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JUGOSLAWIEN / TITO Die Operation

aus DER SPIEGEL 50/1957

Am Mittwoch der letzten Woche dementierte das Belgrader Parteiorgan »Borba« Berichte westlicher Zeitungen, wonach die Macht im jugoslawischen Staats- und Parteiapparat neu verteilt werden soll. Die westlichen Blätter hatten gemeldet, Marschall Tito wolle mit Rücksicht auf seine schwere Krankheit nur noch die Geschäfte des Staatspräsidenten wahrnehmen und die Ämter des Regierungs- und Parteichefs an seine Stellvertreter Kardelj und Rankovic abtreten.

Die »Borba« dementierte jedoch nicht das Kernstück der westlichen Informationen: die Meldung über die Krankheit Titos. In der Tat kann kein Zweifel darüber bestehen, daß Tito krank ist.

- Er leidet an Kreislaufstörungen (seine Ärzte verboten ihm Flugreisen), an Rheuma und

- an einer schweren Magenkrankheit, die ihn im Sommer zwang, einen schweizerischen Spezialisten zu konsultieren. Der Schweizer riet zu einer Operation, doch Tito lehnte ab.

- Schon früher hatte Tito sich einer Gallenoperation unterziehen müssen.

Die Mailänder Zeitung »Il Giorno« behauptet, es noch genauer zu wissen. Sie berichtete in der letzten Woche, Marschall Tito sei von einer Rückenmark-Krankheit befallen.

Titos Krankheit wirft für das kommunistisch-neutrale Jugoslawien, dessen politische Sonderstellung nicht zuletzt auf dem Prestige des Marschalls basiert, eine Menge wichtiger Fragen auf, und es ist durchaus möglich, daß sich schon jetzt in Belgrad Machtkämpfe zwischen den potentiellen Nachfolgern Titos abspielen. Die Hauptrivalen sind Kardelj, der Tito schon seit Jahren in der Leitung staatlicher Angelegenheiten vertritt, und der Polizeichef Rankovic.

Die Rivalität hat auch eine internationale Pointe. Der Slowene Edvard Kardelj möchte Titos Schaukelpolitik zwischen Ost und West fortsetzen. Der Serbe Rankovic dagegen will Jugoslawien wieder Moskau annähern.

Schon seit längerem ist Rankovic bestrebt, sich das Wohlwollen des Kremls zu sichern. Seit August schiebt er nach und nach alle politischen Flüchtlinge aus den Ostblockländern in ihre Heimat ab und entspricht damit einem alten Wunsch Moskaus. Mit der Tschechoslowakei schloß er einen Auslieferungsvertrag.

Es entspricht diesem Sachverhalt, daß Rankovic sich den nach kommunistischen Begriffen wichtigsten Posten im Staat ausgewählt hat - den des Parteisekretärs-, während Kardelj sich für das Ministerpräsidentenamt entschied. Rankovic will möglicherweise nach dem System verfahren, mit dessen Hilfe Chruschtschew in der Sowjet-Union aus der Position eines kleinen Parteiführers über den Parteichef-Posten zum Herrn des Kreml aufstieg, während Malenkow, der nach Stalins Tod die Ministerpräsidentschaft vorgezogen hatte, schließlich aus der Reihe der Großen des Kreml gestrichen wurde.

Ob freilich Rankovic in Jugoslawien den gleichen Erfolg haben wird wie Chruschtschew in Rußland, ist heute noch keineswegs sicher. Die kommunistische Partei Jugoslawiens, die sogenannte »Liga der Kommunisten«, ist durch ihre Trennung von dem moskowitischen Urquell aller, kommunistischen Weisheit und Kraft demoralisiert. Der staatliche Machtapparat könnte sich in Jugoslawien durchaus als der Partei überlegen erweisen.

Jugoslawiens Tito

... ein Unbehagen

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