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HAUSWIRTSCHAFT / FINI PFANNES Die Perle in der Muschel

aus DER SPIEGEL 51/1955

Mitte dieser Woche - kurz nach ihrem einundsechzigsten Geburtstag - startete eine rührige Dame zu einem Urlaubsflug nach Barcelona. Sie will sich über Weihnachten und Neujahr auf Teneriffa von den Strapazen und Aufregungen erholen, die mit ihren mannigfachen Geschäften und Ambitionen im ablaufenden Jahr verbunden waren. Unter anderem hat sie mit den Gewerkschaften einen Vertrag über die Arbeitsbedingungen für Dienstmädchen abgeschlossen, der unter den westdeutschen Hausfrauen einhellige Empörung ausgelöst hat.

Infolge der Geschäftigkeit der Dame sind sogar ihre vier rabenschwarzen Zwergschnauzer zu kurz gekommen, und in ihren Kleiderschränken stauten sich skurrile Gebäude aus Filz, Stroh und Federn, »denn jedesmal, wenn ich mich richtig geärgert habe«, so gesteht die muntere Witwe, »reagiere ich meinen Zorn dadurch ab, daß ich mir einen neuen Hut kaufe«. Die Dame, die so köstliche Gewohnheiten pflegt, ist die Präsidentin des Deutschen Hausfrauen-Bundes*), Josefine Pfannes, die großen Wert auf ihr flottes Namenskürzel »Fini« legt.

Fini Pfannes ist nach den turbulenten Herbstwochen dieses Jahres nun erst recht davon überzeugt, daß sie Westdeutschlands populärste Frauenführerin ist. Sie hat während dieser Zeit mehr als je zuvor von sich reden gemacht ("Was kann ich dafür, daß ich so berühmt bin") - , zuletzt, als sie den Bundesfamilienminister Franz-Josef Wuermeling mit einem Aufgebot resoluter Vereinsdamen in Bonn überfiel. Sagt Fini Pfannes: »Ich hatte die beste Garnitur mitgenommen ... Wir hatten genau unsere Rollen aufgeteilt und einen ausgeklügelten Plan in der Tasche.«

Wuermeling sollte ihnen versprechen - so verlangten die Damen - , sich energisch bei seinem Kollegen Theodor Blank dafür einzusetzen, daß unter keinen Umständen westdeutsche Frauen und Mädchen zur Bundeswehr eingezogen werden dürfen.

Fini brachte wieder ihr stärkstes Argument gegen die Rekrutierung eines neuen Blitzmaidenkorps zur Sprache - ein Argument, das sie Anfang November bereits in Frankfurt vor einem bestellten Massenaufgebot von Frauen in den Bahnhofsgaststätten kolportiert hatte: »Durch die Verlockung des Soldes besteht die Gefahr, daß sich Tausende von Hausgehilfinnen, die ohnehin schon in Westdeutschland knapp sind, auch noch freiwillig zur Bundeswehr melden.«

Mit diesem Vorstoß in Bonn versuchte Fini wieder um Sympathie bei den Hausfrauen zu werben, nachdem sie sich deren wilden Zorn zugezogen hatte, weil sie sich als Präsidentin des Deutschen Hausfrauen-Bundes bemüßigt fühlte, einen Manteltarifvertrag mit den Gewerkschaften abzuschließen, der unter anderem festlegt, daß Hausgehilfinnen in Zukunft nur noch

*) Die bürgerlichen Hausfrauen-Vereine wurden nach 1871 gegründet. Sie unterhielten Kochschulen, Beratungsstellen und Institute und setzten sich auch für den Arbeits- und Gesundheitsschutz der Frauen ein. Ihr Spitzenverband, der Reichsverband Deutscher Hausfrauen, ging 1934 im nationalsozialistischen Deutschen Frauenwerk auf. Nach 1945 entstanden wieder zahlreiche örtliche Hausfrauen-Vereine, die sich zum großen Teil dem 1949 gegründeten »Deutschen Hausfrauen-Bund« anschlossen. acht Stunden täglich im Haushalt zu arbeiten brauchen.

Manteltarifverträge, die gewöhnlich zwischen den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden abgeschlossen werden, regeln - im Gegensatz zum Lohn- und Gehaltstarif, der das Entgelt festsetzt - für eine ganze Berufsgruppe die allgemeinen Arbeitsbedingungen, wie Arbeitszeit, Urlaub und Arbeitsschutz.

Der Manteltarifvertrag für Hausgehilfinnen, den Fini Pfannes unterzeichnete, ist zwar noch nicht allgemeinverbindlich - er muß zur Zeit nur von den Mitgliedern des Deutschen Hausfrauen-Bundes und den gewerkschaftlich organisierten Hausgehilfinnen eingehalten werden - , aber die Industriegewerkschaft »Nahrung, Genuß, Gaststätten« und auch Fini Pfannes bemühen sich weiterhin darum, daß ihn das Bundesarbeitsministerium trotz aller Proteste für allgemeinverbindlich erklären soll.

Nach dem Tarifvertragsgesetz vom 9. April 1949 wird eine solche Anerkennung nur dann erteilt, wenn

▷ »die tarifgebundenen Arbeitgeber nicht weniger als 50 Prozent der unter den Geltungsbereich des Tarifvertrags fallenden Arbeitnehmer beschäftigen und die Allgemeinverbindlich-Erklärung im öffentlichen Interesse geboten erscheint«.

Finis Deutscher Hausfrauen-Bund - darüber sind die westdeutschen Hausfrauen am meisten erbost - ist aber nur eine unbedeutende kleine Organisation, die höchstens 150 000 Mitglieder zählt; das sind knapp 1,8 Prozent der 8,3 Millionen (nicht erwerbstätigen) westdeutschen Hausfrauen. Dennoch drängt Fini weiter das Bundesarbeitsministerium, den Tarifvertrag wegen der sozialen Eigenart des Hausgehilfinnenberufes als allgemeinverbindlich zu erklären, denn - so argumentiert Fini - verbissen: »Die Dienstmädchen sterben

aus. Es muß also etwas geschehen, um junge Mädchen wieder für den Haushalt zu interessieren. Sonst sind bald nur noch Aufwartefrauen zu haben, die 1,20 Mark Stundenlohn verlangen.«

In der Tat hat sich in letzter Zeit eine Entwicklung angebahnt, die schon vor 50 Jahren die sozialistischen Suffragetten herbeiwünschten. Damals agitierte die sozialdemokratische Frauenrechtlerin Lily Braun, die Tochter eines preußischen Generals, in Berliner Bierhallen vor den zusammengerufenen Dienstboten: »Der Dienst des Hauses wird nur dann den Charakter des Sklavendienstes verlieren, wenn das abhängige Dienstmädchen sich in die freie Arbeiterin verwandelt hat, die ihre Arbeitskraft nur stundenweise verkauft.«

Damals galten in Deutschland noch 43 sogenannte Gesindeordnungen, reine Polizeiverordnungen, die das Dienstverhältnis bis ins kleinste regelten. Im ostelbischen Preußen war es dem Hausherrn sogar gestattet, seine Dienstboten körperlich zu züchtigen und mit beleidigenden Worten zu beschimpfen. Veruntreuungen und Naschen wurden mit hohen Strafen bedroht.

Diese Gesindeordnungen wurden 1918 abgeschafft, die Dienstmädchen hießen fortan Hausgehilfinnen, aber feste Arbeitszeit- und Lohntarife für sie auszuhandeln - das schafften auch die Weimarer Republikaner nicht. Bis vor kurzem war die Hausgehilfinnen-Sparte die einzige Berufsgruppe, für die es keine tariflichen Bestimmungen über Arbeitszeit, Ruhepausen, Urlaub und Entlohnung gab. Das Bundesarbeitsministerium hatte nur unverbindliche Richtlinien erlassen, die sich an eine bereits im Dritten Reich geübte Praxis hielten: Die Hausgehilfinnen sollten tunlichst nur zehn Stunden am Tag - zwischen 6 Uhr morgens und 8 Uhr abends - im Haushalt beschäftigt werden. Daß diese unverbindlichen Richtlinien aber häufig

nicht beachtet wurden, konnte Fini Pfannes aus den Briefen herauslesen, die ihr in großer Zahl ins Haus kamen, seit sie auf Lily Brauns Spuren weiterschritt.

Da schrieb ihr erst kürzlich eine ältere Hausgehilfin: »Auf meiner letzten Stelle war es wie in einem Gefängnis. Einen Hausschlüssel bekam ich überhaupt nicht, mein Zimmer war im Keller und naß... Alle Böden sollte ich auf den Knien säubern, das Verbindungsrohr des Staubsaugers versteckte man, damit ich den Teppich auf den Knien sauge. Obwohl es zwei Badezimmer gab, wurde mir das Baden in der herrschaftlichen Badewanne verboten. Als ich mich beklagte, schikanierte man mich und bot mir sogar Schläge an, weil dem Terrier Schnucki das Futter angeblich zu heiß serviert worden war. Nach vier Wochen habe ich gekündigt.«

Aber mindestens ebensoviel Klagen bekam Fini Pfannes von besorgten Hausfrauen zu hören, die ihren Dienstmädchen vorwerfen, anmaßend, putzsüchtig, diebisch, zänkisch oder unmoralisch - bis zur Gelegenheitsprostitution - zu sein. Die ideale Hausgehilfin vom Lande gebe es überhaupt nicht mehr, da auch die Landmädchen zu große Ansprüche in puncto Freizeit stellten, sobald sie einige Monate in der Stadt seien und sich einen Freund leisteten.

Die meisten Hausfrauen aber klagen darüber, daß sie überhaupt keine Stütze mehr bekommen können. 1933 gab es noch 169 064 erwerbslose Dienstmädchen in Deutschland, heute stehen 30 900 Hausgehilfinnen-Stellen offen.

Seit die jungen Mädchen die Möglichkeit haben, mit 16 Jahren schon selbständige Erwerbspersonen zu sein und über ihr Geld und ihre Freizeit nach Gutdünken

zu verfügen, wollen sie nicht mehr im fremden Haushalt arbeiten. Ab 1939 ging die Zahl der Hausangestellten um 200 000 zurück, dagegen werden in Industrie und Handwerk seit 1946 über 700 000 Frauen und Mädchen mehr als früher beschäftigt.

»Diese Tatsache ist das Problem Nr. 1 von Millionen Hausfrauen, Müttern und berufstätigen Frauen«, so kommentierte Fini Pfannes bereits vor Monaten diese Zahlen in ihrer privaten Monatszeitschrift »Das Frauen-Journal«. »Es ist ein internationales Problem, denn es füllt die Spalten der Frauenzeitungen in Schweden und Holland ebenso wie in den USA.«

In Amerika bieten sich als Hausangestellte allenfalls noch Negerinnen an. Die amerikanische Hausfrau begnügt sich mit Stundenfrauen und rationalisiert im übrigen ihre Hauswirtschaft mit technischen Mitteln so weitgehend, daß sie für ihre Hausarbeit möglichst wenig Zeit zu verwenden braucht.

»Es unterliegt keinem Zweifel«, so prophezeit Fini Pfannes, »daß der Sog der amerikanischen Vereinfachung der Haushalts- und Küchenführung auch auf unser häusliches Leben überzugreifen beginnt ... Es gilt, sich damit abzufinden, daß die alte Welt unserer Mütter und Großmütter mit ihren sattsam bekannten KKK (Kirche, Kinder, Küche), mit ihren empirisch aufgebauten, von der Mutter auf die Tochter vererbten hauswirtschaftlichen Kenntnissen der Vorratswirtschaft, des Familienfestes der großen Wäsche, des großen Hausputzes als Schreckperiode des Jahres und ihren vielen ach so lieben eingebürgerten Gewohnheiten sich in Agonie befindet

und das neue Leben aus den Ruinen blüht.«

In der Sowjetzone, wo von Staats wegen besonders großer Wert darauf gelegt wird, daß jede Frau einen Beruf und außerdem noch eine gesellschaftspolitische Funktion ausübt, ist man auf den Ausweg verfallen, einen »Volkseigenen Dienstleistungsbetrieb für Hausarbeiten« einzurichten, der Dienstmädchen und Kinderbewahrfrauen an die Haushalte der arrivierten Funktionäre und Intelligenzler vermitteln soll. Ein ähnliches Verfahren wird seit Jahren in England und Schweden praktiziert. Auch dort gibt es Institutionen, die Dienstmädchen auf Anforderung vermitteln, ohne daß die Mädchen im Haushalt des Arbeitgebers zu wohnen brauchen.

In Westdeutschland hat nun zum Verdruß anderer ambitiöser Frauenvereins-Damen die Präsidentin des Deutschen Hausfrauen-Bundes, Fini Pfannes, den Versuch unternommen, die Hausflucht auf andere Weise einzudämmen. Den Anstoß dazu erhielt sie von einer Seite, mit der sie sich bisher nie sonderlich verstanden hatte - von den Gewerkschaften.

Wegen der vielen Dienstmädchen-Jeremiaden hatte die Industriegewerkschaft »Nahrung, Genuß, Gaststätten« schon vor längerer Zeit im Bundesarbeitsministerium beantragt, als Ersatz für einen ordentlichen Tarifvertrag wenigstens sogenannte Mindestarbeitsbedingungen*) zu erlassen. Der Antrag landete bei dem zuständigen Fachausschuß des Bundesarbeitsministeriums, in dem sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer vertreten sind und in den der Deutsche Hausfrauen-Bund eine Vertreterin entsandt hatte - sein Vorstandsmitglied Diplom - Volkswirtin Charlotte Brauer.

Charlotte Brauer alarmierte eilends ihre Präsidentin, die unverzüglich in Bonn vermelden

*) »Mindestarbeitsbedingungen können« - nach einem Bundesgesetz vom 11. Januar 1952 - »zur Regelung von Entgelten und sonstigen Arbeitsbedingungen festgesetzt werden, wenn Gewerkschaften oder Vereinigungen von Arbeitgebern für den Wirtschaftszweig oder die Beschäftigungsart nicht bestehen oder nur eine Minderheit der Arbeitnehmer oder der Arbeitgeber umfassen... Der Bundesminister für Arbeit errichtet Fachausschüsse für die Wirtschaftszweige und Beschäftigungsarten, für die Mindestarbeitsbedingungen festgesetzt werden sollen.« ließ, »daß wir das mit unserem Sozialpartner regeln wollen«. Fini Pfannes setzte sich dabei so kühn in Szene, als repräsentiere sie einen großen Arbeitgeberverband, der sich mit seinem adäquaten »Sozialpartner« - also einer großen Industriegewerkschaft - an einen Tisch setzen wolle, um ein grundlegendes Tarifwerk abzuschließen. Nun hat es aber die Eigenart des Hausgehilfinnenberufes mit sich gebracht, daß die Dienstmädchen ebensowenig Neigung verspürten, sich gewerkschaftlich zu organisieren, wie es modernen Hausfrauen liegt, sich einem Hausfrauenverband anzuschließen.

Die Herren im Bundesarbeitsministerium nahmen den spontanen Eifer der Damen voller Skepsis zur Kenntnis. Da sie aber froh waren, das leidige Hausgehilfinnen-Problem nicht selbst entscheiden zu brauchen, überließen sie es den Vorstandsdamen des Deutschen Hausfrauen-Bundes, sich mit der Frauenreferentin des Hauptvorstandes der Industriegewerkschaft »Nahrung, Genuß, Gaststätten« in Hamburg, Elisabeth Ostermeier, auseinanderzusetzen.

Die Gewerkschaftsfunktionärin Ostermeier, die sich früher selbst als Hausgehilfin betätigt hatte, handelte dann den vollschlanken Vorstandsdamen des Deutschen Hausfrauen-Bundes Zugeständnisse ab, die bisher nicht einmal ein sozialdemokratischer Arbeitsminister vorzubringen gewagt hätte.

Die drei gravierendsten Punkte des von beiden »Sozialpartnern« unterzeichneten Manteltarifvertrages sind:

▷ Die tägliche Arbeitszeit der Hausgehilfinnen wird auf acht Stunden begrenzt,

▷ der Arbeitnehmer hat Anspruch auf Erholungsurlaub »unter Fortzahlung des vollen Arbeitsentgeltes« und auf

▷ einen ganzen freien Tag wöchentlich, »wovon jeder zweite freie Tag ein Sonntag sein soll«.

Allerdings muß die Hausgehilfin alle Arbeiten für ihre persönlichen Bedürfnisse außerhalb der tariflich festgelegten Arbeitszeit erledigen. Die Hausfrau kann also die Arbeitszeit um die Stunden verlängern, die jede Hausgehilfin braucht,

wenn sie ihr Zimmer mit reinigt, ihre Wäsche mit bügelt oder ihre Suppe mit kocht.

»Wir werden natürlich«, so sagt man im Hauptquartier der Gewerkschaft »Nahrung, Genuß, Gaststätten« an Hamburgs Besenbinderhof, »auch einen regelrechten Lohntarif*) aufstellen, wenn der Manteltarif für allgemeinverbindlich erklärt wird.«

Inzwischen geriet aber die Mißstimmung gegen Fini Pfannes wegen des Tarifvertrages auf den Siedepunkt. Am schärfsten opponierte Finis intimste Feindin, die 72jährige Vorsitzende des »Nürnberger Hausfrauen-Bundes«, Rosine Speicher, die auf Finis Betreiben aus dem Hauptvorstand des Deutschen Hausfrauen-Bundes entfernt wurde und heute nur ihre örtliche Frauengruppe leitet: »Es kann nur als Anmaßung bezeichnet werden, wenn ein Verein, dessen Mitglieder fast ausnahmslos keine Hausgehilfinnen haben, sich als Arbeitgeberverband aufspielt, dazu eine Mitgliederzahl vortäuscht (angeblich 150 000 Hausfrauen), von der höchstens 40 Prozent vorhanden sind.«

Nicht minder scharf reagierte der »Zentralverband der katholischen Frauen- und Müttergemeinschaften Deutschlands« (800 000 Mitglieder). Die katholischen Frauen bangten vor allem darum, daß die Familien mit mehreren Kindern »die Zeche zahlen müssen«.

Sagt Frau Dr. Elisabeth Lünenbürger von der Arbeitsgemeinschaft Hausfrauen des katholischen Zentralverbandes: »Es ist doch ausgeschlossen, daß die Arbeit in der Familie mit mehreren Kindern in genau acht Stunden zusammengedrängt werden kann, denn die Kinder verlangen auch nach diesen acht Stunden ihr Recht, und die Hausfrau kann nicht allein die liegengebliebenen Arbeiten erledigen. Es müßte sich mancher westdeutsche Haushalt, wenn die Hausgehilfin ihre acht Stunden beendet hat, nun noch eine zweite Hilfe nehmen. Wie sollen denn die Kosten dafür bestritten werden?«

Dem Zentralverband der katholischen Frauen- und Müttergemeinschaften war es ein leichtes, die kirchentreuen Dienstmädchen mit Unterstützung des »Berufsverbandes katholischer Hausgehilfinnen in Deutschland e. V.« zu bearbeiten. Die Funktionärinnen des Verbandes wurden unlängst nach Bonn zu einer Tagung einberufen, in der sie von Kardinal Frings vor dem Transparent »Gott segne den häuslichen Dienst« zur Treue gegenüber der Familie ermahnt wurden. Auch Bundesarbeitsminister Storch konnte sich auf dieser Tagung einige kritische Worte über das Reformwerk der Fini Pfannes nicht verkneifen.

Familienminister Wuermeling war über die Tat der Fini so entsetzt, daß er der resoluten Hausfrauen-Chefin die Frage stellte: »Sagen Sie nur, gnädige Frau, wer soll denn in Zukunft nach 7 Uhr abends die Kleinkinder trockenlegen?« Darauf die kinderlose Fini unbeirrt: »Notfalls Sie, Herr Minister.«

Gegen den Vorwurf, die Werte des Familienlebens mißachtet zu haben, verteidigt sich die streitbare Hausfrauenführerin mit beredter Leidenschaft: »Es geht um etwas viel Wichtigeres als die Bewahrung des Familienidylls von Anno dazumal. Die jungen Mädchen müssen wieder Spaß daran bekommen, in den Haushalt zu gehen, damit sie später in ihren eigenen vier Wänden richtig wirtschaften

*) Die Löhne für Hausangestellte liegen zur Zeit - bei freier Wohnung und Kost - zwischen 15 Mark (für Lehrlinge) und 120 Mark netto monatlich. können. Mit Gürtel und Schleier wird man noch lange keine Hausfrau.«

Die Abneigung gegen die Arbeit im Haushalt habe rein soziale Gründe. Es seien noch heute die gleichen wie um die Jahrhundertwende, als Lily Braun mit einer von ihr organisierten Dienstbotenbewegung die »Haussklavinnen« auf die Barrikaden treiben wollte:

▷ Die ungeregelte Arbeitszeit,

▷ die Abhängigkeit von der Lebensweise des Arbeitgebers,

▷ die Beeinträchtigung des Privatlebens durch die familiäre Hausordnung und

▷ die soziale Vereinzelung.

Die enge Einbeziehung der Hausgehilfin in das Familienleben ihres Arbeitgebers und die Herkunft dieses Berufes aus dem Gesindestand haben dazu geführt, daß die Durchschnittshausfrau auch heute noch von ihrer Hausgehilfin uneingestanden das gleiche Maß an Aufopferung für die Ihren erwartet wie in den Tagen, als noch patriarchalische Zucht und Ordnung herrschten. »Die Hausfrau« - so betont Fini Pfannes immer wieder - »muß endlich lernen, daß sie kein Mädchen für alles, sondern eine Angestellte hat, die sich durch Arbeit ihren Lebensunterhalt verdient.«

Mit diesen Argumenten verteidigte die streitbare Verbandspräsidentin ihren Tarifvertragsabschluß mit den Gewerkschaften kürzlich in einem improvisierten Rundgespräch auf dem Frankfurter Hauptbahnhof, und ihre Stabshelferinnen fügten hinzu: »Durch Rationalisierung, Arbeitsdisziplin und bessere Organisation läßt sich die lange Arbeitszeit durchaus verkürzen.« Der westdeutsche Haushalt sei recht reformbedürftig (siehe Graphik Seite 30). Durch planmäßige Überlegung der Hausarbeit und stärkere Anwendung technischer Hilfsmittel könne die Hausfrau sich selbst stark entlasten.

Allerdings, ihre Kinder wird sie abends - wenn die Gehilfin stets Ausgang haben soll - selbst trockenlegen müssen. Es sei denn, die geplagte Mutter und Hausfrau kann sich mit ihrer Hausgehilfin so verstehen, wie Fini mit ihrer Stütze Lisbeth

Sadowski, 55, die angeblich aus eigenem Antrieb mitunter auch mehr als acht Stunden täglich arbeitet. Sagt Fini: »Wir achten gegenseitig unsere Leistungen. Lisbeth sieht, daß ich unermüdlich arbeite und tut es mir nach.«

Außer der Lisbeth und 13 Büro-, Küchen- und Werbeangestellten beschäftigt Fini Pfannes in ihrer Unermüdlichkeit noch den

Leibchauffeur Rudolf Lang, der ihren Opel Kapitän steuert.

In der Tat herrscht bei Fini Pfannes in Frankfurt, Klaus-Groth-Straße 31, reges Leben. Der langgestreckte, knallgelbe Bau - nach Finis eigenen Worten »außen Hütte, innen Palast« - ist ein doppeltes Hauptquartier. Hier laufen alle Fäden des von Fini Pfannes dirigierten Deutschen Hausfrauen-Bundes und des »Werbedienstes Pfannes« zusammen, die mitunter so eng miteinander verstrickt sind, daß man sie kaum auseinanderhalten kann.

Das Schmuckstück des Hauptquartiers ist Finis Salon, in dem sie die prominenten Gäste empfängt. Wenn die Hausfrauenpräsidentin aber mit sich allein sein will, wenn sie unter Migräne leidet oder sich über ihre Hausgehilfin Lisbeth geärgert hat, zieht sie sich in ihre sogenannte Muschel zurück, in das stilvolle Bettgehäuse ihres Schlafzimmers. Dann liegt sie - »die Perle in der Muschel«, so haben klatschsüchtige Verbandstanten sie darob getauft - zwischen rosafarbenen Seidenbezügen. Rosa ist ihre Lieblingsfarbe; selbst bei ihren vier »Kindern«, den Zwergschnauzern, bedauert sie, daß ihr Fell schwarz und nicht rosa ist.

Über zeitweilige Melancholie und Weltschmerz-Anwandlungen siegten bisher stets Finis aktiver Lebenswille und der unbändige Drang, es den Männern der Politik gleichzutun. Dann greift die Hausfrauenpräsidentin nach dem Telephon oder dem Klingelknopf an ihrem Nachttisch. Mit Hilfe dieser »Kommando-Geräte« kann Fini ihren Werbe- und Frauenverbandsbetrieb auch von der »Muschel« aus dirigieren und über eine Abhöranlage sogar die Telephongespräche ihrer Angestellten kontrollieren.

Dieser ehrgeizigen Frau, der Kindersegen versagt blieb, hat es schon immer Freude bereitet, eine Starrolle im öffentlichen Leben zu spielen. Die Rolle des »Heimchens am Herd« behagte ihr schon nicht, als sie noch wohlbehütet den Salon ihres reichen Vaters, des Kaufmanns Nathan Proper, in der rumänischen Hafenstadt Braila zierte. Während sich andere höhere Töchter die Stunden mit Klavierspielen und Häkelarbeiten vertrieben, absolvierte sie eine kaufmännische Lehre und setzte bei Vater Nathan durch, daß sie sich als Sekretärin in einem Exportgeschäft ihr eigenes Geld verdienen durfte. Sagt Fini stolz: »Ich hatte schon immer einen besonderen Lebensstil.«

Diese Besonderheit bewies sie auch, als der Reserveleutnant Carl Pfannes, der sich während des ersten Weltkrieges in Braila dienstlich um den Nachschub der Armee und privat um die Gunst der schmucken Josefine Proper bemüht hatte, 1918 nach Deutschland zurückkehren mußte. Finis Temperament lag es nicht, die Zeit mit unnützem Warten zu vergeuden. Sie verließ im Alter von 25 Jahren - wie die alttestamentarische Ruth - Heimat und Elternhaus und folgte dem ehemaligen Reserveleutnant Pfannes. Er trennte sich von seiner ersten Frau, heiratete Fini und ließ sich dann in Frankfurt am Main als Generalvertreter der Verlage Vobach und Knorr & Hirth nieder.

In Frankfurt am Main entfaltete die »zur Selbständigkeit, nicht zum Hausmütterchen« erzogene Rumänin ungeahnte hausfrauliche Fähigkeiten. Sie hatte schnell heraus, »wie man den Haushalt macht«. Wegen der Vorliebe ihres Mannes für delikate Menüs entwickelte sie sich zu einer

exquisiten Köchin, die bald imstande war, über den eigenen Herd hinaus zu wirken.

Während andere Hausfrauen ihre Küchengeheimnisse höchstens beim Kaffeekränzchen besprechen oder der Freundin ins Kochbuch kritzeln, ging Fini Pfannes systematisch und geschäftig vor. Sie wälzte ernährungswissenschaftliche Bücher, schnupperte auf ihren vielen Reisen in anderer Leute Küchen herum, legte sich eine Kartei erprobter Rezepte an und beschloß, ihre Kenntnisse nicht nur an den eigenen Mann zu bringen. Im Frauenteil der »Frankfurter Zeitung« plauderte sie regelmäßig aus der Pfannes-Küche, und wer eine bestimmte Telephonnummer wählte, konnte sich von der erfahrenen Köchin Fini kulinarische Ratschläge holen. »So wurde ich in Frankfurt-Westend ein Begriff.«

Fini Pfannes begriff sehr rasch, daß man sich mit Kochkenntnissen gut durchs Leben bringen kann, wenn Beredsamkeit und Werbetalent sie ins rechte Licht zu setzen wissen. Sie wurde Kochvorführdame der Frankfurter Main-Gaswerke, und ihre Kostproben waren so delikat, daß Frankfurts Hausfrauen zunehmend nach Gasherden verlangten. Sie selbst nennt das heute allerdings etwas anspruchsvoller: »Ich machte die Werbeberatung für die Energiewirtschaft.« Immerhin bewies sie bereits damals ihr vorzügliches Organisationstalent. Dreißig Mitarbeiterinnen hörten auf ihr Kommando.

Doch Finis Kochleidenschaft galt nicht nur gesunden, sondern auch kranken Magen. Sie half den »Bund für Volksernährung« mitgründen, warb für neuzeitliche Ernährung, drang in die Geheimnisse der Diätetik ein und wurde alsbald auch als Diätköchin so bekannt, daß die Nauheimer Ärztevereinigung sie eines Tages bat, im Kerckhoff-Institut vor einem ausgewählten Kreis von Ärzten und Küchenchefs ihre Künste zu zeigen.

Fini vergaß darüber ihren Grundsatz nicht, daß Bescheidenheit im Geschäftsleben vielleicht zu Ansehen, selten jedoch zu Wohlstand führt. Sie forderte für eine dreitägige Schauvorführung: »200 Mark für meine beiden Assistentinnen und 500 Mark für mich.« Die Ärztevereinigung war schokkiert: »Soviel verlangt noch nicht einmal (der Frankfurter Internist) Professor Volhard.« Darauf Fini: »Kann der kochen?« Der Professor konnte nicht, und Fini Pfannes hielt ihren Drei-Tage-Kurs.

Diesen gesunden Sinn für den Wert der eigenen Leistung bewies die geschäftige Hausfrau Pfannes auch, als sie auf die Idee verfiel, sogenannte Haushaltsbücher herauszugeben, in denen jede Hausfrau ihre monatlichen Ausgaben eintragen konnte. Fini spekulierte dabei auf die Bequemlichkeit der Ehefrauen, lieber ein vorgedrucktes Buch zu kaufen, als ein leeres Schulheft zum Ausgabenbuch umzuwandeln. »Die Idee war glänzend.«

Als sie niemanden fand, diese Pfannes-Idee auf Verdacht hin zu finanzieren, sammelte sie Ende der zwanziger Jahre bei den Herstellern von Küchenherden, -möbeln und -geräten Anzeigen, damit die Sache sich von selber trüge. Das »Wirtschaftsbuch

für die Hausfrau«, das die Franckh''sche Verlagshandlung dann herausbrachte, wurde für Fini ein klingender Erfolg. Sie ließ sich jedes Jahr von neuem die Lizenz abkaufen.

Doch auch mit diesem Wirken war Fini Pfannes noch nicht ausgelastet. Sie entfaltete gleichzeitig im damaligen Frankfurter Hausfrauenverein eine solch emsige Betriebsamkeit, daß ergraute Frankfurter Hausfrauen sich noch heute lebhaft entsinnen: »Die Pfannes war überall dabei.«

Dieser überraschende Aufstieg der ehemaligen Sekretärin aus Braila zu Frankfurts bekanntester Kochkünstlerin nahm jäh ein Ende, als das Tausendjährige Reich anbrach. Der damalige Gauleiter Sprenger fand, daß eine »nichtarische« Rumänin nicht würdig sei, deutschen Hausfrauen rationelle Haushaltsführung und nützliche Kochkünste beizubringen. Fini Pfannes mußte ihren Posten als Werbeberaterin der Main-Gaswerke aufgeben, obwohl sie bereits als junges Mädchen aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgeschieden und in den Schoß der katholischen Kirche aufgenommen worden war. Sogar ihre Kochbücher durften nicht erscheinen, die sie gerade aus ihrem Kartei-Kasten-Reservoir zusammengebastelt hatte.

Über die folgenden zwölf Jahre sagt Fini Pfannes heute nur: »Ich war klug genug, im Schatten zu bleiben.« Wo die eigene Klugheit nicht ausreichte, sprang ihr Schwager Ehrlich ein, der als höherer SS-Führer der Leibstandarte »Adolf Hitler« angehörte und sein goldenes Parteiabzeichen (er war Mitglied Nr. 13 der NSDAP) schützend über die Frankfurter Schwägerin hielt.

So überstand Fini Pfannes ("Die Leibstandarte stand hinter mir") auch die bitteren Jahre von 1940 bis 1945, in denen sie sich nach dem Tode ihres Mannes allein

durchschlagen mußte. Sie half sich, indem sie in ihrem großen Haus nahe dem Holzhausenpark Zimmer vermietete und hinter fest zugezogenen Gardinen auf das Ende der braunen Ära wartete.

Als es soweit war, setzte Fini Pfannes eilends all die Energie ein, die sie während des Dritten Reiches zwangsläufig hatte aufsparen müssen. Ihr wertvolles Kapital, ihre prall gefüllten Kartei-Kästen mit Rezepten, hatte sie bereits vor Kriegsende vorsichtshalber aufs Land verlagert. Indes, in den Tagen der Trockenkartoffel und des Maismehls war damit nichts Rechtes anzufangen.

Da kam der klugen Frankfurterin erneut ein glänzender Gedanke. Sie organisierte einen Inseraten-Dienst. Der Name Fini Pfannes wurde wieder ein Begriff. An dreißig Stellen Frankfurts ließ Fini blaurote Schaukästen montieren. Vier Ankleber waren ständig unterwegs, um die neuesten Inserate anzubringen. Der Pfannes-Dienst vermittelte Kanarienvögel, Heizöfen, Kinderwagen, Dachpappe, Ehemänner und Klubsessel, kurz alles, was rar war und nützlich schien. Dreißig Angestellte waren vollauf beschäftigt, die Aus- und Eingänge zu sortieren. Im Keller florierte die Pfannes-Tauschzentrale.

Just nachdem die Währungsreform diesen flotten Geschäftsgang abzuwürgen drohte, erschien in der Pfannes-Zentrale ein Abgesandter der Firma Waldhof aus Wiesbaden. Die Kunde von Finis rühriger Tätigkeit war bis zur Landeshauptstadt vorgedrungen. Die Hefefabrikanten boten Fini an, ihre Quellmittel populär zu machen. Der Inseraten-Dienst Pfannes schloß, und der Werbedienst Pfannes quoll dank der Nährhefe in die Höhe.

Heute hat Fini in ihrer 1953 für 126 000 Mark erbauten »Palasthütte« wieder 15 Angestellte an der Leine. Sie berät Lebensmittel-, Kühlschrank- und Verpakkungsfirmen darüber, wie sie mittels gefälliger Rezepte ihre Erzeugnisse an die Hausfrau bringen können. Zu Finis zahlungskräftigsten Kunden gehörten in letzter Zeit die Firmen Robert Bosch GmbH (Kühlschränke), Deutsche Nestle AG (Kindernahrung), Brown, Boveri & Cie. (Multimix-Geräte) und die Kraft-Käsewerke (Velveta-Käse). Außer ihrem Werbegeschäft betreibt sie in Würzburg eine Großtankstelle, die Schwiegervater Pfannes als kümmerliche Zapfstelle hinterlassen hatte und die sich unter Finis Oberleitung prompt zur Goldquelle entwickelt hat.

Das Geheimnis ihrer Geschäftserfolge faßte eine ihrer Vorstandsdamen einmal in der harten Kritik zusammen: »Die Pfannes hat einen Schwarm von Frauen hinter sich, so die Witwen von Mittelschullehrern, deren gesellschaftliches Wirken jäh zu Ende ging und die nun im Hausfrauen-Bund die Illusion neuen Glanzes erleben. Diese Illusion läßt ihnen Frau Pfannes ohne weiteres, obwohl das alles - den

Vorstand eingeschlossen - nur Dekoration für Fini ist, die den Vorstand einmal im Jahr einberufen läßt, ihren Kunden gegenüber aber die Vorsitzende einer der wichtigsten und sachverständigsten Verbraucherorganisationen darstellt - des Deutschen Hausfrauen-Bundes.«

Mit kräftigen Ellenbogen hat Fini ihren Hausfrauen-Bund in alle erdenklichen Gremien hineingeschubst, die sich mit Verbraucherfragen zu befassen haben, angefangen vom Verbraucherausschuß beim Bundesernährungsministerium bis hin zum Ausschuß zur Normung der Badewannen. Wer Fini Pfannes kennt, den überrascht es dabei nicht, daß sie von den insgesamt 32 Ausschußsitzen selber 16 innehat. Für diese unwahrscheinliche Betriebsamkeit wurde sie vor zwei Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz dekoriert.

Fini Pfannes ist außerdem noch als Vizepräsidentin der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände tätig, die zur Zeit viel durch ihre Aktion »Wieder mit dem Pfennig rechnen« von sich reden macht. Die Hausfrauen werden aufgefordert, nicht mehr grundsätzlich bei dem nächsten besten Einzelhändler einzukaufen, sondern sich sehr genau vorher die Preiskalkulationen anzusehen und darauf zu dringen, daß alle Waren mit eindeutigen Preisschildern versehen werden.

Im übrigen empfiehlt der geschäftsführende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, Dr. Josef Bock: »Ausweichen auf preiswertere Waren, Kaufzurückhaltung, Kaufverzicht und härtere Protestformen des

gruppenmäßigen Verhaltens der Verbraucher wirken, wie die Erfahrung lehrt, oft Wunder.«

Dr. Bock weist dabei auf den gelungenen Käuferstreik der Berliner Hausfrauen gegen die »mit Recht so unbeliebten Fleischpreise« und auf den Milchstreik der Gewerkschaften hin, den Fini Pfannes allerdings nicht mitmachte: »Streik ist keine Frauensache. Wir halten es für ein Verbrechen, was die Gewerkschaft macht. Man kann doch den arbeitenden Menschen nicht wochenlang die Milch vorenthalten.« Frau Pfannes ist nämlich Vorstandsmitglied des »Vereins zur Förderung des Milchverbrauchs e. V.«, der bei ihr hohe Werbebeträge umsetzt.

Fini möchte die »Verbraucherpolitik und Verbraucheraufklärung« lieber großzügig »von oben« anheizen. Sie liegt Erhard seit Monaten in den Ohren, sich mit ihr zu verbünden und dem Kanzler die Bildung eines »Verbraucherministeriums« vorzuschlagen.

Zwei Drittel des durchschnittlichen Familieneinkommens - so wirbt Fini Pfannes für ihre Idee - werden von der Hausfrau wieder auf den Markt getragen. Durch ihre Hände gehen jährlich etwa 70 Milliarden Mark, das sind mehr als 60 Prozent des gesamten Volkseinkommens. Von ihrer Markt- und Warenkenntnis, von ihrer Geschicklichkeit hängt es weitgehend ab, welchen Lebensstandard sie für ihre Familie erhandeln kann. Woher sie aber diese Kenntnisse beziehen soll, das hat bisher noch niemanden sonderlich bekümmert.

Der Fini Pfannes ist es daher schon lange ein Ärgernis, daß stets von der »Macht der Hausfrau« als dem wichtigsten Konsumenten geredet, aber nichts Rechtes getan wird, um ihr den Weg durch die verwirrende Fülle der Angebote und Preisdifferenzen zu erleichtern.

In der Tat gibt es auf diesem Gebiet in Deutschland noch viel nachzuholen. Ehe sich zum Beispiel die New-Yorker Hausfrau die Einkaufstasche unter den Arm klemmt, stellt sie das Radio an. In einer Fünf-Minuten-Sendung klärt sie der wohlinformierte städtische Konsumentendienst sehr präzise darüber auf, welche Lebensmittel sie jeweils am besten und am billigsten kaufen kann. Er nennt ihr die Preise, Mengen und Güteklassen, so daß sie genau Bescheid weiß, wenn ein Händler sie übervorteilen will. Kommt im Laufe des Tages ein neuer, besonders günstiger Artikel auf den Markt oder rutschen die Preise ab, wird die Hausfrau sofort per Radio alarmiert. Dieser menschenfreundliche Dienst wurde bereits Anfang der dreißiger Jahre eingerichtet. Sein einziger Zweck ist, der Hausfrau zu helfen, mit ihrem Geld gut über die Wochen zu kommen.

Während der amerikanischen Hausfrau bereits als Schulmädchen eingetrichtert wird, wie sie sich als kritischer Konsument gegenüber den Reklame-Sirenen verhalten soll, was es mit der Preisbildung auf sich hat und welche Eigenschaften einzelne Waren haben sollten, wird ihre bundesrepublikanische Schwester bar jeder Kenntnis auf den Markt geschickt. Sagt

daher Fini Pfannes: »Die Hausfrau braucht eine neutrale Beratungsstelle.«

Als der Bundeswirtschaftsminister vor den Bundestagswahlen sein Herz für die Hausfrauen entdeckte und ihnen die Segnungen der sozialen Marktwirtschaft pries, fuhr Fini nach Bonn und schlug Erhard vor, Beratungsstellen für die Hausfrauen einzurichten. Das Wirtschaftsministerium solle den finanziellen Start erleichtern und jährlich einen geringen Zuschuß zur Unterhaltung zahlen. Das übrige würden die Hausfrauen selber übernehmen.

Erhard fand den Plan gut, nicht aber, daß er viel bezahlen sollte. Darauf ging Fini später zum Ernährungsminister Lübke und machte mit seiner Hilfe bei dem »Verein zur Förderung des Milchverbrauchs« 20 000 Mark locker. Mit Hilfe dieses Zuschusses und der bescheidenen Erstausstattung, die Erhard doch noch bewilligte, eröffnete Fini Pfannes ihre Frankfurter Beratungsstelle, in der sie seitdem den mühseligen Versuch unternimmt, die Hausfrau zum marktgerechten Konsumenten zu erziehen und ihr Warenkunde beizubringen. »Allerdings« - räumt Fini Pfannes selbstkritisch ein - »weit haben wir es noch nicht gebracht.«

Demnächst wird sie Erhard nun mit einem weiteren Plan traktieren: »Wir brauchen ein chemisches Institut, ein Nahrungsmittel-Institut und ein technisches Institut, in denen neue Geräte und Nahrungsmittel wissenschaftlich exakt durchleuchtet werden. Was die Versuchsreihen bestanden hat, muß dann noch einmal in verschiedenen Haushalten ausprobiert werden,

damit die Hausfrau auch wirklich weiß, welchem Artikel sie vertrauen kann.«

Fini Pfannes möchte eine Neuauflage des Gütezeichens erreichen, das Mitte der zwanziger Jahre bereits einmal der Hausfrau angeblich gute Dienste tat. Allerdings, sie ist sich darüber klar: »Es bedarf einer sehr jungfräulichen Kraft, um die Widerstände der Industrie gegen diese Pläne zu überwinden.«

Die Hauptwiderstände kommen jedoch aus den Reihen des Deutschen Hausfrauen-Bundes selbst, und zwar von führenden Mitgliedern, die nach den bisherigen Erfahrungen mit Fini Pfannes nicht mehr daran glauben, daß sie eine unabhängige Konsumentenpolitik - im Sinne des Verbrauchers - betreibt, sondern ihre

Empfehlungen für die Verbrauchswahl im Haushalt oft mit ihren persönlichen Geschäften vermengt.

In ihrem eigenen »Hausfrauen-Verlag«, der zum Werbedienst Pfannes gehört, bringt Fini die Monatszeitschrift »Das Frauen-Journal« heraus (Preis 30 Pfennig). Bisher hat sie es wegen des Protestes der Landesvorsitzenden ihrer Organisation noch nicht geschafft, ihre Zeitschrift, die zum großen Teil mit Anzeigen und geschickt aufgemachten werbenden Artikeln vollgestopft ist, zum Zentralorgan des Deutschen Hausfrauen-Bundes zu machen.

Damit sie trotz der relativ niedrigen Auflage (7000 Exemplare) gut auf ihre Kosten kommt, akquiriert sie Anzeigen von Großfirmen, indem sie darauf hinweist,

daß ihr Journal ein wichtiges Organ des Hausfrauen-Bundes sei.

Als besten Kunden ihres Werbegeschäfts angelte sie sich den »Verein zur Förderung des Milchverbrauchs e. V.«, der jährlich über einen Werbeetat von 1,2 Millionen Mark verfügt. Bei der Gründung dieses Vereins erlangte Fini sofort im Namen ihres Hausfrauen-Bundes einen Sitz im Vorstand. Seitdem kann sie maßgeblich über die Verwendung des Werbeetats mitbestimmen und dafür sorgen, daß ihr Werbedienst nicht zu kurz kommt.

Vergeblich protestierte die »Deutsche Landwirtschaftliche Presse« im Juli dieses Jahres gegen Finis starke Position im Milch-Werbeverein: »Offenheit ist das erste Gebot der Werbung. Nur Offenheit verhindert alle jene Gerüchte, die hartnäckig und wie Altweibersommer durch das Land fliegen. Die Querverbindungen, die zwischen Milchwerbung und dem Deutschen Hausfrauenverband existieren sollen, bedürfen ... der öffentlichen Klarlegung.«

Der Vertreter des Bundesernährungsministeriums im Vorstand des Milchwerbungs-Vereins, Ministerialrat Schwerdtfeger, wagte es nicht, Fini zu nahe zu treten,

weil auch er glaubt: »Ich muß mich an diese Frau Pfannes halten, denn die hat die Hausfrauen hinter sich ...«

Allerdings rührt Fini Pfannes denn auch sehr eifrig die Werbetrommel. Es erscheint kaum eine Nummer ihres Frauen-Journals ohne Lobeshymnen über den Segen der Milch ("Milch, das ist ein Zaubertrank, wer sie trinkt, wird jung und schlank").

Mitunter kombiniert die Propagandistin ihre Milchreklame gleich mit der Hefewerbung, zum Beispiel in der Empfehlung an alle Damen, die sich ihren zarten Teint erhalten wollen, täglich eine Mixtur aus Hefe, Milch und Joghurt ins Gesicht zu streichen und 20 Minuten lang auf die entspannte Haut einwirken lassen. Auch den Brauch der schönen Kleopatra, der griechischen Hetären und der galanten Damen Frankreichs, sich in Milch zu baden, ruft Fini Pfannes in einer anderen Milch-Kosmetik-Broschüre ("Jede Frau kann schön sein") den bundesdeutschen Damen ins Gedächtnis zurück.

Wie ein im Intrigenspiel erfahrener Politiker weiß Fini sich zu wehren, wenn jemand sich erdreistet, in ihre Werbe- und Verbandsgeschäfte hineinzureden, die ihr

- nach den Schätzungen Eingeweihter - monatlich mindestens einen Umsatz von 80 000 Mark verschaffen. Ernsthaft hat das bisher nur die 72jährige Vorsitzende des Nürnberger Hausfrauen-Bundes, Rosine Speicher, versucht. Sie sandte allen führenden Damen des Deutschen Hausfrauen-Bundes die Kopie eines Briefes, den Fini Pfannes an die Wiesbadener Cellophan-Fabrik Kalle & Co. AG geschrieben hatte.

Darin bestätigte die geschäftstüchtige Präsidentin - in ihrer Eigenschaft als Hausfrauenvorsitzende - wunschgemäß, daß Deutschlands Hausfrauen »schon beinahe seit Jahrzehnten Wurst in Cellophandarm eigentlich niemals als Ausweichmittel und Ersatz betrachtet, sondern im Sinne des Fortschritts und der Weiterentwicklung unserer technischen Errungenschaften die Verwendung des Cellophandarms in jeder Beziehung für nicht nur vollwertig, sondern dem Naturdarm überlegen empfunden haben«.

Die Begründung für diese überraschende Begeisterung fügte die eifernde Rosine gleichfalls bei: Auch die Cellophandarm-Firma Kalle & Co. gehört zu Finis gut zahlenden Werbekunden. Der Firma Kalle & Co. kam diese Bestätigung aus berufenem Hausfrauenmund sehr gelegen. In der Zeitschrift »Fleischereibedarf« hatte sich nämlich der Hamburger Darmimporteur Gerd Hohmann gerade für den Naturdarm stark gemacht.

Rosine Speicher kam ihrer Rivalin auch noch auf andere Geschäftsschliche: Eine gute Einnahmequelle für Fini ist die Kundenzeitschrift »Prima«, als deren Herausgeber sowohl die »Arbeitsgemeinschaft ernährungswirtschaftlicher Werbestellen*)« als auch der Deutsche Hausfrauen-Bund firmieren. Die Zeitschrift - ein reines Reklameorgan der einschlägigen Lebensmittelbranchen (Fisch, Fleisch, Obst, Gemüse, Fruchtsäfte) - erscheint monatlich in einer Auflage von etwa 185 000 Exemplaren und wird zu sieben Pfennig das Stück an Einzelhändler vertrieben, die »Prima« an ihre Kunden verschenken.

Die redaktionelle Betreuung dieses Blattes, für das Fini den Namen des Hausfrauen-Bundes strapaziert, wird ihr monatlich mit 3000 Mark honoriert. Dabei bringt sie in der Kundenzeitschrift hauptsächlich ihre einschlägigen Rezepte unter, die aus ihrem reichhaltigen Standardwerk »Die

*) Diese Arbeitsgemeinschaft wird von den einzelnen Fachgruppen der Ernährungswirtschaft durch Umlagen finanziert. Angeblich trägt sich die Kundenzeitschrift durch die Verkaufseinnahmen. Küche - Handbuch der Hausfrau« stammen, das in einer Auflage von 100 000 Exemplaren erschienen ist und 27 Mark kostet. Diese Rezepte verkauft die Verbandspräsidentin auch an andere Firmen, deren Werbung sie kreiert.

Als Rosine Speicher schließlich in dutzendfacher Ausfertigung ein Elf-Punkte-Memorandum »Ordnung in der Geschäftsführung des Deutschen Hausfrauen-Bundes« versandte, berief die Präsidentin eilends eine Vorstandssitzung ein, auf der die opponierende Nürnbergerin als Vorstandsmitglied abgesetzt wurde. Im Protokoll dieser Sitzung ist heute allerdings nichts darüber zu lesen, wie ernst die Damen um eine Klärung rangen. Fini hat es später - zu ihren Gunsten - von einer Sekretärin ihres Werbedienstes leicht überarbeiten lassen.

Die Präsidentin hat es auch vorgezogen, es nicht auf eine Beleidigungsklage gegen die rebellierende Rosine ankommen zu lassen, obwohl die Delegiertenversammlung ihres Hausfrauen-Bundes sie bereits im vergangenen Jahr unmißverständlich dazu aufgefordert hatte. Sagt Fini mit Würde: »In Anbetracht der Verfassung von Frau Speicher mußte ich mir die gerichtliche Ahndung bisher versagen.«

Vor vierzehn Tagen versuchte nun die Präsidentin, ihre bayerische Landesfrauenführerin Erika Merten zu bestimmen, die alte Rosine - die immer noch ihre Nürnberger Ortsgruppe führt - endlich auszustoßen. Aber Erika Merten blieb standhaft: »Ich finde es unerhört bitter, daß durch diesen Kampf der Königinnen an der Spitze unsere Arbeit immer mehr gefährdet wird und in ein schiefes Licht gerät.«

Aber Fini liebt solchen Kampf der Königinnen. Sie hat auf diese Weise schon vor Jahren die eigentliche Gründerin des Deutschen Hausfrauen-Bundes, die voluminöse Kieler CDU-Landtagsabgeordnete Emmy Lüthje, 60, mit Hilfe weiblicher Rankünen - auch Männergeschichten wurden vorgeschoben - ausgebootet. Seitdem ist Fini überhaupt erst Präsidentin. (Sie war bis 1952 geschäftsführende Vorsitzende.)

Emmy Lüthje hat sich inzwischen ein anderes Betätigungsfeld erkoren: »Ich habe mich jetzt viel mehr auf die Politik geworfen.« Daneben hat sie sich an Fini auf ihre Art gerächt: Sie hat ihren eigenen Verein - »Hausfrauen-Union« - aufgemacht und verzeichnet den Zuwachs jeder Überläuferin aus dem Pfannes-Lager als persönlichen Triumph.

[Grafiktext]

Von je 100 Küchen
in Westdeutschland sind:

19 modern
52 einfach, aber komplett
22 unvollständig
u. primitiv
7 altmodisch
Nach einem Repräsentativ-Test
in 3000 Haushaltungen
5%
Nähmaschine
8%
Küchenmaschine
9%
Hilfe einer
Putzfrau
12%
Kühlschrank
18%
Staubsauger
20%
moderner Herd
28%
Waschmaschine
Dringendste Wünsche
der Hausfrauen

[GrafiktextEnde]

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Von je 100 Küchen
in Westdeutschland sind:

19 modern
52 einfach, aber komplett
22 unvollständig
u. primitiv
7 altmodisch
Nach einem Repräsentativ-Test
in 3000 Haushaltungen
5%
Nähmaschine
8%
Küchenmaschine
9%
Hilfe einer
Putzfrau
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Staubsauger
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»Wer soll die Kinder trockenlegen?« »Die Leibstandarte stand hinter mir«

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