle Geschäftspolitik schon in den Jahren zuvor ins Gerede gekommen war und nur durch eine Ehrenerklärung von Abs ihren Ruf hatte retten können, war tatsächlich durch eine ganz legitime Intervention eines Kreditinstitutes in Liquiditätsschwierigkeiten geraten.

Die Frankfurter Aka Ausfuhrkredit GmbH, die der Firma jahrelang kurzfristige Exportkredite gewährt und bei Fälligkeit immer verlängert hatte, änderte am 1. Dezember 1966 plötzlich die Usancen und weigerte sich, den Zahlungstermin wie früher hinauszuschieben. Folge: Der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen mußten, um 100 000 Arbeitsplätze zu retten, mit Bürgschaften für einen 450-Millionen-Kredit aushelfen, und Alfried Krupp bekam die Staatsauflage,

* Kaufhof in Hamburg, Kernkraftwerk in Lingen.

sein Familienunternehmen in eine Kapitalgesellschaft umzuwandeln. Den Großbankiers, denen die Aka zu 59,4 Prozent gehört, brachte die Operation den Zutritt in den Aufsichtsrat eines Unternehmens, das sich bis dahin immer ihrer Kontrolle entzogen hatte.

Willy Schlieker, der 1962 seinen Werftkonzern zum Konkurs anmelden mußte, vermutet bis heute, daß seine Pleite geplant war. Der Werftherr, dessen Betrieb um 70 Prozent produktiver arbeitete als die Konkurrenzfirma Blohm + Voss, war in Liquiditätsschwierigkeiten geraten, weil er seine Investitionen statt mit langfristigen Darlehen mit kurzfristigen Wechseln finanziert hatte (wie auch die Hapag mit dem Segen der Deutschen Bank ihre Schiffe). Kurz bevor diese Wechsel platzten, hatte Schlieker jedoch bereits mit seinen Lieferanten Phoenix-Rheinrohr und dem Hüttenwerk Salzgitter einen Sanierungsvertrag vereinbart, der sein modern ausgerüstetes und voll ausgelastetes Unternehmen hätte retten können.

Doch Hans Rinn, damals Vorstandsmitglied der Dresdner Bank, so behauptet Schlieker, habe den Firmen die Abmachung wieder ausgeredet und dadurch die Millionen-Pleite ausgelöst. Schlieker: »Die haben mich umgebracht.«

Nur einmal versuchte ein Bankkunde, der sich düpiert fühlte, vor einem deutschen Gericht gegen die Machenschaften eines großen Kreditinstituts zu klagen -- ohne Erfolg.

Der Oberforstmeister Albert Bonse aus dem niedersächsischen Diekholzen glaubte sich von der Deutschen Bank verkürzt, die ihm 1953 geraten hatte, seine Mercedes-Aktien zum Kurs von 130 Mark (Wert am Donnerstag letzter Woche einschließlich aller Dividenden und Kapitalerhöhungen: 7000 Mark) abzustoßen, selbst aber Daimler-Anteile aufkaufte. Bonse gründete eine »Aktionsgemeinschaft für Treue im Depot- und Aktienwesen« und verklagte die Deutsche Bank auf Schadenersatz. Begründung: Das Institut habe bewußt falschen Rat erteilt, um sich selbst auf Kosten seines Kunden zu bereichern.

Obwohl Bonse noch 45 andere Effekten-Kunden der Deutschen Bank ausfindig gemacht hatte, die auf Empfehlung des Instituts in den 50er Jahren ihre Daimler-Benz-Papiere verkauft hatten, und obwohl feststand, daß die Deutsche Bank eben während dieser Zeit ihre Beteiligung an den Mercedes-Werken unauffällig zusammentrug, wies die Zivilkammer IV des Landgerichts Hildesheim die Klage im Dezember 1969 ab. Denn die Deutsch-Bankiers Klasen und Ulrich versicherten, »niemals zentrale Anweisungen des Vorstands an die Filialen gegeben zu haben, Effekten-Kunden dahin zu beraten, daß sie Daimler-Benz-Aktien verkaufen sollen«. Das Gegenteil konnte Bonse nicht beweisen.

Die stillschweigende Subordination, die in Deutschlands Großbanken herrscht, bedarf freilich keines Auftrags von der Zentrale. Ein Effektenberater, der von Kaufabsichten seines Instituts weiß, wird in der Hoffnung auf lobende Worte seiner Vorgesetzten leicht geneigt sein, auch ohne Weisung den Kunden ihre Papiere zum Nutzen der Bank abzuschwatzen. Für den düpierten Kunden bleibt bei diesem Verfahren in der Tat der Rechtsweg ausgeschlossen.

»Du Schweinehund hast mich verleitet, meine Aktien zu verkaufen, und hast gewußt, daß deine Bank kauft« -- so mußten sich Filialleiter der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank (Börsenchiffre: Bayern Hypo) von einem ehemaligen Schultheiss-Aktionär beschimpfen lassen, der sich bei niedrigen Kursen nach dem Rat der Bank von seinen Bier-Papieren getrennt hatte. Klagte Hypo-Chef Anton Ernstberger, der im Oktober 1969 überraschend eine eigene Schultheiss-Schachtel präsentierte: »Da kann man hundert Eide schwören, daß Verkaufsempfehlungen und eigene Käufe nichts miteinander zu tun haben. Glauben tut einem keiner.«

Eine Kontrolle, die ihren Kunden Gewißheit verschafft, statt ihnen Glauben aufzunötigen, halten Westdeutschlands Bankiers für überflüssig. Denn das deutsche Banksystem, so sagt etwa Wilhelm Vallenthin von der Deutschen Bank, habe »sich schließlich als das effizienteste erwiesen

Die Nobel-Banker der Londoner City etwa müssen ihre Geschäfte in einem weitaus beschränkteren Rahmen abwickeln -- und sind dennoch die angesehensten und tüchtigsten Bankiers der Welt. In ihren Büros und Schalterhallen wird der größte und freieste Kreditmarkt der Welt abgewickelt: der Eurodollarmarkt, über den jährlich rund 165 Milliarden Mark ohne jede Sicherheit verliehen und geborgt werden.

Das britische Bankensystem, das sich eine derartige Vertrauensstellung in der Welt erworben hat, unterscheidet sich vom deutschen Bankwesen durch strenge Arbeitsteilung. Während die deutschen Geldinstitute als Universalbanken Spargelder sammeln, Kredite aller Laufzeiten gewähren, Schuldschein- und Aktien-Emissionen abwickeln, Wertpapiere für eigene Rechnung wie auch für ihre Kunden kaufen und verwahren, Beteiligungen halten, in den Aufsichtsräten der Firmen präsent sind und die Hauptversammlungen majorisieren, werden in Großbritannien die wichtigsten Sparten des Geldbusineß getrennt von speziellen Banktypen wahrgenommen,

Die englischen »Big Four«, Barclays, Midland, Lloyds und National Westminster, nehmen als sogenannte Depositenbanken nur kurz- und mittelfristige Kundeneinlagen herein und geben das Geld als Kredite mit kurzer und mittlerer Laufzeit an die Wirtschaft weiter; Beteiligungen an Industrie- und Handelsfirmen halten sie selbst nicht.

Die sogenannten Merchant Banks wie die 1763 gegründete Baring Brothers & Co. und die seit 1804 bestehende N. M. Rothschild & Sons betreiben das Emissionsgeschäft, fungieren als Finanzberater und vergeben Wechselkredite.

Zur Börse, die in Deutschland von den Banken beherrscht wird, haben in England weder Depositen- noch Merchant-Banker Zutritt. Denn der Handel mit Effekten ist ausschließlich Sache der sogenannten Broker-Firmen. Auch in den Vereinigten Staaten ist die Trennung von Banker und Broker Tradition und Gesetz. Weil es dort den Banken verwehrt ist, sich an Wirtschaftsunternehmen zu beteiligen, ist die Bank of America in den USA längst nicht so mächtig wie die Deutsche Bank mit nur einem Drittel der Bilanzsumme.

Auch nirgendwo in EWG-Europa, so schreiben die Brüsseler Experten in einem Report, haben die Banken einen so ungehinderten Zugang zur Börse wie in Westdeutschland. Und sie mahnen: »So muß darauf geachtet werden, daß alle am Börsengeschäft Beteiligten gleichgestellt werden und daß bestimmte Gruppen keine Sondervorteile gegenüber den anderen am Börsenhandel Beteiligten genießen.«

Deutschlands Bankiers haben alle Sondervorteile, die überhaupt nur denkbar sind: So haben sie etwa als Kreditgeber und als Mitglieder der Aufsichtsräte großer Firmen Einblick in die Geschäftspolitik der Unternehmen und können aufgrund dieser Insider-Informationen die voraussichtliche Entwicklung an den Aktienmärkten weitaus besser beurteilen als alle anderen Spekulanten; sie dürfen überdies Aktienpakete außerhalb der Börse handeln, so das Angebot an Wertpapieren beschränken und den Handel der öffentlichen Kontrolle entziehen.,

In den USA sind all diese Praktiken den Brokerfirmen, die allein das Börsengeschäft betreiben dürfen, seit 1934 strikt verboten. Ihnen drohen hohe Strafen, falls sie das tun, was Deutschlands Bankiers jeden Tag praktizieren können.

Dank ihrer Börsengeschäfte im dunkeln und ihrer Beteiligungspolitik, durch die sie immer mehr Kapitalgesellschaften in ihren eigenen Festbesitz überführen, wird die Aktien-Auswahl für die westdeutschen Wertpapiersparer immer geringer. Allein von 1967 bis Ende 1970, so errechnete die Commerzbank, ist die Zahl der Firmen, deren Papiere noch »dem Publikum« zugänglich sind, von 505 auf 460 gesunken.

Vom gesamten Kurswert der börsennotierten Aktien waren bereits Ende 1970 mindestens 37,8 Prozent in Festbesitz -- 9,7 Prozent mehr als noch vor drei Jahren. »Bei zahlreichen Titeln«, so kommentiert die Commerzbank, die ihren Wertpapierbesitz in den Jahren 1968 und 1969 um 23,8 Prozent aufgestockt hat, werde »immer wieder deutlich, wie eng tatsächlich die Märkte sind. So kommt es zu krassen Kursausschlägen, die von der Unternehmensbewertung her kaum gerechtfertigt sind«.

Die Bankiers selbst haben die beste Schlüsselstellung, um derartige Kursausschläge zu manipulieren -- und etwa mit einem Börsentief einer mißliebigen Regierung ihr Unbehagen zu signalisieren. Dank ihres großen Anteils bei renommierten Werten, wie etwa Kaufhaus-, Brauerei- und einzelnen Automobilpapieren, können sie durch das Angebot von nur geringen Stückzahlen die Kurse in den Keller fallen lassen.

Zuweilen lassen die Banker, die sonst ihre Rolle gern herunterspielen, sogar ihre Macht einmal durchblicken. So mahnte etwa Hermann Josef Abs 1965 den damaligen Kanzler Ludwig Erhard, den er ohnehin nicht sehr schätzte: »Geben Sie mir eine gute Regierung, und wir haben eine gesunde Börse.«

Und als sich Ende Mai letzten Jahres, kurz vor den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, im Saarland und in Niedersachsen, ein Sturmtief über die deutschen Wertpapiermärkte entlud und etwa Daimler-Papiere (zu rund 80 Prozent in Festbesitz) binnen einer Börsenstunde um 28 Mark fielen, kommentierte ein Vorstandsmitglied der Frankfurter Börse die plötzliche Baisse: »Das ist ein Teil des Wahlkampf es.«

Offiziell erklärt sich das Bankgewerbe für politisch neutral. So hält es etwa der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Franz Heinrich Ulrich für »unbegründet und ungerecht«, seinem Institut oder dessen Repräsentanten »den Ehrgeiz politischer Einflußnahme« zu unterstellen.

Vor den vergangenen Bundestagswahlen jedoch unterstützte der Bankenverband die CDU mit mehreren hunderttausend Mark. Erst als kurz vor dem Wahltag klar wurde, daß die Sozialdemokraten die Chance hatten, einen Regierungswechsel zu erzwingen, schickte die Bankenlobby ein paar Schecks an die SPD-Kandidaten mit der Weisung, das Geld sei für die Wahlkampfkasse bestimmt.

In den Jahren zuvor, in der ersten Nachkriegszeit, hatten die Großbankiers, voran die Vertreter der Deutschen Bank, einen viel direkteren Draht zur politischen Macht. Als »Kanzler des Kapitals« (der Ost-Berliner Historiker Eberhard Czichon) war Abs gemeinsam mit Robert Pferdmenges, dem mittlerweile verstorbenen Chef und Teilhaber des Kölner Privatbankhauses Sal. Oppenheim & Cie., jahrelang der »Großmeister« ("Le Monde") der gesamten Wirtschaftspolitik. Die beiden Bankiers, der eine angestellter Manager einer Aktiengesellschaft und Katholik, der andere Privatbankier und Protestant, waren die engsten Vertrauten Konrad Adenauers.

Sie waren »Ratgeber«, so beschrieb es der biographische Pressedienst »Interpress« 1954, »deren Wort der Regierungschef mehr Geltung beimißt als den Ansichten mancher Berufspolitiker -- das aber wohl in diesem Fall nicht des lieben Geldes wegen, sondern vielmehr deshalb, weil zu allen Zeiten die Männer an den internationalen Wechseltischen zugleich die zuverlässigsten Seismographen der Politik waren, denen sich selbst die leisesten Erschütterungen des weltpolitischen Parketts offenbarten und die immer eines blieben: kühle Rechner«.

Ihre Rechnung ging in der Tat glänzend auf. Nie zuvor hatte ein moderner Industriestaat so viele Steuergesetze zum Wohle der Unternehmer erlassen wie die Bundesrepublik in den ersten zehn Jahren CDU/CSU-Regierung, so schreibt der Finanzprofessor und erfolglose CDU-Bundestagskandidat Gerhard Zeitel. Durch die Einführung von Abschreibungserleichterungen für den Wohnungsbau, für Schiffe und diverse bewegliche Wirtschaftsgüter, die generelle Erlaubnis der degressiven Abschreibung und die Brutto-Umsatzsteuer begünstigte die von den Bankiers beratene Regierung die Großbetriebe und ihre wohlhabenden Besitzer.

Die Zeche zahlten die Arbeitnehmer und kleinen Gewerbetreibenden. Selbst der keineswegs als Industriefeind verdächtige Hjalmar Schacht, Reichsbankpräsident unter Hitler, kritisierte bereits vor 14 Jahren. »Seit 1951 sind über 50 Milliarden, die sonst dem Kapitalmarkt hätten zufließen

* SPIEGEL 31/1962.

müssen, den Besitzern der Produktionsmittel steuerfrei verblieben.«

Wie diese Industriehilfspolitik zustande kam, schildert Karl Otto Pöhl, früher Geschäftsführungsmitglied des Bundesverbands deutscher Banken und heute Leiter der Abteilung Gewerblicher Mittelstand im Bundeswirtschaftsministerium, so: »Unter Adenauer gab es den berühmten Herrn Pferdmenges, der damals die wirtschaftspolitischen Entscheidungen getroffen hat.«

Die CDU, die noch 1947 in ihrem Ahlener Programm gefordert hatte, die gesetzliche Kontrolle des Geld- und Bankwesens müsse weiter ausgebaut werden, ließ es zu, daß sich die Großbanken, die zuvor von den Alliierten zerschlagen worden waren, wieder etablierten: Der Deutschen, der Dresdner und der Commerzbank, die zuvor jeweils in zehn Einzelinstitute zersplittert worden waren, erlaubten die Christdemokraten schon 1957 durch Gesetz wieder die alte Macht.

Auch nach Adenauers Rücktritt (1963) berieten Bankiers die Politiker und forderten im Namen des Gemeinwohles, was vorzugsweise nur ihnen und ihren Unternehmungen nutzte.

Wie Anfang 1960, als die erste Mark-Aufwertung anstand, gelang es ihnen auch 1968, als die zweite Paritätsänderung fällig war, den Währungsschnitt um über ein Jahr zu verzögern. Durch die Hinhaltetaktik sicherten die Bankiers sich und ihren Unternehmen eine Gewinnexplosion auf Kosten der Arbeitnehmer. Deutsche Volkswagen, Maschinen und Fotoapparate blieben dank der zunächst unterlassenen Aufwertung an den Weltmärkten billiger als vergleichbare Produkte der ausländischen Konkurrenz.

Durch die Umsatzrekorde im Exportgeschäft, die den Unternehmern hohe Profite sicherten, wuchs das Güterangebot im Inland nur wenig, und der Raum, der sonst für reale Lohnsteigerungen geblieben wäre, wurde beschnitten. Die Folge: 1968 stiegen die Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen um 17,5, die Arbeitnehmerverdienste dagegen nur um 7,3 Prozent.

Und als Abs nicht aufhörte zu querulieren, ohne einen beträchtlichen Auslandsbesitz sei Westdeutschland die »größte Ohnmacht der Welt«, gewährte die Große Koalition im Juni vorletzten Jahres massive Steuervorteile für Filialen jenseits der Grenzen. Nutznießer dieses Gesetzes sind vor allem Großunternehmen wie BASF, Hoechst, Bayer und Siemens, in deren Aufsichtsräten die Großbankiers sitzen -- und schließlich die Großbanken selber. Die Deutsche Bank hat Mitbesitz an 31 Auslandsinstituten, die Dresdner ist an 27 und die Commerzbank an 25 ausländischen Banken beteiligt.

»Das deutsche Universalbanksystem«, so freut sich Hans Günther, Geschäftsführer des Bankenverbandes, »hat sich bewährt.« Doch selbst die »Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen« meinte, es rasse sich nicht leugnen, daß »es einen weitverbreiteten Widerwillen gegen die Macht der Banken gibt«, und empfahl den Kreditfürsten, sie sollten durch freiwillige Aufgabe eines Teils ihrer Machtpositionen »den Kritikern der Banken und den Sozialisierungsfreunden Wind aus den Segeln« nehmen.

Die Bankiers freilich lehnten das Ansinnen rundweg ab. Zwar erkannte etwa Franz Heinrich Ulrich, daß »das Festhalten am Depotstimmrecht uns als Eigeninteresse und als Machtstreben ausgelegt« würde. Und Ulrichs Vorstandskollege Friedrich Wilhelm Christians behauptete gar: »Die Banken kleben nicht am Vollmachtsstimmrecht. Die Bankiers würden diesen »verantwortungsbelasteten Service« gerne aufgeben, doch leider gebe es »keine brauchbaren Alternativen« zur bisherigen Regelung.

Christians irrt. Praktikable Alternativ-Vorschläge zum westdeutschen Depot-Stimmrecht liegen schon seit langem vor. So war etwa im ursprünglichen Referentenentwurf zur Aktienrechtsreform von 1965 vorgesehen, daß die Banken sich nicht mehr für 15 Monate eine Pauschalvollmacht erteilen lassen dürfen, sondern für jede Hauptversammlung detaillierte Weisungen von ihren Depotkunden einzuholen hätten. Doch die Bankenlobby wehrte sich erfolgreich gegen diese Neuerung.

Noch weniger als das Vollmachtsstimmrecht mögen die Bankiers ihre Industriebeteiligungen aufgeben. Bereits im Jahr 1969 hatte der Kleinaktionär und Berufsopponent Erich Nold den Banken vorgeschlagen, sie sollten ihre Aktienpakete freiwillig ausgliedern und einer vom Banken-Vorstand unabhängigen Holding-Gesellschaft übertragen. »Die Ausgliederung«, so wehrte Jürgen Ponto von der Dresdner Bank ab, »würde eine Teil-Liquidation der Bank bedeuten.«

Tatsächlich kassieren die Großinstitute aus ihrem Beteiligungsbesitz fast so viel Erträge, daß sie allein davon ihre eigenen Aktionäre mit Dividenden bedienen können. So nahm die Dresdner Bank im letzten Geschäftsjahr 79 Millionen Mark Dividende ein und schüttete selbst 88 Millionen Mark aus. Der Deutschen Bank brachten ihre Beteiligungen 114 Millionen Mark ein, sie selbst zahlte an ihre Anteilseigner 120 Millionen Mark.

Sogar mittlere Institute, die nicht so viele Industriebeteiligungen zusammenraffen konnten wie die Großbanken, wollen sich von ihrem Wertpapierbesitz ungern trennen. »Erträge aus Beteiligungen«, so begründete Klaus Dohrn von der Berliner Handels-Gesellschaft/Frankfurter Bank (Bilanzsumme: 4,2 Milliarden Mark), »sind ein stabilisierender Faktor unserer Ertragsrechnung, sie sind nicht Selbstzweck.«

Und Franz Heinrich Ulrich von der Deutschen Bank findet ohnehin, daß die Vorwürfe gegen den Industriebesitz »nicht ihre Berechtigung haben Ulrich: »Als Hauptkontrollfaktor, der uns daran hindern würde, selbst wenn wir es wollten, Macht auszuüben, haben wir einen sehr starken Wettbewerb.«

In Wahrheit jedoch sind zumindest die drei Großbanken über gemeinsame Töchter miteinander versippt. Zu dritt gehört ihnen die Deutsche Hypothekenbank in Bremen und die Deutsche Schiffahrtsbank. In sechs weiteren Realkreditinstituten sitzen die Deutschbankiers mit den Vertretern der Dresdner Bank zusammen, die sich wiederum mit der Commerzbank in die Sächsische Bodencreditanstalt teilt.

Dank ihrer engen Kontakte können die Großbankiers die Einflußsphären untereinander splitten und dafür sorgen, daß der Klub der Wissenden und Mächtigen möglichst exklusiv bleibt. So verweigerte etwa Großbankier Hermann Josef Abs den Daimler-Kleinaktionären, die insgesamt 20 Prozent des Kapitals der Firma halten, einen Aufsichtsratssessel. Als Kleinaktionär Konstantin Beck fast drei Monate vor der Hauptversammlung bescheiden anfragte, ob Abs nun den »seit langem vorgetragenen Wunsch« unterstützen wolle, bekam er die Abfuhr, »für eine weitere Kandidatur ist kein Raum«.

Anstelle eines Kleinaktionärs wählte Abs seinen Kollegen Jürgen Ponto von der Dresdner Bank, die für Depotkunden ein Prozent des Daimler-Kapitals verwaltet. Kleinaktionär Beck glaubt zu wissen, warum die Deutsche Bank die Aufsicht über das Unternehmen, an dem sie eine sogenannte Schachtelbeteiligung (mindestens 25 Prozent) hält, freiwillig mit der Dresdner teilt: »Sie will auch Aufsichtsratssessel bei den Gesellschaften, bei denen die Dresdner eine Schachtel besitzt.«

In einem wichtigen Geschäftszweig, bei der Kreditvergabe, mußten die Großbankiers jedoch hinnehmen, daß ihr Marktanteil erheblich beschnitten wurde. Noch im ersten Nachkriegsjahrzehnt beherrschten die Großbanken, so recherchierte der Wirtschaftsjurist Andreas Busse, das gesamte industrielle Kreditgeschäft fast ganz allein. Seit wenigen Jahren freilich mischen sich in das Konzert der Großen Drei ungebetene Mitspieler: die Sparkassen. Denn der größte Teil der schnell wachsenden Spareinlagen westdeutscher Arbeitnehmer floß auf ihre Konten. Dank dieser billigen Gelder konnten sie den Großbanken einen beträchtlichen Happen des Geldverleiher-Geschäfts abjagen. Noch 1950 stammten 30 Prozent aller Industriedarlehen und Konsumentenkredite von den drei Großbanken, heute finanzieren die Dresdner, die Deutsche und die Commerzbank nur noch zehn Prozent der Schulden der Nation, die Sparkassen und ihre Girozentralen dagegen fast 40 Prozent.

Von den 13 Girozentralen haben bereits zehn ein Geschäftsvolumen von mehr als fünf Milliarden Mark. Die Düsseldorfer Girozentrale Ludwig Poullains, die Westdeutsche Landesbank, ist mit 34,2 Milliarden Mark Bilanzsumme größer als die größte der Großbanken, die Deutsche Bank. Und in Hannover formierte sich jüngst die Niedersächsische Girozentrale mit drei Schwester-Instituten zur »Norddeutschen Landesbank«, die mit ihrer Bilanzsumme von 17 Milliarden Mark fast die Größe der Commerzbank erreicht.

Das Programm der Außenseiter formulierte Ludwig Poullain, außer Bankchef auch Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes, so: »Wir wollen das eigene Gewicht stärker zur Geltung bringen und dadurch eigene Vorstellungen in der Wirtschaftspolitik durchsetzen.« Poullain will dabei vermeiden, selbst »das Gewicht zu werden, das man bei anderen als zu schwer empfindet«. Der Plan, so gesteht der Sparkassen-Boß, sei freilich »eine Art Drahtseilakt«.

Die Großbankiers, so behauptete Poullain noch vor einem Jahr, müßten für die Konkurrenz der Girozentralen dankbar sein. Denn dadurch würde ihre Macht in Grenzen gehalten, und ihre Institute würden vor der »kalten oder heißen Sozialisierung« bewahrt.

Der Wettbewerb droht jedoch sich selbst aufzuheben. Denn Poullain erweiterte mit seiner Bank, die eigentlich eine Gegenmacht zu den drei Großen sein sollte, lediglich den Klub der Reichen und Mächtigen um ein weiteres Mitglied.

Der Sparkassenfürst sagt über sich: »Ich triefe vor Hochachtung gegenüber meinen Kollegen von den Großbanken« -- und betreibt die gleiche Geschäftspolitik wie eben diese Kollegen. Wie die etablierten Großbankiers kauft Poullain branchenfremde Unternehmen an. Bisher erwarb er ein Beteiligungspaket im Werte von rund 400 Millionen Mark. Er akquirierte bereits so renommierte Aufsichtsratssitze wie zuvor Hermann Josef Abs (beispielsweise bei VW, Krupp und Mannesmann) -- und versucht wie Abs, sich bei den Gesetzesmachern in Bonn maßgeschneiderte Verordnungen anfertigen zu lassen.

In einer Lex Poullain soll Bonn einen Investmentfonds genehmigen, der gegen die sonst üblichen Sparerschutzvorschriften verstoßen würde. Poullain will, daß für ihn jene Regel des deutschen Investmentgesetzes aufgehoben wird, nach der ein Fonds -- damit das Risiko für die Sparer gering bleibt -- nur jeweils fünf Prozent seines Vermögens in Aktien einer Firma anlegen darf. Überdies möchte er seine Absichten als »volkswirtschaftlich besonders förderungswürdig« eingestuft wissen, um so Industrie-Beteiligungen, die er schon hat, steuerbegünstigt nach Paragraph 6b des Einkommensteuergesetzes in seinen geplanten Fonds einzubringen.

Das Projekt hat einen Schönheitsfehler: Poullain will zwar Vertreter der Sparer im Kontrollorgan seiner Fonds zulassen. Aber nach all seinen bisher dargelegten Plänen über die zukünftige Rechtsform der Fonds-Firma wird am Ende vor allem einer die Geschäftspolitik des Fonds bestimmen: Ludwig Poullain.

Unverblümter als Poullain, der sich und seine Westdeutsche Landesbank ständig als Kämpfer gegen die Großbanken empfiehlt, offenbart die Norddeutsche Landesbank -- Girozentrale wie das Düsseldorfer Institut -- ihr Geschäftsziel. Die Hannoveraner, die sich erst jüngst konstituiert haben, werben mit dem Slogan: »Wir gründen eine Großbank.«

Freilich, der Einfluß der großen und kapitalkräftigen Girozentralen bleibt immer -- wenn auch nicht unter strenger -- öffentlicher Kontrolle: Im Verwaltungsrat der Girozentrale hat der zuständige Landesfinanzminister Sitz und Stimme. In den drei Aktienbanken dagegen hat kein Außenstehender Zutritt zur Chefetage oder gar Einblick in die Bücher.

Nicht einmal die wahren Eigentümer, die Aktionäre, haben bei den drei Großbanken ein Recht, über die Geschäftspolitik mitzubestimmen. Die »Aktienbanken, vertreten durch ihre Vorstände«, so schreibt der Jurist Andreas Busse, »regieren, kontrollieren und entlasten sich selbst«.

Da der Aktienbesitz an allen drei Großbanken breit gestreut ist, fungieren die Manager der Bank gleichzeitig als Angestellte und als Vertreter ihrer Anteilseigner, deren Bankaktien sie im Depot haben.

Als die Anteilseigner der Deutschen Bank am 15. Mai 1970 tagten, präsentierten ihre Direktoren, wie die notariell beglaubigte Präsenzliste ausweist, 56,7 Prozent vom anwesenden Kapital. 1969 hatten sie rund 59 Prozent in der eigenen Hand. Kommentiert Bank-Kritiker Busse: »Die vom Aktiengesetz beabsichtigte Gewalten-Teilung in Vorstand, Aufsichtsrat und Hauptversammlung wird hier am vollkommensten negiert und das in sich selbst lebende und niemandem verantwortliche Unternehmen verwirklicht.«

Weil die Dynamik der Industriegesellschaften immer größere Unternehmen erzwingt, ballt sich auch in anderen Branchen, etwa in der Chemie-, Stahl- oder Automobilindustrie, immer mehr Einfluß bei immer kleineren Gruppen. Die unausweichlich erscheinende Konzentration von Vermögen und Verfügungsgewalt, für deren Kontrolle kein westlicher Industriestaat bisher ein wirksames Rezept gefunden hat, wurde freilich im westdeutschen Kreditgewerbe durch den Gesetzgeber noch willentlich verschärft. Durch eine Reform des westdeutschen Bankensystems, des Aktienrechts und der Börsengesetze etwa nach angelsächsischem Muster könnte den bisher unkontrollierten Kontrolleuren der westdeutschen Wirtschaft die Macht zumindest etwas beschnitten werden, ohne die Funktionsfähigkeit des Banken-Apparates zu gefährden.

Schon 1968 rief CDU-Mittelständler Kurt Schmücker, damals Bundesschatzminister, alle »furchtlosen Männer und Frauen« auf, sich für eine Reform »der hoffnungslos überalterten Banken einzusetzen«. FDP-Chef Walter Scheel kündigte noch vor der letzten Bundestagswahl an, seine Partei wolle sich »mit der Machtstellung der Banken in der Wirtschaft« auseinandersetzen. Und Wirtschaftsminister Karl Schillers Geld- und Kreditexperte, Ministerialdirektor Wilhelm Hankel, dessen Abteilung zuständig ist für neue Bank-Gesetze, meinte gelegentlich: »Eigentlich müßte das Bankensystem englischer werden.«

Doch die Kritik der Politiker blieb bisher Deklamation. Solange Abs-Freund Adenauer regierte, bestand ohnehin keine Chance, das Bankwesen, dessen »Struktur aus dem vergangenen Jahrhundert stammt« (Hankel), zu ändern. Und auch die erste Aktienrechtsreform nach dem Kriege, Anfang 1965 unter der Kanzlerschaft Ludwig Erhards, erwies sich als ein bloßes Scheingefecht gegen die Bankenmacht. Zwar darf seither jeder Bankvorsteher nur noch zehn Aufsichtsratsmandate halten. Doch die Geldherren, so recherchierte der DGB, umgingen die Vorschrift ganz einfach. In die Aufsichtsratssessel, die von den Bank-Vorständen aufgrund dieses Gesetzes geräumt werden mußten, zogen niedere Angestellte des gleichen Instituts ein. In ihrem ersten Geschäftsbericht nach der Reform schrieb die Commerzbank: »Ein im ganzen gelungenes Reformwerk.«

Die erste erfolgreiche Attacke gegen ihre unumschränkte, unkontrollierte Macht befürchteten die Bankiers Anfang 1968, als im Bonner Wirtschaftsministerium ein Referentenentwurf zur Börsenreform fertiggestellt wurde. Die Bankiers beantworteten den Gesetzesplan mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den zuständigen Referenten, Ministerialrat Hermann Beyer-Fehling, der mit seinem Papier die Wertpapier-Märkte »aus ihrer selbstgewählten und zuweilen von Interessengruppen gehüteten Isolation herausführen« wollte. Und Bonn verzichtete prompt auf das Gesetz.

Um dennoch das Börsengeschäft durchsichtiger zu machen, überredete Beyer-Fehlings Chef Wilhelm Hankel die Verbände der Kreditwirtschaft zu einer freiwilligen Reform. Die Börsenreform-Kommission, in der unter Vorsitz des Privatbankiers Professor Kurt Forberg sieben Interessenvertreter, ein Bundesbankdirektor und ein Wissenschaftler sitzen, hat statt eines Gesetzes den Banken ein Programm für ihre freiwillige Selbstkontrolle anheimgestellt. Die Bankiers verordneten sich daraufhin einen neuen »Kodex für gutes Verhalten«. Danach müssen erheblich mehr Aktienumsätze als bisher über die Börsen abgewickelt werden.

Freilich, nach dem Referentenentwurf, den die Banken erfolgreich boykottierten, hätten alle Wertpapiergeschäfte über die Börse laufen müssen. Nun »dürfen die Aktien-Geschäfte, die von den Banken untereinander getätigt werden, weiterhin unbeobachtet vom Publikum abgewickelt werden.

Zum »zentralen Punkt der Börsenreform« (Hankel), dem Problem der Insider-Information, legte die Kommission der Banken-Lobby erst Mitte November ihr Programm vor. Danach soll jeder Börsianer künftig bei einem Wertpapier-Kundendienst-Überwachungsverein (WÜV) aktenkundig machen können, daß er Insider-Informationen über Firmen, deren Papiere an den Börsen gehandelt werden, nicht dazu benutzt, um Spekulationsgewinne zu machen. »WÜV-geprüft«, so behauptete Börsenreformkommissar Wolfgang Stützel, »ist dann ein Gütezeichen wie das Weinsiegel.«

Verstöße gegen die WÜV-Regeln sollen künftig durch einen Prüfungsausschuß der Börsen-Zulassungsstellen untersucht werden. Das Ergebnis wird freilich nicht veröffentlicht. Lediglich das Bundeswirtschaftsministerium soll unterrichtet werden. Selbst Börsenreform-Kommissar Hans Feith (Deutsche Bank) gestand: »Gewissenskonflikte muß man mit sich selbst ausmachen.«

Börsenreform-Initiator Hankel hofft, daß durch die freiwillige Übereinkunft »rund 80 Prozent« des ursprünglich geplanten Gesetzes verwirklicht werden. »Man muß mehr auf den Käse«, so begründete er seinen Optimismus, »als auf die Löcher schauen.« Falls die Rechnung nicht aufgeht, droht der Ministeriale mit gesetzlichem Zwang. Hankel: »Wenn sich die freiwillige Regelung nicht bewährt, wird der Gesetzgeber aktiv werden müssen -- das jetzt geplante Verfahren würde uns dann die nötigen Unterlagen liefern.«

Ohnedies möchte Schillers Bank- und Börsen-Fachmann nur den »kreditwirtschaftlichen Ordnungsrahmen verbessern, um vor allem die Sparer vor Übervorteilung, unseriösen Praktiken und einer unfairen Verteilung der mit der Kapitalanlage verbundenen zusätzlichen Risiken zu schützen«.

Eine staatlich verordnete Entflechtung des industriellen Bankbesitzes steht dagegen nicht auf dem Programm. Statt dessen empfahlen Hankel und seine Börsenreformatoren eine Gesetzesänderung, durch die der steuerliche Anreiz zur Machtzusammenballung abgeschafft wird. Für die Banken wäre das freilich ein gutes Geschäft. Denn nach diesen Plänen würde zwar das bisherige Schachtelprivileg, das den Kreditinstituten Steuervergünstigungen bei jeder Viertelbeteiligung an einer anderen Kapitalgesellschaft garantiert, wegfallen. Aber gleichzeitig brauchten die Banken für alle Dividendeneinnahmen nicht mehr wie bisher doppelt Steuern zu zahlen (Kapitalertragsteuern auf die Dividende, auf die sie dann noch Körperschaftsteuern zu entrichten haben), sondern nur noch eine Teilhabersteuer.

Durch die kostspielige Gesetzesänderung würden die Banken veranlaßt, so hofft Hankel, sich von einem Teil ihres Besitzes zu trennen.

Im übrigen vertraut der Bank-Fachmann des Wirtschaftsministeriums auf den »Deus ex machina«, der im Kapitalismus immer für die Beseitigung von Mißständen beschworen wird, auf den Wettbewerb. »Die Macht der Banken«, so sagt er, »nimmt eher ab als zu. Denn Versicherungen, ausländische und inländische Investment-Fonds und schließlich die Auslandsbanken konkurrieren immer mehr mit ihnen um Sparer und Investoren.«

Wie dieser Konkurrenzkampf ausgehen wird, prophezeite jüngst der Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto. »Alle vernünftigen Überlegungen«, so Ponto, »deuten auf neue Formen in der internationalen Banken-Kooperation.«

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 76
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.