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CHINA Die Pest

aus DER SPIEGEL 16/1952

Ein Beamter des britischen Foreign Office erklärte letzte Woche: »Die Typhus- und Beulen-Pest-Epidemie im Hinterland der Kommunisten in Nordkorea könnte die Kampfkraft der chinesischen Truppen deutlich herabmindern. Die Seuche breitet sich entlang der Eisenbahnlinien nach Nordchina hinein aus. Der Truppengesundheitsdienst ist anscheinend machtlos.«

Die roten Unterhändler in Panmunjon, Chinas Außenminister Tschu En-lai und Rußlands Jakob Malik heulten in die Welt, daß die UN-Streitkräfte einen »Bazillenkrieg« eröffnet und Tonnen infizierter Flöhe, Wanzen und Läuse über Nordkorea und der Mandschurei abgeworfen hätten und weiter abwürfen. Mit immer wüsteren Steigerungen dröhnt diese neue Propaganda-Kampagne der Roten seit fünf Wochen durch die Welt. In den westlichen Ministerien ist ein großes Rätselraten um die Motive dieser Aktion im Gange.

»Unsinn«, schimpfte Acheson; »schandbare Lügen«, erklärte London. Doch für Millionen auch im nichtkommunistischen Asien war die Lüge gerade groß genug, um glaubhaft zu erscheinen.

Tatsächlich sind Kapitalisten an der Seuche schuld, doch nicht die vor, sondern die hinter der roten Front: chinesische Lebensmittellieferanten haben verdorbene Rationen an die Front geschickt. Während Radio Peking letzte Woche weiter gegen die Bazillen-Bomber hetzte, schrieb die kommunistische Zeitung »Liberation Daily« impulsiv, daß »skrupellose Geschäftemacher« frisches Rindfleisch mit faulem Pferdefleisch vermischt und 120 000 Pfund davon an die Front geschickt hätten.

52 Bäckereien in Hankau, berichtete »Liberation Daily«, hätten sich gegen die chinesischen Truppen verschworen und »vergiftete« Zwiebacks an die Front geschickt, nach deren Genuß die Soldaten erkrankt seien.

Eine Eipulverfabrik in Tsisinan mischte 8000 Eier, die selbst für chinesische Mägen zu verdorben waren, in die Truppenrationen. Und ein Reishändler in Hankau schüttete mehrere tausend Tonnen verschimmelten Reis in Reissendungen für die Armee in Korea. Die Ausgabe des »Liberation Daily« wurde sofort auf Geheiß der Zentralregierung Peking beschlagnahmt, weil sie der Bazillen-Kriegsschuldlüge die kurzen Beine abschlug.

Die Pekinger Regierung gab eine geheime Direktive heraus, wonach alle Truppenrationen sorgfältig untersucht werden müssen und die Händler, deren verdorbene Waren »unnötige Opfer unter den Freiwilligen in Korea verursachen«, streng bestraft werden sollen.

Daraufhin begann letzte Woche das große Treiben gegen die bisher noch selbständigen Geschäftsleute in den Großstädten, doch unter allgemeinen Vorwürfen der Korruption und Blutsaugerei am Volkskörper. Lautsprecherwagen rollten durch die Straßen, hielten vor den Läden und bellten: »He, Besitzer! Wir haben Beweise für deine Verbrechen! Komm raus und gesteh'!« Wenn er nicht kam, wurde er geholt. In Peking wurden fünf Pestilenz-Stifter öffentlich hingerichtet. Andere bekamen Geldstrafen aufgebrannt, die sie ruinieren, oder wurden zur Zwangsarbeit verbannt. Viele Händler begingen Selbstmord.

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